Montag, 29. Februar 2016

Das Rhein-Ruhr-Zentrum ist sein Revier: Unterwegs mit dem Haustechniker Christian Wolff

Noch bevor die Geschäfte im Rhein-Ruhr-Zentrum öffnen, ist Haustechniker Christian Wolff dort schon unterwegs. Sein Arbeitstag beginnt um 7 Uhr.

Er läuft und läuft und läuft. Zunächst geht es von einem Aufzug zum nächsten. Ist jeder Lift fahrtüchtig? Funktioniert der Notruf? Die 70.000 Quadratmeter des Einkaufszentrums und die 200.000 Quadratmeter des Grundstücks kennt der gelernte Energieanlagenelektroniker nach über 25 Jahren, wie seine Westentasche. Bevor der gebürtige Mülheimer 1990 in seine Heimat zurückkam, arbeitete er als Haustechniker für eine deutsche Hotelkette in Kassel.

Was beim Rundgang durchs Einkaufszentrum überrascht, sind die kilomterlangen Wirtschafts- und Versorgungsgänge, die der normale Besucher des 1973 eröffneten Rhein-Ruhr-Zentrums nie zu sehen bekommt. Sie wirken, wie eine Mall hinter der Mall.

Manche Türen kann Wolff mit seinem Schlüssel öffnen. Andere öffnen sich nur, nachdem er einen bestimmt Tastencode eingegeben hat. Hinter den Türen im Backstage-Bereich des Rhein-Ruhr-Zentrums verbergen sich Technik- und Lagerräume der jeweiligen Geschäfte. Praktisch. Der Hintereingang der Läden ist nur wenige Schritte von der Eingangstür ihres Lagers entfernt.

In den technischen Räumen befinden sich Versorgungsanlagen und Leitungen, große Wasserpumpen, Reservetanks und Wasserbecken. Im Notfall sollen bis zu 120?000 Wassersprinkler dafür sorgen, dass im Rhein-Ruhr-Zentrum nichts anbrennt.

Zusammen mit einem Kollegen überprüft Wolff an diesem Tag die Funktionsfähigkeit und den Druck in den Wasserleitungen, die Wasserpumpen und Ventile, die im Notfall das Schlimmste verhindern sollen.

Stimmt der Druck in den Wasserleitungen? Haben die Stromleitungen die richtige Spannung? Das überprüft Wolf zum Beispiel mit Probeventilen und ihren Druckanzeigern oder mit seinem Spannungsmesser, der auf den Laien wie ein leuchtender Kugelschreiber wirkt. Auch welcher Schalter, welche Glasfaserleitung, oder welcher Leuchtknopf zu welcher Anlage gehört, erschließt sich nur dem technischen Profi, der im Zweifel auf Schaubilder und Lagepläne zurückgreifen kann.

Heizungs- und Lüftungsanlagen wollen ebenso gecheckt werden, wie Notstromaggregate und Brandmeldeanlagen oder die Lautsprechanlage. Unter einem der Glasdächer des Rhein-Ruhr-Zentrums müssen defekte LED-Leuchten ausgetauscht werden. Mit einem Hubwagen geht es in die Höhe. Gleich merkt sich Wolff die Leuchten für seine nächste Materialbestellung vor.

Aber auch am Boden der Mall muss der Haustechniker an einem Ladenlokal, dessen Fassade neu gestaltet wird, einen Blick darauf werfen, ob bei den Schleifarbeiten auch die Brandschutzbestimmungen eingehalten werden.

„Bis 2006 haben wir Haustechniker Ladenlokale auch schon mal selbst umgebaut. Doch das machen wir seitdem aus versicherungstechnischen Gründen nicht mehr“, erzählt Wolff.

Auch außerhalb des Rhein-Ruhr-Zentrums müssen Wolff und seine sechs Kollegen von der Haustechnik nach dem Rechten schauen. Vor allem in den Ladehöfen ist Seelenmassage und Augenmaß gefragt, damit jede Fracht möglichst schnell und reibungslos dort landet, wo sie hin muss. „Die Kraftfahrer stehen heute unter einem enormen Zeitdruck“, weiß Wolff. Und zwischendurch beantwortet er bei seinem Gang durch die Einkaufspassagen noch die eine oder andere Kundenfrage: „Wo ist hier die nächste Toilette? Und wo geht es bitte zur Nordsee?“

Ganz nebenbei prüft er noch einige Brandschutztüren, die völlig unauffällig wie Vorhänge an den Mallseiten eingelassen sind und im Notfall die Ausbreitung der Flammen stoppen können. An diesem Tag wird der Haustechniker Gott sei Dank von jedem Notfall verschont, muss weder Erste Hilfe leisten noch die Handhabung eines Feuerlöschers erklären und testen.

Dieser Text erschien am 20. Februar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 28. Februar 2016

Unterwegs im Namen des Herrn: Ein Tag mit Pfarrerin Katrin Schirmer ist so bunt wie das Leben: Bürokratie am Morgen. Beisetzung am Mittag. Konfirmanden am Nachmittag und ein Taufgespräch am Abend


Pfarrerin Katrin Schirmer (rechts) hier im Haus der Evangelischen
Kirche an der Althofstraße bei einer Besprechnung mit der für
ihr Kirchengemeinde zuständigen Verwaltungsmitarbeiterin
Corinna Seven.
Beten, segnen, predigen – und noch viel mehr. Pfarrerin Katrin Schirmer ist seit 15 Jahren als Pfarrerin für den evangelischen Gemeindebezirk Speldorf Mitte und seine 2400 Kirchenmitglieder zuständig. Doch das beschreibt ihre Verantwortung nur zum Teil. Denn mit ihren Kollegen Matthias Göttert und Alexandra Cordes, teilt sich die 48-Jährige die Gesamtleitung der 5700 Mitglieder zählenden Gesamtgemeinde Speldorf. Wir haben sie eine Arbeitstag begleitet.
Um 10.30 Uhr beginnt er mit einer Besprechung in der evangelischen Kirchenverwaltung an der Althofstraße. Denn als dessen Vorsitzende muss Schirmer die konstituierende Sitzung des neuen Presbyteriums vorbereiten. Bevor es so weit ist, reicht ihr die zuständige Verwaltungsmitarbeiterin des Kirchenkreises, Corinna Seven, einen Aktenordner voller Schriftstücke, die sie als Pfarrerin und Presbyteriumsvorsitzende zu unterschreiben hat. Das Spektrum reicht von einer Urlaubsgenehmigung bis zur Handwerkerrechnung für die Erneuerung einer Schrankwand im Gemeindehaus. Dann geht es weiter mit der Tagesordnung der Presbyteriumssitzung.

Vorab muss noch ein Termin für die Begehung der gemeindeeigenen Immobilien gefunden werden. Wo besteht Reparaturbedarf? Außerdem wollen die Presbyter über den Sachstand beim geplanten Verkauf des aufgegebenen Gemeindezentrums am Brandenberg und über die laufende Generalüberholung der Orgel in der Lutherkirche informiert werden. „Ich verstehe mich als Seelsorgerin, die den Menschen Gottes frohe Botschaft verkünden möchte. Trotzdem verbringe ich mindestens ein Drittel meiner Arbeitszeit mit Verwaltungstätigkeit, für die ich gar nicht ausgebildet bin“, schildert Schirmer ihre Situation. Weil viele der Nicht-Theologen im Presbyterium beruflich eingespannt sind und keinen Freiraum für Vormittagstermine haben, bleibt der arbeitsintensive Presbyteriumsvorsitz meistens am Pfarrer oder an der Pfarrerin hängen.

"Es gibt in meinem Beruf keine Routine, aber meine Lebenserfahrung hilft mir!" sagt Katrin Schirmer


Von der Althofstraße fährt Schirmer zur Friedhofstraße. Ihr Talar liegt schon griffbereit im Kofferraum. Schirmer und die Hinterbliebenen begleiten eine 91-jährige Frau auf ihrem letzten Weg zur Beisetzung. Sohn und Enkelin tragen die Urne. Schirmer spricht an der Beisetzungsstätte das tröstende Jesu-Wort: „Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.“
Auch wenn es bei der Trauer- und der in diesem Fall bereits vorangegangenen Krankenhausseelsorge für Schirmer keine Routine gibt, hat sie den Eindruck, dass ihre wachsende Lebenserfahrung bei der trauerpastoralen Arbeit hilft, den richtigen Ton zu treffen oder im richtigen Moment einfach nur zu schweigen und Trauer mit auszuhalten. „Wenn Sie die Mutter einer Konfirmandin beerdigen müssen, gibt es keinen Trost.“

Beim Zwischenstopp im Gemeindebüro, das Essen muss warten, nimmt die Pfarrerin noch schnell zwei Anfragen für ein Taufgespräch und einen Geburtstagsbesuch mit. Weiter geht es zum Konfirmandenunterricht. Mit 27 13- und 14-Jährigen probt Schirmer dort den Vorstellungsgottesdienst. 

„Bitte, etwas lauter und nicht so schnell sprechen und bevor ihr zur Seite abgeht noch einmal geradeaus auf die Gläubigen im Kirchenschiff schauen“, empfiehlt sie den Jugendlichen beim Vortragen der Fürbitten und eines kleinen Szenenspiels rund um das Thema Beten. Mit einer Seilwinde kurbeln die Konfirmanden einen Pappschlüssel in die Höhe. Er soll bei ihrem Vorstellungsgottesdienst die Gebetsanliegen in Form kleiner Klebezettel emportragen. 
Dann spricht sie noch mit Orgelbauer Stephan Oppel, der  auf der Empore an der Reinigung und Restaurierung der Orgel arbeitet. „Bis Ostern sind wir fertig“, versichert er. Schirmer ist sichtlich erleichtert. Abends fährt sie noch zu einem jungen Elternpaar, das seine Tochter und seinen Sohn taufen lassen will. Schirmer nimmt sich viel Zeit. Sie spricht mit dem Paar über Taufspruch, Taufkerze und Taufzeremonie, aber auch über bisherige Kirchenerfahrungen und das Gemeindeangebot für Kinder und Jugendliche. Um 21.30 Uhr geht ihr Arbeitstag zu Ende.

Dieser Text erschien am 27. Februar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 27. Februar 2016

Menschen an ihr Ziel bringen: Unterwegs mit dem Texifahrer Axel Dupont

Ein Blick auf die Originalausgabe in der Mülheimer NRZ
6 Uhr in Mülheim. Axel Dupont ist schon eine Stunde auf den Beinen und wartet mit seinem Taxi am Hinterausgang des Forums und des Hotels Best Western. „An einem Morgen wollte mein erster Fahrgast gleich zum Flughafen Düsseldorf gebracht werden. Kaum war ich aus Düsseldorf zurück, stieg auch schon der nächste Hotel-Gast ein und wollte auch zum Flughafen nach Düsseldorf gebracht werden. Da hatte ich mit zwei Fahrten schon fast meinen Tagesumsatz geschafft“, erzählt der 53- Jährige von einem seiner erfolgreichsten Arbeitstage. Wie ein Sechser im Lotto Gerne erinnert er sich auch an einen Patienten aus Sachsen-Anhalt, der sich nach einer Behandlung im Evangelischen Krankenhaus von dem zweifachen Familienvater nach Hause bringen ließ. „Solche Fahrten sind wie ein Sechser im Lotto. So was erlebt man leider nicht jeden Tag“, sagt Dupont.

