Sonntag, 31. Juli 2016

Wie ein warmer alter Mantel: Eine Veranstaltung in der katholischen Akademie Die Wolfsburg stellte die Frage, wie Kirche klingen muss, wenn sie von Gott spricht.

Auf dem Podium: (von links) Der Pastoraltheologe Prof. Dr. Matthias Sellmann, Wort-zum-Sonntag-Sprecher Gereon Alter, die evangelische Theologin und Autorin Christina Brudereck, Politik-Berater Erik Flügge und Moderator Jens Oboth von der katholischen Akademie.

Wie kann Kirche klingen? Das fragte sich die Katholische Akademie und suchte Rat bei berufenen Experten. Rat tut Not. Denn die Frohe Botschaft des Christentums kommt nicht mehr überall an. Rund 7500 Katholiken im Bistum Essen haben, laut Bischofskonferenz, im Jahr 2014 ihrer Kirche den Rücken gekehrt. Die aktuelleren Austrittszahlen aus dem Jahr 2015, die das Bistum Mitte Juli veröffentlichen will, werden wahrscheinlich vergleichbar hoch sein. Seit dem Jahr 2000 ist der Bevölkerungsanteil der katholischen Christen im Ruhrbistum so um fünf auf jetzt noch 33 Prozent gesunken.
Warum verstehen viele Katholiken ihre Kirche nicht mehr? „In der Kirche ist es meistens kalt und dunkel. Da wird von Tod, Angst und Zuversicht gesprochen. Das verstehen viele Menschen nicht. Und sie empfinden es als übergriffig“, schreibt der junge Katholik Erik Flügge seiner Kirche ins Stammbuch. Der Germanist, Buchautor, Blogger und Politikberater zeigt nicht nur an diesem Abend in der Wolfsburg, dass er mit Sprache umgehen kann. Er wünscht sich Pfarrer, „die nicht so salbungsvoll, sondern ganz normal, wie beim Bier mit einem Freund über ihren Glauben sprechen.“ Neben der Sprache ist dem jungen zornigen Mann auch das Erscheinungsbild so manches Sandalen-Theologen im XXL-Schlabber-Look ein Dorn im Auge. Sicher. Auch für Gottesmänner und Frauen gilt: „Wie du kommst gegangen, so wirst du auch empfangen.“
Flügges Forderung nach einer pointierter auftretenden Kirche kontert der Pastoraltheologe Matthias Sellmann mit dem Hinweis: „Dass eine gute religiöse Sprache nicht nur unterhalten, sondern auch trösten und nachdenklich machen soll.“ Mit Blick auf die fragwürdigen politischen Pointen der AFD warnt Sellmann seine Kirche davor, mit anderen Meinungsführern und Sinnanbietern in einen Pointen-Wettbewerb einzutreten. Auch der Hochschullehrer Sellmann sieht die wissenschaftlich mit Fußnoten überladene Theologensprache kritisch, fordert aber auch einen klaren Qualitätsstandard, „der mir als Zuhörer geistige Nahrung gibt und mich sinnbildlich in den Hintern tritt, damit ich gut durch die neue Woche komme.“ Der Politikberater räumte ein, dass es auch vielen Politikern nicht gelinge, ihre Botschaft verständlich an die Frau und den Mann zu bringen. Deshalb, so Flügge, gehe für sie dann am Wahlabend der Balken nach unten, während die Kirchenmitglieder mit den Füßen abstimmten und einfach nicht mehr hin gingen oder sogar austräten.
Die evangelische Theologin und Autorin Christina Brudereck empfiehlt Christen, die im Namen ihrer Religion das Wort ergreifen wollen, sich erst mal selbst zu positionieren: „Schreiben Sie doch mal in drei Sätzen auf, was Ihre Religion für sie charmant macht“, empfiehlt sie ihren Podiums-Kollegen und Zuhörern im vollbesetzten Auditorium der Akademie. Aus ihrer Sicht täte die Kirche gut daran, die schwierige Aufgabe der Predigt, nicht nur den Pfarrern aufzubürden, sondern Menschen aus dem richtigen Leben, von der Krankenschwester bis zum Manager, als Gastprediger einzuladen und so für mehr Vielfalt und Lebensnähe zu sorgen. Brudereck sieht eine gute theologische Sprache, „wie einen warmen Mantel, den man Menschen tröstend umlegen kann.“ Beispielhaft zitiert sie die Gedichtzeilen des evangelischen Pfarrers und 1945 von den Nazis ermordeten Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.“ Immer wieder schön und wohltuend zu hören.

Theologe Gereon Alter vom ARD-Sprecherteam des Wortes zum Sonntag ermutigt die Gemeindemitglieder zu „einer Feedback-Kultur“, die Pfarrer nicht nur mit dem Satz abspeist: „Sie haben wieder schön gepredigt!“ Seinen Kollegen empfiehlt er, „möglichst bildhaft und immer aus ihrer eigenen Biografie heraus“ zu predigen, um mit ihrer frohen christlichen Botschaft authentisch anzukommen.

Samstag, 30. Juli 2016

Was hält unsere Gesellschaft zusammen? Darüber diskutierten Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck und CDU-Landeschef Armin Laschet mit interessierten Bürgern in der Katholischen Akademie Die Wolfsburg

Akademie-Direktor Michael Schlagheck moderierte die
Bürgerdiskussion mit CDU-Landeschef Armin Laschet
und Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck.
„Lesen Sie auch die Kirchenzeitung?“ fragt CDU-Landeschef Armin Laschet einen Zuhörer im vollbesetzten Auditorium. Der Mann hat gerade aufgezählt, welche Zeitungen er liest und welche Fernsehnachrichten er schaut, um sich gut zu informieren. Die Frage kommt nicht von ungefähr. Denn bei der Debatte darüber, „was unsere Gesellschaft zusammenhält“, kommt aus dem Publikum auch der Anstoß, dass eine demokratische Gesellschaft ihren Zusammenhalt und ihre Funktionsfähigkeit verliert, wenn ihre Bürger sich nicht gut informieren oder von den Medien nicht gut informiert werden. Das, so weiß der ehemalige Chefredakteur der Aachener Kirchenzeitung, Armin Laschet, gilt natürlich auch für die Kirche und ihre gesellschaftspolitische Positionierung.

Laschets Frage bleibt, zumindest, was die Kirchenzeitung betrifft, unbeantwortet. Im Auditorium weiß man, dass Bistum Essen hat seine katholische Wochenzeitung Ruhrwort 2014 durch das alle zwei Monate erscheinende Magazin Bene ersetzt. Bischof Franz-Josef Overbeck lächelt vielsagend und Gastgeber Michael Schlagheck von der Katholischen Akademie Die Wolfsburg greift mit der Feststellung ein: „Da machen Sie aber ein Fass auf!“ Grundsätzlich teilt Laschet die Kritik des gut informierten Katholiken aus Oberhausen, der eine zunehmende Emotionalisierung und Oberflächlichkeit der Medien beklagt. Ausdrücklich lobt der CDU-Oppositionsführer im NRW-Landtag den Informationsgehalt des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: 


„Wenn es ihn nicht gäbe, müsste man ihn erfinden“, meint der Christdemokrat. Ruhrbischof Overbeck sieht die Medien „in der gesellschaftlichen Verantwortung, Verantwortungsträger in Gesellschaft, Politik und Kirche nicht nur zu kritisieren, sondern auch zu unterstützen.“
Auch, wenn aus dem Auditorium der Hinweis kommt, dass die privatwirtschaftlich organisierten Medien aufgrund einer zunehmend digitalen und kostenfreien Mediennutzung unter starkem Rationalisierungsdruck stehen, mit dem die Gefahr massiver Qualitätsverluste einhergehen, muss das Gespräch über alternative Medienfinanzierungsmodelle aus Zeitgründen auf die Diskussion nach der Diskussion im Foyer vertagt werden.


Mit Blick auf den Brexit macht Laschet deutlich, dass unsere Demokratie nicht nur Politiker, sondern auch Bürger braucht, die sich nicht nur, aber auch als Wähler einbringen. „Es wäre nie zu einem britischen EU-Austritt gekommen, wenn mehr junge Briten zur Wahl gegangen wären. Denn 70 Prozent der jungen Wähler haben für den britischen Verbleib in der Europäischen Union gestimmt. Aber nur 35 Prozent der jungen Wahlberechtigten haben am Referendum teilgenommen“, beschreibt der Christdemokrat die Folgen von politischem Desinteresse für den Zusammenhalt und die Stabilität einer Gesellschaft. Die Brexit-Erfahrung bestärkt den Landespolitiker darin, „dass ich ein Anhänger der repräsentativen Demokratie bin und dass es gut ist, wenn manche Fragen nicht mit einem Referendum entschieden werden.“

An diesem Punkt hakt die Diözesan-Vorsitzende des Bundes der katholischen Jugend, Stephanie Schulze, ein. Die Bochumer Studentin, die auf das Berufsfeld der sozialen Arbeit zusteuert, hat aus ihrer eigenen Arbeit den Eindruck gewonnen, „dass Jugendliche sich sehr wohl für Politik interessieren und zu aktivieren sind, wenn man frühzeitig an die Übernahme von Verantwortung heranführt. Ihre Konsequenz: Das Wahlalter sollte nicht nur auf der kommunalen Ebene auf 16 Jahre abgesenkt werden. Doch da erweist sich Laschet, wie sie es vorausgesagt hat, als „eine harte Nuss.“ Der Chef der NRW-CDU will, dass Volljährigkeit und Wahlrecht miteinander gekoppelt bleiben.
Ruhrbischof Overbeck lenkt die Aufmerksamkeit auf das Thema Solidarität. „Als Kirche müssen wir uns dafür in den Wind stellen. Auch wenn wir dafür Kritik ernten“, unterstreicht der Oberhirte des Bistums Essen. Ob Flüchtlinge oder Alleinerziehende, Behinderte, Alte, Kranke und Arbeitssuchende. Overbeck sieht die Kirche als Anwältin der „der Solidarität mit den Menschen, die am Rande unserer Gesellschaft stehen.“ Wie kann Integration und 

Zusammenhalt in Deutschland und in Europa gelingen? „Nur durch vorgelebte Erfolgsgeschichten und ganz normale Menschen, die auch öffentlich für eine Sache einstehen“, ist Overbeck überzeugt. Christdemokrat Laschet sieht vor allem mit Blick auf Bildung und Beruf den sozialen Zusammenhalt auch zukünftig gesichert, „wenn wir in unserem Land wieder mehr Chancengerechtigkeit und Aufstiegsmöglichkeiten schaffen.“


Auf die Publikums-Nachfrage nach den Konsequenzen aus der zunehmenden Zahl prekärer Beschäftigungsverhältnisse, von denen niemand, geschweige denn mit einer Familie, leben kann, bleiben Politiker und Kirchenmann erwartungsgemäß eine endgültige Antwort schuldig. Beide sehen die Notwendigkeit, zum Beispiel durch eine gute Kinderbetreuung die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern. „Auch wenn das dem Familienbild mancher Katholiken widerspricht, müssen wir als Kirche die gesellschaftliche Wirklichkeit nehmen, wie sie ist“, verteidigt der Ruhrbischof den Testlauf für eine 24-Stunden-Betreuung, mit der zunächst zwei katholische Kindertagesstätten des Bistums versuchen, alleinerziehenden Eltern eine Berufstätigkeit im Wechselschichtbetrieb zu ermöglichen und damit zu verhindern, dass sie ins Arbeitslosengeld 2 abrutschen. CDU-Mann Laschet fordert „ein grundsätzliches Umdenken“, wenn es darum gehe, Ökonomie und Ökologie, „etwa bei der Ansiedlung gut bezahlter Industriearbeitsplätze“ gehe.



