Samstag, 4. Juni 2016

Mitläufer oder weißer Rabe? Vor 80 Jahren trat Edwin Hasenjaeger sein Amt als Oberbürgermeister an: Sein Beispiel zeigt, wohin politischer Extremismus führen kann und wie er Menschen in ein moralisches Dilemma stürzen kann

Edwin Hasenjaeger
Foto: Stadtarchiv Mülheim
In welche Katastrophe politischer Extremismus führen kann, wie er Menschen in ein unauflösliches moralisches Dilemma stürzen kann, dafür ist Edwin Hasenjaeger ein Beispiel.

Der aus Pommern stammende Jurist trat vor 80 Jahren sein Amt als Oberbürgermeister an. Der damals 48-Jährige wurde am 2. Juni 1936 nicht in sein Amt gewählt, sondern mit Zustimmung des preußischen Innenministeriums und des Regierungspräsidenten ernannt. Als Hasenjaeger Oberbürgermeister wurde und seinen der NSDAP angehörenden Vorgänger Wilhelm Maerz ablöste, war Mülheim hoch verschuldet.
Deshalb hatten die Industriellen Fritz Thyssen und Emil Kirdorf, die zu Hitlers frühen Förderern gehörten, mit Zustimmung der NS-Gauleitung dafür gesorgt, dass Mülheim mit Hasenjaeger einen ausgewiesenen Verwaltungs- und Finanzfachmann als Verwaltungschef bekam, um im Rathaus aufzuräumen.


Konservativer Monarchist


Hasenjaeger, der bis 1933 der Deutschnationalen Volkspartei angehörte, verstand sich selbst als konservativen Monarchisten. Bevor er nach Mülheim kam, hatte er bereits als Oberbürgermeister in Stolp und Rheydt kommunalpolitische Erfahrung gesammelt. Seine Ernennung zum Mülheimer Oberbürgermeister kam einer politischen Rehabilitation gleich. Denn im April 1933 war er als Oberbürgermeister in Rheydt zwangspensioniert worden, nachdem er die SA daran gehindert hatte, jüdische Geschäfte zu besetzen und zu zerstören.

Doch Hasenjaeger, der die Kommunalfinanzen mit preußischer Sparsamkeit rasch in Ordnung brachte und während des Krieges, durch seine guten Verbindungen und sein Organisationstalent für eine vergleichsweise gute Versorgungslage in Mülheim sorgte, war kein Widerstandskämpfer.

Als er 1937 von der NSDAP zum Parteieintritt gedrängt wurde, gab er dem Drängen nach, um sein Amt behalten zu können. Er selbst rechtfertigte seinen Schritt später so: „Doch ließe sich sehr wohl fragen, ob nicht diejenigen die Märtyrer waren, die gezwungen waren, mit der NSDAP zusammenzuarbeiten, um von unserem Rechts- und Kulturstaat wenigstens einige Überreste zu retten.“

Die Tatsache, dass Hasenjaeger als Oberbürgermeister die auch in Mülheim begangenen Verbrechen der Nazis nicht verhindern konnte, entlarvt seine Selbstrechtfertigung als Selbstbetrug.
Doch es spricht auch für sich, dass Hasenjaeger Werke des von den Nazis mit Berufsverbot belegten Künstlers Otto Pankok für das städtische Kunstmuseum ankaufte, obwohl Pankok den Nazis als „entarteter“ Künstler  galt. Auch der vom Regime bedrängte Schriftsteller Herbert Burgmüller fand durch Hasenjaeger eine Anstellung in der Stadtbücherei, die ihm das Überleben sicherte.
Otto Pankok war es, der sich zusammen mit dem sozialdemokratischen Beigeordneten Ernst Tommes und dem katholischen Pfarrer Johannes Heinrichsbauer bei der britischen Militärregierung für Hasenjaegers Rehabilitierung einsetzte. Während des Entnazifizierungsverfahrens bezeichnete Pankok Hasenjaeger „als einen weißen Raben im braunen Beamtenapparat“, der auf keinen Fall „mit dem Gros der Halunken in einen Topf geworfen“ werden dürfe.

Obwohl Hasenjaeger nach Kriegsende zwischenzeitlich verhaftet und interniert wurde, hatten seine Fürsprecher Erfolg. Die für Mülheim zuständige britische Militärregierung stufte Hasenjaeger als „unbelastet“ ein und ernannte ihn im Oktober 1945 zum Oberbürgermeister. Als die Briten eine neue Kommunalverfassung mit einer Arbeitsteilung zwischen dem ehrenamtlichen Oberbürgermeister und dem hauptamtlichen Verwaltungschef einführte, war der OB Hasenjaeger auch als Oberstadtdirektor im Gespräch.

Seine Zeit war abgelaufen

Doch seine Ernennung stieß bei SPD und KPD auf massiven Widerstand. Sie sahen in Hasenjaeger nicht nur den Mann, der unter den Nazis Oberbürgermeister gewesen war. Sie lehnten auch seine konservative Grundhaltung und sein Eintreten für die Wiedereinführung von Konfessionsschulen als für nicht mehr zeitgemäß ab.
Hasenjaeger selbst erkannte, dass seine Zeit abgelaufen war und zog sich Ende April 1946 in den Ruhestand zurück. Der Pensionär arbeitete zwischenzeitlich noch als Wirtschaftsberater und starb am 5. Juni 1972 in seiner Wahlheimat Mülheim.


Mülheim unter dem Hakenkreuz


1933: Die NSDAP wird bei den Kommunalwahlen stärkste Kraft im Rat und stellt mit dem Eisenbahninspektor Wilhelm Maerz den Oberbürgermeister. Reichskanzler Adolf Hitler und Reichspräsident Paul von Hindenburg werden Ehrenbürger. Die NSDAP organisiert einen Boykott gegen jüdische Geschäfte und sorgt dafür, dass jüdische Unternehmen keine städtischen Aufträge mehr bekommen.

1938: In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November wird auch die Synagoge am Viktoriaplatz, dem heutigen Synagogenplatz, niedergebrannt. Jüdische Geschäfte und Wohnungen werden demoliert und jüdische Mitbürger misshandelt.

1941: Auch in Mülheim werden jüdische Mitbürger in Judenhäusern interniert und später mit Zügen in die Vernichtungslager gebracht, wo rund 270 jüdische Mülheimer ermordet wurde. 1933 hatte die Jüdische Gemeinde rund 600 Mitglieder.

1943: Allein beim größten von insgesamt 160 Luftangriffen auf Mülheim kommen am 23. Juni 500 Menschen ums Leben. Bis 1945 verlieren 1100 Mülheimer durch den Luftkrieg ihr Leben. 3500 Mülheimer kommen als Soldaten ums Leben.

1944/45: Der Offizier Günther Smend und die ehemaligen Ratsherrn  Otto Gaudig, Fritz Terres und Wilhelm Müller werden als Widerstandskämpfer ermordet.

Dieser Text erschien am 2. Juni 2016 in NRZ und WAZ

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