Sonntag, 31. Januar 2016

Halleluja und Helau oder Fromm trifft Fröhlich: Die Karnevalsfestmesse in Ankt Engelbert

Kinderprinzessin Chiara, Kinderprinz Luka und ihr Minister Nick verleihen am Ende der Karnevalsfestmesse in St. Engelbert Pastor Michael Clemens ihren Prinzenorden. In Mülheim gibt es etwa 1700 aktive Karnevalisten, davon rund 600 Kinder und Jugendliche.
Halleluja und Helau sind zwei Seiten der selben frohen Botschaft. Das konnten jetzt 150 Gottesdienstbesucher in St. Engelbert erleben. Pastor Michael Clemens und die 13 Gesellschaften des Hauptausschusses Groß-Mülheimer Karneval hatten dort zur achten Karnevalsfestmesse eingeladen. In einer brillanten Predigt mit Herz und Verstand schlug Clemens den Bogen von der wunderbaren Wein-Vermehrung bei der Hochzeit von Kana hin zu den alltäglichen Wundern der Mitmenschlichkeit, etwa wenn sich Bürger ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren und dabei über alle Parteigrenzen hinweg auch von den Kommunalpolitikern unterstützt werden.

Clemens Predigt-Motto lautete den auch: "Manches läuft einfach. Manches läuft runder. Schon wieder ein Wunder!" Nach seiner Predigt hatte sich der Pastor aus dem multikulturellen Stadtteil Eppinghofen den Applaus der Gottesdienstbesucher und die Orden des kleinen und des großen Stadtprinzenpaares redlich verdient. Das große Stadtprinzenpaar (Markus und Julia) wirkten denn auch an der Gabenbereitung mit. Und das Kinderprinzenpaar (Luka, Chiara und Minister Nick) trugen die Fürbitten vor. Die närrischen Nachwuchsregenten baten unter anderem um mehr Lebensfreude auf unserer Erde.

Lebensfreude brachten auch die Tanzmariechen der KG Knattsch Gek und der MüKaGe sowie die Musiker der KG Blau Weiß und der KG Düse mit in das 1907 eingeweihte Gotteshaus. Auch Organistin Birgit Höfer ließ sich von der Fünften Jahreszeit inspirieren und intonierte auf ihrer Königin der Instrumente unter anderem den Karnevalsschlager: "Wir kommen alle in den Himmel. Denn wir waren schon auf Erden die reinsten Engelein."

Dieser Text erschien am 23. Januar 2016 im Neuen Ruhrwort

Samstag, 30. Januar 2016

Eine Rolle, die niemanden kalt lässt: Ein Gespräch mit den Hauptdarstellern des Nikolaus-Groß-Musicals

Die Hauptdarsteller des Nikolaus-Groß-Musicals
vor dem Gedenkkreuz an der Dümptener
Barbarakirche am Schildberg
Tim Timmer und Dorothee Schäfer (vorne)
sowie Jürgen Wrobbel und Verena Rützel.
„Wenn man so einen starken Glauben hat, wie Nikolaus und Elisabeth Groß ihn hatten, dann braucht man eigentlich nichts anderes mehr. Dann hat man gewonnen“, sagt Tim Timmer. Der Rechtsanwalt aus der Gemeinde St. Barbara spielt seit 18 Jahren den katholischen Arbeiterführer, Widerstandskämpfer und Familienvater Nikolaus Groß.
Wer diese Rolle spielt und sich mit der Persönlichkeit von Nikolaus Groß auseinandersetzt, der wird ein anderer, als er vorher war“, sagt der Unternehmensberater Jürgen Wrobbel. Er teilt sich die Rolle des 2001 selig gesprochenen Nikolaus Groß mit Timmer.

Auch für die Lehrerin Verena Rützel und die in der Offenen Ganztagsschule tätige Pädagogin Dorothee Schäfer, die sich die Rolle der Elisabeth Groß teilen, haben die Eheleute Groß „mit ihrer bewussten Entscheidung für den Widerstand gegen Hitler im Angesicht aller damit verbundenen Konsequenzen“ ein bis heute nachwirkendes Beispiel für Mut und Verantwortung gegeben.
Dabei sehen Rützel und Schäfer sehr wohl die „zwei Seiten einer Familiengeschichte.“ Sie können nachvollziehen, dass nicht alle der sieben Groß-Kinder Fans des Musicals sind. „Denn einige von ihnen sind der Ansicht, dass die Kirche nicht genug getan hat, um ihren am 23. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee ermordeten Vater zu retten und so ihrer Mutter das Schicksal einer Alleinerziehenden von sieben Kindern zu ersparen.“

Umso dankbarer sind die vier Hauptdarsteller für die Unterstützung des 1934 geborenen Groß-Sohnes Bernhard. Die Gespräche mit dem Diakon Bernhard Groß haben ihnen dabei geholfen, ihre schweren und textintensiven Rollen authentisch auszufüllen. Groß hat fast alle der bisher 68 Musical-Aufführungen besucht. Mit seinen persönlichen Erinnerungen konnte er in den Gesprächen mit den Nachgeborenen deutlich machen, was der Nazi-Terror für den Alltag der Menschen im damaligen Deutschland bedeutet hat.
Ich möchte diese Entscheidung nicht getroffen haben müssen“, sagt Tim Timmer über den Weg der Eheleute Groß, der sie in den Widerstand gegen Hitler führte. Und sein Nikolaus-Groß-Kollege Jürgen Wrobbel gibt zu: „Wenn ich mich als Nikolaus Groß in der Haft von meinen Kindern verabschieden muss, muss ich schon manchmal schlucken.“

Verena Rützel und Dorothee Schäfer sind ganz besonders davon beindruckt, „dass Elisabeth Groß trotz ihrer Familienpflichten als alleinerziehende Mutter von sieben Kindern nach 1945 auch noch die Kraft gefunden hat, sich in der KAB, in der CDU und in den Entnazifizierungsausschüssen politisch zu engagieren.“
Was den Außenstehenden überrascht, ist die doppelte Besetzung der Hauptrollen und die Tatsache, dass alle Hauptdarsteller offensichtlich frei von Lampenfieber zu sein scheinen. „In der ersten Zeit haben wir ganze Nächte durchgeprobt, aber heute legt sich bei mir eine halbe Stunde vor der Aufführung der Schalter um und ich schlüpfe in die Rolle von Nikolaus Groß“, erzählt Tim Timmer. Und er fügt hinzu: „Kein Wunder, denn diese Rolle hat mich vom Abitur über das Studium bis ins Berufsleben begleitet.“

Außerdem kommt allen Hauptdarstellern zugute, dass sie bereits vor dem Nikolaus-Groß-Musical im Rahmen der kirchenmusikalischen Arbeit von St. Barbara und Heilig Geist Bühnenerfahrung sammeln konnten. „Durch dieses Musical ist unsere Gemeinde zusammengewachsen“, freut sich Jürgen Wrobbel. Er ist aber auch heilfroh darüber, dass sich je zwei Frauen und Männer die Hauptrollen von Nikolaus und Elisabeth Groß teilen. Denn keinem der ehrenamtlichen Schauspieler möchte man gleich zwei Aufführungen hintereinander zumuten. Verständlich: Denn die Hauptdarsteller müssen bei einer Aufführung rund 160 Minuten auf der Bühne stehen, sprechen und singen.

Dieser Text erschien am 16. Januar 2016 im Neuen Ruhrwort

Freitag, 29. Januar 2016

Den Rhytmus im Blut: Steffi Wolter

Steffi Wolter
„Wenn ich tanze, fühle ich mich frei. Dann kann ich alle meine Alltagssorgen vergessen“, sagt Steffi Wolter. Die Augen der 44-jährigen Mutter und Arzthelferin leuchten dabei so, dass man selbst als Tanzmuffel mit ihr eine Runde über das Parkett drehen möchte.

Schon als Teenager hat Wolter selbst in der Garde des Mülheimer Carenvalsclubs getanzt, trainiert von der legendären Margot Rudolph. „Von ihr habe ich viel gelernt“, sagt Wolter. Mit Blick auf ihre eigene Erfahrung als Tänzerin und Trainerin, ist sie davon überzeugt, „dass das gemeinsame Tanzen in der Garde ein gutes Training fürs Leben ist.“ Warum? „Die Auftritte stärken das Selbstbewusstsein. Und schon beim Training lernt man ganz selbstverständlich, dass man sich aufeinander verlassen können muss und nur gemeinsam etwas auf die Beine stellen kann.“

Als Wolter Ende der 90er Jahre mit dem aktiven Tanzen aufhörte und dann beim Training ihrer heute 20-jährigen Tochter Sandy zuschaute, kam schnell der Moment, in dem sie ihre alte Trainerin Margot Rudolph fragte: „Kann ich mal helfen?“ Sie konnte und wuchs in die Trainer-Nachfolge Rudolphs hinein. Wie sie, setzt Wolter heute auf eine ausgewogene Mischung aus „Zuckerbrot und Peitsche.“ Als Trainerin, so glaubt sie, braucht man Liebe und Konsequenz. Man muss für die Sorgen der jungen Damen offen sein, aber auch dafür sorgen, dass Regeln eingehalten werden, damit die Show auf die Bühne kommt.

In dieser Session trainieren Wolter und ihre Trainer-Kolleginnen Sandy Matuschak, Mona Bergendahl und Lucy Lantermann und Deborah Stegmann. Zusammen betreuen sie aktuell 35 Gardetänzerinnen vom Kleinkind- bis ins junge Erwachsenenalter. Montags und dienstags steht das Training auf dem Programm. Doch damit ist es für die Cheftrainerin, die ganz nebenbei auch noch stellvertretende Schatzmeisterin ihrer Gesellschaft ist, nicht getan. Kostüme müssen beschafft und aufgepeppt, Auftrittstermine geplant und der Soundtrack für die Tanzshow kreiert und am Computer zusammengeschnitten werden. „Wir wagen uns jetzt auch an Hebefiguren heran“, freut sich Wolter mit Blick auf die neue Tanzshow „Razzia“. Bisher ist die Tanzgarde des MCCs rein weiblich. Gerne würde Wolter auch den einen oder anderen jungen Mann in ihrer Tanzgarde sehen. „Doch die Jungs spielen leider lieber Fußball“, weiß die Mutter eines 13-jährigen Sohnes.

Obwohl sie die Arbeitsstunden, die sie in ihr karnevalistisches Engagement investiert, noch nie gezählt hat, vergleicht sie ihre ehrenamtliche Trainerarbeit mit einem Halbtags-Job. Doch auch wenn sie dafür nicht bezahlt wird, möchte sie die damit verbundene Kreativität, Fantasie, Gemeinschaft und Anerkennung um keinen Preis der Welt missen. Ihr Motto: „Lieber auf neuen Wegen stolpern, als auf alten Wegen auf der Stelle treten.“


Dieser Text erschien am 9. Januar 2016 in NRZ und WAZ

Donnerstag, 28. Januar 2016

Die Spätberufene: Marita Kocks

Marita Kocks
Die Floristin Marita Kocks ist mit ihren 40 Lenzen eine spätberufene, aber dafür auch besonders aktive Karnevalistin. „Ich kam vor vier Jahren eher zufällig in die Gesellschaft“, erzählt die zweifache Mutter.