Und was ist mit der Religion und den Kirchen, die sie in unserer Gesellschaft vertreten? Die Katholiken Laschet und Overbeck, wenn wundert es, sehen in der Religion eine wichtige Sinn- und Wertestifterin. Beide plädieren aber auch für eine Vernunft-geleitete Religion und eine klare Trennung zwischen Theologie und Staatspolitik, aber auch für selbstbewusste, gestaltungsbereite und ökumenisch offene Christen. Aus dem Auditorium heraus warnt ein aus dem Irak geflohener Christ vor einer falschen Toleranz gegenüber extremistischen Muslimen, die die Scharia höher schätzten als das Grundgesetz und die auch davor nicht zurückschreckten, in Flüchtlingsunterkünften zum Christentum konvertierte Muslime zu drangsalieren.

Franz-Josef Overbeck räumt solche Übergriffe ein, sieht sie aber zumindest mit Blick auf die Caritas-Unterkünfte als Einzelfälle an. „Auch wir Katholiken haben bis 1965 gebraucht, ehe wir uns mit dem II. Vatikanischen Konzil dazu bekannt haben, dass sich Religionsausübung und Religionsfreiheit immer gegenseitig bedingen“, wirbt der Ruhrbischof für Verständnis in Richtung eines Islams, der zumindest in weiten Teilen noch die Aufklärung vor sich hat, die das Christentum, zum Teil auch schmerzhaft, bereits hinter sich hat.

Dieser Text erschien am 2. Juli 2016 im Neuen Ruhrwort

Freitag, 29. Juli 2016

Ein Leben, das bis heute nachklingt: Vor 100 Jahren wurde der Kirchenmusiker und Komponist Siegfried Reda geboren

Seit 1996 ist der Platz unterhalb der
Petrikirche nach Siegfried Reda benannt.
Wer mit seiner Biografie Eingang in eine Fachenzyklopädie findet, muss in seinem Leben schon Außergewöhnliches geleistet haben. Der vor 100 Jahren in Bochum geborene und später in Dortmund und Berlin ausgebildete Kirchenmusiker und Komponist Siegfried Reda gehört zu diesen Menschen. Das Klangerlebnis von Bachs Matthäuspassion wies dem Neunjährigen den Weg zu seiner Berufung. Zwischen 1952 und 1968 wirkte er als Kirchenmusiker an der Petrikirche, lehrte aber auch als Hochschullehrer an der Folkwangschule, gab in ganz Europa Orgelkonzerte und komponierte Orgel- und Chorwerke. Auch als Dozent von Meisterkursen und Orgelsachverständiger war Reda gefragt. Als Musiker der Kriegsgeneration, der Diktatur und Krieg erlebt und erlitten hatte, wusste er aus den christlichen Quellen zu schöpfen.

„Anders als die Generation seiner Lehrer versuchte Reda, engen Kontakt mit der allgemeinen Entwicklung der Neuen Musik zu halten. Später übernahm er Elemente der Zwölftontechnik und in seinen letzten Werken Cluster- und Glissando-Techniken. Er blieb aber seinen Lehrern im Wunsch nach größtmöglicher Eindringlichkeit der Textaussage verbunden, die er durch Mittel der Tonmalerei, gestische Wendungen und musikalische Symbole zu steigern suchte.“ So beschreibt der Berliner Musikwissenschaftler Burkhard Meischein in der Enzyklopädie „Die Musik in Geschichte und Gegenwart“ das von Bach und Strawinsky inspirierte Werk Redas.

Johannes Mundry vom Bärenreiter-Verlag, der alle Kompositionen Redas veröffentlich hat, nennt den vor 48 Jahren verstorbenen Kirchenmusiker „unseren Säulenheiligen“. Da Reda nur 52 Jahre alt wurde, blieb sein letztes Werk, Chorsätze zu allen Sonntagen des Kirchenjahres, unvollendet. Heute hören Gottesdienstbesucher Redas Musik, wenn sie unter der Nummer 64 des Evangelischen Gesangbuchs die Verse des von den Nazis in den Tod getriebenen Dichters Jochen Klepper, „Der du die Zeit in Händen hast“, singen.

Bis heute klingt Reda an seinem einstigen Arbeitsplatz nach. Denn die dort 1959 von seinem Freund, dem Orgelbauer Karl Schuke, mit 57 Registern und 4 Manualen installierte Orgel, wurde von Reda geplant. Seit 1996 haben alle Mülheimer, die sich unterhalb der Petrikirche vor dem Fasskeller oder am öffentlichen Bücherschrank niederlassen, seinen Namen vor Augen. Denn seine Wahlheimat Mülheim, die ihn 1964 mit dem Ruhrpreis für Kunst und Wissenschaft auszeichnete, würdigte sein Lebenswerk posthum mit dem Namenspatronat für einen Platz, an dem Reda selbst täglich vorbeikam, wenn er von seiner Wohnung an der Wertgasse zur Petrikirche hinaufging.

Dort war es der von Hans Bril geleitete Mülheimer Singkreis, der immer wieder Redas Chorwerke aufführte. Zweifellos würde Reda die heutige Musik an der Petrikirche, die von seinem engagierten mittelbaren Nachfolger Gijs Burger inspiriert und ermöglicht wird, mit Freude sehen und vor allem hören.


Dieser Text erschien am 27. Juli 2016 in der NRZ und in der WAZ

Mittwoch, 27. Juli 2016

So gesehen: Der Lebensabend will erarbeitet sein

Lebensabend. Das hört sich schön an. Da möchte man gleich in Rente gehen. Doch noch ist nicht aller Tage Abend. „Gott sei Dank“, möchte man sagen, wenn man die Diskussionsveranstaltung der SPD-Senioren zum Thema Altersarmut besucht hat.
Wer sich dort die Fakten rund um Demografie, prekäre Beschäftigung und Rentenreform anhörte, weiß als Angehöriger der Generation Praktikum gar nicht mehr, ob er sich auf seinen  Lebensabend noch  freuen kann. Joggen und Müsli essen, damit man auch mit Mitte 80 noch als rüstiger Mini-Jobber mit Zeitvertrag fragen kann:  „Welcher Hamburger darf es denn sein? Oder hätten Sie lieber unseren Seniorenteller?“

Man könnte natürlich auch reich heiraten und von den Zinsen leben. Arbeit ist doch was Spießer. Doch wenn Euro-Banker Mario Dragi nicht bald in seinen unverdienten Ruhestand geht und die Sparer weiter enteignet, könnte auch dieser Traum, wie eine Seifenblase platzen. Von möglichen Scheidungskosten ganz zu schweigen. Also müssen wir vor der Rente noch mal ran und für eine Politik und Wirtschaft sorgen, die wirklich für die Menschen da ist. Und wer das nicht will, der gehört schon heute aufs Altenteil und das mit demografischem Rentenabschlag!

Dieser Text erschien am 13. Juli 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 26. Juli 2016

Schicht im Schacht: Am 29. Juli 1966 wird in Mülheim zum letzten Mal Kohle gefördert. Mit der Stilllegung von Rosenblumendelle verlor die Stadt ihre letzte Zeche. Das war das Ende einer langen Tradition.

Diese Kohlenloren am Eingang der Heißener Bergamannssiedlung
Mausegatt/Kreftenscheer erinern an die Zeit, in der in
Mülheim noch Kohle gemacht wurde.
„Im Pütt ist Feierabend" titelt die NRZ, nachdem am Mittag des 29. Juli 1966 in der Zeche Rosenblumendelle die letzte Kohlenlore aus 915 Metern Tiefe zutage gefördert worden ist. Der Moment, in dem Mülheim zur ersten zechenfreien Stadt des Ruhrgebietes wird und damit eine jahrhundertelange Tradition zu Ende geht, wird sogar von Fernsehkameras festgehalten.

Der für die Zechenschließung verantwortliche Veba-Chef Paul Kemper gibt offen zu, dass ihm an diesem Tag nicht nach Film und Fernsehen zumute sei. An die 163 Kumpel der letzten Schicht am Heißener Schacht gerichtet, sagt Kemper: „Die Schließung von Rosenblumendelle verlangt unerhört viel von Ihnen. Wir werden uns aber mit allen Mitteln dagegen wehren, dass strukturelle Änderungen auf dem Rücken derjenigen ausgetragen werden, die dadurch den Arbeitsplatz verlieren." Mit den strukturellen Änderungen meint Kemper die Tatsache, dass immer mehr mit Öl und Gas statt mit Kohle geheizt wird.

Das bedeutet für Rosenblumendelle, die letzte von ursprünglich acht Zechen des 1898 gegründeten Mülheimer Bergwerkvereins, dass die Tagesförderung von 4500 Tonnen im Jahr 1952 auf zuletzt 1000 Tonnen gesunken ist. In ihren besten Zeiten gaben Mülheims Zechen 3000 Bergleuten Arbeit und Brot. Nach der Stilllegung von Rosenblumendelle, wo in 116 Jahren insgesamt rund 46 Millionen Tonnen Kohle zutage gefördert wurden, müssen die Mülheimer Kumpel zunächst in Omnibussen zu weiter entfernten Zechen gebracht werden. Viele kommen auf der Stinnes-Zeche Diergardt-Mevissen oder bei Stinnes-Ruhrglas unter.

