Donnerstag, 27. Oktober 2016

So gesehen: Süße Verführungen

Ich habe noch den Satz meiner seligen und viel zu früh verstorbenen Großmutter im Ohr: „In der Innenstadt zu leben, ist ganz schön teuer“, pflegte sie immer zu sagen, wenn sie uns besuchte und aus dem Fenster auf die vielen Geschäfte auf der Schloßstraße schaute. Zugegeben: Ladenleerstände waren zu ihrer Zeit noch kein Thema.

Doch auch trotz mehrerer aktueller Leerstände haben die gute alte Schloßstraße und die Stadtmitte auch heute noch so einige Reize zu bieten. Wenn ich heute aus dem Fenster meines Arbeitszimmers auf die Schloßstraße schaue, blicke ich automatisch auf die verführerischen Schaufensterauslagen eines süddeutschen Lebkuchenanbieters. Er ist vor einigen Wochen mit seinen Lebkuchen, Oblaten und Baumkuchen ausgerechnet in die Geschäftsräume einer Eisdiele eingezogen, die zurzeit eine Herbst- und Winterpause eingelegt hat.

Man sieht: Die Schloßstraße ist irgendwie ein Sinnbild für unseren menschlichen Lebensweg. Unabhängig von jahreszeitlichen und konjunkturellen Veränderungen und Wandlungen bleibt eines immer gleich, die Summe der süßen Verführungen.

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihr Portemonnaie, ihre Waage oder ihre bessere Hälfte. Der Mensch ist und bleibt eben ein Naschkatze. Der Rest ist Schweigen – und stiller Genuss.


Dieser Text erschien am 24. Oktober 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

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