Donnerstag, 13. Oktober 2016

Die Frau, die noch den Kaiser kannte: Ella Lydia Auguste Neumann ist mit ihren 110 Jahren Mülheims älteste Bürgerin

Ella Lydia Auguste Neumann, hier mit ihrem Großneffen
Gerhard Michaelis und Pflegedienstleiterin Berlik.
Sie ist Mülheims älteste Bürgerin. Am morgigen Sonntag feiert Ella Lydia Auguste Neumann im Wohnstift Raadt ihren 110. Geburtstag. Dann werden ihr Großneffe Gerd Michelbrink und seine Frau Annemarie auf eine Tasse Kaffee vorbeikommen. Was sie der hochbetagten Großtante als Geschenk mitbringen, wissen sie schon. Denn Tante Ella, die auch heute noch weiß, was sie will und was nicht, liebt Bananen und Schokolade.

„Als kleines Mädchen hat sie von ihren Eltern mal eine Tafel Schokolade geschenkt bekommen, die sie dann aber nicht gegessen, sondern ein Jahr lang in ihrem Puppenwagen spazieren gefahren hat, weil sie die Verpackung so schön fand und sie deshalb partout nicht öffnen wollte“, erzählt ihr 76-jähriger Großneffe eine Familienanekdote. Frau Neumann dürfte die letzte Mülheimerin sein, die noch Kaiser Wilhelm II., hoch zu Ross, gesehen hat. Das war noch vor dem Ersten Weltkrieg bei einem Kaiser-Besuch in Aachen. Und sie rief zusammen mit den anderen Schaulustigen: „Vivat! Vivat!“

Mit ihrem 1996 verstorbenen Ehemann Paul, den sie 1939 geheiratet hatte, lebte die im Schwarzwald geborene und kinderlos gebliebene Jubilarin in Eppinghofen, Saarn und in Winkhausen, bevor sie nach Raadt zog. Während des Zweiten Weltkrieges wurde Frau Neumann für die Produktion der Friedrich-Wilhelms-Hütte kriegsdienstverpflichtet. Danach folgten die Hunger-Jahre des Wiederaufbaus. Das persönliche Wirtschaftswunder der Neumanns bestand in einem VW-Käfer, den sich Ella und Paul Neumann in den 60er Jahren kaufen und damit in Ellas Heimat, den Schwarzwald fahren konnten.


So gesehen: Hauptsache, es schmeckt noch!

36 Mülheimer sind 100 Jahre und älter. Das erfuhr ich gestern auf Nachfrage bei der Stadt, nachdem ich der ältesten Bürgerin einen Besuch abgestattet hatte.

Wer als viel beschäftigter Vierziger meint, dass er schon viel hinter sich und weiß Gott was noch vor sich hat, dem tut ein Besuch bei Ella Lydia Auguste (auf die Vollständigkeit ihrer Vornamen legt sie wert) Neumann gut, weil er seine Anflüge von Midlife-Crisis relativiert. Die Frau, die morgen ihren 110. Geburtstag feiert, hat wirklich viel hinter sich, zum Beispiel zwei Weltkriege und eine zwischenzeitliche Kriegsdienstverpflichtung in der Produktion in der Friedrich-Wilhelms-Hütte, anschließend Hungerjahre und Wiederaufbau.

Die hochbetagte Seniorin, die den Kaiser noch kannte und gerade mal 30 Jahre jünger als der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer (1876-1967) ist, kann und darf in ihrem Alter über das manchmal rastlose Alltagsgetriebe der aus ihrer Sicht jungen Generation nur müde lächeln und mit einer abwinkenden Handbewegung kommentieren, weil sie weiß, was in einer Welt mit zu viel Schein und zu wenig Sein wirklich wichtig ist.

Auf gutes Essen im Allgemeinen und auf Schokolade und Bananen im Besonderen legt sie wert. Als Geburtstagskind einer doppelten Kriegsgeneration kennt sie den Hunger, und weiß, dass gutes Essen und Trinken Leib und Seele zusammenhalten. Also, liebe Zeitgenossen gönnt euch was, am besten Bananen und Schokolade.


Diese Texte erschienen am 8. Oktober 2016 in der Neuen Ruhr Zeituntg 

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