Dieser Arbeitstag lässt sich eher ruhig an. Zeit für einen Blick in die Tagezeitung und einen Schluck Kaffee aus der Thermoskanne. Doch dann piept es bei Dupont und das ist ein gutes Zeichen für den Taxifahrer. Denn der Piepton aus einem Minicomputer an seinem Amaturenbrett zeigt ihm an: Kundschaft wartet. In diesem Fall ist es eine Dame, die sich vom Eichenberg nach Saarn bringen 

Der Taxifahrer Axel Dupont, war in seinem ersten Berufsleben ein Mannesmann. Jetzt ist er fast täglich zwischen 6 und 15 Uhr auf Mülheims Straßen unterwegs. Als Taxifahrer muss Axel Dupont auch seelsorgerische Qualitäten beweisen und nicht nur offene Augen für den Straßenverkehr, sondern auch offene Ohren für seine Fahrgäste haben lässt, wo sie arbeitet. Hat sie vielleicht verschlafen und es deshalb besonders eilig, um noch rechtzeitig zu ihrem Arbeitsplatz zu kommen? Reine Spekulation. Der Taxifahrer fragt nicht. Er fährt. Nach der Rückkehr zum Taxenstand am Forum heißt es erst mal wieder warten. Als Taxifahrer kann man nichts erzwingen und muss Geduld haben.

Zeit für ein Bütterchen und einen kurzen Plausch mit dem Kollegen Horst. So lange, bis es wieder piept. Der nächste Fahrgast. Eine alte Dame aus Dümpten muss in die geriatrische Tagesklinik des Evangelischen Krankenhauses gebracht werden. „Keine Angst. Sie kommen nicht in den Playboy. Der junge Mann auf dem Rücksitz kommt von der NRZ“, stellt Dupont seinen Begleiter vor. „Ich weiß gar nicht, was ich da soll. Blut abnehmen, Kaffee trinken, Gymnastik und mit Bällchen spielen. Das bringt doch nichts“, erzählt die alte Dame mit Blick auf ihr Ziel. Der Taxifahrer hört sich ihre Geschichte geduldig an und weist sie freundlich darauf hin, dass ihre der Besuch in der Tagesklinik doch auch soziale Kontakte und Gespräche mit anderen Senioren ermögliche.

Ein guter Taxifahrer muss nicht nur geduldig, sondern auch einfühlsam und kommunikativ sein. Die meisten seiner Stadtfahrten, die immer wieder von längeren Wartepausen am Forum unterbrochen werden, sind an diesem Tag Patientenfahrten. Dupont hört sich nicht nur an diesem Tag viele Kranken- und Lebensgeschichten an. „Viele alte Menschen leben allein und sind froh, wenn sie ihr Herz mal ausschütten können.“ Zu ihnen zählt auch eine ältere Dame, die zu Duponts Stammgästen gehört, weil sie regelmäßig zur Dialyse gefahren werden muss. Der Gesprächston zwischen den Beiden ist vertraut und freundschaftlich. Dupont holt die auf einen Rollator angewiesene Seniorin an der Haustür ab, führt sie bis zum Wagen, wo er ihr die Türe aufhält, bis sie langsam, aber sicher eingestiegen ist und sich mit seiner Hilfe anschnallt. Dupont kennt ihre Krankengeschichte, weiß, dass ihr öfter die Beine wegsacken. Das Trinkgeld am Ende der Fahrt fällt großzügig aus. „Für den Ärger, den Sie vielleicht noch mit mir haben werden“, sagt die alte Dame mit einem Hauch von Galgenhumor, als sie aussteigt.

Auch eine alte Dame, die sich nach dem Einkauf und einem Friseurbesuch im Forum nach Hause bringen lässt, weiß Duponts Service zu schätzen. Er hilft ihr beim Aussteigen und trägt ihr die schweren Einkaufstaschen durch den Regen bis zur Wohnungstür. „Heute fahren vor allem ältere und alte Menschen mit dem Taxis. Junge Fahrgäste sind ganz selten“, erzählt Dupont. Doch an diesem Tag muss er nicht nur eine Seniorin, sondern auch einen jungen Mann im Rollstuhl vom Arzt ins Altenheim beziehungsweise vom Evangelischen Krankenhaus nach Hause fahren. Duponts Chef Klaus Dieter Fleskes hat schon vor Jahren viel Geld in die Hand genommen, um seine Fahrzeuge für den Rollator- und Rollstuhltransport umzurüsten. Über eine Rampe kann man auch von hinten in das Fahrzeug rollen und sich durch drei Spezialgurte sichern. Das zahlt sich in Zeiten des demografischen Wandels aus.

Jeder Fahrgast hat seine Geschichte Der junge Mann aus Saarn ist seit einem Autounfall querschnittsgelähmt und hat durch eine Diabetes-Erkrankung ein Bein verloren. Das sind Lebensschicksale, die Dupont auch mit in den Feierabend nimmt, wenn er sich zu Hause in Styrum auf seiner Couch entspannt. „Taxifahrern geht es wie Friseuren. Sie hören viel und müssen sich immer wieder auf neue Menschen und ihre Geschichte einstellen.“ Apropos Mensch. Auch an skurrile Fahrgäste kann sich der Ex-Mannesmann, der seit drei Jahren Taxi fährt, erinnern, zum Beispiel den Mann, den Dupont, mit einer Dauererktion zum Urologen bringen musste, weil der Fahrgast gleich mehrere Viagra-Pillen eingeworfen hatte. Manchmal sind Duponts Arbeitstage am Steuer eben auch filmreif.

Dieser Text erschien am 30. Januar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 26. Februar 2016

So gesehen: Lotto, Liebe und andere Leckerbissen

Sie haben gewonnen“, teilt mir der Inhaber der Lottoannahmestelle mit. Mir stockt der Atem.

Der letzte Gewinn, an den ich mich erinnern kann, ist ein grinsender Gartenzwerg, den ich einer Rosenmontagstombola zu verdanken habe. Er grinst mich bis heute aus meine Wohnzimmerschrank unverschämt gleichmütig an, während ich mich mit meinem Tagwerk herumschlage.

Und jetzt ein Lottogewinn am Aschermittwoch? Das ist ja, wie ein Wunder aus heiterem Himmel. Doch meine Euphorie wird vom Mann hinter der Lottoannahmetheke brutal ausgebremst. „15 Euro“, haut er mir meine Gewinnsumme um die Ohren und grinst dabei so gleichmütig wie mein Gartenzwerg. Bei meinem Pech im Lotto-Spiel muss ich ja demnächst eine unwahrscheinliches Glück in der Liebe haben. Bis es so weit ist, habe ich einen Teil meines Lottogewinns in wunderbare Waffeln investiert, die ich zusammen mit meiner lieben Mutter zum Kaffee verspeist habe. Dabei schmunzeln wir genüsslich vor uns hin und waren uns einig: Liebe geht eben auch durch den Magen.

Dieser Text erschien am 11. Februar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 25. Februar 2016

So gesehen: Nur nichts überstürzen

Im Wort Zeitung steckt nicht von ungefähr das Wort Zeit. Denn während wir Zeitungsleute über die Zeitläufe berichten, läuft uns zuweilen zwischen den Terminen auch schon mal die Zeit davon.

Wehe dem, der wie ich, in solch einer Situation vom gewohnten Pfad abkommt, weil er glaubt, eine Abkürzung entdeckt zu haben, die ihm am Ende so viel Zeit kostet, das aus dem „zu spät“ ein „viel zu spät“ wird.

Hätte ich doch die Weisheit meines alten Volontärsvaters beherzigt: „Hast du es eilig? Dann nimm dir Zeit!“ Denn auch diesmal bewahrheitete sich: „Was man nicht im Kopf hat, muss man in den Beinen haben.“ Gott sei Dank war mein Gesprächspartner ein Gemütsmensch, der viel Zeit hatte, um die Zeitung zu lesen. Außerdem hat er schon so viel(e) Zeit(en) miterlebt, dass es ihm auf eine Viertelstunde auch nicht mehr ankommt. Dem Glücklichen schlägt eben keine Stunde.

Dieser Text erschien am 17. Februar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 24. Februar 2016

So gesehen: Die Narren sind unter uns

In Mülheim gibt es, anders, als in der Karnevalshochburg Düsseldorf, keine zweite Chance für den vom Winde verwehten Rosenmontagszug. Das regt einige Mölmsche närrisch auf, wie ihre Kommentare via Facebook zeigen. Andere stellen mit närrischer Gelassenheit fest: „Am Aschermittwoch ist eben alles vorbei!“

Ich mache mir weder vor noch nach Aschermittwoch Sorgen um die Narren, die kostümiert durch die Straße ziehen, um Helau zu rufen und Kamelle zu werfen.

Sorgen machen mir vor und nach Aschermittwoch nur jene Menschen, die zum Beispiel mit Nadelstreifenanzug und Krawatte verkleidet und im eleganten Business-Kostüm ihre Mitmenschen zum Narren halten, indem sie ihre eignen Interessen als alternatives Allgemeinwohl verkaufen. Diesen Herrschaften würde ich gerne ein ganzjähriges Auftrittsverbot verordnen. Doch leider sind diese Narren vom Stamme Nimm nicht so offen und ehrlich, wie die fröhlichen und freigiebigen Narren, die sich mit einem deutlichen Schlachtruf, wie dem Helau zu erkennen geben.

Dieser Text erschien am 22. Februar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 22. Februar 2016

"Diese Jugendlichen stehen mitten im Leben und sind bereit, Verantwortung zu übernehmen!"

Ulrich Schreyer (links) und Ulrich Scholten bei der
Diskussion mit den Oberstufenschülern des
Karl-Ziegler-Gymnasiums.
Lehrer Wolfgang Bramorski schaut nachdenklich und zufrieden in die sich langsam leerende Aula der Karl-Ziegler-Schule. "Jetzt habe ich keine Angst mehr vor der Zukunft. Diese Schüler stehen mitten im Leben und sind bereit auch gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen", sagt der Pädagoge, der in der Oberstufe Sozialwissenschaften unterrichtet.
Gerade haben das Moderatoren-Trio Dana Dost, Lena Weber und Justus Gosten zusammen mit 200 Mitschülern aus der Oberstufe des Karl-Ziegler-Gymnasiums Oberbürgermeister Ulrich Scholten und den Geschäftsführer des Diakoniewerkes Arbeit und Kultur, Ulrich Schreyer, zu allen gesellschaftspolitischen Fragen interviewt, die Jugendlichen auf den Nägeln brennen.
Nach einer 90-minütigen Diskussion zeigen sich Schreyer und Scholten beeindruckt. Besonders überrascht hat sie die Bandbreite der Schülerfragen. "Ich hätte nicht gedacht, dass mich die Schüler auch zu meiner Position beim Thema Sterbehilfe befragen", staunt Scholten. Schreyer, selbst ein Mann der Evangelischen Kirche, ist positiv überrascht, wie offen Jugendliche für Glaubens- und Lebensfragen sind. "Ich kann nur hoffen, dass meine Kirche diese Offenheit auch zu nutzen weiß."