Als sie an der Ella-Montan-Tankstelle an der Sandstraße ihren Wagen auftankte, kam sie mit Annette Stachelhaus ins Gespräch. Kocks erzählte ihr von ihrer Tochter Kiara, die für ihr Leben gerne tanze, sobald sie flotte Musik zu hören bekomme. „Da sind Sie bei mir genau an der richtigen Adresse“, sagte ihr Stachelhaus. Denn was Kocks nicht wusste: Die freundliche Frau von der Tankstelle war und ist Vorsitzende der drittältesten Karnevalsgesellschaft Mülheims.

„Ich bin dann mit Kiara mal zu einem Training der Tanzgarden gegangen und sie war von Anfang an begeistert“, erinnert sich Marita Kocks. Und weil sie eine Frau ist, die gerne hilft, wo Hilfe gebraucht wird und auch kein Problem damit hat, auf andere Menschen zuzugehen, ließ sie sich Ruckzuck vom Bazillus Karnevalensis anstecken und in die KG Knattsch Gek aufnehmen.

„Wir haben zwar nur 45 Mitglieder. Aber weil die Gesellschaft sehr klein ist, geht es auch besonders familiär zu. Und es gibt keine Klübchenbildung, wie in manchen anderen Verein“, erklärt Kocks, warum sie sich in der KG Knattsch Gek so wohl fühlt.

Ganz selbstverständlich hilft sie heute beim Training der Tanzgarden mit und begleitet diese zu Auftritten und im Rosenmontagszug. Wenn Kocks mit von der Partie ist, kann sich jede Gardistin sicher sein, dass ihr Tanzkostüm richtig sitzt, auch wenn man sich vor und nach dem Auftritt schnell man umziehen muss. Und auch darauf, dass jedes Tanzmariechen genug Wasser trinkt und nicht plötzlich schlapp macht.

Apropos trinkt. „Viele Leute glauben, dass bei Karnevalsgesellschaften viel Alkohol getrunken wird“, weiß Kocks. Denn als Jugendbeauftragte des Karnevalsvereins, stößt sie oft auf solche Vorurteile, wenn sie mit Eltern aus ihrer Nachbarschaft oder aus ihrem persönlichen Freundes- und Bekanntenkreis über den Karneval im Allgemeinen und über ihre Gesellschaft und deren Tanzgarde im Besonderen spricht. „Die meisten Menschen schließen leider von negativen Randerscheinungen beim Rosenmontagszug auf den ganzen Karneval“, bedauert die Karnevalsmutter. Sie weiß aus eigener Erfahrung, wie nüchtern man sein muss, wenn man zum Beispiel Veranstaltungen vorbereitet, mit Säge, Farbe und Pinsel am Wochenende beim Wagenbau hantiert oder den närrischen Nachwuchs der Gesellschaft begleitet und betreut.

„Mein Mann und ich sind uns einig, dass man sein Kind nicht einfach bei einem Verein abgeben und dann nach Hause gehen kann. Mann muss schon hinter seinem Kind und dem stehen, was es im Verein macht“, findet Kocks. Sie selbst hat in den vergangenen vier Jahren den Eindruck gewonnen, dass ihre Tochter Kiara als Tanzgardistin bei der KG Knattsch Gek viele wertvolle soziale Kontakte geknüpft und an Selbstbewusstsein gewonnen hat.

Auch sie selbst will die Gemeinschaft ihrer Gesellschaft nicht mehr missen: „Man lernt interessante Menschen kennen, mit denen man nicht nur Karneval feiert, sondern auch über andere Dinge des Lebens sprechen kann“, freut sich Kocks. Und dann verabschiedet sie sich. Denn sie muss noch Kuchen backen, für den Kinderkarneval!


Dieser Text erschien am 16. Januar 2016 in der NRZ und in der WAZ

Mittwoch, 27. Januar 2016

Toll und voll! Ein Besuch der Mülheimer Seniorensitzung in der Stadthalle

Volles Haus, tolles Programm und beste Stimmung. Dieser närrische Dreisatz ging auch bei der gestrigen Seniorensitzung im Theatersaal der Stadthalle auf. Gut 1000 Senioren zeigten sich wieder mal als besonders karnevalstauglich und textsicher. „Da sind wir dabei. Das ist prima!“ Nicht nur Lokalmatadore, wie die Tollitäten und ihre Tanzshows wurden mit viel Applaus und Zugabe-Rufen gefeiert. Auch die komödiantischen Gastarbeiter aus dem rheinischen Karneval, à la Engel Hedwig (Sieberichs) und Et Zweijestirn konnten beim Publikum landen und kamen nicht ohne Nachspiel von der Bühne. Beide Auftritte zeigten: Es gibt auch Büttereden mit geistreichem Witz. Hedwig, die Sitzungspräsident Heino Passmann als „Brummer unter den Schutzengeln“ vorstellte, berichtete zum Beispiel: „Als ich bei Hager und Mager etwas schönes zum Anziehen suchte, war die Umkleidekabine das Einzige, was mir gepasst hätte.“ Auch der deftige politische Witz des Zweijestirns ließ den Funken auf das reife und närrische Publikum spontan überspringen. Etwa als das Duo den Karnevalsschlager „Viva Colonia“ mit Blick auf den geschassten Fifa-Chef Sepp Blatter, den russischen Präsidenten Vladimir Putin und andere Bad Guys der Zeitgeschichte umdichtete: „Viva Corrupta. Da sind wir dabei. Das ist prima. Und wenn uns die Presse befragt, dann halten wir einfach die Fresse und machen weiter unverzagt“, wurde es beim eingängigen Refrain vom Publikum so stimmgewaltig begleitet, dass die Fischerchöre vor Neid hätten erblassen können. Zurecht gefeiert wurde vom Publikum auch die grandiose, weil anmutige und athletische Solo-Tanzshow von Joline Golumski aus den Reihen der Oberhausener Karnevalsgesellschaft Wagaschei. Angesichts ihrer atemberaubenden Überschläge und Spagat-Sprünge mag sich so mancher reife Jeck in seinem Stadthallensessel im Stillen gesagt haben: „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Orthopäden.“ Solch brillante Körperbeherrschung, wie sie Joline Golumski auf die Stadthallenbühne zauberte, ist eben nur der besonders gut durchtrainierten Jugend vorbehalten. Apropos Jugend: Stadtprinz Markus (Baujahr 1974) hatte die Lacher der reifen Jecken auf seiner Seite, als er witzelte: „Eigentlich dürfte ich ja gar nicht hier sein. Denn ich bin ja noch viel zu jung für die Seniorensitzung!“ Ein Schelm, der Böses dabei dachte. 

Dieser Text erschien am 26. Januar 2016 in der NRZ und in der WAZ

Dienstag, 26. Januar 2016

Keine Angst vor neuen Berufen und dem Aufbau einer persönlichen Mitarbeiter-Bindung: Was die Leiterin des Arbeitgeberservice Chefs und ihren potenziellen Azubis rät

Sabine Knapstein
Sabine Knapstein leitet den Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit. Hier beraten zehn Mitarbeiter 1000 Betriebe bei der Personalsuche und bei betrieblichen Problemen. Bei rund 360 Ausbildungsberufen und jeweils rund 390 Ausbildungssuchenden bzw. unbesetzten Lehrstellen versucht sie mit ihren Kollegen Arbeitgeber und Azubis zusammen zu bringen.

Frage: Wie können Sie helfen?

Antwort: Gemeinsam mit der Stadt organisieren wir eine Berufsmesse, bei der sich potentielle Azubis und Arbeitgeber kennenlernen können. Vorab treffen wir für die Arbeitgeber bereits eine Vorauswahl und vereinbaren mit den geeigneten Bewerbern einen Vorstellungstermin. Das spart Zeit und vermeidet Enttäuschungen auf beiden Seiten. Des Weiteren beraten wir die Jugendlichen intensiv bei der Ausbildungsplatzsuche und geben ihnen einen Überblick der aktuell ausgeschriebenen Berufe und ihren Zukunftsaussichten. Das können wir, weil wir die Betriebe gut kennen.

Frage: Was raten Sie Bewerbern?

Antwort: Jugendliche sollten sich für die Lehrstellensuche breit aufstellen und offen für neue Berufe sein. Wichtig ist, sich für Beratungsgespräche, Praktika und Berufserkundungen Zeit zu nehmen. Auch Apps, wie Berufentdecker oder Planet Beruf können helfen.

Frage: Was raten Sie Arbeitgebern, die Lehrlinge suchen?

Antwort: Sie sollten jede Möglichkeit nutzen ihren Betrieb vorzustellen, um so mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Wenn man sich beispielsweise bei einer Berufsmesse trifft, kann die Einladung für ein Praktikum oder zu einer Betriebserkundung Sinn machen. Dazu gehören auch die Einladung zur Betriebsfeier oder regelmäßige E-Mail-Informationen über das aktuelle Geschehen im Betrieb. Wichtig ist es, eine Bindung zu den Jugendlichen aufzubauen. Sollte das nicht sofort funktionieren, dann bieten wir den Arbeitgebern an, Ausbildungsassistenten und von der Agentur finanzierte Nachhilfe für Azubis anzunehmen. Der Arbeitgeberservice ist unter der Rufnummer: 0800/4555520 zu erreichen. Der Anruf ist kostenlos.


Dieser Text erschien am 1. August 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 25. Januar 2016

Der umtriebige Stadtwächter: Norbert Hütte

Norbert Hütte in seiner
Kommandeursuniform
auf dem Rosenmontagszugwagen
der KG Mülheimer Stadtwache
„Ich bin kein Mensch, der sich einfach hinsetzen kann, um sich berieseln zu lassen. Ich werde lieber aktiv und mach selbst was“, sagt Norbert Hütte.

Bis 1986 hatte der gelernte Installateur, der sich später kaufmännisch weiterbildete und heute vom kompletten Badezimmer über die Toilette bis zur Heizungsanlage alles verkauft, was Menschen brauchen, um warm und sauber durchs Leben zu kommen, nichts mit dem Karneval zu tun.

