Sonntag, 2. Oktober 2016

"Wir können nicht stehen bleiben, sonder müssen weitergehen", sagt Stadtdechant Michael Janßen mit Blick in die Zukunft der katholischen Kirche Mülheims

Stadtdechant und Pfarrer Michael Janßen vor der Kirche
St. Mariae Geburt an der Althofstraße
Was hat es mit dem aktuellen Pfarreientwicklungsprozess auf sich, in dem engagierte Laien und Priester derzeit die Zukunft der katholischen Stadtkirche planen? Ein Gespräch mit dem Stadtdechanten und Pfarrer von St. Mariae Geburt, Michael Janßen

In den vergangenen Jahren mussten Kirchen aufgegeben und umgewidmet werden. Warum eigentlich?
Das hat finanzielle und demografische Gründe. Die Zahl der Katholiken ist gesunken und wir konnten die beiden Kirchen, die heute als Urnenkirche und als Caritas-Zentrum gut genutzt werden, nicht mehr unterhalten.

Derzeit sprudeln die Steuereinnahmen. Profitiert davon nicht auch die katholische Kirche?
Das trifft auf das Bistum Essen leider nicht zu. Das hängt mit der sozialen Struktur des Ruhgebietes zusammen. Wir haben viele Menschen, die arbeitslos oder Rentner sind oder aber im Ruhrgebiet arbeiten und außerhalb des Ruhrgebietes wohnen, so dass ihre Kirchensteuer dort erhoben wird.

Warum muss es 10 Jahre nach der ersten Umstrukturierung, in der aus 15 Gemeinden 3 Großpfarreien wurden, schon wieder ein Pfarreientwicklungsprozess angestoßen werden?
Der Prozess, der 2006 angestoßen wurde, muss fortgesetzt werden, weil die Berechnungen unserer Finanzexperten zeigen, dass wir aufgrund des katholischen Bevölkerungsrückganges bis 2020 rund 30 Prozent und bis 2030 rund 50 Prozent unserer heutigen Kirchensteuermittel einsparen müssen.

Was ist 2016 anders, als 2006?
Damals war die Finanznot des Bistums so akut, dass von der Bistumsleitung sofort von oben herab handeln musste. Heute handeln wir perspektivisch, um auch in Zukunft noch handlungsfähig bleiben zu können und einen Bankrott des Bistums zu verhindern. Dabei bestimmt die Basis in Arbeitsgruppen und Koordinierungsausschüssen mit, wie sie sich die Kirche der Zukunft der Kirche vorstellt und was wir als Kirche unbedingt brauchen und was wir vielleicht nicht mehr brauchen.

Was ist aus Ihrer Sicht für die Kirche unverzichtbar und was könnte man aufgeben?
Unverzichtbar ist die Seelsorge, die nah bei den Menschen und ihren Lebenssituationen verortet bleiben muss. Deshalb würde ich im Zweifel auch eher ein Gemeindehaus oder eine andere Kirchenimmobilie als eine Kirche aufgeben, als eine Kirche. Man kann aber im Einzelfall prüfen, ob sich eine Kirche multifunktional nutzen lässt, in dem man zum Beispiel ein Seitenschiff der Kirche so abtrennt, dass es vielleicht als Gemeindesaal oder als Gemeindebücherei genutzt werden könnte. Klar ist dabei auch, dass das so geschehen muss, dass dabei die Würde des liturgischen Kirchenraumes und der liturgischen Feier nicht beeinträchtigt werden darf.

Ist die Bereitschaft, sich in den Pfarreientwicklungsprozess einzubringen groß?
Sie ist erfreulich groß. Ich schätze, dass in den drei Mülheimer Pfarreien jeweils rund 60 bis 70 Menschen in den Arbeitsgruppen aktiv sind. Aber ich höre auch, dass es vielen von ihnen nicht leicht fällt, auch die damit verbundene Verantwortung zu übernehmen. Zurzeit sind wir noch in der Phase des Sehens und der Bestandaufnahme. 2017 wollen wir die gesammelten Fakten systematisch beurteilen und dann Ende des Jahre zu konkreten Handlungsempfehlungen für den Bischof kommen, so dass dann 2018 die Phase des Handelns beginnen kann.

Welche Tendenzen zeichnen sich in der bisherigen Diskussion ab?
Wichtig ist den Menschen, dass die pastorale Arbeit nah bei den Menschen bleibt, während sie sich eine zentrale Kirchen- und Pfarreiverwaltung vorstellen können. Schon heute werden immer mehr Laien zu Wortgottesdienstleitern ausgebildet. Dieser Trend wird weitergehen und sich verstärken, weil wir schon heute einen akuten Priestermangel haben. Der Gedanke daran fällt vielen Menschen sehr schwer, weil sie über Jahrzehnte sehr priesterorientiert erzogen worden sind.

Wie sehen Sie die Kirche der Zukunft angesichts der Tatsache, dass allein in Mülheim die Zahl der Katholiken seit 1976 von rund 74.000 auf jetzt noch rund 51.000 zurückgegangen ist?
Wenn ich auf das 2. Vatikanische Konzil oder auf die Wahl von Papst Franziskus schaue, weiß ich, dass die Kirche immer wieder die Kraft finden wird, sich zeitgemäß zu reformieren. Wir können nicht stehen bleiben, sondern müssen weitergehen. Und das bedeutet, dass kirchliche Arbeit in Zukunft noch mehr als heute vom ehrenamtlichen Engagement ihrer Mitglieder abhängig sein wird, um nah bei den Menschen zu bleiben. Dass Papst Franziskus heute das Diakonat der Frau prüfen lässt, ist sicher ein gutes Zeichen für die Zukunft. Die Frage des priesterlichen Pflichtzölibates kann sicher nur weltkirchlich und nicht auf der Ebene der Ortskirche gelöst werden. Meine Erfahrung bestärkt mich darin, dass die Kirche und ihre Frohe Botschaft gerade an den Eckpunkten des Lebens und in schwierigen Lebenssituationen immer gefragt sein wird. Wir brauchen als Christen Gottvertrauen. Denn er führt letztlich die Kirche und wir sind nur seine Werkzeuge. Die müssen aber gut funktionieren.

Dieser Text erschien am 30. September 2016 in NRZ/WAZ

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