Auf der anderen Seite zeigen sich die beiden Moderatoren Dana Dost und Justus Gosten davon angetan, "dass Scholten und Schreyer bei keinem Thema um den heißen Brei herumgeredet haben und auch offen eingestanden haben, wenn sie auf bestimmte Fragen keine klare Antwort geben konnten." Die gezielten und differenzierten Fragen des Moderatoren-Teams verraten eine gute inhaltliche Vorbereitung,


Wird uns die Integration der Flüchtlinge gelingen? Kann die Inklusion in der Schule funktionieren? Bei diesen Fragen präsentieren der Sozialmanager und der Politiker keine fertigen Antworten, sondern sprechen von Prozessen und Rahmenbedingungen, die schrittweise zur Bewältigung dieser Aufgaben geschaffen werden müssen. Scholten wünscht sich mehr Geld für Schulen und Sportstätten, für Ausstattung, Räume und qualifizierte Pädagogen, um die aus seiner Sicht grundsätzlich richtigen und lohnenswerten Ziele von sozialer Integration und schulischer Inklusion zu erreichen. Schreyer lässt keinen Zweifel daran, dass man Schülern mit einer geistigen Behinderung keinen Gefallen tut, wenn man Förderschulen mit einem entsprechenden pädagogischen Schwerpunkt abschaffen würde. Beim Thema Flüchtlinge sieht er die Politik im Weltmaßstab gefordert, berichtet von seinen Erfahrungen aus Zimbabwe und schildert am Beispiel des südafrikanischen Landes die unvorstellbare Perspektivlosigkeit, "die immer neue Flüchtlinge schafft." Schreyer plädiert für mehr politische Ehrlichkeit und stellt fest: "Zur Wahrheit gehört, dass wir teilen müssen und das wir unseren gewohnten Wohlstand nicht halten werden."

Einig sind sich Scholten und Schreyer darin, dass die Schulzeit-Verkürzung und das Abitur in 8 statt in 9 Jahren, ein Fehler war, der die Lern- und Lebensqualität der Schüler beeinträchtigt habe. Einigkeit herrscht zwischen ihnen auch bei der Ablehnung der aktiven Sterbehilfe, wie sie in den Niederlanden praktiziert wird. Anschaulich berichtet Schreyer aus dem Alltag im stationären Hospiz an der Friedrichstraße, wo gute Schmerztherapie und menschliche Zuwendung auch bei den sterbenskranken Gästen den Gedanken an aktive Sterbehilfe nicht aufkommen oder schnell wieder verschwinden lassen.

Fast besinnlich, aber nicht minder interessant wird die Diskussion, als sich politisches und privates in den Fragen und Antworten vermischen. Zum Beispiel, wenn Scholten und Schreyer nach der persönlichen Bedeutung ihres christlichen Glaubens oder nach den realistischen Erfolgschance einer lebenslangen Ehe in Zeiten drastisch gestiegener Scheidungsraten gefragt werden.

"Ich glaube, weil mir der Glauben Halt und Orientierung im Leben gibt", sagt Scholten. "Ich glaube, weil der Glaube mich und meine Lebensweise immer wieder kritisch hinterfragt", betont Schreyer. Und dann gehen sie zur Ehe über. Der OB gibt eine persönliche Antwort: "Ich habe in der langen Ehe mit meiner Frau alle Höhen und Tiefen erlebt. Dabei habe ich begriffen, dass eine gute Beziehung immer auf Rücksicht und Respekt beruht und das sie immer auch mit Arbeit verbunden ist. Vielleicht geben viele Menschen einfach zu früh auf!"

Schreyer gibt eine gesellschaftspolitische Antwort und macht damit deutlich, dass auch das Private immer politisch ist. "Eltern und Ehepartner stehen heute unter einer enormen Spannung, wenn sie Beruf und Familie unter einen Hut bringen wollen, dies aber nicht können, weil die sozialen Rahmenbedingungen nicht stimmen." Der Geschäftsführer des Diakoniewerkes lässt keinen Zweifel daran, dass dieser Zielkonflikt und die damit verbundenen demografischen Folgen des Kindermangels nur dann aufgelöst werden kann, wenn Staat und Wirtschaft sowohl bei der Arbeitszeit und der Arbeitsplatzsicherheit, als auch bei der verlässlichen und bezahlbaren Kinderbetreuung die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen,

Nach 90 Minuten Fragen und Antworten verlässt der Zuhörer die Aula der Karl-Ziegler-Schule mit dem Gefühl, eine Diskussion erlebt zu haben, die mit ihrer Dichte und ihrem Tiefgang jede Fernsehtalkshow in den Schatten stellt.

Dieser Text erschien am 12. Februar in der Mülheimer Woche

Sonntag, 21. Februar 2016

Impuls: Träume als Energiequelle oder: Seinem Lebenstraum treu bleiben: Rückblick auf einen Vortrag von Pater Anselm Grün

Pater Anselm Grün bei seinem Vortrag in der
Heißener Friedenskirche im September 2011
Träum nicht!“ So haben uns Eltern und Lehrer immer wieder gemahnt. Ein Fehler, wenn man viel gelesenen Buchautor und Benediktinerpater Anselm Grün glauben darf. Der katholische Ordensmann füllte am vergangenen Donnerstag die evangelische Friedenskirche am Heißener Humboldthain bis auf den letzten Platz. Nicht nur Pfarrer Michael Manz war begeistert. So schön kann Ökumene sein.

Rund 330 Zuhörer ließen sich von dem inspirieren, was ihnen Pater Anselm über Lebensträume zu sagen hatte. „Unsere Lebensträume sind eine Energiequelle“, machte Grün Mut zum Entwurf eines eigenen Lebensbildes, das sich aus innerer Begeisterung schaffen und nicht von außen beeinflussen lässt.

Natürlich ist der Gottesmann, der ganz bodenständig den Wirtschaftsbetrieb seiner Abtei leitet, kein Träumer. „Lebensträume können platzen, aber nicht ihre Essenz“, sagte er vor dem Hintergrund seiner seelsorgerischen Praxis.

Was er damit meint, machte Pater Anselm an seinem eigenen Lebensbeispiel deutlich: „Als Kind wollte ich eigentlich Maurer werden und Häuser bauen. Heute baue ich mit meinen Worten und Gedanken ein Haus der christlichen Traditionen, in dem sich Menschen zu Hause fühlen können.“ Der Benediktiner ist davon überzeugt, dass das, was uns als Kind begeistert und auch später im leben begeistern, tragen und voranbringen kann, wenn wir das für uns richtige Selbstbild vor unserem geistigen Auge haben. Da kann aus dem Mann, der eigentlich Lokomotivführer werden wollte, ein Mensch werden, der etwa in der Wirtschaft als Manager etwas bewegt. Da kann eine Lehrerin, die als Kind für ihr Leben gern Völkerball spielte, als Pädagogin dafür sorgen, dass alle ins Spiel kommen oder eine Frau, deren Lebenstraum Familie geplatzt ist durch die Gründung eines Freundes- und Bibelkreises eine neue Familie gründen. „Was sagen Sie einem Familienvater, der seine Arbeit verliert und plötzlich von Arbeitslosengeld II leben muss?“ fragte jemand aus dem Publikum: „Dass er als Vater seiner Familie sehr viel mehr als Geld geben kann“, meinte Pater Anselm und stimmte einer Frau zu, die glaubt: „Wir sollten unsere Kinder viel öfter fragen: Wovon träumst du?“

Pater Anselm appellierte in diesem Zusammenhang an seine Zuhörer, nicht nur für ihr privates, sondern auch für ihr gesellschaftliches Leben in Politik und Kirche Träume zu entwickeln und ihnen zu folgen.

Dieser Text erschien am 15. September 2011 in der NRZ und in der WAZ

Samstag, 20. Februar 2016

Mölmscher „Gemischtwarenladen“ statt Leerstand In einer alten Bäckerei an der Oberstraße sind jetzt Kunst und Geschichte im Angebot

Bernd Simmerock, Gerd Kampf und Dirk von Eicken (v.l.)
gewähren in ihrem Kunst- und Geschichtsladen interessante
 Einblicke in das alte Mülheim. 
Dirk von Eicken, Bernd Simmerock und Gerd Kampf sind drei kreative Köpfe. Sie interessieren sich als gebürtige und bekennende Mülheimer für alles, was mit der Geschichte ihrer Heimatstadt zu tun hat.

Deshalb haben sie ein leerstehende Ladenlokal an der Oberstraße 27 zunächst für drei Jahre angemietet, um anderen interessierten Mitbürgern zu zeigen, was sie für sehenswert halten. Derzeit präsentieren sie noch bis zum Ende der Woche eine Postkartenausstellung, die uns das Mülheim um 1900 vor Augen führt. Das Hotel Victoria am späteren Kaisereck oder der Kirchholtesche Saal, Mülheims Sinfoniescheune, an der Charlottenstraße sind ebenso zu betrachten wie die 1943 durch Bomben zerstörten Gaststätten Mausefalle und Ührchen an der Bogenstraße.

Vor den Postkarten konnte man in dem ehemaligen Bäcker-, Crêpe- und Schneiderladen Fundstücke aus der Firmengesichte Wissolls in Augenschein nehmen. Ein altes Telefon aus der Tengelmann-Zentrale und ein Adressbuch aus dem Jahr 1941 zeugen davon. Außerdem grüßen Winnetou und Old Shatterhand plakativ und erinnern an eine Ausstellung über Karl-May-Fest-Spiele, die die Mülheimer 1971 tausendfach an die Freilichtbühne an der Dimbeck zog. Demnächst wollen die kreativen Drei in ihrem Kunst-, Kultur- und Geschichtsladen an der Oberstraße 27 alte Büromaschinen ausstellen. Neben Ausstellungen gibt es hier auch historische Vorträge und Malereiworkshops zu erleben. Für letzteres steht Gerd Kampf, der hier auch seine Gemälde ausstellt.

Öffnungszeiten: dienstags bis donnerstags von 16.30 Uhr bis 18.30 Uhr. Weitere Informationen gibt Dirk von Eicken: MH-Malocher@web.de, unter der Rufnummer: 0162/2843183.

Dieser Text erschien am 16. Februar 2016 in NRZ und WAZ

Freitag, 19. Februar 2016

Bürgertreff will sich breiter aufstellen Das neue Leitungsteam berichtet im Gespräch mit Thomas Emons über seine ersten Erfahrungen und seine Ideen für die Zukunft.

Das neue Leitungsteam des DRK-Bürgertreffs
an der Prinzess-Luise-Straße 115 (von links):
Britta Ketzer, Kerstin Schier, Claudia Wilbert
und die ehrenamtliche Mitarbeiterin Alina Wilbert.
Aus dem DRK-Seniorentreff ist im November 2015 der DRK-Bürgertreff geworden. Der Name ist Programm. „Das, was die Stammgäste der ehemaligen Altentagesstätte schätzen, bleibt. Aber wir wollen auch neue Angebote schaffen“, sagt Britta Ketzer. Sie gehört zusammen mit Kerstin Schier, Claudia Wilbert, deren Nichte Aylina, und den Eheleuten Inge und Jürgen Maischack zum neuen Lenkungsteam des Bürgertreffs an der Prinzeß-Luise-Straße 115.
Anfangs waren einige der alten Stammgäste irritiert“, gibt die hauptamtliche Betriebsleiterin Claudia Wilbert zu. Kein Wunder. Über viereinhalb Jahrzehnte standen Hilde Schmidt und ihr 2013 verstorbener Mann Heinz für den Seniorentreff des Roten Kreuzes. Jetzt kommt Hilde Schmidt nur noch als Besucherin in das Haus, dessen Charakter sie geprägt hat.
Wir wollen das Rad nicht neu erfinden, aber wir wollen uns mit zusätzlichen Angeboten breiter aufstellen und so neue Zielgruppen ansprechen. Vor alle die Leute aus dem Umfeld sollen wissen: Da kannst du einfach mal hingehen und einen Kaffee trinken oder mit Nachbarn ins Gespräch kommen. Du kannst dort immer etwas erleben oder selbst aktiv werden“, beschreibt Britta Ketzer ihr in der Entwicklung befindliches Konzept. Das will sie jetzt auch verstärkt in örtlichen Netzwerkgruppen, Schulen, Gemeinden und Vereinen bekannt machen.
Neben einem Mittagstisch, Kaffee und Kuchen, dem besonders beliebten Bingo-Spiel, Tagesausflügen und jahreszeitlichen Festen, sollen auch Kreativangebote, ein Demenzcafe, gesellige Gesprächskreise oder auch kulturelle Darbietungen, wie etwa Filmvorführungen, gemeinsames Singen oder ein Literaturkreis, den Bürgertreff bei allen Bevölkerungsgruppen bekannt und beliebt machen. Auch Ketzers Kollegin Schier, mit der die ehemalige Mitarbeiterin der Mülheimer Seniorendienste einen Betreuungsdienst für dementiell veränderte Menschen aufgebaut hat, sieht eine große Chance darin, einen Bürgertreff zu schaffen, „in dem Menschen aus unterschiedlichen Generationen miteinander ins Gespräch kommen können.“
Britta Ketzer glaubt an den Erfolg des neuen Bürgertreffs an der Prinzeß-Luise-Straße. „Das DRK stößt damit in eine Marktlücke, weil es in den Stadtteilen Broich und Speldorf bisher kein vergleichbares Bürgerzentrum gibt.“ Dabei macht sie keinen Hehl daraus, dass das Projekt Bürgertreff nur dann gelingen kann, wenn sich beim DRK möglichst viele Bürger melden, die sich mit ihren Talenten ehrenamtlich in den Bürgertreff einbringen. Außerdem will sie mit gezielter Öffentlichkeitsarbeit in örtlichen Netzwerkgruppen, Gemeinden, Schulen und Vereinen dafür sorgen, dass noch mehr Nachbarn aus Broich und Speldorf davon erfahren, dass aus dem DRK-Seniorentreff jetzt ein Bürgertreff geworden ist. „Nur dann können wir die erweiterten Öffnungszeiten aufrechterhalten oder darüber hinaus auch Angebote für den Sonntag entwickeln“, unterstreicht Ketzer. „Man muss ja keinen Nebenjob daraus machen. Wenn sich jemand zwei Stunden pro Woche bei uns engagieren kann, ist das ja auch schon mal ein Anfang“, betont Schier. „Wir suchen und brauchen Menschen, die kommunikativ, einfühlsam und kontaktfreudig sind“, unterstreicht Ketzer.
Derzeit öffnet der Bürgertreff montags bis freitags zwischen 9 und 17 Uhr seine Türen für Besucher. Vor dem Generations- und Führungswechsel an der Prinzeß-Luise-Straße hatten Hilde Schmidt und ihre Helferin Renate Marquardt den damaligen Seniorentreff nur an drei Tagen der Woche öffnen können. Aktuell zählt Claudia Wilbert täglich 50 bis 60 Gäste der Generation 66 bis 101 aus allen Stadtteilen, „die vor allem der Einsamkeit entfliehen und mit anderen Menschen über ihre Alltagssorgen und Probleme sprechen wollen.“ Dabei überrascht es die neue DRK-Mitarbeiterin, die ihr bisheriges Berufsleben als Mode-Direktrice verbracht hat, „wie viel Freude es mir macht, hier Zeit mit den alten Menschen zu verbringen, ihnen einen schönen Tag in einem angenehmen Umfeld zu bereiten und dafür auch viel Dankbarkeit zurückzubekommen.“
Doch langfristig möchte Ketzer den Bürgertreff zu einem Freizeitzentrum entwickeln, in dem sich Menschen jeden Alters treffen, um zum Beispiel einen Kaffee zu trinken, gemeinsam zu spielen, zu singen oder in einem geselligen Kreis über ihren Alltag austauschen. Auch thematische Gesprächskreise oder Workshops zu verschiedensten Themen vom Sicherheits- und Rollatortraining, Computernutzung und Fotografie bis hin zu Fragen rund um das Thema Pflege kann sich das Leitungsteam des Bürgertreffs vorstellen.

Der DRK-Bürgertreff an der Prinzeß-Luise-Straße ist telefonisch unter der Rufnummer 0208/426563 erreichbar.

Dieser Text erschien oim DRK-Magazin 01/2016  

Donnerstag, 18. Februar 2016

Wandel in der ambulanten Schmerzversorgung: Ambulante Diakonie wird zur Pflege Palliativ Ruhr und schließt damit eine Versorgungslücke für schwerstkranke Menschen, die daheim sterben wollen

Pflegedienstleiterin Yvonne Helmes und
Stiftungsdirektor Nils B. Krog
„Viele Menschen, die sterbenskrank sind, erleben in der letzten Phase ihres Lebens oft ein unwürdiges Ping-Pong-Spiel: Sie müssen ständig zwischen ihrer Wohnung, in der sie medizinisch nicht ausreichend versorgt werden können, und dem Krankenhaus pendeln, in dem sie dann zwischenzeitlich aufgepäppelt werden, um wieder nach Hause zu können und am Ende doch im Krankenhaus sterben zu müssen.“ So beschreibt der Chef des Evangelischen Krankenhauses, Nils Krog, die Ist-Situation der Palliativversorgung in Mülheim. Das wollen die Stiftung des Evangelischen Kranken- und Versorgungshauses und ihr ambulanter Pflegedienst ändern.

Deshalb haben fünf seiner aktuell acht Mitarbeiter eine Zusatzausbildung für Palliativ-Pflege absolviert. Jetzt sind sie in der Lage, immer abgestimmt mit dem jeweils behandelnden Arzt, schmerzlindernde Mittel, wie Morphin, richtig zu verabreichen und zu dosieren, entsprechende Spritzen und Infusionen zu legen und zu geben.

„Das ist die Voraussetzung dafür, dass die sterbenskranken Menschen auch in ihren letzten Wochen noch so etwas wie Lebensqualität erleben können“, weiß die Leiterin des neu aufgestellten ambulanten Pflegedienstes, Yvonne Helmes. Keinen Zweifel lässt sie daran, dass sich weitere Kollegen qualifizieren lassen können und werden. Außerdem will Helmes zusätzliche Fachkräfte für ihren Pflegedienst gewinnen.

„In unseren Köpfen hat sich ganz viel getan. Wir sind weggekommen von der Minutenpflege und nehmen uns viel mehr Zeit für den einzelnen Patienten“, beschreibt Helmes den Mentalitätswandel. Möglich wurde dieser Wandel nicht nur durch die Impulse der Zusatzausbildung, sondern auch durch eine veränderte Finanzierung der Pflegearbeit durch Kranken- und Pflegeversicherung. Denn für Palliativpflege gibt es eine zusätzliche Tagespauschale in Höhe von 100,65 Euro. Sie kann abgerechnet werden, sobald ein Patient mindestens dreimal täglich ambulant gepflegt werden muss.

Darüber hinaus können bestimmte Grundpflegeleistungen einzeln abgerechnet werden. Helmes und Krog machen deutlich, dass der neue Schwerpunkt der Palliativversorgung nicht bedeutet, dass der neue Pflegedienst Pflege Palliativ Ruhr nicht auch weiterhin konventionelle häusliche Grundpflege anbietet. Von hauswirtschaftlichen Dienstleistungen hat sich der Pflegedienst des Evangelischen Kranken- und Versorgungshauses mit seiner Neuausrichtung aber endgültig verabschiedet.

Dieser Text erschien am 13. Februar 2016 in der NRZ und in der WAZ

Mittwoch, 17. Februar 2016

Mülheimer Katholiken luden zum Neujahrsempfang ein und zeichneten die ehrenamtlichen Integrationslotsen der Caritas aus

Die ehrenamtlichen Integrationslotsem
der Caritas wurden mit der
Nikolaus-Groß-Medaille
ausgezeichnet

Der Neujahrsempfang der katholischen Stadtkirche stand diesmal ganz im Zeichen der Flüchtlingskrise. Einerseits wurden die ehrenamtlichen Integrationslotsen des Caritas-Projektes Vis-a-Vis mit der Nikolaus-Groß-Medaille ausgezeichnet. Anderseits warnte Bundestagspräsident Norbert Lammert als Gastredner davor, angesichts der Herausforderungen durch den massenhaften Flüchtlingszustrom in Panik, Kulturpessimismus und Untergangsstimmung zu verfallen.
Auch damals standen wir vor einer großen Herausforderung, von der wir nicht wussten, wie lange sie uns in Anspruch nehmen wird, ob wir sie bewältigen können und ob wir uns das finanziell leisten können. Und doch waren wir als Land danach stärker als vorher und froh darüber, gemeinsam in einem Land leben zu können“, ermutigte Lammert seine 170 Zuhörer im Pfarrsaal von St. Barbara mit einem Rückblick auf den Prozess der deutschen Wiedervereinigung in den Jahren 1989 und 1990.
Bundestagspräsident Norbert Lammert
sprach als Gastredner
Angesichts von Flüchtlingen und Zuwanderern könnte sich Lammert langfristig eine ähnliche Entwicklung vorstellen, „wenn die Begeisterten und die Besorgten in unserem Land sich nicht polemisch bekämpfen, sondern sich ernst nehmen und in einem konstruktiven Dialog herausfinden, was wir als Gesellschaft wollen und was wir als Gesellschaft können.“ Zweifellos könnten junge und qualifizierte Flüchtlinge das demografische Problem Deutschlands lösen helfen. Mit dem Hinweis auf ein Positionspapier der deutschen Arbeitgeberverbände warnte der Bundestagspräsident vor den sozialen und wirtschaftlichen Folgen von geschlossenen Grenzen. Ohne Einschränkung bekannte sich der Christdemokrat aus dem Ruhrgebiet zum Gebot des Grundgesetz-Artikels 16: „Politisch Verfolgte genießen Asyl!“ Er machte aber auch deutlich, dass Flüchtlinge, die nicht politisch verfolgt seien, keine Bleibe-Perspektive in unserem Land haben.
Dass die Begegnung mit Flüchtlingen bereichern kann, machten die Integrationslotsen David Schick (19) und Diana Tombergs (31) stellvertretend für ihre Kollegen in Vis-a-Vis-Team der Caritas deutlich. „Wir haben nicht nur viel Arbeit, sondern auch viel Freude und Spaß“, berichteten die Beiden mit Blick auf gemeinsame Fußballspiele oder einen besonders begehrten Kochkurs. Aber auch bei Arztbesuchen und Ämtergängen oder wenn es etwa Probleme in der Schule oder in der Kindertagesstätte gibt, stehen die Integrationslotsen Flüchtlingen bei und helfen ihnen damit, sich in der für sie zunächst fremden Umgebung zurechtzufinden und einzuleben.

Wir müssen beides tun, effektive hauptamtliche Institutionen schaffen und das vorhandene ehrenamtliche Engagement hegen und pflegen, damit es noch möglichst lange fortgesetzt werden kann“, unterstrich Lammert. Die stellvertretende Geschäftsführerin der Caritas, Margret Zerres, machte deutlich, dass den 230 hauptamtlichen Mitarbeitern der örtlichen Caritas etwa genauso viele ehrenamtliche Mitarbeiter gegenüber stünden. Und weil die seit 1998 geleistete Integrationsarbeit der Caritas nur einer von ganz vielen Sozialbereichen ist, in denen die Caritas Menschen in Not hilft, warb Zerres bei dieser Gelegenheit auch gleich für den Besuch des Benefizkonzertes „Noten gegen die Not“, das am kommenden Sonntag, 31. Januar, um 17 Uhr in der katholischen Stadtkirche St. Mariae Geburt mit der Bigband der Mülheimer Luisenschule über die Bühne gehen und damit hoffentlich möglichst viel Eintrittsgeld in die Kasse der die katholische Sozialarbeit vor Ort unterstützenden Caritas-Stiftung fließen lassen wird.


Wer daran interessiert ist, als ehrenamtlicher Integrationslotse in dem Caritas-Projekt Vis-a-Vis mitzuarbeiten, sollte sich unter der Rufnummer: 01761 200 1268, oder unter der E-Mail: hannah.berntgen@caritas-muelheim.de an die Caritas-Mitarbeiterin Hannah Berntgen wenden.

Dieser Text erschien am 30. Januar 2016 im Neuen Ruhrwort

Dienstag, 16. Februar 2016

Wenn die Frohe Botschaft fröhlich rüber kommt: Eine Närrische Nachlese des Styrumer Pfarrkarneval "Firlefanz im Engelkranz"

Geisreicher Wortwitz in
der Bütt: Gregor Grün als
Rosenkränzchen
Kirche kann Spaß machen. Das erlebten 200 kostümierte Jecken am Karnevalssamstag im Styrumer Unionsaal beim Pfarrkarneval „Firlefanz im Engelkranz“! Unterstützt von den Karnevalsgesellschaften Düse und MüKaGe brachten närrisch begabte Gemeindemitglieder aus St. Engelbert und St. Mariae Rosenkranz ein buntes Programm der Extra-Klasse auf die Bühne.

Kein Künstler kam ohne Zugabe und Saal-Rakete von der Bühne. „Bisher hatte ich gar keine Vorstellung vom Pfarrkarneval. Aber das ist ja eine super-geile Veranstaltung!“ schwärmte Stadtprinz Markus II. (Steck).

Neben einem Männerballett, den Dancing Roses und den Chorsängerinnen von Sankt Engelbert, die mit einer Pantomime-Performance die durch-rationalisierte Pflege in Altenheimen aufs Korn nahmen, glänzten Pastor Michael Clemens (als Engel Bert), Gregor Grün (als Rosenkränzchen), Gemeinderätin Annegret Meiselbach (als Geist der Zukunft), Dieter Sobania und Küsterin Gaby Schmöckel (als Lotte und Jupp) mit ihren Büttenreden.

Da wurden weder kirchliche Autoritäten noch Taufschein-Katholiken, die lieber meckern, als selbst etwas zu machen, vom Spott verschont. So ließ das Rosenkränzchen seine Zuhörer mit Blick auf die von allen Steuerzahlern finanzierten Bischofsgehälter von monatlich 11.500 Euro wissen:

Unser Bischof hatte Grund zu trauern. Wir sollten ihn kollektiv bedauern. Er wollte reich und glücklich werden, und ist doch die ärmste Wurst auf Erden. Ich hoffe, er tut Euch allen leid,
denn: er kriegte seinen Steuerbescheid ! Ganz bitterlich hat er geflennt. Der Schäuble nimmt ihm 43 Prozent ! Das war dem Bischof nicht geheuer. Ganz Viele zahlen doch gar keine Steuer:

Arbeitslose, Empfänger kleiner Renten, Kinder, Jugendliche, Studenten, alleinerziehende Mütter. Wie kann das sein? Ist unser Bischof ein armes Schwein ? Oh nein, still schweigt hier Kummer und Harm. Unser Bischof ist nicht arm ! Nur das Bistum ist im Armutsbericht vorn gegen Münster, Köln und Paderborn.“ Und während der „Geist der Zukunft“ die Vorzüge der kommerzialisierten Event-Seelsorge, inklusive Beicht-CD, beschrieb, sang Engel Bert ein Loblied auf das kirchliche Ehrenamt und stellte vor dem Hintergrund der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe in St. Engelbert, St. Mariae Rosenkranz und St. Barbara fest: „Pegida, AFD und alle, die populistisch nur janken, weisen wir mit unserem Engagement in die Schranken. Geht mit eurem menschenverachtendem Gewäsch irgendwohin und leckt uns an der Täsch!“

Dieser Text erschien am 13. Februar 2016 im Neuen Ruhrwort

Montag, 15. Februar 2016

So gesehen: Gemeinsam feiert und lacht sich gut

Mein Gott! So schön kann Kirche sein, zumindest, wenn sie, wie am Samstagabend zum Pfarrkarneval „Firlefanz im Engelkranz“ einlädt.

Kein Firlefanz, sondern Tanz, Musik und gut gewürzter Wortwitz, der auch vor kirchlichen Autoritäten keinen Halt machte, machten den frommen Karneval nicht nur fröhlich, sondern auch ein bisschen frech. So müssen Kirche und Karneval sein, wenn sie nicht nur von Frohsinn und Froher Botschaft reden, sondern sie auch leben wollen. Was uns der Pfarrkarneval von St. Engelbert und St. Mariae Rosenkranz auch für die Zeit nach Aschermittwoch lehrt, ist die Tatsache, dass man nur gemeinsam stark ist und am weitesten kommt, wenn jede(r), begreift, dass niemand eine Insel ist, sondern nur als Teil einer Gemeinschaft gut leben kann, in die sich jede(r) mit seinen Talenten einbringen kann, darf und muss, wenn wir auch morgen und übermorgen noch etwas zu lachen haben wollen.

Dieser Text erschien am 8. Februar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 14. Februar 2016

"Liebe ist nicht nur ein Wort": Gedanken zum Valentinstag

Pfarrer Michael Manz
Am 14. Februar ist Valentinstag, der Tag der Liebenden. Der römische Priester Valentin wurde im 3. Jahrhundert zum Märtyrer, weil er Paare nach christlichem Ritus traute. Pfarrer Michael Manz widmet(e) der Liebe deshalb einen ganzen Gottesdienst, der in der Styrumer Immanuelkirche an der Kaiser-Wilhelm-Straße von Steffi Klapper und Volker Hoffmann mit Liebesliedern bereichert wurde. Was fällt dem ev. Theologen und wiederverheirateten Familienvater zum Thema Liebe ein?

Frage: Viele Menschen träumen von der Liebe fürs Leben, aber immer mehr Ehen scheitern. Warum ist das so?

Antwort: Dass Ehen scheitern hat viele Gründe: Es können die immer stressiger werdenden Zeiten sein, die einem das Gefühl der Liebe erschweren. Menschen entwickeln sich weiter, manchmal eben anders, als man sie kennen gelernt hat.

Frage: Was kann, muss, sollte man tun, um eine Liebe lebendig zu erhalten oder vielleicht auch wiederzubeleben?

Antwort: Liebe will erhalten bleiben, will gepflegt werden. Man darf sich nicht gehen lassen.

Frage: Kann man Liebe und das Leben von Familie und Partnerschaft lernen oder ist das Gelingen einer Liebe fürs Leben am Ende reine Glückssache?

Antwort: Um Kinder zu erziehen, gibt es keine Schule, für die Liebe auch nicht. Daher ist „Liebe” ein ewiges, dauerhaftes Lernen gemeinsam mit dem geliebten Menschen. Und da Liebe nie nur von einem Menschen abhängt, sondern es auch auf den Anderen ankommt, gehört vielleicht auch eine Portion „Glück”, aber ganz bestimmt auch Gottvertrauen dazu.

Dieser Text erschien am 13. Februar in der NRZ und in der WAZ

Samstag, 13. Februar 2016

Brücken nach Qalqilia bauen

Heiner Schmit kennt Israel und
Palästina nicht nur von der Landkarte.
Sagt Ihnen der Name Qalqilia noch etwas? Vor 17 Jahren war die palästinensische Nachbargemeinde unserer israelischen Partnerstadt Kfar Saba auf dem besten Weg, Mülheims zweite Partnerstadt im Nahen Osten zu werden. Noch im Frühjahr 2000 nahmen Jugendliche aus Qalqilia und Kfar Saba an einer internationalen Jugendbegegnung des Fördervereins Mülheimer Städtepartnerschaften teil. Doch im selben Jahr brach die zweite Intifada aus, und das Thema Partnerschaft war vom Tisch.

„Zu Unrecht“, findet der Fotograf und Ruhrpreisträger Heiner Schmitz. Er hat das heute rund 100.000 Einwohner zählende Kfar Saba und das rund 49.000 Einwohner zählende Qalqilia seit den neunziger Jahren regelmäßig besucht. Auf israelischer wie auf palästinensischer Seite fand er Gesprächspartner, die nicht nur den Dialog mit Mülheim, sondern auch den Dialog mit der jeweiligen Nachbarstadt begrüßen.

Das ist keine Selbstverständlichkeit. Denn infolge der Intifada sind beide Städte durch eine acht Meter hohe Mauer voneinander getrennt, die nur an zwei Checkpoints passierbar ist. „Diese Mauer ist höher als die ehemalige Berliner Mauer“, so Schmitz, „und hat die vormals guten menschlichen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Qalqilia und Kfar Saba massiv beeinträchtigt.“

Seit dem Osloer Friedensabkommen von 1995 gehört Qalqilia zur Zone A des Westjordanlandes, die von der palästinensischen Autonomiebehörde verwaltet wird. Nach Beginn der Intifada wurde Qalqilia aber unter israelische Kontrolle gestellt. Die Menschen dort leben vor allem von Landwirtschaft und Gartenbau.
Obwohl Schmitz als ehrenamtlicher Mitarbeiter des Israel-Teams im Förderverein Mülheimer Partnerstädte ein Anhänger der seit 1993 existierenden Städtepartnerschaft mit Kfar Saba ist, will er die politisch von der aktuellen israelischen Regierung Israels gewollte Isolation der Menschen in Qalqilia nicht ignorieren.

„Wir können den Nahost-Konflikt nicht lösen, aber wir können auf der menschlichen Ebene Brücken der Begegnung bauen und eine Städtefreundschaft zwischen Mülheim, Kfar Saba und Qalqilia ins Leben rufen“, blickt Heiner Schmitz in die Zukunft. Um diese Idee zu realisieren, hat er mit zehn Gleichgesinnten den Arbeitskreis Städtefreundschaft Mülheim-Qalqilia ins Leben gerufen, der sich am 23. Februar um 18 Uhr mit einer Informations- und Gesprächsveranstaltung im Medienhaus am Synagogenplatz der interessierten Öffentlichkeit vorstellen wird.

Der Arbeitskreis, der weitere Helfer sucht, hat bereits erste Kontakte zwischen der Mädchenschule von Qalqilia und dem Gymnasium Heißen vermittelt. Die Leiterin der Mädchenschule von Qalqilia wird auch am 23. Februar im Medienhaus erwartet.

Ein Arzt aus Qalqilia konnte bereits mehrere Wochen im Evangelischen Krankenhaus hospitieren. Mit dem Marien-Hospital werden derzeit Möglichkeiten sondiert, wie man das UN-Krankenhaus in Qalqilia medizintechnisch unterstützen könnte. Und im Café Mocca Nova wird inzwischen auch Kaffee aus Qalqilia serviert.

Daten und Fakten rund um Qalqilia

Mülheims Partnerstadt Kfar Saba ist seit der Gründung Israels (1948) ein Teil des Staates Israel. Nach der Staatsgründung kam es dort aber zur Vertreibung arabischer Einwohner, die zum Teil in das benachbarte Qalqilia flohen. Seit dem Friedensabkommen von Oslo (1995) gehört Qalqilia zum Gebiet der palästinensischen Autonomiebehörde. Es liegt im Westjordanland an der sogenannten Grünen Linie, die die Grenze zwischen Israel und dem palästinensischen Autonomiegebiet markiert. Infolge der 2000 ausgebrochenen Intifada wurde die Stadt ab 2003 eingemauert und unter israelische Verwaltung gestellt. 