Doch dann ließ sich seine Tochter Mareike von einer Freundin aus der Nachbarschaft zum Tanztraining der Roten Funken mitnehmen. Und das hatte Folgen, auch für ihre Eltern Gabi und Norbert. Die ließen sich bei den Gardeauftritten ihrer Tochter nur zu gerne vom Bazillus Carnevalensis anstecken und von den Karnevalisten einspannen. „Bis 1992 war ich im Wagen- und Bühnenbau der Funken aktiv“, erinnert sich Hütte an seine närrische Feuertaufe. Doch dann kam die Zeit, in der sich Hütte mit einigen seiner Funken-Freunde einig war: „Wir wollen mal was anderes machen.“ Das Andere war die 1992 aus der Taufe gehobene Karnevalsgesellschaft Mülheimer Stadtwache.

„Wir wollten eine klassische Garde aufbauen und keine herkömmliche Karnevalssitzung mehr veranstalten. Wir wollten neue Leute für den Karneval gewinnen und gleichzeitig eine moderne Showtanzgarde ins Leben rufen“, beschreibt der Geschäftsführer und Programmleiter der Stadtwache die Motivation der Gründungsgeneration.

Das aus ihren närrischen Visionen im Laufe von fast zweieinhalb Jahrzehnten Wirklichkeit geworden ist, kann man an ihrem Kommandeursball in der Stadthalle, an dem Stadtwächterorden für engagierte Mitbürger, an einer inklusiven Veranstaltung unter dem Motto: „Karneval Grenzenlos“ oder an der flotten Showtanztruppe der New Generation sehen.

„Vor allem die integrative Veranstaltung, bei der Menschen mit und ohne Behinderung ganz zwanglos und ausgelassen miteinander feiern und Spaß an der Freude haben, begeistert mich“, sagt Hütte.

Im Karneval sieht er eine unverzichtbare Institution, die Gemeinschaft und Lebensfreude stiftet. „Durch mein Engagement im Karneval habe ich ganz unterschiedliche und oft sehr interessante Menschen getroffen, die ich sonst nie kennen gelernt, geschweige denn, mit ihnen gesprochen hätte“, freut sich Hütte,

Und wenn seine Kollegen und er dann in ihre maßgeschneiderten Stadtwächteruniformen schlüpfen, ist das für sie das schönste Kostüm, dass man im Karneval tragen kann.

Die maßgeschneiderte Uniform mit Stiefeln, Degen Dreispitz und Perücke lassen sich Hütte und seine karnevalistischen Kommandeurskollegen denn auch rund 2500 Euro kosten. Mit ihren schicken Uniformen, die an das 18. Jahrhundert erinnern, sind nicht nur beim Rosenmontagszug ein echter Blickfang. Da stört es die Narren nicht, dass es die Mülheimer Stadtwache historisch nie gegeben hat. Die Obrigkeit aufs Korn zu nehmen, lohnt sich für sie immer.


Dieser Text erschien am 23. Januar 2016 in der NRZ und in der WAZ

Sonntag, 24. Januar 2016

So gesehen: Immer gut informiert

Bis gestern dachte ich: Man muss Zeitung lesen, Radio hören oder Fernsehen schauen, um gut informiert zu sein. Seit gestern weiß ich es besser. Einkaufen gehen reicht. Das ist zumindest dann der Fall, wenn man auf einen Zeitgenossen trifft, der zwischen den Supermarkt-Regalen, zwischen Joghurt, Senf und Schinkenwurst an seinem Handy mit seinem Gesprächspartner am anderen Ende des Funknetzes quatscht. Und so gut hörbar die gesamte Weltlage vom Islamisten-Terror über den extrem niedrigen Ölpreis bis zu den Kölner Silvesterscherereien erörtert, dass einem als unfreiwilligem Mithörer Hören und Sehen sowie die Erinnerung daran vergeht, was man eigentlich selbst in seinen Einkaufskorb legen wollte. Waren das noch herrliche Zeiten, als es noch regelmäßige Sendepausen gab, und das nicht nur im Fernsehen!

Dieser Text erschien am 20. Januar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 23. Januar 2016

Kommando Karneval: Oliver Thomas

Oliver Thomas
Hätte Oliver Thomas schon zu Kaisers Zeiten gelebt, hätte er vielleicht Probleme bekommen. Denn der 52-jährige Groß- und Außenhandelskaufmann, der heute im Bereich der Immobilienverwaltung seine Brötchen verdient, ist Kommandeur der Hinkemann-Soldaten. „Wir sind eine achtköpfige Gruppe, die sich als Parodie der Soldaten des Infantrieregimentes 159 versteht. Das Regiment war ab 1899 für zwei Jahrzehnte in Mülheim stationiert“, erzählt Oliver.

Damals waren die Soldaten und ihre Garnisonskaserne an der Kaiserstraße heilig. Dass Männer und Frauen in eine Soldatenuniform schlüpfen, sich mit Holzgewehren bewaffnen und entwaffnend komisch in diverse Säle ein marschieren, um zum Beispiel ihre Hinterteile, passend zum Rhythmus der Musik aneinander zu reiben, wäre zu Kaisers Zeiten unvorstell- bar gewesen. Doch der Kaiser musste bekanntlich abdanken, während Prinz Karneval bis heute fröhlich weiterregieren darf. Humor ist eben unschlagbar. Das findet auch Oliver Thomas, der  vor 15 Jahren seine Tochter zum Tanztraining der KG Mölm Boowenaan fuhr und schon wenig später in die Vorstandsarbeit der 1955 gegründeten Karnevalsgesellschaft verwickelt wurde.

Er war Vorsitzender und Schatzmeister seines Karnevalsvereins ist derzeit sein Geschäftsführer – und Kommandeur der Hinkemann-Soldaten. „Kritiker werfen den karnevalistischen Garden mit Blick auf ihre Uniformen und Orden oft einen Hauch von Militarismus vor, obwohl eben diese uniformierten Garden ursprünglich den preußischen Militarismus auf die Schüppe nahmen. Das war auch schon bei der Mutter aller Garden, den 1823 in Köln gegründeten Roten Funken so“, erklärt Thomas.

Dass der gemeinsame Spaß an der Freude und nicht der Soldatenkult im Vordergrund steht, unterstreichen die Hinkemannsoldaten auch damit, dass sie nicht nur alte Kameraden, sondern auch Kameradinnen in ihre Garde aufnehmen. „Besonders viel Spaß haben die Zuschauer, wenn ich als Kommandeur einen meiner Soldaten zur Ordnung rufen muss, weil er mal wieder zu spät gekommen ist oder Uniform und Perücke nicht richtig sitzen“, weiß Thomas.
Das zieht den bekennenden Bayern-München-Fußballfan auch in den Karneval. „Man ist Teil einer fröhlichen Gemeinschaft und hat ein gemeinsames Ziel, nämlich die Leute für ein paar Stunden aus ihrem oft viel zu ernsten Alltag herauszuholen.“

Das tun die Hinkemannsoldaten der KG Mölm Boowenaan denn auch nicht nur bei der Prinzenproklamation, beim Möhnensturm oder Seniorenkarneval im Haus Gracht und beim Rosenmontagszug. Apropos Rosenmontagszug. Auch als Losverkäufer bei der Rosenmontagstombola im Forum ist sich Oliver Thomas nicht zu schade, damit der Narrenzug am 8. Februar ab 14 Uhr ins Rollen kommen kann. „Jeder, der auf unserem Gesellschaftswagen im Rosenmontagszug mitfährt, investiert rund 120 Euro ins Wurfgut für die Jecken am Straßenrand.“ 

Den Karneval vergleicht er mit einem Garten, in dem viele Blumen blühen und in dem zahlenmäßig nicht so starke Gesellschaften, wie Mölm Boowenaan, ihre Existenzberechtigung haben, weil sie eine ganz eigene närrische Farbe in das bunte Treiben der Fünften Jahreszeit bringen. Allerdings sieht der Geschäftsführer, der fast täglich um Nachwuchs wirbt oder Veranstaltungsauftritte organisiert, „dass der Karneval heute in einer Konkurrenz mit immer mehr Freizeit- und Sportangeboten steht.“

Dieser Text erschien am 20. Januar 2016 in der NRZ und in der WAZ

Freitag, 22. Januar 2016

Eine Frau geht. Ihre Aufgabe bleibt. - Nina Gutmann verlässt die Evangelische Ladenkirche in Richtung Ruhestand

Dr. Nina Gutnann in der
Evangelischen Ladenkirche
an der Kaiserstraße 4
„Die evangelische Ladenkirche wird heute und in Zukunft mehr denn je gebraucht“, sagt Nina Gutmann. Sie selbst verlässt die Ladenkirche an der Kaiserstraße, die sie ein Jahrzehnt lang geleitet hat, jetzt in Richtung Ruhestand.
„Es war eine sehr schöne und sehr aktive Zeit, in der mir die Kreissynoden allerdings immer wieder zugesetzt haben“, blickt die promovierte Literaturwissenschaftlerin auf ihre city-pastorale Arbeit für den evangelischen Kirchenkreis an der Ruhr zurück. 2011 halbierte die Kreissynode ihre bis dahin volle Stelle und machte ihre die Arbeit an der Basis damit nicht leichter. Nur mit einer Gruppe von rund 20 Ehrenamtlichen Mitarbeitern konnte sie die Ladenkirche werktags von 10 bis 18 Uhr und samstags von 11 bis 14 Uhr offen halten.

Bis zu 60 Besucher konnten Gutmann und ihren ehrenamtlichen Kollegen täglich an der Kaiserstraße begrüßen. Solange Gutmann eine volle Stelle hatte, wurde die Ladenkirche mehr als 60mal pro Jahr zum Veranstaltungsorten von Konzerten, Ausstellungen, Lesungen, Pfarrer-Sprechstunden, Bibelarbeiten und Diskussionen. Nach dem die Stelle halbiert wurde, musste die Zahl der Veranstaltungen um etwa ein Drittel reduziert werden. Wenn Gutmann jetzt geht, werden auch die werktäglichen Öffnungszeiten auf die Zeit von 11 bis 17 Uhr beschränkt.

In den vergangenen zehn Jahren kamen insgesamt 486 Menschen in die Ladenkirche um erstmalig oder wieder in die evangelische Kirche einzutreten. Während der Affäre um den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz van Elst und sein allzu üppiges Bischofspalais kamen besonders viele Katholiken zu ihr, um zu konvertieren.
„Ich möchte wieder dazu gehören und die soziale Arbeit der Kirche unterstützen“, hat sie immer wieder von Kirchenrückkehrern zu hören bekommen.