Doch auch die Zahlung einer Verlegungsprämie von 1500 und einer Treueprämie von 1250 Mark können die Kumpel nicht wirklich über den Verlust ihres Mülheimer Arbeitsplatzes hinwegtrösten. „Ich gehe zur Lederfabrik nach Saarn. Eine Entschädigung für meine Staublunge bekomme ich nicht", erzählt der damals 38-jährige Bergmann Günter Müller dem NRZ-Reporter. Der notiert mit dem bei einer Abschiedsfeier zum letzten Mal angestimmten Lied „Glück auf, der Steiger kommt" im Ohr „Aber stolz, wie früher, klang es nicht mehr. Denn der Kohlenbergbau in Mülheim ist zu Ende." Dass Veba-Chef Kemper die Hoffnung auf „einen neuen Aufstieg der Kohle" beschwört, wirkt eher wie das Pfeifen im dunklen Walde. Die letzte Schicht im Schacht muss die Zeche Rosenblumendelle bis März 1967 abwickeln. In der Rückschau bleibt festzuhalten: Zwischen 1850 und 1966 wurden auf der Heißener Zeche Rosenblumendelle insgesamt rund 46 Millionen Tonnen Kohle zutage gefördert.


Dieser Text erschien am 29. Juli 2008 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 25. Juli 2016

Zeitsprung an der Eppinghofer Straße: Eiene Geschichte aus der Geschäftswelt

Das Lebensmittelgeschäft der Familie Latte
an der Eppinghofer Straße 108 im Jahre 1970
Archivfoto Bernd Simmerock
Der Name Latte steht noch über den Geschäftseingängen an der Eppinghofer Straße. Wo heute ein Reisebüro und eine Spielhölle Kunden anziehen, verkaufte die Familie Latte bis 1986 Obst, Gemüse und Feinkost. Bernd Simmerock, heute aktiv beim Geschichts- und Kulturladen an der Oberstraße, hat uns das historische Foto aus dem Jahr 1970 zur Verfügung gestellt. Pfarrer Helmut Kämpgen vom Eppinghofer Bürgerverein kann sich noch gut an das Traditionsgeschäft erinnern, das 1948 von Robert (Bubi) Latte und seiner Frau Irene eröffnet wurde. „Dort gab es ein Aquarium mit Fischen, die später verkauft und verspeist wurden“, erinnert sich Kämpgen, der Robert Latte 2003 beerdigt hatte. „Robert Latte war eine bekannte Persönlichkeit mit einer markanten dunklen Stimme, die man schon von weitem erkannte“, erzählt Kämpgen. Mülheimer Hockey-Fans kennen Robert Latte noch als Mitglieder Deutschen-Meister-Mannschaft des HTC-Uhlenhorst. 1950 schrieb der Kaufmann, der eigentlich Marinearzt hatte werden wollen, mit seinen Mannschaftskollegen Mülheimer Sportgeschichte. Auch nach seiner aktiven Zeit engagierte er sich in der Nachwuchsarbeit des HTCs.

Ebenfalls an der Eppinghofer Straße 108 hatten die Eltern seiner Gattin Irene bereits 1932 ein Obst- und Gemüse-Geschäft eröffnet. Doch das Geschäft musste 1941 geschlossen werden, weil der Vater zum Kriegsdienst eingezogen wurde. Zwei Jahre später wurde das Geschäftshaus beim großen Luftangriff auf Mülheim ein Opfer der alliierten Bomben. 1956 eröffnete Familie Latte den Neubau.



Dieser Text erschien am 11. Juli 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 24. Juli 2016

So gesehen: Geduldsprobe an der Ampel

Als ich gestern mit meiner Mutter an einer Innenstadt-Ampel stand, stand, stand und immer noch stand, ehe wir nach gefühlten zehn Minuten als Fußgänger Grünes Licht bekamen, musste ich an den Dalai Lama denken. Ich weiß zwar nicht, was der weise Mann zur Ampelschaltung in der Innenstadt sagen würde, wenn seine engelsgleiche Geduld durch sie auf die Probe gestellt würde.

Ich weiß aber, dass er in einem Interview den bedenkenswerten Satz: „Die Geduld ist der Schlüssel zur Glückseligkeit!“ gesagt hat. Auch wenn das in unseren Ohren, wie ein schlechter Witz klingt, da wir doch gelernt haben, dass Zeit Geld ist, verspürten meine Mutter und ich nach langem Warten tatsächlich so etwas, wie einen kurzen Moment der Glückseligkeit, als es für uns endlich weiter ging und wir so unserem Ziel näher kamen. Doch offensichtlich muss das Zeitgefühl und die Geduld, der Menschen, die für die Programmierung der Ampelschaltung in der Innenstadt verantwortlich sind noch etwas trainiert werden. Denn nach gefühlten 10 Sekunden zeigte uns die Ampel schon wieder Rot. Da wollten Mutter und ich schon wieder Rot sehen. Aber wir hielten es lieber mit dem Dalai Lama und hoffen geduldig auf Verkehrsplaner und Ampel-Programmierer, für die auch Fußgänger zum fließenden Verkehr gehören.

Dieser Text erschien am 18. Juli 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 23. Juli 2016

Als die Kugel Eis noch für 10 Pfennige zu haben war: Ein Zeitsprung

Walter Neuhoff als Schüler im
Juli 1949 an der Kaiserstraße
(Foto privat)
Kinder, wie die Zeit vergeht. Dieses Foto aus seinem Familienalbum zeigt den 1936 geborenen Walter Neuhoff im Juli 1949 auf der Grünfläche im Bereich Kaiserstraße und Lohscheidt.
Der Bildvergleich zeigt. Die drei alten Wohnhäuser haben die Stürme der Zeit überstanden. An der  Ecke Südstraße/Kaiserstraße ist ein Neubau hinzugekommen, in dem derzeit unter anderem ein Friseursalon ansässig ist.

„Die alten Wohnhäuser stammen noch aus den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts“, erzählt Zeitzeuge Walter Neuhoff. Als die historische Aufnahme entstand, war Walter Neuhoff ein 13-jähriger Gymnasiast, der seine Sommerferien genoss und mit einem Wip-Roller die Stadt entdeckte. „Die Kugel Eis im Eiscafé Ringel an der Kaiserstraße kostete damals zehn Pfennige“, erinnert sich Neuhoff, der bis heute in seinem Elternhaus an der Tersteegenstraße lebt.
Im Juli 1949 befand sich Mülheim im Wahlkampf zum ersten Deutschen Bundestag. Das Grundgesetz war erst wenige Wochen zuvor in Bonn verkündet worden.

Auf ihren Lokalseiten berichtete die damals gerade mal drei Jahre alte NRZ zum Beispiel darüber, dass der Stadtrat nach einer siebenstündigen Sitzung den Gneralplan zur Neuordnung der vom Zweiten Weltkrieg gezeichneten Innenstadt beschlossen hatte und das die Feldhandballer des RSV Mülheim die Deutsche Meisterschaft errungen hatten. Berichtet wurde unter anderem auch darüber, dass inzwischen fast jeder zweite Mülheimer einen eigenen Garten habe, sicher nicht nur zur Zier, sondern um ernten zu können. 

Dieser Text erschien am 18. Juli 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 22. Juli 2016

So gesehen: Ran an die Fleischtöpfe

Haben Sie mal einen Euro?  So fragt die Fleischereifachverkäuferin. „Diesen Satz höre ich sonst nur auf der Straße“, meint die Kundin, während sie ihren Aufschnitt im Einkaufskorb versenkt.

Andächtige Stille. Einen Augenblick fühlt es sich so an, als stünden alle jene mit im Raum, die man in  keiner Metzgerei sieht, weil  ihnen aus welchen Gründen auch immer der Euro fehlt, den man braucht, wenn es nicht nur beim Metzger um die Wurst geht. „Ich kann das auch. Man lernt dazu“, löst die Dame hinter der Theke das Schweigen und sorgt für allgemeine Heiterkeit. Allen vor und hinter der Theke wird plötzlich klar, dass sie allen Grund zur Freude haben, solange sie noch etwas kaufen oder verkaufen können und die Kasse stimmt. Und in diese vollmundige Dankbarkeit für die eigenen Möglichkeiten mischt sich bei dem einen oder anderen Schnitzeljäger, die Hoffnung, dass Deutschlands Fleischtöpfe angesichts von Rekordsteuereinnahmen von insgesamt 808 Milliarden Euro so groß sind, dass es in unserem Land keine armen Würstchen mehr geben bräuchte, wenn der eine oder andere ganz große Hans Wurst nicht nur an seinen eigenen Fleischtopf denken würde.

Dieser Text erschien am 20. Juli 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 21. Juli 2016

Das Rot-Kreuz-Team des Saarner Flüchtlingsdorfes und der Mülheimer Künstler Peter Torsten Schulz machen Kinder mit Kreativität stark oder: Bastel mir doch einen Storch!

Sollte es in dieser Stadt einen Handwerks- oder Handelsbetrieb oder eine spendierfreudige Privatperson geben, der oder die mal was Gutes tun will, sollte er/sie sich an das Deutsche Rote Kreuz wenden.Denn das DRK betreibt mit seinen Sozialarbeitern und Sozialpädagogen derzeit das Saarner Flüchtlingsdorf . Hier, an der Mintarder Straße, leben unter anderem auch rund 50 Kinder. 30 von ihnen basteln jetzt Storche, die voraussichtlich im Laufe des Septembers ausgestellt und für einen guten Zweck an die Frau und den Mann gebracht werden sollen.Die kleinen Bastler brauchen NachschubDoch auch wenn die Kinder mit ihren Betreuerinnen im Umfeld des Dorfes schon einiges Alltagsmaterial einsammeln konnten, wird in der Kreativwerkstatt der Halle F des Flüchtlingsdorfes noch vieles gebraucht. Die kleinen Künstler aus Syrien, Afghanistan, Albanien, Iran und Irak brauchen Nachschub.

„Wir können noch Draht und Holz, aber auch Klebstoff, Pappe, Papier, Malfarben, Malstifte und Federn gebrauchen“, sagt DRK-Sozialarbeiterin Rabea Tutas. Die junge Sozialarbeiterin erinnerte sich jetzt an ein Praktikum, dass sie nach dem Abitur im Saarner Atelier des Mülheimer Allround-Künstlers Peter Torsten Schulz gemacht hatte und sprach ihn kurzerhand an.Seit Jahren hat Petoschu mit Kindern aus aller Welt sein Storchen-Paar Georch und Georgina zum Leben erweckt und für einen guten Zweck vom Schulklo bis zur Aids-Hilfe an Menschen mit einem großen Herz verkauft.Wo eine Idee ist, ist ein WegAls er jetzt beim Start der Kunst- Aktion im Saarner Flüchtlingsdorf vorbeischaute, fühlte er sich in seiner Einstellung bestätigt: „In jedem Kind steckt ein Künstler und Kreativität tut einfach gut und hebt das Selbstwertgefühl.“In der Halle F sind Kicker und Tischtennis-Platte am kreativen Nachmittag, täglich zwischen 14 und 16 Uhr, verwaist. Auf den zusammengerückten Tischen liegen bereits die ersten Storch-Skizzen.