Dieser Text erschien am 12. Februar 2016 in der NRZ und in der WAZ

Freitag, 12. Februar 2016

So gesehen: Weibliche Führung beim Einkauf

Höre ich jetzt schon Stimmen. Diesen Eindruck hatte ich beim letzten Einkauf im Supermarkt. „Der milde Gouda oder lieber Emmentaler? Welche Apfelsorte soll es den sein? Dann nehme ich also lieber die Schinkenwurst und nicht die Salami.“ So drang es aus der Tiefes des Raumes an mein Ohr. Nein. Es war keine Durchsage des supermarktinternen Werbefunks, die da zu hören war. Auch gehörte die Stimme keinem hilfreichen Verkäufer oder einem aus der Zoohandlung entflogenen Papagei. Es war ein Mann, der sich mit seinem Handy von seiner Frau durch die Regalgänge fernsteuern ließ.

So viel zum Thema Emanzipation beim Einkaufen. Welcher Mann möchte sich nach dem Besuch des Supermarktes von seiner besseren Hälfte fragen lassen: „Was hast du denn da schon wieder eingekauft?“ Um dieses Nachspiel zu vermeiden, greift Mann zwischen den Supermarktregalen zum Handy. Wie konnten wir Männer früher ohne Handy einkaufen, wahrscheinlich nur mit einem Einkaufszettel, den uns unsere Mutter oder unsere Frau mitgegeben hatte.


Dieser Text erschien am 2. Februar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Donnerstag, 11. Februar 2016

Die Gartenstadt: Im Uhlenhorst sind die Wege ins Grüne kurz und die Wege zum Einkauf weit

"Der Zusammenbrechende" heißt
dieses 1937 vom Bildhauer
Hermann Lickfeld geschaffene
Mahnmal auf dem Ehrenfriedhof
im Uhlenhorst. Hier hält der Sozialverband
Deutschlands seine Gedenkstunde zum
Volkstrauertag ab,
„Hier ist man schnell im Grünen. Das lohnt sich auch für Familien, die mit ihren Kindern durch eine garantiert autofreie Zone spazieren können“, schwärmt der mehrfache Vater und Großvater Gerhard Bennertz. Seit 27 Jahren leben seine Frau Ingrid und er an der Großenbaumer Straße und damit direkt am Uhlehorst.

Bis zur Straßenbahnhaltestelle Waldschlößchen sind es nur wenige Geh-Minuten weit. „90 Prozent meiner Erledigungen, die ich in der Stadt zu machen habe, kann ich mit der Straßenbahn erledigen“, erklärt der 75-jährige Religionspädagoge. Während des Berufsverkehrs und am Wochenende werde die Linie 102 sehr stark genutzt, während tagsüber nur wenige Fahrgäste in den Uhlenhorst kämen, berichtet er.

Das Wohnen im Grünen hat aber auch seine Nachteile. „Die nächste Einkaufsmöglichkeit für Lebensmittel und täglichen Bedarf ist etwa eineinhalb Kilometer entfernt“, erzählt er. Natürlich verbinden nicht nur Mülheimer den Uhlenhorst mit dem gleichnamigen Hockey- und Tennis-Club. Für den deutschen Hockeysport ist der 1920 gegründete HTC Uhlenhorst das, was der FC Bayern München für den deutschen Fußball ist. Nicht nur Tennis- und Hokeyplätze, sondern auch die Gaststätte im Clubhaus zieht Sportfreunde in den Uhlenhorst.

„Auch mit empfehlenswerten Restaurants sind wir hier gut ausgestattet“, sagt Bennertz mit Blick auf den Tannenhof, das Waldschlößchen oder das Forsthaus. Vor allem Schulklassen und Kindergarten gruppen seien regelmäßig der Natur-Lernwerkstatt der Kreisjägerschaft zu Gast.

Was beim Rundgang durch den Uhlenhorst auffällt, sind die zahlreichen villenähnlichen Wohnquartiere, ohne Namensschild und mit verschlossenen Einfahrtstoren. Hier wohnen offensichtlich wohlhabende Menschen, die auf Anonymität Wert legen. Das hat Tradition: Einst wohnten im und am Uhlenhorst auch Industrielle, wie Fritz Thyssen und Emil Kirdorf, die beim Aufstieg Adolf Hitlers eine verhängnisvolle Rolle gespielt haben. 1993 kam die Industriellen-Witwe Marita Grillo bei einem Brand in ihrer Villa an der Großenbaumer Straße auf tragische Weise ums Leben. Wo früher vor allem Wirtschaftskapitäne mit ihren Familien lebten, finden heute wohlhabende Bürger ihr Wohnquartier im Grünen. Dieser Wandel vollzieht sich derzeit auch auf dem Anwesen am Uhlenhorstweg 29. Wo sich der Industrielle Gerhard Küchen 1913 eine Villa errichten ließ, hatte von 1952 bis 2004 die Evangelische Akademie der Rheinischen Landeskirche ihren Sitz. Als die Akademie nach Bonn verlagert wurde, zog dort mit der Residenz Uhelnhorst ein Hotel ein. Doch inzwischen entsteht, wie an so vielen historischen Orten unserer Stadt Wohnraum der gehobenen Preisklasse.

„Der Uhlenhorst wurde vor 100 Jahren als Gartenstadt für wohlhabende Bürger angelegt. Auch damals fuhr schon einen Straßenbahn in den Uhlenhorst. An ihrer Endhaltestelle stand das heute nicht mehr existierende Restaurant Hammersteins Hof.   Ab 1940 wurden internierte Juden von den Nazis zwangsverpflichtet, Wege durch den Uhlenhorst anzulegen. Und unweit des heutigen Ehrenfriedhofes gab es auch Flugabwehrkanonen“, weiß der historisch forschende und bewanderte Wahl-Mülheimer Gerhard Bennertz. Welche Folgen deutsche Diktatur und Kriegspolitik gehabt hat, zeigen die Gräber auf dem Ehrenfriedhof im Uhlenhorst. Hier ruhen gefallene Soldaten des Ersten und Zweiten Weltkrieges, aber auch zivile Opfer des Luftkrieges. In unmittelbarer Nähe des Friedhofes waren während des Zweiten Weltkrieges auch Flugabwehrkanonen stationiert.

Dieser Text erschien am 10. Februar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 10. Februar 2016

Ein Zug durch die Gemeinde: Bei ihrem etwas anderen Rosenmontagszug von einer Karnevalsparty zur anderen erlebten die Tollitäten den emotionalen Höhepunkt ihrer Session

Stadtprinzessin Julia und Stadtprinz Markus
zusammen mit ihren Paginnen Nicole und Melissa
beim Rosenmontagsball der KG Blau Weiß: In
ihrer Mitte Sebastian Bahl und Katrin Groß, die
das aktuelle Sturmtief in ein originelles
Kostüm umgesetzt hatten. 
Was machen Prinzenpaare, wenn der Rosenmontagszug ausfällt? Julia & Markus und Chiara & Luka ziehen durch die Säle, eskortiert von ihrem närrischen Hofstaat.

Beim Rosenmontagsball der KG Blau Weiß werden sie um 14 Uhr im Altenhof von rund 200 Jecken empfangen und gefeiert. Das tut den Tollitäten gut, schließlich mussten sie am Morgen die Absage des Karnevalszugs verkraften. Und sie haben immer noch daran zu knabbern, Prinzessin Julia kämpft zeitweise mit den Tränen.

Doch die Stimmung steigt von Saal zu Saal, gemäß des Prinzenliedes „Es gibt nur Dur in Mülheim-Ruhr“! Offiziell gibt es an diesem Rosenmontag nur die beiden Rosenmontagsbälle der KG Blau Weiß und des Hauptausschusses Groß-Mülheimer Karneval. Aber die Tollitäten werden zu spontanen Jecken-Partys eingeladen.

Eine steigt vor dem Laden der Flüchtlingsinitiative Willkommen in Mülheim. Der Name ist Programm. Die Tollitäten werden von den Flüchtlingen herzlich willkommen geheißen und sofort in einen spontanen Tanzkreis integriert. Hier ein Selfi, da ein Selfi. Bitte, recht freundlich. Prinzessin Julia I. und Prinz Markus II. revanchieren sich mit etlichen Kisten voller kleiner Torten, die sie eigentlich von ihrem Rosenmontagswagen aus werfen wollten. Vor allem die Kinder sind begeistert.

Das gilt auch für die Kleinen, die später bei der Karnevalsparty der KG Düse in der Styrumer Feldmannstiftung die Wurftechnik der Tollitäten testen, beim Indoor-Kamelle-Regen. „Das ist ja fast so schön, wie auf dem Rosenmontagswagen“, findet Prinz Markus II. 100 kleine und große Jecken wollen aber nicht nur Kamelle: „Wir wollen euch tanzen sehen. Wir wollen euch tanzen sehen!“

Ähnlich stellt sich die Szenerie für die Tollitäten im Trainingsquartier des MCCs am Wenderfeld dar. 50 Narren, die meisten kostümiert, klatschen, jubeln und singen wie 500. Für die närrischen Regenten ist es wie das Bad in einer Fankurve. „Das ist unser Rosenmontagszug. Wir ziehen von einer Party zur nächsten“, freut sich Prinzessin Julia I., und lässt ihr Taschentuch stecken. Bevor es weiter geht zu den Mölmschen Houltköpp, die im Uerige Treff an der Wertgasse warten, bekommen die Tollitäten noch eine Wegzehrung (Frikadelle und Mettwurst) mit auf den Weg.

An der Wertgasse dann tatsächlich ein Hauch Rosenmontagszug: Kostümierte Jecken am Straßenrand, mitten auf der Straße spielt der Musikzug der Houltköpp: „Da sind wir dabei. Das ist prima.“ Und dann heißt es in der Gaststätte wieder; „Wir wollen euch tanzen sehen!“ Prinz Markus II. und Prinzessin Julia I. sind sich einig: „So einen emotionalen und mega-geilen Rosenmontag hat noch kein Prinzenpaar erlebt.“


Dieser Text erschien am 9. Februar 2016 in der NRZ und in der WAZ

Dienstag, 9. Februar 2016

Mit 66 Jahren, da hat man Spaß daran: Die KG Knattsch Gek hält es mit Udo Jürgens

Die Tanzgarde der KG Knattsch Gek
beim Jubiläumsauftritt in der
Stadthalle
"Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an. Mit 66 Jahren, da hat man Spaß daran!" So sang einst Udo Jürgens. Wenn das stimmt, dann hat die vor 6 mal 11 Jahren gegründete Karnevalsgesellschaft Knattsch Gek noch einiges vor sich. "Wir gehörten immer schon zu den kleinsten, aber auch zu den familiärsten Karnevalsgesellschaften Mülheims", sagt Ex-Prinzessin Annette Stachelhaus, die heute an der Spitze der 1950 gegründeten Karnevalsgesellschaft steht.

Ironie der Geschichte. Die Gesellschaft, die heute von einer Frau geführt und von vielen Frauen und Männern getragen wird, ließ erst 1973 Frauen als Mitglieder zu. Erika Rautenstrauch war die erste Närrin in den Reihen dritt-ältesten Karnevalsgesellschaft Mülheims. Die KG Knattsch Gek ging ursprünglich aus der Heißener Kolpingsfamilie hervor und stellte im Laufe von 66 Jahren zwei Stadtprinzenpaare und ein Kinderprinzenpaar. Von 1951 bis 1996 feierte sie, jeweils am Karnevalssonntag, ihre Prunksitzung.