„Ich war immer wieder erschrocken, wie viele Menschen heute einsam sind und niemanden haben, mit dem sie offen sprechen können“, berichtet Gutmann aus ihrer Basis-Seelsorge. Nicht nur sozial benachteiligte, sondern auch beruflich erfolgreiche und gesellschaftlich angesehene, aber offensichtlich sozial isolierte Menschen suchten und fanden bei ihr und ihren ehrenamtlichen Kollegen ein offenes Ohr.
Gerade in Zeiten, in denen Kirchenferne und Glaubensverlust um sich greifen, brauche, so ist Gutmann überzeugt, die Kirche eine zentrale und nierderschwellige Anlaufstelle, wie die Ladenkirche. Deshalb freut sie sich auch darüber, dass der Kirchenkreis An der Ruhr zumindest ihre halbe Stelle wieder neu besetzen will. Gutmann glaubt, dass die Kirche künftig stärker auf Schwerpunktgemeinden setzen sollte, um so mit einem zum Beispiel kulturell, sozial oder liturgisch profilierten Gemeindeprogramm, Menschen direkter erreichen und ansprechen zu können.

Nina Gutmann wurde als Tochter einer russlanddeutschen Familie 1952 in Sibirien geboren. Später lebte und arbeitete die in Moskau promovierte Literaturwissenschaftlerin als Universitätsdozentin in Kasachstan. 1990 folgte sie zusammen mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern ihren Eltern nach Deutschland.In der atheistischen Sowjetunion hatte sie ihren von der Großmutter erlernten Glauben nicht offen leben können. Gottesdienste und Taufen fanden unter der Leitung theologisch gebildeter Laien im Wohnzimmer statt. Nachdem Gutmann in Deutschland zunächst selbst einen Deutschkurs besucht hatte, qualifizierte sie sich selbst zur Deutsch-Dozentin weiter und gab für einen privaten Bildungsträger im Auftrag des damaligen Arbeitsamtes Sprachkurse für Arbeitssuchende, ehe sie 2005 über das Diakoniewerk Arbeit & Kultur zur Ladenkirche kam. Neben ihrer Arbeit Ladenkirche gab und gibt sie heute als Honorarlehrkraft der Diakonie Deutschkurse für Zuwanderer. Ihre neue Freizeit im Ruhestand möchte sie unter anderem für den Besuch eines Englischkurses in der Evangelischen Familienbildungsstätte nutzen.

Dieser Text erschien am 21. Januar 2016 in der NRZ und in der WAZ

Mittwoch, 20. Januar 2016

So gesehen: Halleluja und helau

In die Kirche gehen? Um Gottes Willen. So denken und sagen es viele. Warum eigentlich? Von vielen Gottesdienst-Muffeln hört man, dass sie keine Lust darauf hätten, sich Predigten anzuhören, die an ihrer Lebenswirklichkeit vorbeigehen und wenn es ganz schlecht läuft, eher als Droh- denn als Frohe Botschaft von der Kanzel auf sie hernieder kommen. Dass es anders geht, zeigten gestern die karnevalistischen Gottesdienste in der katholischen Sankt-Engelbert-Kirche und in der evangelische n Immanuelkirche. Da predigten Pastor Michael Clemens und Pfarrer Michael Manz als klug reimender Bütteneredner im Priestergewand und als Engel im Praktikum nicht nur mit Herz und Verstand, sondern auch mit Spaß an der Freude über das „Wunder der Mitmenschlichkeit“ und „über die allzu menschlichen Baustellen des Lebens.“ Da sprang denn auch der Funke auf jeweils rund 150 Gottesdienstbesucher über. Auch Tanz und Musik, die die Karnevalisten mit in die Kirche brachten, bereicherten die Liturgie.

Da gab es, man höre und staune, sogar spontanen Applaus im Kirchenschiff. Das gibt es sonst selbst an Weihnachten und Ostern, wenn überhaupt, nur alle Jubeljahre. Am Aschermittwoch ist zwar mit dem Karneval alles vorbei. Aber ein bisschen Spaß und Lebensfreude tut der Kirche sicher auch zwischen Aschermittwoch und dem 11.11. gut. Und vielleicht kommt dann ja auch noch die Einsicht dazu, dass man in der nächsten Session lieber bei einem ökumenischen Karnevals-Gottesdienst gemeinsam lacht statt zeitgleich nebeneinander.


Dieser Text erschien am 18. Januar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 19. Januar 2016

Jung und jeck: Christian Hövelmann

Christian Hövelmann in
Aktion (Foto: Pictures & Music Hövelmann)
Wenn man so, wie Christian Hövelmann, Sohn eines Ex-Stadtprinzen ist, wird man entweder karnevalsresistent oder man wächst in den Karneval hinein und steigt voll ein. Der 26-jährige Elektriker hat sich für Letzteres entschieden. „Die meisten meiner Freunde habe ich im Karneval kennen gelernt“, sagtHövelmann. Die Karnevalsgesellschaft Blau Weiß, in der Vater Herbert mit von der Partie ist, ist für ihn zu einer zweiten Familie geworden.

Dort kann man ihn an vielen Stellen treffen. Am Schlagzeug der BMP-Brassband, am Reglerpult für die Licht und Tontechnik, beim Arrangieren oder Zusammenschneiden von Musikstücken und Soundtracks für die Tanzshows der blau-weißen Garden – oder auch ganz handfest beim Aufbau von Sitzgarnituren und Bühnendekoration.

„Ich habe mir noch nie Gedanken darüber gemacht, wie viele Stunden ich in den Karneval investiere. Denn Karneval ist mein Hobby. Hier bin ich in einer starken Gemeinschaft, in die ich mich kreativ einbringen kann“, sagt Hövelmann und lächelt. Der junge Mann, der inzwischen auch zum stellvertretenden Vorsitzenden und zum Hoppeditz seiner Gesellschaft avanciert ist, kann locker Laune machen. Für ihn gibt es kein „größeres Erfolgserlebnis, als die Menschen mit Musik, Tanz, Gesang und Komik für ein paar Stunden aus ihrem Alltag und ihren Sorgen herauszuholen.“ Deshalb ist er auch davon überzeugt, „dass wir gerade jetzt, in schwierigen Zeiten, Karneval feiern müssen, um uns eine fröhliche Konstante in unserem Alltag zu bewahren.“

Was ihm an seiner Gesellschaft besonders gut gefällt, ist die Tatsache, „dass man bei uns auch zwischen den Sessionen gemeinsam feiert oder etwas unternimmt.“ Das die Mischung aus familiärem Zusammenhalt und fröhlicher Gemeinschaft auch Jüngere anziehen kann, macht Christian Hövelmann daran fest, „dass wir als Gesellschaft inzwischen rund 250 Mitglieder haben, von denen immerhin rund 20 Prozent unter 18 sind.“ Und deshalb ist ihm auch nicht bange um seine karnevalistische Zukunft im blau-weißen Narrengewand. Allerdings würde er sich von so manchem Arbeitgeber mehr Verständnis für das karnevalistische Hobby seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wünschen. Denn oft sind es die immer flexibler und expansiver werdenden Arbeitszeiten, die so manchem Karnevalsfreund den Spaß an der Freude verderben.

Dieser Text erschien am 13. Januar in der NRZ und in der WAZ

Montag, 18. Januar 2016

Eine vergleichsweise sichere Stadt: DREI FRAGEN AN: Stadtdirektor Frank Steinfort

Der Jurist und Stadtdirektor Dr. Frank Steinfort
ist als Dezernent im Verwaltungsvorstand
für die Bereiche Recht, Sicherheit und Ordnung
zuständig.
Nach den Kölner Silvesterereignissen stellt sich die Frage nach der inneren und der persönlichen Sicherheit für viele Bürger ganz neu. Wie sehen Sie als der für Ordnung und Sicherheit zuständige Dezernent die Entwicklung?

Entscheidend ist für mich, dass das staatliche Gewaltmonopol erhalten und auch konsequent ausgeübt wird. Es fängt damit an, dass Gesetze eingehalten und ihre Einhaltung auch durchgesetzt wird. Und das fängt wiederum schon damit an, dass wir auf keiner Straße das Parken in der zweiten Reihe tolerieren.

Wie sicher ist unsere Stadt?

Im Landesvergleich gehört Mülheim zu den sichersten Städten in NRW. Allerdings haben wir auch in unserer Stadt einen Anstieg der Wohnungseinbrüche zu verzeichnen. Und ich kann jungen Leuten nicht dazu raten, zwischen 2 und 4 Uhr nachts alleine durch die Stadt zu gehen. Dann kann es zu ungeplanten und manchmal auch gefährlichen Begegnungen kommen. Es gibt in unserer Stadt aber keine Bereiche, in denen man sich grundsätzlich unsicher fühlen und sie deshalb meiden müsste. Leider scheint es aber sinnvoll zu sein, dass sich vor allem junge Frauen mit Pfefferspray ausstatten, um im Ernstfall Männer auf Distanz zu halten, die ihre Privat- und Intimsphäre nicht achten. Von Elektroschockern würde ich aber abraten.

Ist die Polizeipräsenz in Mülheim ausreichend?

Ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln. Denn bisher hat die Polizei noch in keinem Fall ihre Hilfe mit dem Hinweis auf zu wenig Personal ablehnen müssen. Als Beigeordneter der Stadt habe ich natürlich keinen Einfluss auf den Personaleinsatz der Polizei. Grundsätzlich arbeiten Stadt und Polizei aber gut und vertrauensvoll zusammen. Wir sind in einem regelmäßigen Gespräch, auch über die Frage, was wir hier in Mülheim aus den Kölner Ereignissen lernen können, um ähnliche Vorkommnisse in unserer Stadt zu verhindern.

Dieser Text erschien am 16. Januar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 17. Januar 2016

Ein Handwerker des Frohsinns: Alfred Nakelski

Alfred Nakelski
Wenn man ein Junggeselle ist, so wie Alfred Nakelsi, hat das Vorteile. Man braucht keiner besseren Hälfte Rechenschaft über seine Zeit abzulegen.

Und Nakelski verbringt viel Zeit in seinem Keller, in der Wagenbauhalle oder bei den Treffen und Veranstaltungen der Prinzengarde Rote Funken. Überall dort, wo ein tatkräftiger Mann mit zwei rechten Händen gesucht wird, ist der gelernte Schreiner und Tischler zur Stelle. In den 53 Jahren, die er nun schon zur 1958 gegründeten Prinzengarde der Roten Funken gehört, hat er mit Säge, Schleifmaschine, Hobel, Holz, Draht, Styropor, Span- und Hartfaserplatten schon so manches Wagen- und Bildmotiv auf in den Rosenmontagszug oder auf die Bühne der Roten Funken gezaubert. Das Spektrum reicht vom Ludwig-Erhard-Kopf über Kogge und Bus bis zu Windmühlen und einer Blumenwiese. Ludwig Erhards Credo: „Wohlstand für alle“ und „Maß halten“ sind Nakelskinoch im Ohr. Doch seit Erhards Zeiten hat er so viele Figuren und Bilder kreiert, dass ihm auf Anhieb gar nicht mehr alle Motive einfallen. Der 81-Jährige Funke ist ein Mann der Tat und nicht des Wortes. Warum investiert er so viel Zeit und Arbeit in den Karneval, statt zuhause im wohlverdienten Ruhestand die Beine hochzulegen? „Ich bin kein Eigenbrödler. Mir macht es einfach Freude, anderen zu helfen und in einer starken Gemeinschaft Spaß zu haben“, begründet er sein unermüdliches Engagement. Spaß in einer starken Gemeinschaft hatte Alfred Nakelski auch schon in seiner Kindheit, zusammen mit fünf Brüdern und vier Schwestern. „Wir haben auch schon vor unserer Zeit bei den Roten Funken die Kappenfeste des Mülheimer Karnevals besucht und kräftig mitgefeiert“, erinnert sich Nakelski. Und dann sprang der Rote Funke auf die zahlreiche und lebenslustige Handwerkerfamilie über. Den Anfang machten die Nakelski-Schwestern Christel, Irma und Gisela. Sie ließen sich von Bruder Bernhard ab 1961 zum Tanztraining der Roten Funken fahren. Auch Mutter Resi war bald mit von der närrischen Partie. Der Spaß an der Freude in der Funkenfamilie, den sie bist zuletzt genoss, hat ihr offensichtlich nicht geschadet, erreichte sie doch immerhin ein gesegnetes Lebensalter von 101 Jahren.