„Ich möchte später mal Kunstlehrerin werden“, erzählt ein neunjähriges Mädchen aus Albanien, während es zusammen mit einem zehnjährigen Jungen aus Syrien versucht mit einem ein kleinen Stück Holz, Klebstoff, der nasenähnlichen Spitze einer Eierpappe und einer Papprolle so etwas, wie einen aufrecht stehenden Georch zu konstruieren.Auch wenn der Ansatz einer kleinen Storchenfigur noch weit vom Entwurf auf dem Papier entfernt ist, sieht man: Wo eine Idee ist, ist ein Weg. „Schon jetzt merkt man, wie kommunikativ so eine Kunstaktion ist und wie stolz die Kinder auf ihre kleinen Werke sind. Das ist positive Energie pur“, findet am Ende des Nachmittags nicht nur DRK-Betreuerin Jana Böllert.

Der kurze Draht zum Roten Kreuz


Wer die gemeinsame Kunst-Aktion von Peter Torsten Schulz und dem Roten Kreuz mit einer Sachspende unterstützen kann und will, sollte sich an das DRK wenden.
Das Zentrum des Deutschen Roten Kreuzes an der Aktienstraße 58 ist unter der Rufnummer 0208/45 00 60 erreichbar.
Infos im Internet: www.drk-muelheim.de


Dieser Text erschien am 7. Juli 2016 in NRZ und WAZ

Mittwoch, 20. Juli 2016

Nachgefragt: Politiker kennen keine Pause

Die letzte Sitzung ist ausgesessen. Nicht nur im Rathaus, sondern auch im Land- und Bundestag bricht die parlamentarische Pause an. Heißt es jetzt, sich vom Bohren dicker politischer Bretter zu erholen?

„Welche Pause?“ fragt der SPD-Bundestagsabgeordnete Arno Klare zurück. Doch er räumt mit Blick auf die Monate Juli und August ein: „Entspannter wird es schon. Also werde ich lesen, entspannte Gespräche führen und einige Kilometer mit dem Rad machen.“ Bevor der Berliner Parlamentsbetrieb im September wieder beginnt, stehen für seine Bundestags-Kollegin Astrid Timmermann-Fechter von der CDU „einige Urlaubstage, längst verabredete Treffen mit Bürgern, Besuche bei Vereinen und Unternehmen sowie ein CDU-Landesgruppentreffen mit der Bundeskanzlerin auf dem Programm.“

Derweil will sich der CDU-Landtagsabgeordnete Heiko Hendriks nach seinem Urlaub durch 18 Aktenordner arbeiten, in denen er die neuesten Erkenntnisse des Bundesamtes für Verfassungsschutz und des Bundeskriminalamtes rund um den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) finden und sich so für die nächsten Zeugenbefragungen im Untersuchungsausschuss des Landtags wappnen wird.

„Auch wenn ich in den ersten drei Ferienwochen Urlaub machen werde, wird unser Büro dank meiner Kollegen Sven Bortlisch und Inge Siensbeck auch in der Sommerpause durchgängig besetzt sein“, versichert der Geschäftsführer der SPD-Ratsfraktion Claus Schindler. Außerdem stehen bei der SPD ein Hintergrundgespräch mit der Leiterin des städtischen Kunstmuseums, Beate Reese, zum Thema Klimaanlage in der Alten Post und eine Trassenbegehung der Straßenbahnlinie 102 auf dem politischen Pausenprogramm. „Wir werden im Nachgang dazu die Ergebnisse des ÖPNV-Gutachtens auswerten und uns auf die im Herbst beginnenden Etat-Beratungen vorbereiten“, schaut Schindler in die nächsten Wochen.

Sein CDU-Amtskollege Hansgeorg Schiemer räumt ein, „dass das Telefon bei uns in den Sommerferien deutlich seltener klingelt.“ Dennoch behalten auch die Christdemokraten die regulären Öffnungszeiten ihrer Geschäftsstelle während der Sommerpause bei. Niemand soll an der Bahnstraße vor verschlossenen Türen stehen. Außerdem wollen sich die CDU-Fachpolitiker aus dem Ausschuss für Bürgerservice in den Sommerferien auch noch mal um das Thema Sauberkeit und Sicherheit im Ruhrquartier kümmern und aus ihren so gewonnenen Erkenntnissen neue Arbeitsaufträge für die Verwaltung formulieren. Auch ein Hintergrundgespräch zum Thema Ruhrsteiger der Weißen Flotte am Wasserbahnhof Mintard steht auf dem Sommertour-Programm der CDU-Ratsfraktion.

Dieser Text erschien am 15. Juli 2016 in der NRZ/WAZ

Dienstag, 19. Juli 2016

Unterwegs mit dem Obst- und Gemüsehändler Mehmet Tagrikulu

Gönül und Mehmet Tagrikulu hinter der Theke ihres
Obst- und Gemüseladens am Kohlenkamp.
4 Uhr. Der Wecker von Mehmet Tagrikulu klingelt. Fürs Frühstück ist keine Zeit mehr. Der Großmarkt in Essen wartet. Der Obst- und Gemüsehändler Mehmet Tagrikulu, der seit 20 Jahren einen Obst- und Gemüseladen am Kohlenkamp betreibt, kauft für seine Kunden jeden Tag frisch ein. „Aprikosen und Kirschen sind im Moment meine Bestseller“, erzählt der 44-Jährige, während er durch die riesigen und gegen 4.30 Uhr noch recht kühlen Markthallen geht.

Tagrikulu hat eine Hand voller Stammhändler, bei denen er seit Jahren einkauft und von denen er weiß, dass sie den selben Qualitätsbegriff haben, wie er. Man kennt sich und spricht zwischen Aprikosen, Kirschen, Nekatarinen und Weintrauben über Wetter- und Erntelagen. „Im Laufe der Jahre bekommt man einen genauen Blick für gute- und bessere Qualitäten“, sagt der Obst- und Gemüse-Händler, während er seine bis zum Anschlag gefüllten Kisten in seinen 3,5-Tonnen-Lieferwagen packt.  Heute wird voll geladen. „Das mache ich immer so an zwei Tagen der Woche. An den anderen Tagen  bepacke ich meinen Lieferwagen nur zur Hälfte,“ berichtet der Mülheimer, dessen Wiege in Trabzon am Schwarzen Meer stand. Wie schafft es der gelernte Schlosser, der nach einem Praktikum bei Verwandten in den Obst- und Gemüsehandel einstieg, genau so viel einzukaufen, wie er am Ende des Tages verkauft? „Das ist Lebenserfahrung“, sagt er lakonisch und lächelt. Der Laie staunt.

Nicht nur Obst und Gemüse, sondern auch Quark, Kaffee, Nudeln, Kartoffeln und Eier kauft Tagrikulu ein. Die trapiert er gegen 7 Uhr in den Holz- und Kühlreaglen seines 45 Quadratmeter großen Geschäftes. Seine vollen Obst- und Gemüsekisten stellt er, wie ein Dekorateur im und vor dem Laden auf. Die ersten Kunden kommen vorbei und nehmen sich auf dem Weg zur Arbeit Joghurt, Kirschen, Aprikosen, Äpfel oder gemischte Salte mit. Letztere bereitet seine Frau Gönül in der kleinen Küche hinter den Ladenkulissen zu.

Zwischendurch gönnt sich auch Tagrikulu die eine oder andere Banane oder die eine oder andere Aprikose. „Das ist mein Frühstück“, sagt er und lächelt wieder. Das fällt den Tagrikulus nicht schwer. Sie sind zufriedene und kommunikative Menschen, denen man nicht nur im verbindlichen und freundlichen Umgang mit den Kunden anmerkt, dass ihnen ihre Arbeit Freude macht. „Man muss seine Arbeit immer mit Freude machen, egal welche. Anders geht es nicht“, sagt der türkischstämmige Mülheimer, der früher von Mülheim nur wusste, „dass hier die Firmenzentrale von Aldi Süd sitzt.“ Inzwischen weiß er,, „dass es in Mülheim eine gutbürgerliche Kundschaft gibt, die nicht nur die Qualität, sondern auch das Tante-Emma-Ambiente meines Ladens zu schätzen weiß.“
Die Anerkennung seiner Arbeit, die sich auch auszahlt, tut ihm sichtlich gut. Und wenn man ihn beobachtet, wie er mit seinen Kunden nicht nur über Obst, Gemüse und Vitamine, sondern auch die große Tagespolitik oder die großen und kleinen Glücksfälle und Leidensgeschichten des Alltags spricht, dann merkt man: Der Mann ist angekommen.

Der Wahl-Mülheimer,  kennt das Wehklagen über den Verfall der Innenstadt. Doch er sieht die City mit Bäckerei, Fleischerei, Markthändlern und diversen Geschäften im Rurhegbietsvergleich als einen „schönen Fleck“, an dem man sehe, „dass die Händler alles geben, was sie können.“ Und er empfielt seinen Mitbürgern sein Lebensmotto: „Leben im Hier und Jetzt, mit dem Mut auch mal was Neues auszuprobieren.“

Dieser Text erschien am 16. Juli 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 17. Juli 2016

Mülheims soziale Zukunftsaufgaben aus Sicht der Caritas: Ein Gespräch mit Regine Arntz und Margret Zerres

Caritas-Geschäftsführerin Regine Arntz

Ihre Stellvertretern Margret Zerres

Wenn die Geschäftsführerin der Caritas, Regine Arntz, und ihre Stellvertreterin Margret Zerres in das Mülheim von Morgen schauen, sehen sie ein Mülheim, „in dem mehr alte und alleinstehende Menschen mit geringen Renten“ leben werden. „Heute haben wir auch schon arme Rentner, aber doch auch sehr viele Senioren, die mit ihrer Rente gut auskommen und sehr mobil sind“, weiß Arntz.

Künftig werden nach ihrer Einschätzung mehr den je wohnortnahe und quartiersbezogene Dienstleistungen und Treffpunkte gebraucht. „Wir werden gut daran unsere Altentagesstätten, die derzeit doch eher stiefmütterlich behandelt werden zu Begegnungszentren für Menschen jeden Alters auszubauen.“ Dabei denkt Arntz nicht nur an einen Anlaufpunkt für Rat und Hilfe in allen Lebenslagen, sondern auch einen sozialen Kommunikationsort, an dem man sich etwa auch bei einem Spielenachmittag oder in einer Kochgruppe begegnen und so der sozialen Isolierung entgehen kann.

Eine besondere Herausforderung sehen Zerres und Arntz für das Mülheim von Morgen im Aufbau von nachbarschaftlichen Netzwerken, die den zunehmenden Wegfall familiärer Netzwerke zumindest teilweise kompensieren könnte. Den von der Stadt geförderten Aufbau des stadtteilorientierten Netzwerkes der Generationen sehen sie deshalb als Schritt in die richtige Richtung.