Ab 1997 wurde diese Veranstaltung dann aber auf den Karnevalssamstag und in die Schulaula an der Bruchstraße verlegt. Dort feierte die Gesellschaft, die zu den Mitgründerinnen des Hauptausschusses Groß-Mülheimer Karneval gehört, in dieser Session auch ihr Kinder-Karnevals-Fest. Außerdem lud sie zum Jubiläums-Empfang in die Stadthalle. Eine enge Verbindung gibt es auch zum Roten Kreuz. In dessen Bürgertreff feiert die Gesellschaft gut und gerne Senioren-Karneval
Die Tanz-Gardistinnen, die sich donnerstags von 17 bis 19 Uhr zum Training in der Grundschule am Steigerweg treffen, werden auch am kommenden Karnevalssamstag, 6. Februar, ab 11.11 Uhr beim Närrischen Biwak auf dem Synagogenplatz dabei sein.

Dieser Text erschien am 3. Februar 2016 in der Mülheimer Woche und im Mülheimer Lokalkompass

Montag, 8. Februar 2016

Die treue Seele: Inge Kurtz

Inge Kurtz
In diesen Tagen sieht man Inge Kurtz immer wieder im Forum. Etliche Stunden verbringt sie im Einkaufszentrum. Nicht das sie an akutem Kaufzwang leiden würde. Sie kauft nicht. Die 72-Jährige verkauft. Lose für die Rosenmontagstombola. Für einen Euro ist man dabei. Und der Hauptpreis, ein Fahrrad, ist noch im Rennen. „Was soll ich denn zu Hause auf dem Sofa sitzen. Da tue ich doch lieber etwas sinnvolles und unterstütze den Rosenmontagszug“, sagt die Witwe und Mutter von zwei erwachsenen Söhnen.

Ihr älterer Sohn Guido ist Schuld daran, dass sie vor 40 Jahren beim Mülheimer Karnevalsverein MKV landete. „Wir sind zwar nur ein kleiner Verein mit etwa 45 Mitgliedern. Aber gerade diese Überschaubarkeit unserer Gesellschaft macht ihren familiären Charakter aus“, betont Kurtz.

Eberhard Geiger, Vater des heutigen MKV-Präsidenten Michael Geiger, holte die Familie Kurtz 1976 in den gerade erst vier Jahre zuvor aus der Taufe gehobenen Karnevalsverein mit den Signalfarben Orange und Blau. Laut Farbpsychologie steht die Farbe blau für Klarheit und Sehnsucht, die Farbe Orange für Lust, Freude und Optimismus.

„Der Karneval bringt Farbe und Abwechslung in unser Leben“, findet Inge Kurtz.

Sie sah es gerne, dass ihre beiden Söhne Guido und Heiko bei den Schlossbläsern des MKV und später bei den Ruhr-River-Trumpets mitspielten. Auch ihr vor dreieinhalb Jahren verstorbener Ehemann Günter ließ sich nur zu gern beim Wagenbau einspannen. „In der Session waren wir oft mehr bei Proben, Veranstaltungen oder beim Wagenbau, als zu Hause“, erinnert sich Kurtz.

Dass ein Karnevalsverein, wie eine Familie funktionieren und Menschen auch in schwierigen Zeiten auffangen kann, erlebte Inge Kurtz auch, als ihr Mann Günter vor dreieinhalb Jahren starb.

Die menschlichen Bindungen, die über 40 Jahre entstanden sind, lassen sie auch heute dem MKV die Treue halten, auch wenn der Verein derzeit nur eine Tanzgarde, aber keine Wagenbauabteilung und auch keine Musikgruppe mehr hat.

Nicht nur für den Rosenmontagszug, sondern auch für ihre Gesellschaft verkauft Inge Kurtz Tombolalose oder wirbt um Anzeigen für das Sessionsheft des MKVs. Das kann die Frau, die ihren Lebensunterhalt als Reinigungskraft bei der Stadtverwaltung verdient hat, sehr gut. Denn sie hat eine unaufdringliche Freundlichkeit, die sympathisch rüber kommt.

„Ich finde es spannend, mitzuerleben, wie sich Menschen entwickeln“, sagt Kurtz mit Blick auf ihre langjährige Vereinsmitgliedschaft. Gerade in schweren Zeiten, so glaubt sie, brauchen wir als Gesellschaft den Karneval, weil er Menschen zusammenbringt und ihnen Freude schenkt, und sei es auch nur für die wenigen Stunden einer Karnevalssitzung oder eines Rosenmontagszuges.

Allerdings gibt sich Kurtz angesichts von Investitionen jenseits der 3000-Euro-Grenze keinen Illusionen darüber hin, „dass es für kleinere Gesellschaften, wie die unsere immer schwieriger wird, kostendeckend eine eigene Karnevalssitzung auf die Beine zu stellen.“

Nicht nur, dass es kleinere Gesellschaften schwerer haben, Sponsoren zu finden: „Auch das Geld sitzt bei den meisten Menschen heute nicht mehr so locker, wie noch vor 40 Jahren“, weiß Kurtz. Und wie wäre es, sich mit einer anderen kleinen Gesellschaft zusammen zu tun, um größer und stärker zu werden? Inge Kurtz winkt ab. „Wir haben in der Vergangenheit schon mit anderen Gesellschaften Veranstaltungen organisiert, aber leider schlechte Erfahrungen gemacht“, erzählt Kurtz. Entweder gab es Krach darüber, wie viel bestimmte Programmpunkte kosten dürften oder eigene Gardemädchen wurden von der jeweils anderen Gesellschaft abgeworben.

Keine schlechten Erfahrungen hat man mit den Freunden von der ebenfalls kleinen KG Knattsch Gek gemacht, die die Jecken vom MKV auf ihren Rosenmontagswagen mitfahren lässt und ihnen so den viel Zeit, Arbeit und Geld kostenden Wagenbau erspart.

Dieser Text erschien am 6. Februar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 7. Februar 2016

So gesehen: Bange machen gilt nicht

Der Kartoffelhändler meines Vertrauens weiß fast alles von mir. Schließlich gehe ich öfter zu ihm, als zum Friseur.

Und deshalb weiß er natürlich auch, dass ich in diesen Tagen als Karnevalsreporter unterwegs bin. Gestern standen mir beim Kartoffelkauf allerdings die Haare zu Berge, als er mir riet: „Passen Sie nur auf, dass sie am Rosenmontag keinen Sonnenbrand bekommen.“

Ist der Mann närrisch? Wahrscheinlich. Und das im besten Sinne. Denn Narren beherrschen die Kunst der Ironie, frei nach dem Motto: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“ Denn die Markthändler bekommen angesichts von Sturm- und Regenprognosen genauso Hitzewallungen, wie die Karnevalisten, die sich über Monate auf den Rosenmontagszug vorbereitet haben und jetzt, nicht, wie schon anno 1990 vom Winde verweht werden wollen. Da hilft wohl nur beten. Und dabei haben die Jecken gute Karten. Denn mit dem Beten werden sich auch Stadtdechant Michael Janßen und Pfarrer Michael Manz reinhängen. Denn sie wollen ja am Rosenmontag auch mit dem Zug der närrischen Zeit durch die Innenstadt fahren.


Dieser Text erschien am 6. Februar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 6. Februar 2016

Die Narren sind zurück im Rathaus: Eindrücke vom Mülheimer Möhnensturm

Stadtprinzessin Julia I. (Steck)
11.11. Uhr. Weiberfastnacht und es regnet. Wie schön das der Rathaussturm, der in den letzten Jahren auf dem Synagogenplatz gefeiert wurde, an seinen angestammten Platz zurückgekehrt ist. Ein erstes Signal des neuen Oberbürgermeister Ulrich Scholten, dass bei den Närrinnen und Narren gut ankommt.

Draußen schießt die Karnevalsgesellschaft Wagaschei mit ihrer Konfettikanone, während das närrische Weibsvolk und seine männliche Begleitung, das Rathausfoyer stürmen. Während die Stadtprinzessinnen Julia und Chiara mit musikalischer Verstärkung durch die KG Düse ins Amtszimmer des Oberbürgermeisters stürmen, schunkeln und singen sich im Foyer des Standesamtes gut 100 Jecken warm. Stimmungskanone Thomas Straßmann gibt den Ton an: „So ein Tag, so wunderschön wie heute!“ Prinz Markus (mit Zöpfen) und Hofmarschall Hermann-Josef Hüßelbeck (mit wilder Perücke) haben nicht viel zu sagen. Sie dienen als Staffage für die Damen. „Ihr könnt euren Männern sagen, dass sie schon mal zuhause putzen sollen. Wir kommen heute später“, macht Kinderprinzessin Chiara eine klare Ansage.

Und schon wird Oberbürgermeister Ulrich Scholten, mit Krawatte und Narrenkappe dezent verkleidet, von Stadtprinzessin Julia vorgeführt. „Wir wollen euch mal den neuen OB vorstellen. Das ist ja jetzt nicht mehr die Frau Mühlenfeld“ unterstreichen die Ex-Prinzessinnen Maren Lucas, Lisa Arnold und Elke Fischer, die mit Charme und Zylinder durch das Programm führen, das Offensichtliche. Offensichtlich ist, dass Scholten, anders, als seine Vorgängerin, die auch schon mal als Piratin zum Möhnensturm antrat, sich lieber defensiv verkleidet.

Dafür hat er einen unschlagbaren Vorteil, eine Krawatte. Denn in den zwölf Amtsjahren der Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld, musste stets ihr Bürgermeister-Kollege Markus Püll als Alibi-Krawatten-Mann. Jetzt lässt der Chef sich nicht selbst auf den Schlips treten, ihn aber aberschneiden. Seine Krawatte hat nur eine sehr kurze Lebenserwartung und auch die Stadtschlüssel ist er bald los, nachdem er in einem sehr einseitigen Wettangeln mit Stadtprinz Markus das Nachsehen hat.

Sein Kommentar zum Regierungswechsel im Rathaus: „Das ist nicht fair. Gerade erst vor 100 Tagen hab’ ich das Oberbürgermeister-Amt bekommen, da werden mir die Stadtschlüssel schon wieder abgenommen. Prinz Ulrich I. wollt’ ich sein. Doch es ist anders gekommen. Ihr habt den Machtkampf gewonnen. Und solltet ihr mal Hilfe brauchen, weil euch beim Regieren die Köpfe rauchen, fragt euren Hofmarschall Hermann- Josef Hüßelbeck. Der weiß als Bezirksbürgermeister hier gut Bescheid.“

Doch die von Elli Schott und Stadtprinzessin Julia angeführten Möhnen sorgten gleich dafür, dass der OB auch an den Tollen Tagen nicht arbeitslos wird und beförderten ihn zum Zugleiter eines rathausinternen Narrenzuges. Der soll die Mitarbeiter der Stadtverwaltung bis Veilchen-Dienstag in Bewegung setzen und so die Energiekosten im Rathaus senken. So vergnüglich kann es sein, wenn der öffentliche Dienst auf Trapp kommt.

So gesehen: Das schöne und starke Geschlecht


Welcher Politiker lässt sich schon gerne sein Amt abnehmen. Aber Oberbürgermeister Ulrich Scholten, seines Zeichens auch Ehrensenator der KG Röhrengarde, nahm seinen Amtsverlust gestern offensichtlich mit Humor. Kein Wunder. Denn die beiden Stadtprinzessinnen bedankten sich bei ihm für den Verlust seiner Krawatte und der Stadtschlüssel mit einem Stereo-Bützchen. Oberbürgermeister müsste man sein. Das ist eben die Stärke der Frauen, dass sie als Menschen der Tat uns Männer so um den Finger wickeln können, dass die Erfüllung ihrer Wünsche uns als die Erfüllung unserer eigenen Wünsche erscheint und das nicht nur an Weiberfastnacht. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Dieser Text erschien am 5. Februar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 5. Februar 2016

Der Karneval kann den Menschen Gemeinschaft vorleben

Stadtprinzessin Julia (I.) Steck
Wenn wir schon keine Oberbürgermeisterin mehr haben, so doch eine Stadtprinzessin. Und heute will die närrische Regentin mit der Rückendeckung ihrer Tollitäten und Möhnen um 11.11 Uhr das Rathaus stürmen und im Foyer am Rathausmarkt Oberbürgermeister Ulrich Scholten die Stadtschlüssel abnehmen. Ob er wirklich die Macht im Rathaus verlieren wird, ist eher fraglich. Doch fest steht. Seine Krawatte muss daran glauben.