Heute fährt Bernhard nicht mehr seine Schwestern, sondern seinen drei Jahre älteren Bruder Alfred, der ansonsten auch gut ohne Führerschein durchs Leben kommt zu den Veranstaltungen und Baustellen der Roten Funken.
Nicht nur in seiner Gesellschaft wissen die Karnevalisten Nakelskis handfeste Hilfe zu schätzen. Deshalb haben sie ihn auch schon 2004 in die närrische Rittergilde vom Schiefen Turm aufgenommen und ihn unter anderem mit dem höchsten Verdienstorden des Bundes Ruhrkarnval ausgezeichnet.
„Ich finde es einfach faszinierend, wie man beim Wagen- und Bühnenbau aus seinen Ideen eine Wirklichkeit werden lassen kann, die zum Beispiel beim Rosenmontgszug von 1000neden von Menschen bewundert werde“, erklärt der Mann in den 80ern seinen ewig junge Leidenschaft fürs närrische Handwerk, zu dem auch schon mal der Losverkauf für die Rosenmontagstombola im Forum oder die Kanzlerschaft im Elferrat der Roten Funken gehören.

Und wie lange will der Handwerker des Frohsinns bei den Funken Hand anlegen? „Ich lasse das Leben auf mich zukommen und mache einfach solange weiter, wie ich es kann“, antwortet Nakelski mit närrischer Gelassenheit. Wie gesagt: Mutter Resi ist mit der frohsinnigen Funken-Familie 101 Jahre alt geworden. Bis dahin hat ihr Sohn noch viel vor. 

Dieser Text erschien am 6. Januar 2016 in der NRZ und in der WAZ

Samstag, 16. Januar 2016

Knabe und die Kunst: Der Grüne Alt-Bürgermeister erinnert sich an die befreite Moderne

Dr. Wilhelm Knabe wurde 1923 in Sachsen
geboren. Damit gehört er zur Generation
der Kriegsteilnehmer. Nach dem Krieg wurde
der Forstwissenschaftler zunächst in der
ostdeutschen CDU aktiv. 1959 verließ er
mit seiner Familie die damalige DDR. Seit 1967 lebt
der vierfache Familienvater in Mülheim. Ende der
70er Jahre gehörte er zu den Gründungsvätern
der Grünen. Von 1987 bis 1991 gehörte er dem
Deutschen Bundestag an. Von 1994 bis 1999
war er in seiner Wahlheimat Mülheim Bürgermeister.
Manchmal sind Menschen gegenwärtig, obwohl sie nicht da sind. So war es jetzt auch, als die Heinrich-Böll-Stiftung zur Finissage der Ausstellung "Befreite Moderne" ins städtische Kunstmuseum Alte Post einlud. Der grüne Alt-Bürgermeister und ehemaliger Bundestagsabgeordnete Wilhelm Knabe, der die Stiftung auf die Werkschau aufmerksam gemacht und eine Führung durch Museums-Leiterin Beate Reese angeregt hatte, wollte und sollte als Zeitzeuge über die Befreiung der Moderne berichten.

Er tat es in einem anschaulichen und anrührenden Vortrag, obwohl ihn eine Grippe dazu zwang, das Bett zu hüten. An seiner Stelle trug Marlies Rustemeyer vom Centrum für bürgerschaftliches Engagement seine Worte vor.

Der 1923 geborene Knabe erinnerte sich an einen Deutsch-Unterricht, der in den 30er Jahren ohne die Werke von Thomas Mann und Hermann Hesse stattfand. Sie sollte er erst in der amerikanischen Kriegsgefangenschaft kennen lernen. Auch die karrikaturartigen und zugleich provozierend realistischen Arbeiten des gesellschaftskritischen Malers und Zeichners Otto Dix lernte er erst bei einem Ausstellungsbesuch im Jahr 1946 kennen. Und die Musik des neuen Lebens- und Freiheitsgefühls waren für ihn und seine Altersgenossen der amerikanische Jazz.

"Erst bei der Vorbereitung der heutigen Veranstaltung", so Knabe in seinem Vortrag, "wurde mir blitzartig klar, dass mit der Ausschaltung der modernen Kunst auch der eigene Horizont massiv verengt wurde. War das die Absicht des NS-Regimes? Wir Jungen sollten doch nur willige Krieger werden. Wir sollte bereit sein, unsere Nachbarn zu unterwerfen, sie aber nicht verstehen oder gar lieb gewinnen. Fiel vielleicht auch deshalb der Kunstunterricht in den Oberklassen aus und nicht nur wegen der Einberufung der Lehrer?"

Vor dem Hintergrund seiner eigenen Lebenserfahrung würdigte Knabe die Werkschau der deutschen Kunst in den Nachkriegsjahren 1945 bis 1949, "als einen Freiraum, den ich gerne nutze", um die von den Nationalsozialisten verursachten Bildungsdefizite seiner Generation in einem jahrzehntelangen Prozess auszumerzen.

Abgerundet wurde der Vortrag Wilhelm Knabes durch eine inspirierende Führung der Kunsthistorikerin Beate Reese, die die 30 Gäste der Heinrich-Böll-Stiftung dazu einlud, die Formen- und Farbensprache der vom Nationalsozialismus befreiten Künstler zu entdecken: Geöffnete Fenster, um frische Luft hereinzulassen, zerbrochene Strukturen, Hell-Dunkel-Kontraste, aber auch harmonische und farbenfrohe Bildkompositionen, die die neue Lebensfreude der Befreiung von Diktatur und Krieg austrahlen.

Dieser Text erschien am 13. Januar 2016 in der Mülheimer Woche

Freitag, 15. Januar 2016

Erinnerung an zerbrochene Strukturen: Das Kunstmuseum Alte Post und die Heinrch-Böll-Stiftung luden in die Ausstellung "Befreite Moderne"

Die Leiterin des Kunstmuseums Alte Post
Kunsthistorikerin, Dr. Beate Reese bei der
Führung durch die Ausstellung
"Befreite Moderne"
Zerbrochene Strukturen, das Spiel mit Hell und Dunkel, geöffnete Fenster, die frische Luft hereinlassen oder schwungvolle und farbenstarke Motive der neuen Freiheit und Lebensfreude. Diese Motive finden sich immer wieder in der Ausstellung „Befreite Moderne“, durch die sich am Freitag 30 Gäste der Heinrich-Böll-Stiftung fachkundig von Beate Reese führen ließen.

Kurzweilig und pädagogisch geschickt, bezog die Kunsthistorikerin und Leiterin des Kunstmuseums Alte Post die Betrachter in ihre Führung mit ein, ermutigte sie zum genaueren Anschauen und Interpretieren der Bilder. In der eineinhalbstündigen Werkschau wurde deutlich: Freiheit ist nicht selbstverständlich. Sie muss immer wieder gepflegt, verteidigt, erkämpft und erarbeitet werden. Alt-Bürgermeister Wilhelm Knabe weiß das aus seiner 92-jährigen Lebenserfahrung. Er hat als Zeitzeuge die den Grünen nahestehende Heinrich-Böll-Stiftung auf die Mülheimer Ausstellung aufmerksam gemacht. Eigentlich wollte der Gründungsvater der Grünen in der Alten Post selbst berichten, wie er die Befreiung der Kunst nach 1945 erlebt hat. Doch eine Grippe zwang ihn, zuhause zu bleiben. „Von einer intakten Zivilgesellschaft konnte man nicht mehr sprechen. Denn die Nationalsozialisten hatten während ihrer Herrschaft alle Bereiche des menschlichen Zusammenlebens beherrscht“, erinnert sich Knabe in seinem von Marlies Rustemeyer vorgetragenen Zeitzeugenbericht. Kaum vorstellbar, dass sein Deutsch-Unterricht in den 30er Jahren ohne die Werke von Hermann Hesse oder Thomas Mann stattfand. Sie sollte er erst in der amerikanischen Kriegsgefangenschaft kennen lernen. „Erst 1946“, so Knabe, habe er in einer Ausstellung zum ersten Mal die Bilder des von den Nazis verfemten Malers Otto Dix gesehen. „Ich brauchte viele Jahrzehnte“, so Knabe weiter, „um diesen durch die Nazis verursachten Verlust an Bildung in meiner Jugend aufzuholen. Unser Kunstmuseum hat mir dabei geholfen. Ich danke dafür und nutze ganz praktisch auch den Freiraum dieser Ausstellung dafür.“


Dieser Text erschien am 9. Januar 2016 in der NRZ und in der WAZ

Donnerstag, 14. Januar 2016

Eine Frau, die Farbe in die Politik brachte: Vor 30 Jahren starb Helga Wex

Helga Wex
(1924-1986)
Archivfoto: CDU
Als die CDU vor einigen Wochen ihren 70. Geburtstag feierte, fiel der Name Helga Wex öfter. Als „intellektuelle Mentorin“ und als „Vordenkerin einer modernen Frauen und Familienpolitik“, der „wir unendlich viel verdanken“ wurde die vor 30 Jahren gestorbene Christdemokratin gewürdigt. Erziehungsgeld und familienfreundliche Arbeitszeitmodelle, etwa durch Teilzeitarbeit. Was heute selbstverständlich klingt, war umstritten, als es von Helga Wex in den späten 60er und frühen 70er Jahren zum ersten Mal in die politische Debatte eingebracht wurde.

1967 rückte die damals 44-jährige Literaturwissenschaftlerin für den verstorbenen Alt-Bundeskanzler Konrad Adenauer in den Bundestag nach. Schon zwei Jahre später wählte sie ihre Partei zur stellvertretenden Bundesvorsitzenden. Als stellvertretende Fraktionsvorsitzende gehörte Wex in den 70er Jahren zu den Schattenkabinetten der damaligen Unions-Kanzlerkandidaten.