Gut gerüstet sieht das Führungsduo der Caritas die Stadt für ihre künftig vor allem in Sachen Integration nichtkleiner werdenden Aufgaben, wenn sie die guten Vernetzung zwischen Stadt, Sozialverbänden und dem Centrum für bürgerschaftliches Engagement (CBE) beibehalten und weiter entwickeln kann. „Wir werden unsere Sozial- und Integrationsarbeit auch künftig nur mit Hilfe ehrenamtliche Mitarbeiter aufrechterhalten können. Die Beispiele der Initiative Willkommen in Mülheim und unsere eigenen Projekte, wie Vis-a-Vis und Familienstart zeigen, dass Menschen immer wieder bereit sind, sich mit ihrem vielseitigen Wissen ehrenamtlich einzubringen, aber dieses Ehrenamt muss immer wieder neu angesprochen, angeschoben und auch auf die Interessen und Fähigkeiten der Ehrenamtlichen zugeschnitten werden“, unterstreicht Arntz.


Haupt- und Ehrenamt Hand in Hand. Dieses für die Sozialverbände lebensnotwendige Tandem kann aus Sicht von Margret Zerres in Zukunft aber nur dann weiter Fahrt aufnehmen kann, wenn sie durch eine starke sozialpolitische Lobby unterstützt werden, die in der finanzpolitischen Debatte deutlich macht, „dass die Finanzierung von Sozialarbeit am Ende ebenso eine Investition in unsere Infrastruktur sind, wie der Bau oder die Reparatur von Straßen und Brücken.

Dieser Text erschien am 6. Juli 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 15. Juli 2016

Schon heute geht auch in Mülheim die soziale Schere immer weiter auseinander

Klaus Konietzka leitet die
Mülheimer Sozialagentur
Wenn man den Leiter der Sozialagentur, Klaus K
onietzka und Stadtforscher Volker Kersting nach den sozialpolitischen Herausforderungen für das Mülheim von Morgen fragt, legen sie erschreckende Zahlen aus dem Mülheim von Heute vor. 30 000 Mülheimer, fast ein Fünftel der Stadtbevölkerung, sind heute auf Arbeitslosengeld 2 oder auf Grundsicherung im Alter angewiesen. Am höchsten ist der Anteil der von Arbeitslosengeld 2 abhängigen Mülheimern mit 

Stadtforscher und Statistiker
Volker Kersting
Die ganze Dramatik dieser Zahl wird deutlich, wenn Statistiker Volker Kersting mit Blick auf eine Mülheim-Karte zeigt, dass Armutsrisiko in den Stadtteilen (Styrum, Eppinghofen und Stadtmitte) am größten ist, in denen mit 130 bis 150 pro Jahr die meisten Kinder geboren werden. Hier liegt der Anteil der Kleinkinder, deren Eltern auf Arbeitslosengeld 2 angewiesen sind bei bis zu 62,4 Prozent. Im Gegensatz dazu weisen Saarn und Speldorf-Nordwesten, wo mit etwa 30 pro Jahr die wenigsten Kinder geboren werden, in der gleichen Altersgruppe einen ALG-2-Abhängigkeitsanteil von 5,6 Prozent auf.
Konietzka und Kersting gehen davon aus, dass die Zahl der Menschen, die auf staatliche Sozialleistungen angewiesen sein werden in zehn bis 15 Jahren weiter angestiegen sein wird. „Da wächst uns etwas zu“, sagt Konietzka mit Blick auf Flüchtlingszustrom und den mittelfristig damit verbundenen Familiennachzug. Der Chef der Sozialagentur geht davon aus, dass etwa 10 bis 15 Prozent der Flüchtlinge aufgrund ihrer Qualifikation kurzfristig in den Arbeitsmarkt integriert werden können, während die anderen mittel bis langfristig auf staatliche Hilfe angewiesen sein werden.

Angesichts der Tatsache, dass 70 Prozent der Mülheimer Arbeitslosengeld-2-Bezieher schon länger als 24 Monate auf ALG 2 angewiesen sind, weiß Konietzka, dass verfestigte Langzeitarbeitslosigkeit aufgrund fehelender Qualifikation keineswegs nur ein Problem von Zuwanderern ist.

Wir brauchen massive Investitionen in Beton, Bildung und Arbeit, um damit mehr Menschen eine Teilhabe an unserer Stadtgesellschaft und eine Perspektive für ihr eigenes Leben zu verschaffen“, sagt Konietzka. Weil die mit rund 1,5 Milliarden Euro verschuldete Stadt angesichts ihrer steigenden Sozialausgaben schon heute an ihrer finanziellen Belastungsgrenze angekommen ist, warnt er vor einer „Kommunalisierung der sozialen Probleme und verlangt vor allem vom Bund ein verstärktes finanzielles Engagement, wenn es um Investitionen in Bildung, soziale Teilhabe, sozialen Wohnungsbau, Wohnumfeldverbesserung und in den Aufbau eines zweiten Arbeitsmarktes geht, der Langzeitarbeitslose wieder eine Lebensperspektive jenseits des passiven Arbeitslosengeld-2-Bezugs verschafft. Ausdrücklich unterstützt er Caritas-Chefin Regine Arntz, wenn sie feststellt: „Es darf nicht sein, dass sozialpolitische Aufgaben von oben definiert, aber unter ausgeführt und bezahlt werden müssen.

Mit Blick auf seine Sozialraumzahlen und die Ergebnisse der Vorschuluntersuchungen kann Stadtforscher Volker Kersting nachweisen, dass Kinder aus ALG-2-Familien, dreimal weniger sozialen, sprachlichen und motorischen Förderbedarf haben, wenn sie durch steuerfinanzierte Hilfen in die Lage versetzt werden zum Beispiel in einem Sportverein aktiv zu werden, musische Förderung erhalten oder durch positive Vorbilder in einem sozial unbelasteten Umfeld motiviert werden. Deshalb plädieren Kersting und Konietzka auch für einen möglichsten frühen und langen Kita-Besuch.

Arbeitsmarkt und Altersarmut


2012 ging das Bundesarbeitsministerium aufgrund der Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse und der gleichzeitigen Absenkungen des Rentenniveaus auf 43 Prozent des Arbeitseinkommens davon aus, dass ab 2030 jeder dritte Neu-Rentner auf Grundsicherung im Alter angewiesen sein wird. Die jüngsten Erkenntnisse des statistischen Bundesamtes zeigen, dass inzwischen 39 Prozent der Beschäftigten in prekären Arbeitsverhältnissen tätig sind. Stadtforscher Volker Kersting weist auf seiner Erkenntnisse darauf hin, dass wir in Mülheim derzeit 11 000 Mülheimer auf Mini-Jobs angewiesen sind. Hinzu kommen 1000 Mülheimer in Leiharbeit. Weitere 13 000 Mülheimer sind nur teilzeit beschäftigt. Die rententechnisch prikär beschäftigten Mülheimer machen etwa 37 Prozent der insgesamt rund 70 000 Beschäftigten.

Dieser Text erschien am 6. Juli 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung


Donnerstag, 14. Juli 2016

Arm und alt trotz Arbeit: Eindrücke einer Diskussionsveranstaltung der SPD-Arbeitsgemeinschaft 60 Plus

Auf dem Podium (von links) Helmut Storm, Klaus Konietzka, Ulrich Schallwig, Jutta Schmitz,
Sascha Jurczyk und Klaus Waschulewski.
„Altersarmut könnte ein wichtiges Thema des nächsten Bundestagswahlkampfes werden“, glaubt der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft 60 Plus, Ulrich Schallwig. Deshalb luden die SPD-Senioren jetzt auch zu einer Diskussion über das Thema in den Bürgergarten ein.

Auch wenn die Zahlen aktuell noch nicht besorgniserregend aussehen, sagte Elke Dormann-Jurkiewicz von der Seniorentagesstätte der Arbeiterwohlfahrt: „Altersarmut ist kein Thema von Morgen. Sie ist schon jetzt da. Vor allem viele Witwen sind betroffen, die nicht mehr die Heizung aufdrehen und sogar am Essen und an Medikamenten sparen“, berichtete die in der Stadtmitte aktive Sozialarbeiterin. „Altersarmut sieht man nicht, weil sich viele Betroffene gar nicht mehr aus ihrer Wohnung trauen und sich zurückziehen“, pflichtete ihr der Vorsitzende des Seniorenbeirates, Helmut Storm bei. Sozialamtsleiter Klaus Konietzka und der Vorsitzende des Sozialausschusses im Rat der Stadt, Sascha Jurczyk, beschrieben zwar Ansätze, wie man, etwa mit breit gestreuter Information, dem Netzwerk der Generationen oder stadtteilorientierter Sozialberatung versucht, die armen Alten aus der Scham-Falle zu befreien. Beide räumten aber ein, „dass wir als Stadt Mülheim am Ende der politischen und finanziellen Nahrungskette stehen und das Problem der Altersarmut nicht lösen können.“

Für den DGB-Vorsitzenden  Klaus Waschulewski ist massenhafte Altersarmut nur abzuwenden, wenn die 2001 von der damaligen rot-grünen Bundesregierung beschlossene Rentenreform revidiert wird. Denn erst durch diese Reform war eine schrittweise Absenkung des Rentenniveaus auf 43 Prozent des letzten Arbeitseinkommen auf den Weg gebracht worden. Für den DGB-Mann sollte das Rentenniveau, trotz des demografischen Wandels,  auf keinen Fall unter 50 Prozent absinken.

„Uns fehlt manchmal der politische Kampfeswille, wenn es um die soziale Gerechtigkeit geht“, kritisierte der Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt, Lothar Fink, seine eigene Partei, die SPD. Dass Geld nicht das Problem ist, wenn es um die Bekämpfung der Altersarmut geht, sieht Fink daran, „dass die 2015 um 90 Milliarden Euro angestiegenen Unternehmensgewinne in Deutschland mit nur 21 Prozent, die Arbeitseinkommen aber mit bis zu 49 Prozent besteuert werden.“
Ulrich Schallwig empfahl den Blick nach Österreich, in die Niederlande oder nach Dänemark. Dort gebe es eine steuerfinanzierte oder durch alle Bürger beitragsfinanzierte Volksrente. Arbeitsmarkt-Expertin Jutta Schmitz von der Universität Duisburg-Essen plädierte auch in Zeiten des demografischen Wandels an der beitrags- und umlagefinanzierten Rente festzuhalten und diese wieder auszubauen, da sich private und betriebliche Altersvorsorge als nicht krisenfest erwiesen habe.
 