Es sei denn, er wäre ein Spielverderber und würde heute im Rollkragenpullover erscheinen. Keine Frage: Auch wenn sie nicht gewählt ist, repräsentiert Julia Steck als Stadtprinzessin die karnevalistische und die demografische Mehrheit in Mülheim. Denn 51,4 Prozent der rund 170?000 Mülheimer und rund 60 Prozent der 1500 aktiven Karnevalisten sind weiblich.

„Wenn Frauen und Männer gemeinsam Karneval feiern, können sie vor allem lernen, dass Leben nicht zu ernst zu nehmen. Sie können aber auch lernen, dass es einfach gut tut, miteinander zu reden und einander zuzuhören.“ Den Karneval sieht die Regentin in einer gesellschaftlichen Vorbildfunktion. „Die Karnevalisten können vorleben, dass uns ein starkes und fröhliches Gemeinschaftsleben weiter bringt, als der reine Egoismus.“

Hätte sie als Stadtprinzessin nicht nur die närrische, sondern auch die politische Macht, dann würde sie erst mal alle Mülheimer einem Humortest unterziehen und sie dazu verpflichten, „mindestens einmal pro Tag zu lachen und anderen Menschen etwas Gutes zu tun.“

Was Prinzessin Julia mag, sind Menschen, die auch über sich selbst lachen können. Solch ein positives Humor-Beispiel erlebte sie zuletzt bei ihrem Hofmarschall Hermann-Josef Hüßelbeck. „Er hat herzlich mitgelacht, als wir bei einer Karnevalsveranstaltung in einem Altenheim, dem Publikum spaßeshalber mitteilten, dass wir uns die Mülheimer Altenheime auch deshalb anschauen, weil unser Hofmarschall ja nicht mehr der Jüngste ist.“

Dieser Text erschien am 4. Februar 2016 in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung


Drei Fragen an die Stadtprinzessin: Beispielhafte Gemeinschaft

Frage: Heute führen Sie mit rund 30 Möhnen den Rathaussturm an. Ab 11 Uhr wird im Rathausfoyer am Rathausmarkt gefeiert. Was können Männer und Frauen beim Feiern voneinander lernen?

Antwort: Sie können lernen, das Leben nicht immer so ernst zu nehmen. Sie können aber auch lernen, dass es gut tut, miteinander zu sprechen und einander zuzuhören.

Frage: Sie wollen dem Oberbürgermeister die Stadtschlüssel abnehmen. Was würden Sie gerne durchsetzen, wenn Sie als Stadtprinzessin wirklich die Macht hätten?

Antwort: Zunächst mal würde ich alle Bürger einem Humortest unterziehen und sie dazu verpflichten, mindestens einmal pro Tag zu lachen und anderen eine Freude zu machen. Dann sähe das Leben in unserer Stadt gleich viel besser aus.

Frage: Worüber können Sie lachen und wo verstehen Sie gar keinen Spaß?

Antwort: Was mich freut, sind Menschen, die Humor haben und in der Lage sind, sich selbst auf die Schüppe zu nehmen. Unser Hofmarschall Hermann-Josef Hüßelbeck ist so ein Mensch. Er hat herzlich mitgelacht, als wir beim Seniorenkarneval in den Mülheimer Altheimen spaßeshalber dem Publikum mitteilten, dass wir uns die Mülheimer Altenheime in dieser Session mal ganz genau anschauen wollen, weil unser Hofmarschall ja auch nicht mehr der Jüngste ist und man nie genau wissen kann, wann man einen Altenheimplatz für ihn braucht. Gar nicht lachen kann ich über den offensichtlichen Werteverfall in unserer Gesellschaft. Immer mehr Menschen denken nur noch an sich und übertreten Regeln, die das Gemeinschaftsleben erst möglich machen. Das fängt schon im Straßenverkehr an, wenn Autofahrer drängeln, bei Rot über die Ampel fahren oder ihren Wagen mal eben im Parkverbot abstellen. Ich glaube, dass der Karneval hier im positiven Sinne Gemeinschaft vorleben kann.

Dieser Text erschien am 4. Februar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 4. Februar 2016

Er schöpfte aus der Kraftquelle seines christlichen Glaubens: Der katholische Staatsmann Konrad Adenauer

Konrad Adenauer. Das war der Mann, der seiner Heimatstadt Köln als Oberbürgermeister eine neue Universität, international beachtete Messehallen und die Ansiedlung der Ford-Werke bescherte. Er war der Mann, der mit Hilfe seiner eigenen Stimme 1949 im Alter von 73 Jahren zum ersten Bundeskanzler gewählt wurde. Er war der Bundeskanzler, der in seinen 14 Amtsjahren die Bundesrepublik Deutschland in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und in die Nato führte, der zusammen mit dem französischen Staatspräsidenten Charles De Gaulle aus einer alten Feindschaft eine Freundschaft machte. Er war der Kanzler, der die diplomatische Annäherung an Israel einleitete und er war vor allem der Kanzler, den die Wähler 1957 mit der absoluten Mehrheit belohnten, weil er 1955 die letzten deutschen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion heim holte.
So ist der vor 140 Jahren – am 5. Januar 1876 – geborene Konrad Adenauer in das kollektive Gedächtnis seiner Landsleute eingegangen. Was weniger in Erinnerung blieb, ist sein christlich-katholischer Glaube, aus dem Konrad Adenauer immer wieder Kraft schöpfte.
Der Besuch der Heiligen Messe war für ihn lebenslang mehr als ein Ritual. Es war ihm ein inneres Bedürfnis. Seine Biografen Dorothea und Wolfgang Koch zitieren ihn mit der Erkenntnis: „Ohne die richtige lebendige seelische Haltung wird alles andere nicht richtig. Nichts ist aber so sehr geeignet, auf die seelische Haltung einzuwirken, als die richtig verstandene Pflege des liturgischen Gedankens.“ Und sie zitieren ihn auch mit der Konsequenz, die er als christlicher Demokrat aus dieser Einsicht zog: „Die Lehre vom Wert und der Würde der menschlichen Person ist zuerst vom Christentum aufgestellt worden und rund 2000 Jahre hindurch von ihm bewahrt und siegreich verteidigt worden.“
Als Kölner Schüler besuchte Adenauer das katholische Apostelgymnasium und die Gottesdienste in St. Aposteln. Als Jurastudent in Freiburg, Bonn und München schloss er sich den katholischen Studentenvereinen des Kartellverbandes an. Als 30-jähriger Rechtsanwalt wurde Adenauer in der katholischen Zentrumspartei aktiv. Die machte ihn erst zum Beigeordneten und 1917 zum Oberbürgermeister seiner Heimatstadt. Obwohl er seine Antrittsrede als Oberbürgermeister noch mit einem Hoch auf Kaiser Wilhelm II. schloss, verteidigte Adenauer als Präsident des Katholikentages 1922 die Republik von Weimar gegen die Anwürfe der monarchistisch gesonnenen Katholiken. Damals stellte er fest: „Man­chen katholischen Kreisen fällt es schwer, das richtige Verhältnis zur heutigen Staatsform zu finden. Sie können sich nicht dazu entschließen, unter Beiseitelassung gefühlsmäßiger Erwägungen und Erinnerungen sich entschieden auf den Boden der Tatsachen zu stellen und auf diesem Boden positiv mitzuarbeiten. Es muss auf das ernsthafteste versucht werden, die politische Einigkeit der deutschen Katholiken wieder herzustellen. Dass die deutschen Katholi­ken politischen Einfluss nur dann ausüben können, wenn sie auf dem Boden der heutigen Verfassung mitarbeiten, nicht aber, wenn sie in eine fruchtlose Opposition treten, liegt auf der Hand.“
Es kam bekanntlich anders. 1933 wurde Adenauer von den Nazis als Oberbürgermeister zwangspensioniert und drangsaliert. Adenauer hatte sich als Oberbürgermeister geweigert, die öffentlichen Gebäude und Brücken der Stadt bei einem Besuch Hitlers mit Hakenkreuz-Fahnen zu beflaggen. Nach dem das Zentrum 1933 mit der Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz seinen eigenen politischen Untergang besiegelte, schrieb Adenauer lakonisch und bitter: „Ich weine dem Zentrum keine Träne nach. Es hat versagt und es versäumt, sich rechtzeitig mit neuem Geist zu erfüllen.“
Nach der Machtübernahme der NSDAP suchte und fand Adenauer zwischenzeitlich Zuflucht in der von seinem Mitschüler, Abt Ildefons Herwegen geleiteten Abtei Maria Laach. Dort besuchte ihn auch ein anderer Schulfreund, Adolf Amelunxen, der später erster Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen werden sollte. Als er auf Anfrage Adenauers erklärte, er vermute, dass die Nazis zehn oder zwölf Jahre an der Macht bleiben würden, stellte Adenauer resigniert fest: „Dann werde ich zu alt sein, um noch mal neu anzufangen.“
Auch Adenauer konnte sich irren. Er überlebte, auch mit Hilfe des Kölner Kardinals Josef Frings, seine Inhaftierung nach dem am 20. Juli 1944 gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler. Als der Krieg und die Diktatur am Ende waren, fing Adenauer erst richtig an. Während seine zweite Amtszeit als Oberbürgermeister in Köln Episode blieb, sollte er an der Spitze der neuen deutschen Christdemokratie für fast zwei Jahrzehnte zur prägenden politischen Gestalt der Bundesrepublik werden. Dabei verstand er seine Absage an das neugegründete Zentrum und sein Eintreten für eine überkonfessionelle christliche Volkspartei und sein vehementes Eintreten für die Westbindung als Konsequenz aus der deutschen Geschichte und als eine Garantie für die Zukunft eines demokratischen Deutschlands. Das sollte aus seiner Sicht kein neutraler Spielball der kommunistischen Sowjetunion werden. Deshalb lehnte er auch Stalins Angebot einer deutschen Einheit 1952 ab.

1946 machte Adenauer bei einer CDU-Veranstaltung in Bonn deutlich: „Es ist doch so, die Geschichte der letzten Jahrhunderte hat es eindeutig gezeigt: nur die Befolgung christlicher Grundsätze vermag die Menschheit vor dem Rückfall in schlimmste Barbarei, ja vor der Selbstvernichtung zu retten.“ Auch wenn es 1948/49 bei der Verfassungsgebung im Parlamentarischen Rat Kontroversen um das Eltern- und Schulrecht gab, so konnte sich Adenauer später doch auf die grundsätzliche Unterstützung der katholischen Kirche und ihrer Bischöfe verlassen. Und als „der Alte“, wie er vom Volksmund liebevoll genannt wurde, im April 1967 gestorben war, stellte Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier in seiner Trauerrede zu recht fest: „Die kraftvolle Orientierung, die von Konrad Adenauer ausging, war ein Element seiner staatsmännischen Autorität. Ohne sein subtiles, niemals problemloses, in entscheidenden Momenten aber doch immer festes Verhältnis zum christlichen Glauben nicht denkbar.“

Dieser Text erschien am 5. Januar 2016 in der katholischen Tageszeitung DIE TAGESPOST