1971 war Wex Gründungsvorsitzende der CDU-Frauenvereinigung, aus der später die Frauen-Union wurde. Als originelle Querdenkerin, die für eine partnerschaftliche Frauen- und Familienpolitik auf allen gesellschaftlichen Ebenen eintrat, war Wex hoch geachtet, eckte aber auch bei vielen konservativen Parteifreunden an. Erst 1985 konnte sie sich mit ihren politischen Ideen auf dem Essener CDU-Parteitag durchsetzen.

Doch da war sie schon von der Krebserkrankung gezeichnet, der sie am 9. Januar 1986 im Alter von 61 Jahren erliegen sollte. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel würdigte Wex in einem Nachruf als „unbequeme Dame“ und „als einen Farbtupfer in dem ansonsten vom grauen Männerzwirn geprägten Bundestag.“


Dieser Text erschien am 9. Januar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 13. Januar 2016

Drei Fragen an Was wird aus den ehemaligen Christbäumen?

Tanja Schenk
(Foto: MEG)
„O, Tannenbaum. O, Tannenbaum. Du kannst mir gut gefallen.“ So heißt es in einem Weihnachtslied. Doch nach dem Fest kommt die Arbeit. Alle Jahre wieder, müssen die ehemaligen Schmuckstücke aus den Wohnzimmern an den Straßenrand gestellt werden. Doch was passiert dann mit ihnen? Tanja Schenk aus dem Geschäftsführungsteam der Mülheimer Entsorgungsgesellschaft MEG weiß es:

Frage: Wie viele Christbäume müssen nach dem Weihnachtsfest abtransportiert werden?

Antwort: In den letzten Jahren sind rund 140 Tonnen pro Saison angefallen. Das entspricht in etwa einer Anzahl von 15 000 bis 18 000 Weihnachtsbäumen. Diese Zahl ist gleichbleibend.

Frage: Was passiert mit den ausgemusterten Christbäumen, wenn sie bei der MEG angekommen sind?

Antwort: Von der MEG aus kommen die Christbäume in die Kompostierungsanlage Coesfeld und werden dort zu Kompost verarbeitet, der als Dünger in der Landwirtschaft oder im Gartenbau landet.

Frage: Was passiert, wenn man seinen Baum nicht rechtzeitig an den Straßenrand stellt?

Antwort: Wenn ein Weihnachtsbaum nicht rechtzeitig am Straßenrand liegt, wird er nicht von der MEG mitgenommen. In diesem Fall kann man ihn kostenlos am Schadstoffmobil oder am Recyclinghof abgeben. „Wild“ entsorgte Weihnachtsbäume gelten als „wilde Müllablagerung“ und werden im Auftrag der Stadt Mülheim kostenpflichtig entsorgt.


So gesehen: O, Tannenbaum, o Tannenbaum

O, Tannenbaum. O, Tannenbaum: Du kannst mir sehr gefallen. So haben wir vor kurzem noch in unseren Wohnzimmern unter dem Selbigen gesungen. Und jetzt liegen die Ex-Christbäume schon wieder auf der Straße. So schnell geht es im Leben. Heute hui, morgen pfui. Ein Sinnbild für unsere gesellschaftliche Landschaft. Von wegen: „O Tannenbaum, o Tannenbaum, dein Kleid will mich was lehren: Die Hoffnung und Beständigkeit gibt Trost und Kraft zu jeder Zeit.“ Nicht nur ehemalige Christbäume, die nadeln, sondern auch so mancher Mann, wie ein Baum, landet zuweilen über Nacht auf der Straße, weil seine Ecken und Kanten nicht mehr ins Konzept der untreuen Tomaten passen, die zuweilen in Chefetagen sprießen. Diese Früchtchen vergessen in ihren Blütenträumen vom perfekten und produktionskompatiblen Menschen, dass Treue und Beständigkeit der Dünger sind, der dafür sorgt, dass wir als Gesellschaft noch auf einen grünen Zweig kommen und uns gegenseitig grün bleiben können. Das Gefühl, im Wald zu stehen oder den Selbigen vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen, haben wir heute viel zu oft.

Dieser Text erschien am 12. Januar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 11. Januar 2016

Karneval als Bürgerpflicht: Die Regierungserklärung der Kindertollitäten

Die Kindertollitäten bei ihrer
Proklamation im Autohaus Extra
Kaum ist Silvester vorbei, geht es mit Karneval weiter. Gestern feierten 300 kleine und große Jecken im Autohaus Extra die Proklamation des Kinderprinzenpaares und seines Ministers Nick. Kinderprinz Luka und Kinderprinzessin Chiara machten in ihrer närrischen Regierungserklärung klar. „In der kommenden Session sollen die Kindertollitäten schon zum Beginn der Session und nicht erst im Januar proklamiert werden.“

Eine gute Idee, ebenso wie ihr Erlass, dass die Lehrer an allen Schulen Karnevalsfeste für die mölmschen Kinder organisieren sollen. Auch Oberbürgermeister Ulrich Scholten muss ran. Er soll sich, wenn es nach den Kindertollitäten geht, als Clown beim Kinderkarneval im Forum unter das närrische Volk mischen. „Ich bin damit gut weggekommen, besser jedenfalls als Senatspräsident Markus Uferkamp“, kommentiert der OB seine karnevalistische Verpflichtung. Ex-Prinz Markus Uferkamp soll nämlich beim Prinzenempfang als Mittänzer bei ihrer Tanzshow einsteigen. Wie flott es bei der Show mit rheinisch-brasilianischen Rhythmen zugeht, konnte sich Uferkamp schon mal anschauen. Aber als Ex-Prinz und Gerüstbauer hat er natürlich keine Angst vor Auftritten auf anspruchsvollem Terrain.

Auch Luka, Chiara und Nick bewiesen bei ihrem ersten offiziellen Sessionsauftritt professionelles Showtalent. Sie ließen sich auch dann nicht aus der Ruhe bringen, als ihr Adjutant Klaus Groth mitteilte: „Das ist jetzt der Moment, wo der Adjutant die Rolle mit den Proklamationsparagrafen holen muss, die er im Auto vergessen hat.“ Was soll’s...

Für flotte Musik und eine Schunkelrunde ist im Karneval immer der richtige Zeitpunkt. Die Musiker der KG Düse standen ohnehin bereit. Und die Karnevalsfreunde vom Musikzug der Houltköpp und von der Stadtwache sorgten durchgehend mit Waffeln, Würstchen und Co. fürs leibliche Wohl.

Dass der Karneval auch dann Spaß macht, wenn mal nicht alles nach Plan läuft, sollen die Mülheimer am eigenen Leibe erfahren, wenn sie, der Kinderprinzenorder folgend, alle Karnevalsveranstaltungen besuchen. Ein frommer Narrenwunsch! Eine Stadt voller Narren. Mal sehen, ob die Arbeitgeber den Spaß auch verstehen.

Realistischer dürfte da schon ein Sommerfest mit allen und für alle 13 Karnevalsgesellschaften sein, zu dem der Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval einladen soll. Gut Lachen hatte auch die Adjutantin des Kinderprinzenpaares, Gabi Hüßelbeck. Denn sie soll, auf Geheiß der jecken Nachwuchsregenten, vom Hofmarschall des großen Prinzenpaares, Hermann-Josef Hüßelbeck, nach der Session zu einem Wellness-Wochenende eingeladen werden. Der Name zeigt es: Die beiden sind ein Ehepaar.


Dieser Text erschien am 4. Januar 2015 in der NRZ und in der WAZ

Sonntag, 10. Januar 2016

So gesehen: Mächtig Spaß haben

Kinder an die Macht. So sang einst Herbert Grönemeyer. Ist der Mann närrisch? Wer schon mal erlebt hat, wie sich die lieben Kleinen zu wahren Monstern entwickeln können, wenn es nicht so läuft, wie sie sich das wünschen, kann daran zweifeln, ob Kinder in jedem Fall die besseren Regenten wären.

Apropos närrisch. Die närrischen Nachwuchsregenten Luka, Chiara und Nick haben gestern bewiesen, dass sie alles andere, als Monster sind, eher schon echte Feier-Biester, die bei ihrem flotten Showtanz keinen Narren ungerührt auf seinem Stuhl lassen.

Was besonders beeindruckte ist die Tatsache, dass sie ihren eleganten Prinzenstick, der jedes Revers schmückt, für je drei Euro zugunsten des Rafaelhauses unter das feierende Narrenvolk bringen wollen. Hoffentlich wird er ein Kassenschlager.

Im Rampenlicht des eigenen Erfolgs auch an die Altersgenossen zu denken, die nicht im Rampenlicht stehen, ziert die Nachwuchsregenten und macht sie zu Vorbildern für so manch tierisch ernsten Regenten auf unserer Welt, die zu weilen an ein Tollhaus erinnert.

Im Falle von Prinz Luka, Prinzessin Chiara und Minister Nick hat Herbert Grönemeyer auf jeden Fall recht. 



Dieser Text erschien am 4. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 9. Januar 2016

So gesehen: Denk ich an Adenauer

Heute hat nicht nur die Stadthalle Geburtstag, ihren 90. Auch Konrad Adenauer würde heute 140, wenn er denn noch lebte. Der erste CDU-Vorsitzende und Kanzler, der 1946 im Tengelmann-Saal sprach und 1961 wegen des Mauerbaus in Berlin einen Wahlkampfauftritt in Mülheim absagte, bleibt den Mülheimern ausgerechnet durch die nach ihm benannte Brücke in Erinnerung. Es gibt schönere Bauwerke in der Stadt. Aber irgendwie passt es auch, war der Alte, der immerhin 91 Jahre alt wurde, doch auch ein Brückenbauer, zumindest in Richtung Westen. Der Mann, der erst mit 73 Kanzler wurde, kann Mut machen, sich in jedem Jahr etwas zuzutrauen und Brücken zu bauen.

Dieser Text erschien am 5. Januar 2016 in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung

So gesehen: Denk ich an Adenauer

Gestern war ein harter Tag für mich. Ich bin wieder ein Jahr älter geworden. Ich bin jetzt sogar älter, als es meine Mutter war, als ich sie als kleiner Knirps fragte: „Mutti, warum bist du eigentlich so alt?“ Da war die gute Frau gerade Mitte 40. Und ich konnte partout nicht begreifen, dass alle Mütter meiner Freunde damals erheblich jünger waren, als meine Mutter. Erst als ich einen Freund kennenlernte, dessen Mutter noch älter war als meine Mutter, war ich beruhigt.

Ruhe und Mut gibt mir, dass auch mein Geburtstagskollege Konrad Adenauer, der 92 Jahre vor mir am 5. Januar 1876 geboren wurde. Der Mann startete bekanntlich mit 73 als Bundeskanzler noch mal so richtig durch. Und mit 90, als er immer noch CDU-Chef war, verblüffte er einen Journalisten, der ihm an seinem Geburtstag gönnerhaft sagte: „Ich hoffe, dass wir uns nächstes Jahr noch mal wiedersehen!“ mit der Gegenfrage: „Wieso? So schlecht sehen Sie doch gar nicht aus!“ Denk ich an Adenauer, weiß ich: Jedes Lebensjahr kann etwas für sich haben, wenn man sich vom Leben überraschen und sich vom Zahlenterror des Jugendwahns nicht irritieren lässt.


Dieser Text erschien am 6. Januar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Freitag, 8. Januar 2016

90 Jahren und kein bisschen greise: Die Stadthalle wurde gefeiert

Der Männergesangverein Frohsinn
beim Festakt zum 90. Geburtstag
der Stadthalle
Ein Extrablatt zum runden Geburtstag. Das bekommen nur ganz besondere Geburtstagskinder. Die Stadthalle ist so ein Geburtstagskind. Dafür gingen MST-Geschäftsführerin Inge Kammerichs und ihre für den Stadthallenbetrieb verantwortlichen Mitarbeiter sogar unter die Blattmacher und gaben zum Ehrentag ein aktuelles, aber vom alten Mülheimer Generalanzeiger anno 1926 inspiriertes Sonderblatt heraus, das unter den gut 750 Geburtstagsgästen reißenden Absatz fand. „Freiheit für die Menschen und Frieden auf der Welt.“ Dieser vom Männergesangverein Frohsinn vorgetragene Geburtstagswunsch war so aktuell, wie bei der Eröffnung am 5. Januar 1926. „Doch weil Männer ohne Frauen einfach nicht komplett sind“, wie Kammerichs zurecht bemerkte, hatten sich die Frohsinn-Herren von heute mit dem Damen-Quartett „Just4You“ weibliche Verstärkung für den Festakt geholt.

„Sie ist nicht nur eine elegante Dame mit Grandezza, deren Ausstrahlung weit über Mülheims Grenzen hinaus reicht. Sie ist nicht nur das kulturelle Herz der Stadt, sondern mit vielen aktuellen Tagungen und Kongressen inzwischen auch ein Haus der Wirtschaft.“ So würdigte Oberbürgermeister Ulrich Scholten die Stadthalle. Rückblickend hob er den „politischen Mut“ seiner Vorgänger hervor, „die Stadthalle zu pflegen und immer wieder weiterzuentwickeln“.

Der Leiter des Stadtarchivs, Kai Rawe, griff Ulrich Scholtens Gedanken auf und sagte in seinem historischen Festvortrag: „Auch wenn das viel Geld kostet, wünsche ich der Stadthalle, dass sie auch in Zukunft gepflegt, instand gehalten und modernisiert wird. Denn die Stadthalle ist unser gemeinsames historisches Erbe.“

Rawe erinnerte daran, dass es die Bauarbeiter und Handwerker waren, die bereits im Dezember 1925 die ersten Bürger waren, die auf der damals neuen Stadthallenbühne Musik aus Anton Bruckners 5. Sinfonie zu hören bekamen. „Das war damals ungewöhnlich, da sich ansonsten nur finanziell potente Bürger den Kulturgenuss in der Stadthalle leisten konnten.“ Das Kultur heute auch für kleinere Geldbeutel erschwinglich ist, ist für Kai Rawe ein gesellschaftlicher Fortschritt, den es auch in Zeiten knapper öffentlicher Kassen zu bewahren gelte.


So gesehen: Weibliche Meisterwerke


Als „alte und elegante Dame mit Grandezza“ hat Oberbürgermeister Ulrich Scholten die Stadthalle bezeichnet. Ein herrlich altmodisches Lob. Die echten Klassiker sind eben zeitlos schön. Das gilt auch für ein Meisterwerk, wie die Stadthalle. Wer sich im Leben auskennt, weiß, dass die allermeisten alten Damen auch dann ein Meisterwerk sind, wenn sie nicht aus Steinen, sondern aus Fleisch und Blut sind, gepaart mit Lebenserfahrung, Charakter, heiterer Gelassenheit und Güte. Einige alte Schachteln bestätigen als Ausnahme nur die Regel. Wenn man als Mann auch im neuen Jahr die alte Regel beherzigt, antworte niemals spontan oder ehrlich, wenn dich eine Frau fragt: „Wie alt schätzen Sie mich?“ oder: „Findest du mich zu dick?“ 

Dieser Text erschien am 6. Januar 2016 in der NRZ und in der WAZ

Donnerstag, 7. Januar 2016

Rückblick: Vor 90 Jahren wurde Mülheims Stadthalle mit Wagners Meisteringern und Bruckners fünfter Sinfonie eröffnet

Ein Blick auf die Stadthalle am
Broicher Ruhrufer im Januar 2016
"Sinfoniescheune" nannten die alten Mülheimer den Kirchholteschen Saal in Eppinghofen. Bis zu 1300 Besucher fanden hier bei kulturellen und gesellschaftlichen Veranstaltungen Platz. Doch der aus Holz gebaute Versammlungsort war alles andere als repräsentativ und wetterunabhängig. Je nach Witterung kamen die Gäste ins Schwitzen oder sie mussten frieren.

Schon seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts wurde im immer größer und selbstbewusster werdenden Mülheim über den notwendigen Bau einer Stadthalle diskutiert und beraten. Und auch wenn im Kriegsjahr mit Hilfe von Bürgerspenden ein Baugrundstück am Broicher Ruhrufer gekauft werden konnte, sollten noch einmal zehn Jahre  vergehen, bis aus dem Wunsch der Stadthalle Wirklichlkeit werden sollte.

Ausgerechnet in den schweren Jahren der Inflation und der französischen Besetzung bewerkstelligte Mülheim den Bau seiner Stadthalle, die am 5. Januar 1926 feierlich eröffnet wurde. Ihre an einen italienischen Palazzo erinnernde Architektur brachte der Stadt bei Zeitgenossen den Ruf eines „Ruhr-Venedigs“ ein. Verantwortlich für das Meisterwerk waren die Architekten Hans Großmann und Emil Fahrenkamp, die sich mit dem Rathaus und mit Sankt Mariae Geburt 1916 ein Denkmal im Herzen der Stadt gesetzt hatten, beziehungsweise es sich 1929 noch setzen sollten.

Auf dem Festprogramm standen Richard Wagners „Meistersinger von Nürnberg“ und Anton Bruckners 5. Sinfonie. Neben dem städtischen Orchester Duisburg wirkten damals auch die Sänger des Männergesangvereins Frohsinn 1852 am Eröffnungsprogramm mit. Der damalige Oberbürgermeister Paul Lembke wünschte sich bei der Eröffnung, „dass künftigen Generationen in glücklicheren und leichteren Zeiten als diesen die Segnungen der Kultur zuteil werden.“

Allerdings war die Stadthalle auch schon in ihren ersten Jahren nicht nur ein kultureller Veranstaltungsort. Hier fanden in den späten 20er Jahren unter anderem auch Beamtentage, Bauern- und Handwerkertage statt. 


Doch die Zeiten wurden nicht leichter, wie es ich Oberbürgermeister Lembke bei der Eröffnung der Stad. Während des Zweiten Weltkrieges wurde „Mülheims gute Stube“ 1943 ein Opfer der Bomben. Es sollte bis zum 11. Oktober 1957 dauern, ehe in der unter der Leitung des Architekten Gerhard Graubner neu aufgebauten Stadthalle mit Klaus-Jürgen Wussow in Goethes Egmont wieder Kultur über die Stadthallenbühne gehen sollte.

Neben Bürgerspenden trugen auch die Erlöse einer Pfingstkirmes und einer Stadthallenlotterie zur Finanzierung des Wiederaufbaus bei.Bevor die Stadthalle bei. Bevor Mülheims "gute Stube" am 11. Oktober 1957 im Beisein des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss neu eröffnet wurde, waren Großveranstalter immer wieder in den Altenhof an der Kaiserstraße oder in das Löwenhof-Kino ausgewichen.

Zur Wiedereröffnung schrieb der Mülheimer Journalist Franz Rolf Krapp in einem Geburtstagsgruß: „Die Stadthalle Mülheims ist mehr als eine Stadthalle. Sie ist mehr als ein Bauwerk und eine städtebauliche Dominante. Sie ist das Symbol des kulturellen Lebens der Stadt. Sie ist ein Bekenntnis der Bürgerschaft zu den Werten der Kultur."


1989 erhielt der Vorplatz der Stadthalle den Namen des Bundespräsidenten, der sie 1957 wieder eröffnet hatte. Und drei Jahre später wurde auf eben diesem Vorplatz Robert Schnads Stahlskulptur "Mülheimer Gruppe" aufgestellt, die im Mülheimer Volksmund allerdings zuweilen als "Panzersperre" verunglimpft wird.

Dieser Text erschien am 5. Januar 2916 in der NRZ und in der WAZ

Mittwoch, 6. Januar 2016

Hier schaut man gerne hin: Allein 2015 haben 90.000 Menschen etwa 200 Veranstaltungen in der Stadthalle besucht, die vor 90 Jahren eröffnet wurde. Ihr Betrieb kostet jährlich über 1 Million Euro

Die beleuchtete Stadthalle
an einem Januarabend 2016
Eine alte Dame wird heute 90, die Stadthalle. Wohl fast jeder Mülheimer wird mit dem Haus, in dem jährlich 200 bis 300 Veranstaltungen über die Bühne gehen, seine ganz persönlichen Erinnerungen und Erlebnisse verbinden.

Vielleicht hat man dort ein Konzert, ein Kabarett-Programm, einen Klavierabend oder ein Stück gesehen. Vielleicht hat man an einem Parteitag oder an einer Karnevalssitzung teilgenommen. Vielleicht hat man mit seinen Kollgen dort ein Betriebsfest gefeiert oder hatte eine Tagung.

An rund 260 von 365 Tagen im Jahr ist die Stadthalle ein Ort der Begegnung. Im Jahr 2015 besuchten rund 90?000 Menschen die Stadthalle. Im Kulturhauptstadtjahr 2010 zählte man sogar 150.000 Gäste. Eine Anekdote am Rande: 1993 warteten die Besucher der Theatertage Stücke in der Aufführung von Peter Turrinis „Alpenglühen“ vergeblich auf Harald Juhnke. Der Entertainer sollte den Blinden spielen, war aber in einer Mülheimer Kneipe hängen geblieben und deshalb nicht bühnenreif.

Vor allem Kabarett- und Kleinkunst-Veranstaltungen, ob mit Herbert Knebel oder mit Helge Schneider erweisen sich immer wieder als echte Publikumsmagneten. Kultur, Begegnung, Information und Kommunikation. Der Name ist Programm. Die Stadthalle ist eine Halle für alle Fälle.