Zahlen und Fakten zur Altersarmut

51.000 von 171.000 Mülheimern (30 Prozent) sind, laut Stadt, heute 60 Jahre und älter. 2030 werden, laut IT NRW,  46 Prozent der Mülheimer über 65 sein. 2040 wird der Anteil der Über-65-jährigen bei 49 Prozent liegen.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes verfügen 15,6 Prozent der Über-65-jährigen über weniger als 60 Prozent des deutschen Durchschnitts-Jahres-Brutto-Einkommens (32 640 €) und gelten damit als arm

Nach Berechnungen des WDRs drohen jeden zweiten Neurentner, der ab 2030 in Pension geht Altersarmut. Das Bundesarbeitsministerium ging 2012 in einer Berechnung davon aus, dass ab 2030 jeder dritte Neurentner auf Grundsicherung im Alter angewiesen sein könnte, da dann das Rentenniveau auf 43 Prozent des letzten Arbeitseinkommens abgesunken sein wird. In Mülheim sind derzeit 2000 (5%) der Über-65-Jährigen auf Grundsicherung im Alter angewiesen.

Dieser Text erschien am 13. Juli 2016 in der NRZ/WAZ

Mittwoch, 13. Juli 2016

So gesehen: Was wir uns schuldig sind?

Bisher lebte ich immer in dem Glauben, ich sei schuldenfrei. Doch jetzt musste ich in unserer Zeitung lesen, dass ich mit 6814 Euro in der Kreide stehe. Lachen Sie nicht. Denn Ihnen geht es ja nicht besser, wenn Sie Bürger dieser Stadt sind. Es ist ja schön, wenn unsere Stadt mal wieder Top ist. Nur schade, dass  uns  diese  „Ehre“ bei den Schulden und nicht bei den Arbeitsplätzen zuteil wird. 

Dabei hatte ich eigentlich noch nie das Gefühl, dass ich in einer Luxus-Stadt lebe, wenn ich über das marode Pflaster der Schloß- oder der Leineweberstraße gestolpert bin oder beim Blick in den Fahrplan feststellen musste, dass ich zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten immer länger darauf warten muss, mit Bus und Bahn voranzukommen.

Dabei könnte ich mit 6814 Euro zum Beispiel eine 14-tägige Top-Kreuzfahrt nach Amerika oder Asien machen. Alles inklusive! Aber soweit will ich ja gar nicht. Mir würde es ja schon reichen, wenn ich mit einem freundlichen Bus- oder Bahnfahrer schnell von Mintard bis Dümpten oder von Speldorf bis Heißen komme, ohne das mein Ticketpreis in einem immer dichteren Takt steigt, während die Fahrplandichte umgekehrt abnimmt und die Stolperfallen auf den Straßen zunehmen, weil unsere Stadt neunstellig verschuldet ist, ihre Spitzen aber immer noch sechsstellig bezahlt.

Dieser Text erschien am 14. Juli 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Drei Fragen an Ulrich Schreyer vom Diakoniewerk Arbeit & Kultur: Brauchen wir einen sozialen Arbeitsmarkt?

Ulrich Schreyer
Sollte es nicht das Ziel sein, alle arbeitsfähigen Menschen auf dem ersten Arbeitsmarkt unterzubringen?

Unabhängig von der jeweiligen Konjunktur haben wir heute bei uns eine verfestigte Langzeitarbeitslosigkeit. Bundesweit sprechen wir hier von etwa drei Millionen Menschen. Das sind Menschen mit sogenannten Vermittlungshemmnissen. Das können fehlende Schulabschlüsse oder fehlende Sprachkenntnisse sein. Das kann aber auch ein Suchtproblem oder eine psychische Erkrankung sein. Solche Menschen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt in der Konkurrenz um hoch-qualifizierte Arbeitsplätze keine Chance haben, finden bei uns sinnvolle Arbeit, eine sinnvolle Tagesstruktur und Würde. Da geht es nicht nur um Geld.

Werden hier Arbeitgeber nicht aus ihrer Verantwortung entlassen?

Hier geht es um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und um die langfristige Sicherung des sozialen Friedens. Hier wird niemand aus der Verantwortung entlassen, sondern alle müssen sich ihrer sozialen Verantwortung stellen, auch die Unternehmer, die heute unter einem starken internationalen Konkurrenzdruck stehen, aber nicht nur sie.

Wer soll den sozialen Arbeitsmarkt finanzieren?


Machen wir uns nichts vor. Es ist doch nicht so, als wenn Arbeitslosigkeit nicht auch finanziert werden müsste. Also finanzieren wir doch lieber Arbeit.

Dieser Text erschien am 6. Juli in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 12. Juli 2016

So gesehen: Das kleine 1x1 der Marktwirtschaft

Wenn der kleine Enkel mit seiner Omi einkaufen geht, dann kann er was erleben. Beim Metzger bekommt eine Scheibe Fleischwurst über die Theke gereicht. Der Obsthändler beglückt den kleinen Mann mit einer Gratis-Banane. Und beim Bäcker gibt es ein kostenloses Stütchen oben drauf. Ob soviel Zuwendung strahlt nicht nur der Knirps, sondern auch seine Omi. Das Mittagessen kann auf jeden Fall erst mal warten.

Kein Wunder, dass  der kleine Mann an der Hand seiner Omi gleich die nächsten Wurst,- Obst- und Brotsorten ins Visier nimmt und ganz unschuldig fragt: „Soll ich die nicht auch mal probieren?“ Doch da holt die Oma ihren kleinen Begleiter auf den Boden der Tatsachen zurück. „Nein, jetzt nicht. Die kannst du später probieren. Denn die muss die Oma bezahlen.“Da muss der größer gewordene Knirps im Hintergrund schmunzeln. Er hat schon seit Jahrzehnten keine Gratis-Fleischwurst über die Theke gereicht bekommen. Mein lieber Junge, erst bringen  sie dich auf den Geschmack und dann musst du alles selbst bezahlen, vom täglichen Brot bis zur Wurst. So lernt der Knirps anno 2016 das kleine Einmaleins der Marktwirtschaft und hofft, dass er kein armes Würstchen wird.

Dieser Text erschien am 11. Juli 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 11. Juli 2016

Zeitsprung am Broicher Ruhrufer

Der 1093 erstmals urkundlich belegte Name Mülheim kommt nicht von ungefähr. Mülheim war einst die Heimat vieler Mühlen. Sie nutzten die Wasserkraft der Ruhr, auch am Broicher Ruhrufer, Hier standen schon im 17. und 18. Jahrhundert Papier,- Korn- und Walkmühlen. Die Papiermühle Vorster stellte Kanzleipapier für ganz Europa her. Hier lernte auch Wilhelm Rettinghaus im 17. Jahrhundert das Handwerk der Papierproduktion. Er wanderte später aus und gründete die erste Papierfabrik in Nordamerika. Aus der Familie Vorster stammte auch Mülheims erster Bürgermeister Hermann Vorster, der 1808 sein Amt antrat. In den 1880er Jahren wurden die drei Mühlen am Broicher Ruhrufer fusioniert und Teil einer Zellulose-Fabrik. Um 1900 wurde das Unternehmen dann Teil der Dorstener Papierfabrik, die das Grundstück und Gebäude später an August Thyssen verkaufte. Er betrieb dort ein Elektrizitätswerk. 

In dieser Zeit (um 1911) ist auch das historische Foto aus dem Stadtarchiv entstanden. 1912 wurden Werk und Grundstück von der damals neugegründeten Rheinisch-Westfälischen Wasserwerksgesellschaft RWW übernommen. Sie ließ dort in den Jahren 1928/29 ihre heutige Hauptverwaltung, die sogenannte Wasserburg errichten. 

Das repräsentative Gebäude am Fluss wurde von den Rathaus-Architekten Grossmann und Pfeifer entworfen. Anfang der 1990er Jahre ließ die RWW ihren Firmensitz von den Düsseldorfer Architekten Hofstadt und Schneider um- und ausbauen. Damals entstand auch die neue Gastronomie im angrenzenden Ruhrkristall.

Dieser Text erschien am 4. Juli 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 10. Juli 2016

So gesehen: Machen wir unser eigenes Spiel

Jetzt haben sich meine Lieblings-verkäufer zwischen Mineralwasser und Weizenmischbrot so was von ins Zeug gelegt, um mich mit ihrem schwarz-rot-goldenen Halsschmuck in patriotische Fußball-Stimmung zu bringen. Und was tun Jogis Jungs? Sie verlieren einfach. Schluss mit Schwarz-Rot-Gold? Mitnichten. Jetzt erreichte mich der Trost-Gutschein einer Buchhandlung. Weil unsere Kicker das französische Tor nicht getroffen haben, sollen wir jetzt zur Beruhigung lesen? Wenn schon Lesen, dann höchstens unseren hoch-bezahlten Fußballern die Leviten. Aber was soll’s? Wir sind ja schon Weltmeister? Da können wir den Europameister-Titel getrost unseren europäischen Haus-Nachbarn Frankreich oder Portugal gönnen. Denn wenn es unseren Nachbarn gut geht, geht es auch uns gut, selbst, wenn wir mal nicht im siebten Fußball-Himmel schweben. Jetzt müssen wir unser eigenes Spiel machen, im schwarz-rot-goldenen Alltag.

Dieser Text erschien am 9. Juli 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 9. Juli 2016

Leckeres vom Land: Ein Ernte-Besuch beim Landwirt Jochen Unterhandsberg vom Buchholzhof

Wo, bitte, ist der Spargel? Statt weißer Stangen sieht man an diesem Nachmittag auf den Feldern von Birgit und Jochen Unterhansberg nur 180 bis 200 Meter lange Erdhügel, die mit Folien überdeckt sind.

„Wir haben heute schon einiges an Spargel gestochen. Aber wir haben frühen, mittleren und späten Spargel, der in unterschiedlichen Intervallen wächst und deshalb mit zwei Folien warmgehalten werden muss“, erklärt der 54-jährige Landwirt.

Wenn Jochen Unterhansberg „wir“ sagt, meint er seine Frau Birgit, seine beiden landwirtschaftlich ausgebildeten Töchter Anne (25) und Lea (23), die Mitarbeiter seines Hofladens und seine zehn bis zwölf Erntehelfer. Deutsche Erntehelfer, die zwischen sechs Uhr morgens und 16 Uhr nachmittags Spargel stechen oder auch Erdbeeren pflücken, sucht man nicht nur auf den Feldern der seit 1848 in Raadt und Kettwig ansässigen Familie Unterhansberg vergeblich.

