Sonntag, 9. Oktober 2016

Kirche der offenen Herzen sein: Der katholische Theologe und Pfarrer Andreas Geßmann wurde jetzt mit dem Heribert-Heinemann-Preis ausgezeichnet

Pfarrer Dr. Andreas Geßmann
Immer weniger Priester müssen sich um immer größere Pfarrgemeinden kümmern. Keine leichte Aufgabe für Priester, wie Andreas Geßmann, der am 3. Oktober in sein neues Amt als Pfarrer der 25.500 Seelen zählenden Pfarrgemeinde St. Laurentius eingeführt wird. Mit welchen Hoffnungen, Wünschen und Zielen geht der katholische Theologe, der soeben für seine Doktorarbeit über die Interaktionen zwischen Pfarrgemeinden und kommunikativen Glaubensmilieus mit dem Heribert-Heinemann-Preis ausgezeichnet worden ist?

Was sind kommunikative Glaubensmilieus?
Dieser Begriff meint neue geistliche Bewegungen und Initiativen, wie etwa Gebetsgruppen oder Haus- und Bibelkreise, von deren Charismen die Pfarrgemeinden profitieren, wenn sich ihre leitenden Personen denn auf eine Interaktion mit diesen geistlichen Basisgruppen einlassen. Auf der anderen Seite können Pfarrgemeinden für diese neuen kommunikativen Glaubensmilieus eine Brücke in die Öffentlichkeit schlagen und so ihre Wirksamkeit erhöhen.

Sehen Sie sich als künftiger Pfarrer von St. Laurentius (im Essener Osten und Südosten) eher als Seelsorger oder als Manager?
Zuerst bleibe ich Pastor, also Hirte. Als Hirte möchte ich meinen Glauben mit den Menschen in meiner neuen Pfarrei teilen und den Geist des Evangeliums fördern, auch in Bezug auf die soziale Gerechtigkeit. Was die Verwaltung der Pfarrgemeinde angeht, so ist dieses Wort für mich, schon biografisch gesehen, nicht negativ belegt. Es gehört eben zu unserem Leben, auch in äußeren Dingen Verantwortung zu übernehmen. Aber vorrangig ist für mich die Seelsorge im Team mit den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern der Pfarrei , also der konkrete Dienst an den Menschen. Und was es dabei zu verwalten gibt, dem will ich mich stellen. Als Seelsorger stehe ich nicht allein, sondern will mit meinen Mitarbeitern dafür sorgen, dass die in den vier Teilgemeinden der Pfarrei bestehenden Gruppen gestärkt oder auch erneuert werden, damit sie, wie kleine Frischzellen dafür sorgen, dass wir als Kirche wirklich in allen Teilen der Gemeinde präsent sein können.

Was reizt Sie denn an Ihrer neuen Aufgabe?
Ich habe mich um das Pfarramt nicht gedrängt. Aber konkret angefragt und in der Hoffnung auf Gottes Vorsehung und Hilfe habe ich doch zugesagt. Ich finde es äußerst spannend, die Pfarrei und ihre Menschen in ihrer ganzen Vielfalt kennenzulernen. Und mit ihnen zusammen möchte ich im Hören auf Gott und die Zeichen der Zeit Kirche vor Ort gestalten. Als Pfarrer sehe ich meine Aufgabe darin, gemeinsam Ziele in den Blick zu nehmen und Ideen für die Zukunft zu entwickeln. Ich möchte die Gläubigen dazu motivieren, sich in der Pfarrgemeinde zu engagieren und ihre Charismen zu entfalten, damit alle Gemeindemitglieder Anteil an der Sendung der Kirche haben. Ein großes Anliegen ist für mich, dass die Kultur der Pfarrei durch die Kultur des Evangeliums geprägt wird.

Warum tun sich heute viele Menschen so schwer mit der Kirche, aber auch mit dem christlichen Glauben insgesamt?
Die Erfahrung, dass sich Menschen mit dem christlichen Glauben schwertun, ist nicht neu. Jesus Christus selbst hat ja zu seinen Erdenzeiten auch Ablehnung erfahren müssen. Im Prolog des Johannes-Evangeliums heißt es zum Beispiel: „Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden. Doch die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum. Aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ Auch bei seinen Jüngern ist Jesus nicht immer auf Zustimmung gestoßen, so dass er sie einmal fragte: „Wollt auch ihr weggehen?“ Auch wenn die Nachfolge Jesu immer von der unbedingten Liebe Gottes begleitet ist, so ist sie doch auch mit der Verpflichtung verbunden, Gottes Liebe selbst zu leben und weiterzugeben. So ist der christliche Glaube immer eine Herausforderung und nicht bequem. Gerade in der heutigen Zeit der Individualisierung, der Erlebnisorientierung und des Relativismus, erlebt die christliche Verkündigung erschwerte Bedingungen. Als Kirche müssen wir uns die Frage gefallen lassen, inwieweit unser pastorales Leben wirklich von Jesus Christus und seiner Botschaft geprägt und durchdrungen ist. Ich bin davon überzeugt, dass sich auch heute bei vielen Menschen eine unbewusste Sehnsucht nach Heil wahrnehmen lässt, die auch als Gotteshunger gedeutet werden kann. Die religiösen Interessen und Sehnsüchte der Menschen müssen von uns identifiziert werden und dürfen nicht unbeantwortet bleiben. Deshalb gilt es, das spirituelle Profil der Kirchen und auch der Pfarrei zu schärfen.

Was wünschen Sie sich zu ihrem Amtsantritt für die Menschen in Ihrer bisherigen und in Ihrer künftigen Gemeinde?
Mit Blick auf die Menschen in meiner neuen Pfarrgemeinde hoffe ich, dass wir uns offen und unvoreingenommen begegnen und das wir uns im Sinne des Evangeliums Jesu gegenseitig stärken und ermutigen. Ferner wünsche ich mir, dass wir eine einladende Kirche sind und werden. Den Menschen in St. Mariae Empfängnis, wie in St. Laurentius, wünsche ich, dass sie eine Kirche der offenen Türen, der offenen Herzen, des gegenseitigen Verstehens, des Respekts und der Wertschätzung sein und leben können. Meiner alten Gemeinde wünsche ich vor allem, dass sie den Weggang ihres Pastors gut verkraften möge und ihre vorhandenen Potenziale weiterhin für den Dienst an den Menschen in Essen-Holsterhausen einsetzen kann.

Was lässt Sie selbst Glauben und Kraft aus der Frohen Botschaft des Neuen Testaments Kraft schöpfen?
Den Gott Israels und der Gott, den Jesus seinen Vater nennt, habe ich im Laufe des Lebens, durch das Lesen des Alten und Neuen Testaments, aber auch durch die Begegnung mit Menschen, als lebendige Wirklichkeit, ja als Du erfahren. Die Beziehung zu ihm ist für mein Leben grundlegend und nicht mehr wegzudenken. Aus dem Glauben an den dreieinigen und barmherzigen Gott schöpfe ich Mut, Trost und Zuversicht. Mit den Menschen in der Pfarrgemeinde St. Laurentius möchte ich diesen Glauben teilen und gemeinsam mit ihnen die Spuren Gottes im Alltag entdecken.

Zur Person: Dr. Andreas Geßmann wurde 1969 in Wesel geboren. Nach dem Abitur und einem Studium an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Duisburg arbeitete er bis 1995 als Diplom-Verwaltungswirt im Planungsamt der Stadt Wesel. Anschließend studierte er in Bochum und München katholische Theologie für das Priesteramt und schloss sein Studium 2001 als Diplom-Theologe ab. Nach der Priesterweihe arbeitete er ab 2003 als Kaplan in der Essener Gemeinde St. Andreas, ehe er 2007 in seine bisherige Gemeinde St. Mariae Empfängnis in Essen-Holsterhausen wechselte, die er ab 2013 als Pastor leitete. Neben seiner Arbeit in der Gemeinde schrieb er an der theologischen Fakultät  der Ludwig-Maximilians-Universität, seine 2014 mit dem Johann-Michael-Sailer-Preis und jetzt mit dem Heribert-Heinemann-Preis ausgezeichnete Doktorarbeit. Letztere Auszeichnung wurde jetzt im Rahmen des Jubiläums der Bank im Bistum Essen erstmals vergeben. Stifter des Preises ist der Bochumer Kirchenrechtslehrer Prpf. Dr. Heribert Heinemann.

Dieser Text erschien am 1. Oktober 2016 im Neuen Ruhrwort

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