Schön, aber auch teuer. Inge Kammerichs ist als Geschäftsführerin der Mülheimer Stadtmarketing- und Tourismus-Gesellschaft MST verantwortlich für das Management der Stadthalle, die seit 2002 zum Aufgabenbereich der MST gehört.

Die jährlich Betriebskosten schätzt Kammerichs auf bis zu 1,5 Millionen Euro. Energie, Personal, Brandschutz und regelmäßige Bauinstandhaltung gehen ins Geld. Allein die große Modernisierung der Jahre 2004 bis 2006, als das Kultur- und Kongress-Zentrum Stadthalle auf den neuesten Stand der Technik gebracht wurde, kostete rund sechs Millionen Euro. Deshalb hat auch die Vermietung, etwa des Festsaales, ihren Preis. Die Tagesmiete für eine Veranstaltung im Festsaal liegt aktuell bei 1295 Euro. Das ist für viele gemeinnützige Vereine zu viel, auch wenn sie von der MST einen 40-prozentigen Rabatt eingeräumt bekommen.


Dieser Text erschien am 5. Januar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 5. Januar 2016

Die Schatzmeisterin: Rosi Rövekamp

Rosi Rövekamp
Rosi Rövekamp gehört nicht zu den Menschen, die sich in den Vordergrund drängen. Und doch ist sie ganz sicher eines der Gesichter des Mülheimer Karnevals, das viele Narren schon gesehen haben. Bei vielen Veranstaltungen, zu denen der Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval oder ihre Gesellschaft, die MüKaGe einladen, sitzt die 67-Jährige, die im Einzelhandel ihr Geld verdient, im Saal an der Kasse. „Die meisten Menschen wissen gar nicht, mit wie viel Geld- und Arbeitseinsatz die Durchführung einer Karnevalsveranstaltung verbunden ist“, sagt Rövekamp.

Wenn Saalmiete und Künstlergagen zusammenkommen, sind 2000 Euro und mehr schnell ausgegeben. Deshalb achtet Rövekamp als Schatzmeisterin der Ersten Großen Mülheimer Karnevalsgesellschaft von 1937 auch nicht nur auf die Kasse, sondern sorgt mit ihren Kolleginnen von der Müttergarde der MüKaGe mit echten Leckerbissen für die Verbesserung der Einnahmenseite. „Unsere Gesellschaft hat aktuell etwa 120 Mitglieder und einen Monatsbeitrag von acht Euro“, schildert Rövekamp die finanzielle Grundausstattung der MüKaGe.

Deshalb ist die älteste Mülheimer Karnevalsgesellschaft auf Rövekamp und ihre anderen tatkräftigen Mütter angewiesen, die nicht nur bei Karnevalsveranstaltungen mit ihrem Catering Geld in die Kasse des Frohsinns bringen.

Durch eine närrische Nachbarin kamen Rövekamp und ihre Familie vor 35 Jahren zur MüKaGe. „Kannst du bei unserem Tanzturnier in der Stadthalle mal an der Kasse sitzen?“ fragte der damalige MüKaGe-Präsident Wolfgang Tremer die Mutter dreier Kinder.

„Wir sind wie eine Familie“, sagt Rövekamp über ihre Gesellschaft. Das hat sie vor allem in den letzten Monaten gespürt, in denen sie den Tod ihres Ehemannes Udo verarbeiten und verkraften musste. Da wurde Rövekamp von ihren Karnevalsfreunden „immer wieder aufgefangen und aus meiner Wohnung herausgeholt“, erinnert sie sich. Wer, wie sie, in einer Karnevalsgesellschaft aktiv ist, wird nicht nur zu Karnevalsveranstaltungen, sondern auch zu anderen Festen, Ausflügen oder Treffen eingeladen.

Besonders freut sich Rövekamp auf den Rosenmontagszug. Dann wird sie, wie in den letzten 30 Jahren, mit einer von ihr selbst gut gefüllten Umhängetasche als Ordnerin mitgehen. „Auf einen Rosenmontagswagen würden Sie mich nicht bekommen. Aber auf der Straße, als Ordnerin mitzugehen, das macht mir Freude“, sagt die handfeste Frau, die auch schon mal beim Aufbau von Bühnendekoration und Sitzgarnituren mithilft.

Warum fühlt sich die Karnevalistin, deren Töchter in der Garde der MüKaGe getanzt haben und deren Sohn in den späten 80er Jahren Kinderprinz war, beim närrischen Straßenvolk wohler, als hoch auf dem närrischen Rosenmontagswagen? „Es ist einfach toll, wenn man in seine Tasche greifen kann und Kindern direkt etwas in die Hand geben kann, über dass sie sich freuen“, sagt Rövekamp. Sie hat eben nicht nur ein Gespür für Zahlen, sondern auch ein Herz für die kleinen Jecken am Straßenrand.


Dieser Text erschien am 2. Januar 2015 in NRZ und WAZ

Montag, 4. Januar 2016

So gesehen: Der Rest vom Schützenfest

Nach dem turbulenten Jahr 2015, fragt man sich: Welche Knalleffekte erwarten uns wohl im Jahr 2016? Der erste, aber wahrscheinlich nicht letzte Knalleffekt im neuen Jahr erwartete mich schon gestern beim Gang über die Schloßstraße. Hier hatten offensichtlich einige Knallköpfe mehr als nur den Rest vom Schützenfest hinterlassen. Frei nach dem Motto: Nach mir die Müllabfuhr. Ob besagte Knallköpfe in ihren eigenen vier Wänden auch so verfahren. Der oder die Dumme, die nach mir kommt und meinen Dreck wegräumt, ist selber schuld? Aber nur kein Stress im neuen Jahr. Der kommt schon früh genug. Sehen wir es mal so. Die Arbeitsplätze bei der Mülheimer Entsorgungsgesellschaft MEG scheinen auch 2016 gesichert.

Dieser Text erschien am 2. Januar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 2. Januar 2016

Die von der Bundesregierung geplante Reform der Pflegeausbildung scheidet die Geister: Bei einer Fachdiskussion im Haus Ruhrgarten warnten Pflege-Praktiker vor negativen Folgen

In der Diskussion: Markus Leßmann vom NRW-Gesundheitsministerium,
Martin Behmenburg vom ambulanten Pflegedienst Pflege Zuhause,
Gabriele Tenbrink vom Pflegeseminar der Arbeiterwohlfahrt,
Sozialplaner Jörg Marx von der Stadt Mülheim an der Ruhr
und der geschäftsführende Pflegedienstleiter der Häuser Ruhrgarten
und Ruhrblick: oskar Dierbach
Drei Berufe in drei Jahren? Wie soll das gehen? Wen lassen die dann auf uns los?“, fragt sich Inge Stahl. Die Seniorin wohnt im Haus Ruhrblick und wird dort von ausgebildeten Altenpflegefachkräften und ausgebildeten Krankenpflegefachkräften betreut. Das soll sich ändern, wenn es nach dem Willen der für die Senioren zuständigen Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) geht. Ihr Ziel: Künftig soll es eine einheitliche und als Fachhochschulstudium akademisierte Ausbildung zum Pflegefachmann oder zur Pflegefachfrau geben, die Module der Altenpflege, der Krankenpflege und der Kinderkrankenpflege kombiniert.

Mehr als 100 Pflegepraktiker diskutieren auf Einladung der Dialogoffensive Pflege im Haus Ruhrgarten über die Reform der Pflegeausbildung. Diese will das Bundeskabinett am 13. Januar auf den Gesetzgebungsweg bringen. Im Saal sind sich alle einig: Diese Reform würde keine Verbesserung, sondern eine Verschlechterung bringen. „Die Probleme, die wir in der Pflege haben, sind nicht mit einem Einheitspfleger zu lösen, sondern nur durch die Zusammenarbeit multiprofessioneller Teams. Wenn man die 2100 Praxisstunden einer dreijährigen Altenpflegeausbildung jetzt auf drei verschiedene Pflegebereiche aufteilt, kann man es auch gleich sein lassen“, betont der Pflegedienstleiter des Ruhrgartens, Oskar Dierbach. Martin Behmenburg vom ambulanten Dienst Pflege Zuhause möchte sich nicht vorstellen, dass seine Auszubildenden künftig nur noch wenige Monate in seinem Betrieb mitarbeiten. „Dann würde die Zahl der Ausbildungsplätze in der Altenpflege drastisch zurückgehen“, glaubt er. „Die Ausbildung würde in die Breite aber weniger in die Tiefe gehen“, fürchtet die Leiterin des Pflegseminars der Arbeiterwohlfahrt, Gabriele Tenbrink. Kleinere Pflegeseminare und Pflegedienste könnten durch die Reform in ihrer Existenz gefährdet werden.

Mit Blick auf die Auswirkungen des demografischen Wandels und die Herausforderung der palliativen Versorgung hochbetagter und mehrfach erkrankter Pflegebedürftiger macht Thomas Kunczik von der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und Gerontopsychotherapie deutlich: „Wir brauchen in der Altenpflege Spezialisten und keine Generalisten.“ Er weist auf eine Umfrage seiner Gesellschaft hin, die zeige, dass sich 93 Prozent der angehenden Altenpfleger ganz bewusst für diesen und keinen anderen Pflegebereich entschieden hätten.

Eine Nachfrage bei anwesenden Altenpflegeschülern bestätigt diese Tendenz. „Unter den jetzt geplanten Rahmenbedingungen hätten wir uns sicher nicht für diese Ausbildung entschieden“, betonen Alisa Gessler (21) und Torsten Sommerfeld (28). Und ihre Kollegin Jasmin Mallmann (22) macht deutlich, dass sie sich nach einer generalistischen Pflegeausbildung ihren Aufgaben im Altenheim gar nicht gewachsen sähe.

Auch der für die Pflege zuständige Abteilungsleiter aus dem NRW-Gesundheitsministerium, Markus Leßmann, lässt keinen Zweifel daran, dass die Landesregierung die von der Bundesregierung geplante Reform in der Pflege kritisch sieht. Er könnte sich eine akademisierte und um ein generalistisches Modul erweitere Altenpflegeausbildung nur dann vorstellen, wenn eine solche Ausbildung dreieinhalb oder vier Jahre dauern würde.

Den kontraproduktiven Knackpunkt der Berliner Reformpläne sieht der Düsseldorfer Ministerialbeamte vor allem darin, dass Auszubildende künftig auf den Personalschlüssel angerechnet werden sollen. Dass hieße, dass ausbildende Pflegeheime und Pflegedienste künftig ein Drittel der Ausbildungskosten selber finanzieren müssen. Derzeit werden diese noch über eine Ausbildungsumlage aller Pflegeanbieter zu 100 Prozent bezahlt



Dieser Text erschien am 12. Dezember in der NRZ und in der WAZ