„Für Deutsche ist die körperlich anstrengende und zeitlich auf drei Monate befristete Arbeit nicht attraktiv, weil ihnen von ihrem Bruttolohn noch Sozialabgaben abgezogen werden und sie so am Ende bei einem Netto-Stundenlohn von 5,90 Euro landen. Aber die polnischen Erntehelfer, die meisten von ihnen sind Hausfrauen oder Rentner, verdienen hier etwa doppelt so viel wie in ihrer Heimat“, weiß Jochen Unterhansberg. Auch wenn der Stundenlohn seiner Erntehelfer 2017 auf 8,50 Euro steigen wird, sieht er schon jetzt die Tendenz, dass sich die polnischen und deutschen Löhne immer mehr angleichen, so dass künftig auch weniger Helfer aus Polen zur Ernte nach Deutschland kommen. „Vielleicht werden wir dann langfristig Erntehelfer aus Rumänien bekommen, die hier ein Vielfaches von dem verdienen können, was sie in ihrer Heimat erhalten würden“, vermutet der Familienunternehmer.

An einer etwas krummen Spargelstange, die aus einem der 50 Zentimeter hohen Erdwälle schaut, führt Unterhansberg vor, wie gezielt und mit wie viel Fingerspitzengefühl man den Spargel stechen muss, um nicht die in etwa 35 Zentimeter Tiefe sitzende Wurzel oder die noch nicht reifen Nachbar-Spargel-Stangen zu verletzen.

„Unser Spargel wächst in einem Lehm-Ton-Boden. Dieser Boden hat den Vorteil, dass er Feuchtigkeit gut speichern kann. Das hat aber auch den Nachteil, dass die im Erdreich wachsenden Stangen nicht so schnell die Wärme bekommen, die sie für ein optimales Wachstum eigentlich brauchen“, erklärt Unterhansberg die Ausgangslage bei der Spargelernte.

Vor allem, wenn die Nachttemperaturen noch an die Frostgrenze heranreichen, sind die doppelten Folien, die wie ein Treibhaus wirken, für den Spargel überlebenswichtig. Auf der anderen Seite müssen die Erntehelfer mit einer sogenannten Spargelspinne dafür sorgen, dass die Folien rechtzeitig angehoben werden, um den reifen Spargel aus der Erde zu holen. „Denn wenn dem Spargel unter der Folie zu heiß wird, verfärbt er sich violett und hat nicht mehr die strahlend weiße Farbe, die die Kunden haben wollen, auch wenn der violette Spargel nicht schlechter schmeckt als der weiße“, betont Unterhansberg.

Spargel, Erdbeeren, Kürbisse und Getreide baut Unterhansberg auf insgesamt 70 Hektar an. Außerdem legen rund 8000 Hühner für ihn Eier. Seine Produkte und die befreundeter Partnerbetriebe aus der Region vermarktet der Landwirt nicht im Supermarkt, sondern im eigenen Hofladen, der wie ein zu groß geratendes Blockhaus wirkt und ein ganz eigenes Flair hat. Mitten zwischen den Holzregalen lädt eine Sitzgruppe zum Verweilen ein. Kaffee und Kuchen sind nicht weit. „Für den Großhandel sind wir Ruhrstadtbauern zu klein, denn für ihn zählen nur Masse und ein möglichst niedriger Preis, von dem wir nicht leben könnten. Wir sind auf Kunden angewiesen, für die nicht der Preis, sondern die Qualität und der Geschmack des Produktes wichtig sind“, erklärt Jochen Unterhansberg. Daher setzt er wie fast alle Kollegen aus der Region auf Direktvermarktung. Dass aus dem kleinen Verkaufsstand, mit dem seine Eltern in den frühen 1960er-Jahren an der Meisenburgstraße begannen, inzwischen ein großer und gut frequentierter Hofladen geworden ist, beweist den Erfolg seines Konzeptes. Und wer den weiten Weg zur Raadter Stadtgrenze scheut, dem kommt Unterhansberg mit einem Verkaufsstand im Forum entgegen.

Zitat: Wir leben von Kunden, denen es vor allem um Qualität und Geschmack geht. Jochen Unterhansberg, Landwirt


Dieser Text erschien am 3. Mai 2016 in der NRZ/WAZ-Sonderbeilage

Freitag, 8. Juli 2016

So gesehen: Alles eine Frage der Perspektive

Man bekomme ja gar nichts mehr in er Innenstadt, klagt die Dame mit den vollen Einkaufstaschen dem Gemüse- und Obsthändler ihr Leid.

Der gute Mann lächelt und fragt zurück: „Darf es noch ein bisschen mehr sein?“, während er der Dame die Aprikosen, den Salat, die Möhren und die Bananen einpackt, die sie so eben bei ihm gekauft hat. Die Dame nimmt  gleich noch zwei Pfund Kartoffeln mit und freut sich, dass ihr der freundliche Händler auch die Tür öffnet. Auf der Straße sieht er sie dann noch beim spontanen Treff mit einer Bekannten.

Die beiden Frauen  entschließen sich spontan in das gegenüber gelegene Café einzukehren. Worüber sie sich wohl austauschen? Wahrscheinlich darüber, dass man in der Innenstadt ja eigentlich gar nichts mehr bekommt, abgesehen von den diversen Waren ihrer offensichtlich prall gefüllten Einkaufstaschen oder Kaffee und Kuchen. Aber bitte mi Sahne! Alles ist eben eine Frage der Perspektive.

Dieser Text erschien am 4. Juli 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 7. Juli 2016

So gesehen: Es war einmal eine Fußgängerzone

Ich wohne in einer Fußgängerzone. Angeblich. Denn wenn ich aus dem Haus auf die Schloßstraße trete, habe ich zu bestimmten Tageszeiten schon mal das Gefühl, auf einer Rennstrecke zu sein.
Wenn morgens oder nachmittags der Lieferverkehr für die Geschäfte und Gastronomen kommt, muss man als Fußgänger ebenso auf der Hut sein, wie abends ab 20 Uhr, wenn aufgeweckte Kinder oder jugendliche und nicht erwachsen gewordene Halbstarke die Fußgänger unmissverständlich wissen lassen. Hier wird Fußball gespielt und gerast, was das Zeug hält. Wer zu Fuß oder gar am Stock und mit dem Rollator unterwegs ist, ist für diese Herrschaften, die sich mit Respekt und Rücksicht nicht aufhalten, selbst Schuld, wenn Er oder Sie sich der Gefahr aussetzen, zum Torpfosten oder zur Slalomstange zu werden. Während man Ordnungshüter in den sportiven und automobilen Hochzeiten auf der Schloßstraße, viel zu selten sieht, darf man dankbar sein, dass umso mehr unsichtbare Schutzengel auf der Schloßstraße unterwegs sind. Nur so ist das Wunder zu erklären, dass noch kein Fußgänger auf der Schloßstraße, zu Schaden gekommen ist und auch kein Schaufenster zu Bruch ging. Gott sei Dank. Also passen Sie gut auf sich auf, wenn sie das nächste mal auf die Rennstrecke gehen. Betreten auf eigene Gefahr!

Dieser Text erschien am 5. Juli 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 6. Juli 2016

So gsehen: Trauen wir uns mal was zu

Sollen wir unsere Politiker jetzt an der Schippe zeigen oder nicht? Das fragten sich jetzt die Kollegen aus der Redaktion, nachdem Oberbürgermeister Ulrich Scholten, Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, Verkehrsminister Michael Groschek und RVR-Chefin Karola Geiß-Netthöfel beim Spatenstich für den zweiten Bauabschnitt des Radschnellweges zur Schippe griffen.

Das stimmt nachdenklich. Traut man Politikern heute nicht mehr zu, dass sie zur Schippe greifen können, obwohl man sich manchmal von ihnen wünscht, dass sie eine Schippe drauf legen würden.

Welches Politik-er-innen-Bild steckt dahinter? Kann man sich unsere Volksvertreter nur noch als digitale und ipad-abhängige Aktenfresser vorstellen? Politik als reine Schreibtisch-Tat ohne frische Luft und menschlichen Kontakt? Na, dann gute Nacht Deutschland.

Vielleicht sollten Politiker ja mal öfter Fotos verbreiten, die sie zum Beispiel mit Schippe beim Umgraben ihres Gartens oder mit Hammer und Nagel an ihrer Wohnungswand zeigen, damit das skeptische Wahlvolk ihnen mal wieder etwas Konkretes zutraut.
Aber vielleicht ist das am Ende  doch etwas zu behämmert und es würde schon reichen, wenn sich Wähler und Gewählte wieder öfter ganz analog in der Wirklichkeit begegneten und sich ohne Smartphone und I-Pad darüber austauschten, was sie gemeinsam bewerkstelligen könnten, damit es an der Baustelle Deutschland wieder ein Stück weiter geht, egal, ob mit oder ohne Schippe.

Dieser Text erschien am 15. Juni 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 5. Juli 2016

Unterwegs mit Kay Fischer vom städtischen Bauhof: Frische Luft gibt es inklusive

Kay Fischer mit einm jungen Kollegen im Schilderlager
des städtischen Baubetriebshofes am Heifeskamp
„Kein Tag ist, wie der andere“, sagt Kay Fischer mit Blick auf seine Arbeit als stellvertretender Leiter des städtischen Bauhofes am Heifeskamp.

Was dem gelernten Schlosser-Meister an seinem Arbeitstag besonders gut gefällt, ist der ständige Wechsel zwischen Schreibtischarbeit und Außendiensten vor Ort. Kurz nach 8 Uhr beginnt es mit der Einteilung der zwei Bauhof-Kolonnen. Wo müssen welche Straßen- und Gehwegschäden beseitigt werden? Wo sind Straßenschilder aufzustellen, weil die alten das Zeitliche gesegnet oder von Vandalen und Schmierern unbrauchbar gemacht worden sind. „Leider erwischt man die Graffiti-Schmierer so gut, wie nie. Die müssten einfach mal ein Schild selbst reinigen oder ein neues herstellen, um mal zu erleben, wie viel Arbeit, Zeit und Geld da drin stecken“, sagt Fischer. Je nach Beschaffenheit kostet ein Verkehrsschild zwischen acht und 120 Euro. Den Personal- und Zeitaufwand für seine Reparatur oder seinen Austausch beziffert Fischer auf 200 bis 300 Euro.

Der Laie schluckt und staunt angesichts der Schildervielfalt, die der städtische Bauhof am Heifeskamp auf Lager hat. Fischer schätzt den aktuellen Bestand auf 2500 Schilder und zeigt einige Straßennamensschilder, die demnächst an ihrem Standort angebracht werden. Man ließt vertraute Namen, wie Kettwiger Straße, Waldbleeke oder Nachbarsweg. Auch hier steckt der Arbeitsaufwand im Detail. Die Schilder werden mit Hilfe eines Spezialdruckers beschriftet, der die Straßennamen, mit einem kleinen Messer in einem Folie ritzt.

