Dienstag, 7. Juni 2016

Wenn aus dem Ihr ein Wir wird Die Ruhrorter vom Theater an der Ruhr bringen mit ihren Inszenierungen im leerstehenden Woolworth-Gebäude alte und neue Mülheimer zusammen

Szenenfoto Theater an der Ruhr
Man kann Leerstände in den Innenstadt auch mit Theater füllen. Das beim Theater an der Ruhr angesiedelte Ensemble Ruhrorter machte es am Wochenende im ehemaligen Woolworth-Gebäude vor.

Der Theaterenthusiast und ehrenamtliche Regisseur Adem Köstereli inszenierte mit seinem elfköpfigen Ensemble auf drei Kaufhausetagen eine starkes Stück über das Menschsein zwischen Leben, Liebe, Angst, Freiheit, Freude, Wünschen, Warten und Hoffen.

Zuschauer und Schauspieler bewegten sich buchstäblich immer auf gleicher Ebene und erlebten Theater auf Augenhöhe. Da die Schauspieler aus Indien, Iran, Syrien und Afghanistan in ihrer Muttersprache, aber auch von vollem Körpereinsatz spielten, trat die Sprache zusehens in den Hintergrund. Die deutschsprachigen Zuschauer verstanden nichts und doch alles, weil sie, wie in einem Ballett, durch ausdruckstarke und unwiderstehliche Bilder in die Handlung hineingezogen wurden.
Dazu passte auch, dass Zuschauer Eberhard Heinrich an einer Stelle aufgefordert wurde, einen deutschsprachigen Gedichttext vorzutragen, was ihm eindrucksvoll gelang, wodurch er zum Teil einer gelungenen Inszenierung wurde. O-Ton Autor Alexander Weinstock: „Es wird ganz still sein. Totenstill. Trocken wird es sein, sehr trocken.Es wird Sonnestrahlen geben bis ins Herz. Und Nebelfelder zum Ruhen. Und eine Feuchtigkeit bis unter die Haut. Es wird Regen geben.“

Besonders eindrucksvoll gelang das letzte Drittel der Inszenierung von „Als gestern noch jedes Heute  noch das Morgen war und jedes Heute morgen schon zum Gestern wird.“ Denn im dritten Obergeschoss des um 1930 errichteten Woolworth-Gebäudes hatten die Schauspieler 1500 Kilo Erdboden verteilt, in dem die erst schwarz und dann in engelsgleichem Weiß gekleideten Schauspieler versuchten, sich einzugraben und Wurzeln zu schlagen. Und am Ende wurden die Zuschauer von einer der engelsgleichen Schauspielerinnen auf um die Ecke auf eine angedeutete Waldlichtung gelockt.
Sie folgten nur zu gerne und gingen über den angenehmen Erdboden und schauten plötzlich auf eine in grünes Licht getauchte Wand mit der Aufschrift Wald.

„Der Wald steht für ein freies und selbstbestimmtes Leben im Einklang mit unserer Lebensgrundlage, der Natur“, erklärte später Regisseur Adem Köstereli. Außerdem machte der Theatermann, der seinen Lebensunterhalt als Einkaufsplaner in einem Industriekonzern verdient, mit Blick auf die von Dijana Brnic, Maximilian Brands, Julia Rautenhaus und Wanja van Suntum mitgestaltete Inszenierung deutlich: „Für uns stehen Kunst und Ästhetik im Mittelpunkt des Theaters. Wir wollen keine Asylmonologe, sondern eine Inszenierung, in deren Verlauf sich Schauspieler und Zuschauer als Teil eines Ganzen begreifen.“

Die Gespräche und Begegnungen am improvisierten Premieren-Buffet zeigten, dass diese Mission der Ruhrorter gelungen war. Für den Anthropologen und wissenschaftlichen Begleiter der Ruhrorter, Jonas Tinius, von der Berliner Himboldt-Hochschule, zeigt „nicht nur diese Inszenierung, wie nachhaltig internationale Theaterarbeit wirken kann.“

Dieser Text erschien am 6. Juni 2016 in NRZ und WAZ

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