Mittwoch, 15. Juni 2016

70 Jahre Mülheimer FDP: Eine Partei ist so frei

Dieses Foto wurde mir von Ulrike Flach
freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Es zeigt sie 2012
beim letzten Fraktionsbesuch von
Hans-Dietrich-Genscher im Deutschen
Bundestag.
Die FDP wird 70. Am 14. Juni feierte sie diesen Geburtstag im Ruhrkristall. Auch der Bundesparteivorsitzende Christian Lindner gratulierte. Doch was gibt es zu feiern? Die Partei hat derzeit in Mülheim 127 Mitglieder und ist nicht mehr im Bundestag vertreten. Und bei der letzten Kommunalwahl schafften es nur drei Liberale in den Stadtrat.

Kaum zu glauben, dass die FDP in Mülheim 1947 über 400 Mitglieder hatte und 1952 mit 20 Prozent acht Ratsmitglieder ins Stadtparlament entsenden konnte. Bürgermeister-Persönlichkeiten, wie Wilhelm Dörnhaus, Alfred Jutzi (in den späten 40er- und frühen 50er-Jahren) oder Paul Gerhard  Bethge (in den frühen 80er-Jahren) standen beispielhaft dafür, dass Mülheim eine liberale Hochburg im Ruhrgebiet war.

„Das sind wir auch heute noch. Bei der Kommunalwahl 2014 konnten wir hier mit 5,3 Prozent das bester Ruhrgebiets-Ergebnis der FDP erzielen. Und inzwischen sehen uns die Demoskopen auch schon wieder bei 7 und 8 Prozent“, sagt FDP-Ratsherr und Parteichef Christian Mangen. Auch mit Blick in die Zukunft sieht er die Liberalen als die Partei der „Freiheit und der vernünftigen Haushaltspolitik, die den Bürgern Freiräume verschafft und für eine Politik steht, die den Menschen nicht unnötig in ihren Alltag hineinregiert.“ Für den FDP-Kreisvorsitzenden bleibt es dabei: „Jeder soll in unserer Gesellschaft nach seiner Fasson selig werden.“

Als sich die FDP unter der Führung von Wilhelm Dörnhaus vor 70 Jahren gründete, war sie die Partei, die sich, anders, als SPD, CDU und KPD ohne Wenn und Aber für eine freie Marktwirtschaft und gegen eine breit diskutierte Lenkung der Wirtschaft und die Sozialisierung der Industrie wehrte. „Damals trafen sich die Liberalen im Hotel Handelshof und im Kino Majestic an der Kaiserstraße, dort, wo heute die Turngemeinde 1856 zu Hause ist“, berichtet der 1936 geborene Mülheimer Walter Neuhoff. Sein Vater Wilhelm gehörte zu den Mülheimer Liberalen der ersten Stunde.
„Heraus aus der Not ist das Gebot der Stunde. Deshalb will die FDP alle Männer und Frauen sammeln, die den  tatsächlichen Verhältnissen Rechnung tragend, gewillt sind, am Wiederaufbau unserer Vaterstadt mitzuarbeiten“, hieß es in einem der ersten Aufrufe der neuen Partei.

Die FDP war 1946 eine Neugründung, weil sie, anders, als die linksliberale Deutsche Demokratische Partei und die rechtsliberale Deutsche Volkspartei der Weimarer Republik, Wirtschafts,- Sozial- und Nationalliberale unter einem Dach zusammenbrachte und darüber hinaus auch Bürger aller sozialen Schichten gewann, die vor 1933 politisch nicht aktiv gewesen waren. Mit jeweils 13 Prozent errangen die Liberalen bei der ersten Kommunalwahl 1946 und bei der ersten Bundestagswahl (1949) politische Achtungserfolge.

Zur bürgernahen und rhetorisch begabten Galionsfigur der frühen FDP, wurde ihr erster Partei- und Fraktionsvorsitzender Wilhelm Dörnhaus, der später auch zum Bürgermeister und Landtagsabgeordneten gewählt werden sollte. Auch jenseits der Kommunalpolitik erwarb sich der 1900 in Styrum geborene Betriebswirt Dörnhaus die Anerkennung seiner Mitbürger. Als Baas der Bürgergesellschaft Mausefalle und als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der heimatkundlichen Vereine gehörte er zu den Kräften, die in den 50er Jahren ein breites Bürgerbündnis für den Wiederaufbau der Petrikirche und der Stadthalle schmiedete.
Auch wenn die FDP ihr 20-Prozent-Ergebnis von 1952 nicht wiederholen konnte, blieben die Liberalen mit Ergebnissen um die 10 Prozent doch als dritte Kraft im Rat, ehe sie 1984 und 1994 zweimal aus dem Rat ausschied, weil sie die damalige 5-Prozent-Hürde nicht überspringen konnte.

Doch trotz herber Rückschläge schafften die Liberalen immer wieder ein Comeback. Nachdem sie mit Wilhelm Dörnhaus, Heinz Lange und Hans Robertz im Laufe der Nachkriegsjahrzehnte drei Landtagsabgeordnete gestellt hatten, zog mit der Kreisvorsitzenden Ulrike Flach 1998 auch erstmals eine Mülheimer Liberale in den Bundestag ein, dem sie unter anderem als parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium 15 Jahre lang angehören sollte.

Dieser Text erschien am 14. Juni 2016 in der NRZ und in der WAZ  

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