An diesem Tag muss Fischer unter anderem mit dem Rechtsamt telefonieren. Es geht um einen Baum, der am Leinpfad umgestürzt ist. Da der Baum sowohl auf einem privaten, wie auf einem öffentlichen Grundstück liegt, muss jetzt erst mal geklärt werden, wer für die notwendige Räumung zuständig ist und damit auch die dafür anfallenden Kosten übernehmen muss. „Das ist Bürgern, die über das städtische Kommunikationscenter oder die Bürgeragentur bei uns anfragen, warum der Baum noch nicht weggeräumt worden ist, natürlich schwer zu erklären“, weiß der 49-jährige Vize-Chef des Bauhofes.

Bevor eine Ortsbegehung am Mintarder Ruhrdeich auf seinem Programm steht, sichtet Fischer noch  die Lagerbestände von Kaltasphalt, Kunststoff-Mörtel, Harz, Lösungs,- und Bindemitteln. Muss etwas nachbestellt werden? Das Auftausalz kann warten. So verrückt ist der Klimawandel zum Glück noch nicht. Am Ruhrdeich stellt sich heraus, dass die dortige Rasenoberfläche an einigen Stellen mit Kunststoffgittern unterfüttert und stabilisiert werden muss. „Leider gibt es immer wieder Fußgänger, die von den Gehwegen keinen Gebrauch machen und den Deich statt dessen über seine Rasenfläche besteigen“, bedauert der Mann vom Bauhof.

Auch am Torbogen in der Altstadt schaut Kay Fischer noch mal vorbei. Sitzen die Pflastersteine wieder fest, die ein Starkregen kürzlich weggeschwemmt hatte. „Wir mussten diesen Bereich jetzt zeitweise sperren, um die Unterspülung des dortigen Erdreiches wieder zu beheben. Aber leider trifft man immer wieder auf Bürger, die für solche offensichtlich notwendigen Sperrungen kein Verständnis aufbringen und einem dann sagen: Ich muss hier aber trotzdem durch“, berichtet Fischer.
Ähnliches haben seine insgesamt 15 Bauhof-Kollegen und er zum Beispiel auch beim Pfingststurm „Ela“ 2014 erlebt, als sie die durch zig umgestürzte Baumriesen blockierte Obere Saarlandstraße für den Verkehr sperren mussten.

Mit Mann und Gerät müssen Fischer und seine Mitarbeiter auch an der Riemelsbeck zu Werke gehen. Dort muss nach dem jüngsten Starkregen ein Straßengraben entschlammt werden.
Bombenentschärfungen mit „Open End“

An „normalen Tagen“, wie diesem, darf sich Kay Fischer gegen 18.30 Uhr in den Feierabend verabschieden und sich daheim um seinen geliebten Garten kümmern. „Zum Glück haben wir heute keine Bombenentschärfung hereinbekommen. Denn dann, das haben wir auch schon oft erlebt, geht es hier mit den sofort erforderlichen Absperr- und Umleitungsmaßnahmen Open End weiter“, sagt Fischer.

Dieser Text erschien am 2. Juli 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 4. Juli 2016

Eine Erfolgsgeschichte Schon nach neun Monaten ist der iranische Flüchtling Mohammed Reza Jami auf dem ersten Arbeitsmarkt angekommen: Jetzt muss er nur noch Asyl bekommen

Drei zufriedene Menschen, die ihr Ziel erreicht haben: Ralf Muss,
Macus Prünte und Mohammed Reza Jami.
"Wie können Integration und sozialer Zusammenhalt gelingen?“ Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck beantwortete diese Frage bei einer Veranstaltung am Montag in der Katholischen Akademie Die Wolfsburg so: „Am besten Gelingen sie durch vorgelebte Erfolgsgeschichten.“ Eine solche Erfolgsgeschichte ist die von Mohammed Reza Jami.

Der 21-jährige Iraner lebt seit gut einem halben Jahr im Saarner Flüchtlingsdorf an der Mintarder Straße.

Jetzt hat der Christ, der seine Heimat aus religiösen Gründen verlassen und ein Modegeschäft in der iranischen Hauptstadt Teheran aufgeben musste, einen Arbeitsvertrag bei Marcus Prünte unterschrieben. „Er ist freundlich und hoch motiviert“, sagt der Inhaber von vier Mülheimer McDonalds-Restaurants über seinen neuen Mitarbeiter. Das merkt er schon daran, dass der junge Mann, der jetzt in Prüntes Schnellrestaurant an der Kölner Straße arbeitet, täglich eine halbe Stunde vor Dienstbeginn an seinem Arbeitsplatz erscheint, um sich mit seinen deutschen Kollegen zu unterhalten und jeden Tag ein oder zwei neue Vokabeln aufzuschnappen. Eine dieser neuen Vokabeln, die sich ihm während eines vierwöchigen Praktikums eingeprägt haben, ist das Wort „dauert.“
An den Stress, der damit verbunden ist, dass es die meisten Gäste im Schnell-Restaurant eilig haben, und es ihnen oft „zu lange dauert“, ehe Burger und Co auf ihrem Tablett landen, musste sich Jami erst gewöhnen. Noch arbeitet Jami nicht im kommunikationsintensiven Kassenbereich, sondern vor allem in der Küche und als Helfer in der Lobby des Schnellrestaurants.
Doch Jami arbeitet hart daran, bald so gut deutsch zu sprechen, dass er in allen Bereichen seines neuen Arbeitsplatzes eingesetzt werden kann. Deshalb besucht er, wie sein Kollege und Landsmann Mohammed Mousavi, mit dem er zusammen bei Prünte eine zunächst auf ein Jahr befristete Stelle gefunden hat, neben seinen Acht-Stunden-Schichten auch noch täglich einen vierstündigen Sprachkurs. Dort hatte ihn sein späterer Arbeitgeber auch kennen gelernt. Denn Prünte ließ sich von der Agentur für Arbeit als Sponsor eines interaktiven Computerlernprogramms gewinnen.

„Ich möchte arbeiten und Geld verdienen. Ich will kein Geld vom deutschen Staat nehmen“, sagt Jami. Solche Sätze sorgen bei seinem Chef „für eine Gänsehaut“, auch wenn Prünte weiß, dass Jami mit einem Stundenlohn von 8,60 Euro pro Stunden noch weit davon entfernt ist, ohne jede staatliche Unterstützung selbstständig leben zu können. „Aller Anfang ist schwer“, sagt Jami und beweist damit, dass er die eine oder andere deutsche Lebensweisheit schon verinnerlicht hat. Jetzt hofft er, dass sein Asylantrag auch bald vom zuständigen Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bewilligt wird, damit er seine Zukunft in Deutschland langfristig planen kann.

„Bisher konnten wir nur ein gutes Dutzend von Flüchtlingen, wie Herrn Jami, in einen festen Arbeitsplatz vermitteln.

Aber sein Beispiel zeigt, dass dies möglich ist und für alle Beteiligten ein Gewinn sein kann“, betont Bereichsleiter Ralf Mus von der Agentur für Arbeit. Entscheidend ist für Muss, „dass wir als Agentur die Chance bekommen, eine Begegnung zwischen Arbeitssuchenden und Arbeitgebern zu ermöglichen. Deshalb sollten sich alle interessierten Arbeitgeber ein Herz nehmen und über die kostenlose Rufnummer 08 00 455 55 20 Kontakt zu unserem Arbeitgeberservice aufnehmen.“ 

Dieser Text erschien am 1. Juli 2016 in NRZ/WAZ

Sonntag, 3. Juli 2016

So gesehen: Stadtrundfahrt a la card

Wenn meine beiden Schwestern und ich früher schon mal eine Imbissstätte (was für ein Wort) aufsuchen durften, um uns mit Pommes Frittes und Würstchen zu laben, war das für uns ein Feiertag. Damals galt das ungeschriebene Gesetz: Gegessen wird entweder direkt im Imbisslokal oder  zuhause.  Letzteres bedeutete: Man ließ sich seinen Imbiss einpacken und machte, dass man heimwärts kam, um möglichst schnell wieder auspacken und losschlemmen zu können. Beide Varianten waren für uns Kinder ein echtes Abenteuer.

Heute erlebe ich ganz andere kulinarische Abenteuer, wenn ich zu Fuß oder mit Bus und Bahn unterwegs bin. Dann sehe und rieche ich überall Menschen, die im Laufen, Gehen, Fahren und Sitzen essen und trinken, was das Zeug hält.

Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Ich komme aus dem Haus und muss gleich einem Eisesser ausweichen, der seine Eiskugeln kaum in den Griff bekommt. Ich warte an der Haltestelle neben einem jungen Mann, der mal eben seine Mega-Pizza-Pappe öffnet und neben Pizza-Stücken auch noch schnell eine Limonade verinnerlicht.

Und dann geht die Stadtrundfahrt a la Card mit einer jungen Dame weiter, die im Bus mir gegenübersitzt und gut beschallt ein stark gewürztes asiatisches Nudelgericht verdrückt, während ein junger Mann, zwei Sitze weiter, einen mit Fleisch und Salat überfüllten Döner Kebab aus seinem Aluminiumpapier heraus pellt.

„Na, dann; Guten Appetit!“ denke ich und bin froh, als ich später wieder in meinem stillen Kämmerlein bin. Hier genieße ich in aller Ruhe Mineralwasser und  Kaffee. Denn nach meiner Stadtrundfahrt a la card ist mir der Appetit auf mehr vorerst vergangen.

Dieser Text erschien am 2. Juli 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 1. Juli 2016

So gesehen: Mein lieber Schimanski

Es gibt Nachrichten, die möchte man nicht glauben, auch wenn man sie schwarz auf weiß in der Zeitung liest: Zum Beispiel diese: „Schimanski ist tot!“ Tot? Tot! Auch wenn Götz George als Tatort-Kommissar Schimanski nicht in Mülheim, sondern in der Nachbarstadt Duisburg ermittelte, wurde er zu einer Ruhrgebiets-Ikone, obwohl er gar nicht im Ruhrpott lebte. Zugegeben, die Handlung war schon manchmal haarsträubend und übertrieben. Aber niemand konnte, den Zuschauern so aus dem Herzen sprechen wie er. Und das für Journalisten verpönte Wort mit Sch... ging ihm schon vor Jahren ganz locker über die Lippen. Und so ganz nebenbei gab dieser Schimanski uns eine Lebensweisheit mit auf den Weg: Klartext hilft manchmal weiter und schützt die seelische Gesundheit. Ganz schön sch...ade, dass du jetzt schon gegangen bist. Warst du wirklich schon 77? Angesichts der bewegten Film- und Theater-Bilder, die dich unsterblich gemacht haben und wie einen guten Bekannten erscheinen lassen, kann man es ebenso wenig glauben, wie die Nachricht von deinem Tod. Doch es ist wohl so. Danke, adieu und man sieht sich bestimmt wieder, so oder so! 

Dieser Text erschien am 28. Juni 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung