Freitag, 30. September 2016

Auch nach 50 Jahren ist das Kinderfest der Kolpingfamilie Mülheim-Heimaterde-Zentral immer noch ein Dauerbrenner und Publikumsmagnet

Dirk Desinger (links) und Andreas Pöhlmann
„Wenn ich durch die geschmückten Straßen der Heimaterde zum Festplatz an der Kleiststraße gehe, bin ich schon stolz, dass es heute überhaupt noch so ein Fest gibt“, sagt Dirk Desinger. Der 50-jährige Familienvater gehört zu dem achtköpfigen Organisationsteam, das beim Kinderfest der örtlichen Kolpingfamilie die Fäden in der Hand hält.
An diesem Wochenende, 10. Und 11. September, wird das Kinderfest, das auch die „großen“ Bewohner des Stadtviertels auf die Beine bringt, bereits zum 50. Mal gefeiert. „Wir haben hier viele Einfamilienhäuser und viele junge Familien. Deshalb gehört ein solches Fest einfach hier hin“, sagt Desingsers Mitstreiter Andreas Pöhlmann. Was die beiden Männer aus dem Organisationsteam, das bereits seit 22 Jahren im Dienste des Kinderfestes ehrenamtlich zusammenarbeitet, besonders begeistert, ist die große Hilfsbereitschaft aus der Nachbarschaft, die sie alljährlich erfahren.

Ob Würstchen gegrillt werden müssen, ob Sitzganituren, Pavillons und Tische aufgestellt werden, Erbsensuppe gekocht oder Kuchen und Waffeln gebacken werden. Überall finden sich hilfreiche Hände. „Das ist wie bei den Heinzelmännern. Jeder weiß, was er zu tun hat“, scherzt Pöhlmann.

Der 49-jährige Familienvater schätzt, „dass wir in unserem Umfeld mehr als 100 ehrenamtliche Helfer haben, die uns an verschiedenen Stellen zur Hand gehen.“ Und er fügt hinzu: „Ohne diese Unterstützung könnten wir so ein Fest auch gar nicht stemmen.“ Nicht nur Pöhlmanns und Desingers Kinder folgen dem Beispiel ihrer Eltern und werden als ehrenamtliche Helfer aktiv, egal ob die Hüpfburg oder der Süßigkeitenstand betreut werden müssen oder ob die Bier- und Wassergläser zu spülen sind.

Alles ist hier Marke Eigenbau, auch die Kostüme beim großen Festumzug mit den zuvor ausgewürfelten Kinderkönigen und Kinderprinzen. Das hält die Kosten im Rahmen und sorgt dafür, dass jeder mitfeiern kann, weil auch die Preise am Imbiss- und Getränkestand oder beim überreichlich gespendeten Kuchenbuffet sehr familienfreundlich sind. Alle machen irgendwie mit: Nachbarn, Schule, Kindergarten und Vereine. Niemand bleibt an den beiden Festtagen allein.

Und was besonders überrascht. Der Erlös der gutbesuchten Cafeteria im Gemeindesaal an der Kleiststraße fließt nicht etwa in die Festkasse, sondern in ein Sozial- oder Bildungsprojekt für benachteiligte Jugendliche, ganz im Sinne des seligen Adolph Kolping. „In den letzten 20 Jahren konnten wir so insgesamt 15.000 Euro spenden“, freut sich Andreas Pöhlmann. In diesem Jahr soll der Kaffee- und Kuchen-Erlös einem Jugendprojekt im armen Nordosten Brasiliens zu Gute kommen. Aber auch die örtliche Förderschule für Menschen mit geistiger Behinderung gehörte schon zu den Begünstigten des Kolping-Kinderfestes.

Besonders freuen sich Pöhlmann, Desinger und ihre Orga-Team-Kollegen Arno Langhals, Georg Jansen, Stephan Küppers, Stefan Niess sowie Ralf und Jörg Kaiser darüber, dass das langjährige Engagement der Kolpingfamilie Mülheim-Zentral-Heimaterde jetzt mit einem Preis der Kolping-Diözesanverbandes gewürdigt wird.

Das Kolping-Kinderfest in der Mülheimer Heimaterde beginnt am 10. September um 10 Uhr mit einem Kindertrödelmarkt und am 11. September um 9.45 Uhr mit einem Familiengottesdienst in Sankt Theresia an der Kleiststraße. Für das leibliche Wohl wird reichlich gesorgt. Außerdem darf man sich auf viele Spiel- und Mitmachangebote, von der Formel-1-Rutsche über Bull-Riding bis zum Menschen-Kicker freuen. Ein Höhepunkt des Festes ist die Band Wounded Ducks, die am 10. September ab 19.30 Uhr den Festplatz an der Kleiststraße rocken wird. Der Kinderzug startet am 11. September um 14.30 Uhr am Sunderplatz. 

Weitere Informationen findet man auch im Internet unter:www.kolping-muelheim-ruhr.de oder bekommt sie bei Andreas Pöhlmann unter der Rufnummer (0208) 7821660.

Dieser Text erschien am 10. September 2016 im Neuen Ruhrwort   

Donnerstag, 29. September 2016

So gesehen: Darf es etwas weniger Bass sein?

Der Kartoffelhändler meines  Vertrauens gähnt mich an. Mein Gott. Bin ich etwa so langweilig, dass ich die Menschen in meiner Umgebung einschläfere? Doch dem Mann hinter dem Marktstand geht es so, wie mir oft auch. „Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich von der Frühjahrsmüdigkeit gleich in den Winterschlaf übergehen könnte“, sagt er.

Kein Wunder. Angesichts der wilden Wetterlagen, die wir heute erleben, können Organismus und Seele durcheinander kommen.

Auch im September ist man an einem Tag im Hochsommer und an einem anderen eher im durchwachsenen Frühling oder im Herbst.

Tatsächlich konnte man sich angesichts der heißen Beats und des Sonnenscheins, die am Samstag unter dem Motto „Herbstgold“ die Schloßstraße aufmischten auf einen sommerlichen Jahrmarkt oder ein Rockfestival versetzt fühlen. Rock und Pop an der Ruhr. Das hört sich doch gut an.

Allerdings verging so manchen Anwohnern, Händlern und ihren Kunden, die in unmittelbarer Nähe der Bühne angesichts der zum Teil extrem lauten und extrem tiefen Basstöne Hören und Sehen.
Da hätte sich so Mancher sicher gerne in einen zumindest zeitweiligen Winterschlaf hinein begeben. Doch im Schlaf hat bisher noch niemand sein Geld verdient.

Dieser Text erschien am 26. September 2016 in der NRZ

Dienstag, 27. September 2016

Das Ende einer Ära: Der Bund der Vertriebenen lud gestern zu seinem letzten Tag der Heimat in den Bürgergarten: Ende des Jahres löst sich der noch 80 Mitglieder zählende BdV auf

Die BdV-Vorstände Dietmar Hein, Margit Schlegel und
Hildegard Hammer mit dem Gastredner Heiko Hendriks.
„Nur wer seine Geschichte kennt, kann auch aus ihr lernen. Und deshalb müssen wir auch die Geschichte der Vertriebenen an die nächste Generation weiter geben“, fordert der CDU-Landtagsabgeordnete Heiko Hendriks vor 45 Zuhörern im Bürgergarten. Sie sind Teilnehmer des letzten Tages der Heimat, zu dem der Bund der Vertriebenen (BdV) eingeladen hat.Warum es der letzte Tag der Heimat war und der Mülheimer BdV sich zum Jahresende auflöst, erklärt seine aus Pommern stammende Vorsitzende Margit Schlegel (79) in einem Gespräch mit dieser Zeitung.

Warum löst sich der BdV auf?

Weil sich in den letzten Jahren eine nach der anderen Landsmannschaft verabschiedet hat. Heute gibt es in Mülheim nur noch eine kleine schlesische Landsmannschaft. In seinen Hochzeiten hatte der BdV 300 Mitglieder. Heute sind es vielleicht noch 80.

Hat sich ihr Verband historisch überlebt?

Auf Kreisebene ist das zumindest so. In den Zeiten, in denen es darum ging, den Lastenausgleich für die Vertriebenen durchzusetzen und man noch hoffen konnte, die alten Heimatgebiete zurück zubekommen, gab es im BdV einen großen Zusammenhalt. Doch diese Aufgaben haben sich heute erledigt.
Was kann der BdV heute noch auf Bundesebene leisten?
Auf der Bundesebene kümmert man sich jetzt verstärkt um die Flüchtlinge, die heute nach Deutschland kommen. Doch das können wir auf der Kreisebene gar nicht leisten,  weil uns dafür das Personal fehlt. Ich bekomme ja noch nicht mal einen funktionsfähigen Kreisvorstand zusammen. Meine beiden Stellvertreter, Dietmar Hein und Hildegard Hammer werden in diesem Jahr 90.

Warum finden Sie keinen Nachwuchs?

Ich sehe es in meiner eignen Familie und andere BdV-Mitglieder erleben es ähnlich. Meine Tochter ist Lehrerin und sehr vertraut mit dem BdV und der Geschichte der Vertriebenen. Aber sie käme deshalb nie auf die Idee, die Leitung des Kreisverbandes zu übernehmen. Die nachfolgende Generation ist eben nicht mehr so unmittelbar mit der alten Heimat ihrer Eltern und Großeltern verbunden. Sie fühlt sich hier in Mülheim zuhause und ist beruflich sehr eingespannt. Aber das ist natürlich auch ein positives Zeichen. Das ist eben unsere Zeit.

Wären ein BdV und ein Tag der Heimat auf regionaler Ebene eine Alternative für die Zukunft?

Es gibt ja im Ruhrgebiet noch einige BdV-Kreisverbände. Aber vor dem Hintergrund meiner bisherigen Erfahrungen sehe ich nicht, wie ich einen Bus vollbekommen sollte, wenn ein Tag der Heimat etwa nicht mehr in Mülheim, sondern vielleicht in Bochum stattfinden würde, Und viele Kinder oder Enkel sind beruflich und familiär so eingespannt, dass sie ihre Eltern oder Großeltern nicht in eine andere Stadt transportieren können oder wollen.

Was wird vom Bund der Vertriebenen in Mülheim bleiben?

Ein kleines Mahnmal, das seit einigen Jahren auf dem Altstadtfriedhof an der Dimbeck steht und an das Schicksal der insgesamt 14 Millionen Vertriebenen aus dem ehemaligen Osten Deutschlands erinnert. Außerdem arbeiten meine Vorstandskollegen und ich zurzeit an einer Chronik des BdVs und der schlesischen, ost- und westpreußischen, pommerschen und sudetendeutschen Landsmannschaften, die wir in absehbarer Zeit als Broschüre an die Stadt und ihr Archiv übergeben werden. Vielleicht interessieren sich ja nachfolgende Generationen für die Geschichte der Vertriebenen und ihre Aufbauleistung in dieser Stadt.

Dieser Text erschien am 26. September 2016 in NRZ/WAZ

Montag, 26. September 2016

"Ausbildung und Arbeit sind ein wichtiges Fundament für das Lebenshaus" - Zwei Kirchenmänner sind als Botschafter in Sachen Berufsausbildung unterwegs

Großer Bahnhof mit Stadtdechant Michael Janßen (links) und
Weihbischof Franz Grave (rechts)
Nur ein Viertel der Betriebe bilden aus. Und obwohl das Ausbildungsjahr bereits begonnen hat, suchen noch 190 Bewerber eine Lehrstelle. Deshalb ließen sich jetzt Stadtdechant Michael Janßen und der emeritierte Weihbischof Franz Grave von der örtlichen Agentur für Arbeit gerne als Botschafter für mehr Ausbildungsplätze einspannen. Sie taten dies bei einem Betriebsbesuch, der Kraftfahrzeug-Handel-und-Service-GmbH, deren Inhaber, Oliver Kammann gleich 5 Auszubildende und 1 Praktikanten in seinem Team hat. „Wir wollen uns bei Ihnen für Ihr Engagement bedanken und an andere Arbeitgeber appellieren, beim Thema Ausbildungsplätze vielleicht noch eine Schippe drauf zu legen“, betonte Grave.

Derweil machte der Kaufmann und Handwerksmeister Oliver Kammann, der Dennis Krüger (18), Luca Strucksberg (16), Dominick Rillo (19), Niko Dangiris (22) und Marvin Puchert (17) zum KFZ-Mechatroniker ausbildet, deutlich: „Man kann nicht über Fachkräftemangel klagen und gleichzeitig nicht ausbilden wollen. Das ist für mich eine Investition in meine Monteure von morgen.“

So etwas hörte auch der örtliche Chef der Agentur für Arbeit, Jürgen Koch gerne. Er forderte bei dieser Gelegenheit gleich „eine bessere Netzwerkarbeit, wenn es um die Schaffung und Meldung von Ausbildungsplätzen gehe. Immerhin konnte er einen achtprozentigen Anstieg der Ausbildungsplätze auf derzeit 1094 vermelden. Arbeitsvermittlerin, Erika Pulikow-Fast, vom Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit glaubt, „dass mehr Arbeitgeber ausbilden würden, wenn sie besser Bescheid wüssten, mit welchen finanziellen und sozialpädagogischen Hilfen wir sie bei der Ausbildung eines Lehrlings unterstützen können.“ Lohnzuschüsse sind ebenso möglich, wie die Übernahme von Nachhilfekosten oder die Unterstützung durch einen Ausbildungscoach, der die Jugendlichen während ihrer Ausbildungszeit begleitet.

„Ausbildung und Arbeit sind ein wichtiges Fundament für das Lebenshaus“, unterstrich der sozialpolitisch engagierte Weihbischof Grave. Und Stadtdechant Janßen erklärte Arbeit und Ausbildung „zu einem Grundrecht.“ Mit Sorge sieht Janßen, dass vor allem Menschen mit Behinderung auch dann oft keine Chance bekommen, wenn ihre Motivation und Qualifikation nichts zu wünschen übrig ließen, weil sich viele Arbeitgeber lieber eine Ausgleichsabgabe zahlten, als einen Schwerbehinderten einzustellen.

Gerne würde Oliver Kammann, dessen KFZ-Betrieb alles, vom kleinen Pkw bis zum großen Lkw repariert, auch seinen syrischen Praktikanten, Mazhar Al Monajed in eine Ausbildung übernehmen. Denn der 23-jährige Flüchtling hat sich während seines vierwöchigen Praktikums bewährt. Er hat auch einen Führerschein. Dem ehemaligen Jurastudenten, der in Syrien auch in der KFZ-Werkstatt seines Onkels gearbeitet hat, fehlt aber ein Auto, mit dem er dauerhaft von seinem Wohnort Moers nach Mülheim fahren könnte.

„Ob jemand perfekt deutsch spricht, ist doch nicht so entscheidend, wie der Umstand, dass man sich versteht, jeder sich bemüht und jeder dem anderen hilft. Was der Eine nicht weiß, weiß eben der Andere“, erklärte Lehrling Dennis Krüger, was die internationale Blaumann-Fraktion der Firma KHS, zu der neben deutschen, auch griechische, syrische und italienische Kollegen gehören, zusammenhält. „Sie geben uns mit ihrem Vorbild im Kleinen ein Beispiel der Solidarität, das zeigt, wie es im Großen funktionieren könnte,“ lobte Weihbischof Grave die Betriebsgemeinschaft.
Großer Bahnhof in Sachen Ausbildung in der Werkshalle der am Wiescher Weg ansässigen Kraftfahrzeug-Handel-und Service GmbH.

Dieser Text erschien am 10. September 2016 im Neuen Ruhrwort





Sonntag, 25. September 2016

Eine Idee ist Wirklichkeit geworden: Nicht nur Christel Schuck vom Freundeskreis Las Torres erlebt das neue Haus auf altem Grund, wie einen Sechser im Lotto

Nicht nur für Christel Schuck ist das Petrikirchenhaus wie
ein zweites zu Huase.
„Wie kann man so ein Haus direkt vor die Petrikirche bauen?“ „Wo anders werden Gemeindehäuser geschlossen und hier wird ein neues hingeklotzt.“ Solche und ähnliche kritische Stimmen mussten sich der Unternehmer Ulrich Turck und seine Mitstreiter von der 2009 gegründeten Stiftung Petrikirchenhaus immer mal wieder anhören, als das Petrikirchenhaus in den Jahren 2014 und 2015 auf dem Kirchenhügel Formen annahm. Nachdem das Petrikirchenhaus im Februar 2016 eröffnet werden konnte, hörte sich das schon ganz anders an: „Mein Gott. Ist das schön geworden. Schön, dass Sie das alte Haus renoviert haben“, lautete eine Meinung. Dass das neue Petrikirchenhaus, dessen Bau allein mit Stiftungsmitteln in Höhe von zwei Millionen Euro bewerkstelligt wurde, von einigen Mülheimern irrtümlich für einen renovierten Altbau gehalten wird, zeigt der Geschäftsführerin der Stiftung Petrikirchenhaus, Susanne Reimann, „dass das Haus inzwischen von den Menschen angenommen und als Teil des Ortsbildes gesehen wird.“
Der Vorsitzende der Stiftung, der Unternehmer Ulrich Turck, der als Initiator und Stifter weitere Stifter gewinnen und so das Petrikirchenhaus erst möglich gemacht hat, hat sein Ziel in der Festschrift zur Eröffnung des Hauses unter anderem so formuliert: „Mein Wunsch ist es, dass im Petrikirchenhaus nicht nur musiziert, gesungen und gelesen wird, sondern das es ein Ort der Begegnung auf verschiedenen Ebenen wird.“

Christel Schuck am Eingang Bogenstraße 1
Tatsächlich wird das neue Haus auf altem Grund, dessen Vorgeschichte bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht, inzwischen nicht nur von Gemeinde-Gruppen, sondern auch von Bürgergruppen genutzt. „Dieses Haus ist für uns, wie ein Sechser im Lotto“, sagt Christel Schuck vom Verein Las Torres. Mit einem Büchercafé, das zusammen mit einem kleinen Magazinraum, jetzt seinen festen Platz im Erdgeschoss des Petrikirchenhauses gefunden hat, unterstützt sie mit ihrem Mann Lothar und einem spendenfreudigen Freundeskreis seit über 40 Jahren eine Vorschule in Las Torres, einem Armenviertel in der venezolanischen Hauptstadt Caracas. Was 1974 mit einer Erzieherin und 50 Kindern begonnen hat, ist heute auf eine soziale Bildungseinrichtung mit vier Häusern angewachsen, in der 30 hauptamtliche Mitarbeiter täglich 170 Kinder betreuen.

„Leider hat sich die soziale Lage in Venezuela in den letzten Jahren nicht verbessert, sondern dramatisch verschlechtert. Im Alltag fehlt es überall am Nötigsten. Und die Gewalt auf der Straße ist allgegenwärtig“, schildert Schuck die aktuelle Situation. Der Frau, die ihr Ehrenamt als eine Lebensaufgabe ansieht, der sie mit Büchercafe, Vorträgen und Organisationsarbeit 80 Stunden pro Woche widmet, ist es wichtig, „dass die Kinder in Las Torres von der Straße wegkommen und zumindest acht Stunden pro Tag gut und liebevoll unterrichtet, betreut und versorgt werden.“
Und wenn zumindest einige Kinder mit Hilfe der Vorschule von Las Torres ihren Schul- oder sogar Studienabschluss schaffen und den Sprung in eine bürgerliche Existenz als Rechtsanwältin, Journalistin, Buchhalterin oder Krankenschwester meistern, weiß Schuck, dass sich ihr Einsatz gelohnt hat. „Das Schöne am Petrikirchenhaus ist für uns, dass wir hier endlich ein festes Quartier gefunden haben und nicht mehr ständig alles umräumen müssen“, betont Schuck. Alles? Das sind derzeit geschätzte 20.000 Bücher und andere Medien, die von Bürgern gespendet und von den Schucks und ihren ehrenamtlichen Helfern, zu denen unter anderem auch Ulrich Turcks Frau Carola gehört, mittwochs (15 bis 17 Uhr) und am zweiten Sonntag des Monats (12 bis 17 Uhr) für die gute Sache an den zahlenden Bücherfreund oder die Bücherfreundin gebracht werden.

Auch wenn Bücher, Medien, Kaffee und Kuchen am zweiten Sonntag des Monats in die Gemeinde-Lounge auf der mittleren Hausebene gebracht werden müssen, ist der Aufwand überschaubar. Einem eingebauten Aufzug sei Dank.

Petrikirchenkantor Gijs Burger beim Notenstudium im
neuen Chorsaal der Petrikirchenhauses
Auch der Petrikirchen-Kantor Gijs Burger erlebt das Petrikirchenhaus „als einen Glücksfall, weil wir hier jetzt endlich ein festes Probenquartier haben und nicht dauernd umziehen und umräumen müssen.“ Wir, das sind 220 Menschen aus allen Generationen, die in der Singschule und in der Kantorei der Petrikirche unter Burgers Leitung zur Ehre Gottes und zur Freude ihrer Mitmenschen singen. Ihnen stehen in den beiden Obergeschossen des Petrikirchenhauses nicht nur zwei große Probenräume mit Chorpulten und Chorbänken, sondern auch vier kleine Räume für die individuelle Einzelarbeit zur Verfügung. Der große Chorsaal, der bis zu 60 Zuhörern Platz bieten, wurden auch schon für Kammerkonzerte genutzt.

Ein Blick in die Gemeinde-Lounge des Petrikirchenhauses
In der goldenen Mitte des Petrikirchenhauses liegt die Gemeindeetage der Vereinten Evangelischen Kirchengemeinde. Hier finden sich das von Iris Schmitt betreute Netzwerkbüro und die Lounge der Gemeinde. Es ist ein klassischer Ort der Begegnung, ob bei Sitzungen, Gruppentreffen, beim Trauercafe oder bei kleinen Kulturveranstaltungen von der Lesung bis zur Filmvorführung. „Das Haus ist mit seiner historischen Fassade und seiner modernen Innenarchitektur einfach schön und zeitgemäß. Es hilft der Gemeinde, in die Stadt hineinzuwirken und Menschen anzuziehen“, sagt Pfarrer Justus Cohen über das neue Petrikirchenhaus, das im alten Stadtkern angekommen ist.

Dieser Text erschien am 22. September 2016 in der NRZ/WAZ-Beilgae Mülheim Extra

Samstag, 24. September 2016

Hat der Gesprächsprozess der vergangenen fünf Jahre die Katholische Kirche vorangebracht? Eindrücke einer Diskussion in der katholischen Akademie Die Wolfsburg

Auf dem Podium des Akademie-Auditoriums (von links): Der ZDK-Vorsitzende Thomas Sternberg, Generalvikar Klaus Pfeffer, Journalist Joachim Frank, Bischof Gebhard Fürst und der Fundamentaltheologe Hans-Joachim Höhn. 
Haben die Gesprächsprozesse der letzten fünf Jahre die Katholische Kirche in Deutschland weiter gebracht? Das Ergebnis einer Diskussion, die rund 160 engagierte Christen aus dem gesamten Bundesgebiet jetzt in der Katholischen Akademie die Wolfsburg zu eben dieser Frage führten, brachte ein klares: „Ja, aber!“ zu tage.

„Das Reden darf kein Ersatz für das Handeln sein“, mahnte der katholische Journalist Joachim Frank von der DuMont-Medien-Gruppe. Als Beispiel für die Stagnation in der katholischen Kirche nannte er „die Murmeltier-Debatte: 6 Uhr morgens. Und schon wieder wird über den Pflichtzölibat diskutiert.“ Als positives Gegenbeispiel für Aktion in der Kirche führte er das christliche Engagement für Flüchtlinge ins Feld: „Da werden Christen mal wieder positiv wahrgenommen.“

Auch der Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, machte deutlich „Gott wird nur in der gelebten Nächstenliebe, etwa in der Hilfe für Flüchtlinge oder Obdachlose, erfahrbar. Wir kommen als Kirche nur weiter, wenn wir für Frieden, Gerechtigkeit und den Dienst an den Armen eintreten.“ Den Dialogprozess der vergangenen fünf Jahre, so Fürst, habe nach dem Schock der 2010 öffentlich gewordenen Missbrauchsfälle neues Vertrauen, neue Offenheit und neuen Respekt geschaffen. Fürst: „Vor 2010 haben wir in der Bischofskonferenz zwar miteinander geredet, aber nicht über die entscheidenden Dinge. Jetzt sind aber alle heißen Eisen auf den Tisch gekommen. Und wir können hinter die Ergebnisse des Dialogprozesses nicht mehr zurück.“

Der Bischof spürt durch Papst Franziskus Rückenwind aus Rom, wenn es zum Beispiel um Reformschritte, wie die Einführung synodaler Strukturen oder um das Diakonat der Frau gehe. „Das Homosexuelle jetzt im kirchlichen Dienst zugelassen werden, kann man kaum als Fortschritt heraus hängen. Das sollte doch das Normalste von der Welt sein. Und wenn man Frauen den Zugang zum Priesteramt verweigert, darf man sich nicht wundern, wenn sich viele von ihnen fragen, ob das noch die Kirche ist, in der sie leben und mitarbeiten wollen“, merkte die Essener Diözesanvorsitzende des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), Stephanie Schulze an.

Auch der Vorsitzende des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, forderte die Kirche auf, die Anregungen des Dialogprozesses zu nutzen: Sternberg: „Wir müssen unsere internen Hausaufgaben machen, damit wir nach außen besser auftreten können.“ Neben dem offeneren Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen und Homosexuellen, nannte der ZDK-Vorsitzende auch die Ablehnung der kirchlich unterstützten Schwangerschaftskonfliktberatung, das Frauendiakonat und den Pflichtzölibat, die als Bremsklötze aus dem Weg geräumt werden müssten. „Es reicht heute nicht mehr, den Deckel des Topfes zu heben, um Dampf abzulassen, weil uns als Kirche an vielen Stellen bereits der Topf weggeflogen ist. Denn die junge Generation ist heute nicht mehr bereit, sich an verkrusteten kirchlichen Strukturen abzuarbeiten“, betrachtete die Sternberg den gesellschaftlichen Ist-Zustand. Darüber hinaus liegt für ihn das Ende des Pflichtzölibates angesichts des akuten Priestermangels auf der Hand. „Wenn das so weiter geht, wie bisher, können wir selbst die heutigen XXL-Gemeinden, die keine Lösung sind, nicht mehr aufrechterhalten“, untermauerte Sternberg seine Position.
Mit einer evangelischen Christin, die sich aus dem Publikum zu Wort meldete, war sich der ZDK-Chef einig, „dass wir heute mit dem alten Konfessionalismus nicht mehr weiter kommen und eine gemeinsame christliche Lobbyarbeit brauchen, weil wir heute in vielen Teilen der Gesellschaft nicht mehr als Katholiken und Protestanten, sondern nur noch gemeinsam als Christen wahrgenommen werden.“

Nicht nur in diesem Zusammenhang wiesen kritische Stimmen aus dem Auditorium darauf hin, dass die katholische Kirche in den letzten 50 Jahren durch immer wiederkehrende Widerstände aus der Amtskirche, die Zeit verpasst habe, die durch das Zweite Vatikanische Konzil erreichten Fortschritte in die Tat umzusetzen.

So wollte auch der Fundamentaltheologe, Hans-Joachim Höhn von der Universität Köln, den Dialogprozess der vergangenen Jahre „nicht als Fortschritt, sondern nur als ein Aufholen von Rückschritten“ bewerten. Angesichts „einer massenhaften Gottlosigkeit“ fürchtet er, dass der Franziskus-Effekt verpuffen und der Papst mit seiner Wiederbelebung der Befreiungstheologie keine große Resonanz finden werde.

„Gott ist nicht in der Krise. Denn die meisten Menschen sind nicht gottlos, sondern spirituell Suchende. Deshalb brauchen wir christliche Lebenszeugnisse, die berühren. Und wir müssen uns mehr gegenseitig von unserem Glauben erzählen“, hielt der Generalvikar des Bistums, Klaus Pfeffer, dagegen. Ein zentrales Problem sieht er darin „dass wir noch alle selbstverständlich in eine Volkskirche hineingewachsen sind und es oft nicht gelernt haben, über unseren Glauben zu sprechen.“

Für Pfeffer steht nicht nur die Ortskirche des Ruhrgebietes angesichts des gesellschaftlichen und demografischen Wandels vor der grundsätzlichen Frage: „Wie können und wollen wir in Zukunft Kirche leben, damit auch die kommenden Generationen noch von Jesus Christus erfahren?“ Dass sich der Tanker Kirche sehr wohl bewegt, machte der Generalvikar zum Beispiel daran deutlich, dass das Ruhrbistum mehr Frauen in seine Führungspositionen bringt, Laien zum Beerdigungsdienst zulässt und darüber nachdenkt, Kirchen auch für Heiratswillige zu öffnen, die keiner Gemeinde angehören.

Für die stellvertretende Leiterin der Katholischen Akademie, Judith Wolf, stand nach der Diskussion über den Dialogprozess fest: „Es liegt Veränderung in der Luft. Und es gibt auch eine große Bereitschaft zur Veränderung.“
  

 Dieser Text erschien am 10. September 2016 im Neuen Ruhrwort

Freitag, 23. September 2016

Zum Auftakt der interkulturellen Woche machte der Politikwissenschaftler Aladin El-Mafaalani. deutlich; Integration bedeutet Veränderung für alle

Der Politikwissenschaftler Aladin El Mafaalani
 bei seinem Vortrag im Haus der Stadtgeschichte.
Kurzweilig und anregend. Besser hätte der Auftakt zur Interkulturellen Woche nicht gelingen können, als durch das Impulsreferat des Politikwissenschaftlers und Migrationsforschers Aladin El-Mafaalani. 1978 als Sohn syrischer Eltern im Kreis Recklinghausen geboren, lehrt und forscht er heute an der Fachhochschule Münster.

Mit seiner Biografie repräsentiert er die zweite Generation der Zuwandererfamilien, die er selbst so beschreibt. „Anders, als ihren Eltern, reicht es ihr nicht mehr nur akzeptiert und toleriert zu werden. Sie will ein Stück vom Kuchen abhaben und die dritte Generation will dann auch mitentscheiden, welcher Kuchen auf den Tisch kommt.“
Erst in der vierten Generation, so das Ergebnis seiner Forschung, sei der persönliche Zuwanderungshintergrund kein problematisches Thema mehr.

Das Professoren, Journalisten, Lehrer und Ärzte mit Zuwanderungshintergrund in der deutschen Gesellschaft immer selbstverständlicher geworden sind, führte El-Mafaalani, als Beweis dafür an, „dass die Integrationsbemühungen der letzten 20 Jahre Früchte tragen.“

Dass dennoch viele beim Thema Zuwanderung meinen, dass alles schwieriger und schlechter geworden sei, führt der Migrationsforscher darauf zurück, „dass die Erwartungen der Zuwanderer schneller stiegen als die tatsächlich erreichten Integrationsfortschritte.“ Außerdem rufe die erfolgreiche Integration und der soziale Aufstieg vieler Zuwanderer vor allem bei sozial und beruflich weniger etablierten Bürgern der Ursprungsgesellschaft soziale Abstiegs- und Deklassierungsängste hervor. Besonders weit verbreitet sieht El-Mafaalani diese sozialen Abstiegsängste in der Gruppe der weißen, heterosexuellen Männer. Denn anders, als zum Beispiel Zuwanderer, Frauen oder Homosexuelle falle diese Gruppe durch alle speziellen Förderraster.

Dass Kontroversen um die gerechte Verteilung sozialer und beruflicher Lebenschancen schärfer werden, ist für El-Mafaalani, nur ein Beleg dafür, dass immer mehr Zuwanderer in der deutschen Ursprungsgesellschaft, die immer schon durch Zuwanderung und Integration verändert worden sei, angekommen sind.

Dass Zuwanderung und Zuwanderer eine Gesellschaft nicht nur verändern, sondern, wie die Integrationsratsvorsitzende Emine Arslan, betonte „auch bereichern“, machte der Gastreferent daran deutlich, das neun der zehn wirtschaftlich stärksten Staaten der Welt Einwanderungsländer seien. Auch die reichsten deutschen Städte München, Stuttgart und Frankfurt am Main hätten mit 30 bis 40 Prozent einen überdurchschnittlich hohen Ausländer- und Migrantenanteil. In Mülheim liegt er aktuell bei 21,6 Prozent.

Als vorbildlich empfiehlt El-Mafaalani die im kanadischen Bildungssystem praktizierte Integration, die Zuwanderer ab dem ersten Tag im Land als Kanadier anspreche und begreife, ohne die individuelle Herkunft zu verleugnen. Den obersten kanadischen Verfassungsgrundsatz „Einheit und Vielfalt“ sieht der Politikwissenschaftler auch für Deutschland als wegweisend.
Die Idee einer deutschen Leitkultur, der alle Bürger folgen, sieht er dagegen als illusorisch an. Nur das Grundgesetz und die deutsche Sprache können nach seiner Ansicht eine gemeinsame gesellschaftliche Grundlage darstellen. „Individualität und Vielfalt widersprechen dem Grundgesetz nicht, sondern werden ausdrücklich durch das Grundgesetz geschützt“, machte Aladin El-Mafaalani deutlich.

Dieser Text erschien am 21. September 2016 in der NRZ/WAZ

Donnerstag, 22. September 2016

Der Mann, der die Brötchen bringt: Unterwegs mit dem Bäckereifahrer Maik Elbers

Maik Elbers bei der Arbeit
„Wer früh anfängt, hat früh Feierabend“, stand in der Stellenausschreibung der Bäckerei Hemmerle, auf die sich Maik Elbers vor 13 Jahren bewarb. Damals fuhr der gelernte Tischler für einen Gemüse- und Obst-Großhandel. Mit seinen dortigen Arbeitsbedingungen und seiner Entlohnung war er überhaupt nicht zufrieden. „Das ging so nicht mehr weiter. Es musste sich was tun“, erinnert sich Elbers an die Zeit des Umbruchs.

Ein Glücksfall
Dass er bei Hemmerles einen neuen Arbeitsplatz fand, an dem „er mit entspannten Chefs zusammenarbeiten kann und fair bezahlt wird,“ sieht der in einer festen Partnerschaft geborgene Familienvater als einen Glücksfall seines Lebens. „Meine Lebenspartnerin sorgt dafür, dass ich abends rechtzeitig ins Bett und morgens wieder herauskomme“, sagt Elbers. Das ist auch dringend erforderlich. Denn der Arbeitstag des Dümpteners beginnt schon um 2 Uhr in der Nacht. Dann steht er zusammen mit Junior-Chef Sven Hemmerle in der Versandhalle der Groß-Backstube an der Neckarstraße im Hafen. Seine Hände sind durch griffige Handschuhe gut geschützt. Denn die Brötchen, das Brot oder die Stuten, die in Kunststoffkörben auf die dort bereitstehenden Rollwagen verteilt werden, kommen frisch aus dem Ofen und sind entsprechend warm. Auch beim schnellen Verteilen und Aufstellen der Versandkörbe könnte sich Elbers ohne Handschuhe schnell die eine oder andere Schramme holen.

Elbers geht die Listen der 13 Hemmerle-Filialen durch und kennzeichnet jede Korb-Rollwagenladung mit dem Namen der jeweiligen Filiale. Um 3.30 Uhr treffen die ersten Fahrer ein. Vier Lieferwagen mit einem Ladegewicht von jeweils 3,5 Tonnen warten an der Rampe, um beladen zu werden.

Maik Elbers packt wieder an. Zehn Rollwagen mit jeweils zehn großen Kunststoffkörben samt leckerem Inhalt verstaut er im Laderaum seines Lieferwagens. Die rollenden Korbtürme und die Kühlwagen mit den Teigrohlingen, die als Brötchen in den Bäckereien frisch aufgebacken werden, werden mit Stangen und Gummiriemen gesichert. „Damit es nachher nicht einen Kuchensalat gibt. Das ist mir einmal passiert, aber nie wieder“, sagt Elbers mit einem spitzbübischen Lächeln.

Er übernimmt an diesem Tag die Innenstadt-Tour, steuert die Filialen am Dickswall, im Forum, an der Leineweberstraße, an der Schloßstraße und an der Zeppelinstraße an. Bis zu seinem Feierabend, kurz nach 11Uhr, wird er diese Tour viermal fahren und dabei rund 80 Kilometer zurücklegen. Außerdem stehen diesmal auch eine Trinkhalle am Max-Planck-Institut, der Senioren-Wohnpark an der Dimbeck und die RWE-Sporthalle auf seiner Fahrt- und Lieferliste. Auch dort werden Brot, Brötchen, Kuchen und Brezeln gebraucht, um Kunden, Bewohner und Teilnehmer eines europäischen Dartturniers zu verpflegen.

In der RWE-Sporthalle muss Elbers länger warten, als ihm lieb ist, weil ein Catering-Mitarbeiter über die Anlieferung offensichtlich nicht informiert ist und sich erst mal durchfragen muss, ob er die 300 Brötchen und 20 Brezeln annehmen und quittieren darf. Elbers bleibt ruhig und freundlich. Der Mann vom Catering bekommt grünes Licht, gibt seine Unterschrift. Und die Tour kann weitergehen.

Eine Kunst für sich
„Durch die Innenstadt zu fahren, ist eine Kunst für sich“, gibt Elbers zu. Man sieht es, je mehr der Morgen voranschreitet. Umso mehr muss der Bäckereifahrer mit seinem bulligen und hinten fensterlosen Lieferwagen an der Schloß- und Leineweberstraße zwischen Fußgängern, Radfahrern, Autofahrern und Außengastronomie rangieren. Nur eine Kamera am Heck des Wagens und ein Monitor neben dem Lenkrad lassen Elbers erkennen, was sich hinter seinem Fahrzeug abspielt. „Einmal habe ich erlebt, dass eine Mutter ihr Kind im Kinderwagen gleich hinter meinem Lieferwagen abgestellt hat und in den Laden gegangen ist, so dass ich den Kinderwagen um ein Haar im Rückwärtsgang angeschubst hätte“, erinnert sich Elbers an eine brenzlige Situation, die Gott sei Dank gut ausging.

Ladefläche öffnen, die Rollwagen mit den Körben und die Kühlwagen mit den Teigrohlingen über eine kleine Rampe aus dem Lieferwagen und dann in die Bäckerei bugsieren. Einsteigen, aussteigen, weiterfahren. Das wiederholt sich im Minutentakt. Besonders sehenswert ist, wie Elbers gleich zwei Rollwagen, je einen mit einer Hand durch die engen Gänge hinter den Verkaufsräumen hindurch laviert und nebenbei von den Verkäuferinnen mit Fragen, wie: „Hast du den Pflaumenkuchen und das Schwarzbrot mitgebracht?“ konfrontiert wird. Aber auch kleine Streicheleinheiten, wie: „Schön, dass du da bist“ oder „du bist der Beste“ bekommt der Fahrer zu hören und freut sich darüber. Man glaubt ihm sofort, wenn er sagt: „Wer diese Arbeit macht, braucht keinen Sport mehr zu machen.“

Dabei ist Borussia-Dortmund-Fan Maik Elbers eigentlich ein sportlicher Typ. Früher hat er bei Dümpten 13 und dem DTV selbst aktiv Fußball gespielt und sich bis ins letzte Jahr als Jugendtrainer beim RSV engagiert. Doch das hat er inzwischen, auch mit Rücksicht, auf seine Arbeitszeiten, sechs Tage die Woche von 2 bis 11 Uhr, aufgegeben.

Doch Elbers hadert nicht. „Jeder muss arbeiten und seine Kosten bestreiten. Ich bin kein Typ, der zwischen 7 und 16 Uhr im Büro sitzen könnte. Ich muss anpacken und körperlich arbeiten, damit ich am Ende des Tages weiß, was ich gemacht habe“, sagt Elbers. Und wenn er sich mit Lebengefährtin und Kindern einen gemütlichen Abend vor einem freien Tag, einen Urlaub oder das erfrischende Bad im eigenen Swimmingpool gönnt, weiß der Familienvater und Bäckereifahrer, dass sich sein Einsatz lohnt.

Dieser Text erschien in der Neuen Ruhr Zeitung vom 17. September 2016

Mittwoch, 21. September 2016

Ein grün-weißes Sommermärchen: Vor 60 Jahren wurde der VFB Speldorf Deutscher Vizemeister der Fußball-Amateure

Was für Deutschland die Helden von Bern, das waren für Mülheim die Helden von Berlin. Die Rede ist von der Elf des VfB Speldorf, die vor 60 Jahren Vizemeister der deutschen Fußball-Amateure wurde.

Nur den „Roten“ aus Neu-Isenburg mussten sich die Grün-Weißen aus Speldorf im Berliner Finale geschlagen geben. Auch wenn es für die von Kurt Biesenkamp trainierte Mannschaft nach 90 Minuten 2:3 hieß, sahen viele der 75 000 Zuschauer die vom Verletzungspech und von umstrittenen Schiedsrichter-Entscheidungen gebeutelten Speldorfer als „moralische Sieger.“ Auch Bundestrainer Sepp Herberger und Torwart-Legende Bernd Trautmann diktierten der Presse den Satz: „Die Speldorfer waren eine Klasse besser“ in den Block.

VfB-Leistungsträger und Nationalspieler Theo Klöckner, erlitt gleich zu Beginn des Spiels einen Wadenbeinbruch, machte aber unbeirrt weiter und schoss später sogar noch ein Tor.
Helmut Hirnstein, Heinz Riepe, Ernst Stroß, Hans Otto Bösebeck, Georg Hanselmann, Horst Riemenschneider, Walter Krogel, Werner Höttger, Walter Reichert, Theo Klöckner, Kurt Zimmermann, Heinz Brands, Harro Weiß

Die Spieler-Namen der Vizemeister-Elf von 1956 klingen für Speldorfer Fußball-Nostalgiker noch heute, wie Musik oder wie Fritz Walter, Toni Turek und Helmut Rahn.
Nach ihrer Rückkehr aus Berlin wurden die Verlierer, wie Sieger gefeiert. Ihr Triumphzug durch die Stadt dauerte eineinhalb Stunden. Tausende säumten die Straßen. In vielen Fenstern wurde Grün und Weiß geflaggt. Der Verkehr kam zeitweise völlig zum Erliegen.
Spieler des Vizemeisters und VfB-Präsident Heinz Otten sprachen später von einem „100-prozentigen Mülheimer Ereignis“ und von einem nie zuvor und nie danach erlebten „Rausch“ der Fußball-Euphorie. „Die Menschen feierten die Mannschaft auf eine Art, wie es Mülheim bisher noch nie erlebt hatte“, schrieb die lokale Sportpresse.
Das Speldorfer Sommermärchen 1956 hatte mit dem Gewinn der Niederrhein-Meisterschaft begonnen. Als Niederrhein-Meister hatte sich der VfB Speldorf für die ab 1951 ausgetragene Deutsche Meisterschaft der Fußball-Amateure qualifiziert.
Siege über Duisburg 08, Dortmund 95, die Spielvereinigung Hagen und Eintracht Braunschweig sowie ein Unentschieden bei Troisdorf 05 hatten Speldorf den Weg zum Deutschen Vizemeister der Fußball-Amateure geebnet.

Auch wenn die Speldorfer nach ihrer umjubelten Vizemeisterschaft für eine Saison in der Zweiten Liga West und viele Jahre später immerhin auch in der NRW-Liga spielen sollten, konnten sie bis heute nie wieder die Fans so begeistern, wie sie es im Sommer 1956 getan hatten.
Während ein in Speldorf verwurzelter Spieler, wie Kurt Zimmermann Angebote von Schalke 04 und Fortuna Düsseldorf ablehnten und noch bis 1963 in den Reihen der Grün-Weißen kickte, spielte Theo Klöckner nach der Einführung der Bundesliga (1963) unter anderem für Werder Bremen und wurde so in der Saison 1964/65 Deutscher Fußballmeister.

Dienstag, 20. September 2016

So gesehen: Die Evolution geht weiter

Als Journalist bin ich ein Mann des gedruckten Wortes. Was Schwarz auf Weiß geschrieben steht, hat für mich ein gewisses Gewicht, auch, wenn ich weiß, dass Papier geduldig ist. Doch gestern beschlich mich das Gefühl, dass ich mit dieses Geisteshaltung langsam, aber sicher zu einer aussterbenden Spezies gehöre.

Anders konnte ich es mir nicht erklären, was mir beim Arztbesuch, wie eine unwirkliche Erscheinung widerfuhr. Als ich ins Wartezimmer eintrat, folgte ich der plakatierten Anweisung: „Mobiltelefone bitte abschalten“ und vertiefte mich in eine Zeitschrift. So bekam ich erst verzögert mit, dass meine drei Mit-Insassen im Wartezimmer in keiner Zeitschrift, sondern (was auch immer) in ihren Smartphones lasen. Plötzlich fühlte ich mich so alt, wie die Queen, über die ich gerade las. Denn wahrscheinlich ist die Ansicht von Gestern, dass es sich bei einem Smartphone um ein Handy und nicht um ein Körperteil handelt.

Dieser Text erschien am 16. Juli 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 19. September 2016

Wo früher der Zug abfuhr, spielen heute die Kinder: Ein Zeitsprung in Broich

Früher konnte man hier mit dem Zug von Broich nach Kettwig fahren. Heute spielen dort Kinder oder Jogger und Spaziergänger passieren das grüne Fleckchen im Herzen Broichs. Der Straßenname Am Bahnhof Broich deutet auf die Geschichte des Bahnhofes, der hier ab 1866 fast 100 Jahre lang stand. Die aus dem Stadtarchiv stammende Postkarte zeigt das Bahnhofsgebäude anno 1910. Bis zur Verstaatlichung der Eisenbahn (1880) gab es in Mülheim eine Rheinische und eine Bergisch-Märkische Eisenbahngesellschaft, die mit ihren Bahnstrecken konkurrierten.

Welche Bedeutung der Eisenbahnverkehr in einer Zeit hatte, als Straßen- und Flugverkehr noch keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielten, macht die Tatsache deutlich, dass es neben dem Bahnhof Broich zeitweise sechs andere Mülheimer Bahnhöfe gab. Eine Aufstellung aus dem Jahr 1907 ergibt, dass die Mülheimer Bahnhöfe damals von 155 Personen- und 278 Güterzügen passiert wurden. Unweit des Broicher Bahnhofes entstand 1874 an der Duisburger Straße auch ein Eisenbahnausbesserungswerk, das bis zu seiner Schließung im Jahr 1959 zwischen 1200 und 2000 Menschen beschäftigte.

Im Rahmen dessen wurde 1900 auch ein Ringlokschuppen errichtet, in dem Lokomotiven repariert werden konnten. Heute kennen wir den Ringlokschuppen und den Broicher Wasserturm als Kulturzentrum und als Museum zur Vorgeschichte des Films.


Dieser Text erschien am 25. Juli 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Samstag, 17. September 2016

So gesehen: Das rasende Kind im Manne

Dass ich zuweilen überholt werde, überrascht mich nicht. Denn ich gehöre nicht zur Fraktion der Raser. Angesichts so mancher bedauerlicher Straßenzustände in unserer Stadt, tut man als Fußgänger ohnehin gut daran, die Entdeckung der Langsamkeit nicht nur als literarische Tugend zu üben. Der lesenswerte Sten Nadolny lässt grüßen.

Doch überrascht war ich jetzt schon, als ich auf der Schloßstraße von einem Mann mit Roller überholt wurde. Denn es war kein kleiner Mann, bei dem man ein solches Gefährt erwarten würde, sondern ein ausgewachsener Geschlechtsgenosse, der es offensichtlich eilig hatte. Umso erstaunlicher war es, dass seine Wahl auf ein Fortbewegungsmittel gefallen war, das offensichtlich drei Nummern zu klein für ihn war.

Aber ein Mann muss eben tun, was ein Mann tun muss, um im Leben voranzukommen und sei es auf einem zu kleinen Roller. Da hilft es auch nichts, wenn der kleine Sohnemann sich zuhause die Augen ausweint, weil er sich fragt, wie er ohne seinen Roller zum Spielplatz kommen soll.

Väter können ja so gemein sein. Aber sie werden argumentieren, dass ihr Weg zum Arbeitsplatz wichtiger sei, als  der ihres Nachwuchses zum Spielplatz. Auch wenn vorzugsweise weibliche Spötter vielleicht anmerken werden, dass für so manchen Mann sein Arbeitsplatz auch etwas von einem Spielplatz haben mag. „Ich bin der Anführer der Bande und habe das größte Förmchen.“ Das passt im Sandkasten des Lebens immer. Und jetzt weiß ich auch, weshalb mich der große Mann mit Aktenrucksack auf einem für ihn zu kleinen Roller überholt hat. Wenn das Kind im Manne wach wird, verleiht ihm das im Geiste Flügel. Da stört es Mann auch nicht, dass er in Wirklichkeit nur im Schritttempo vorankommt.

Dieser Text erschien am 30. Juli 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 16. September 2016

Eine Brücke als Baustelle: Ein Zeitsprung an der Thyssen-Brücke in Styrum

Ein Blick auf den Zubringer der Thyssen-Brücke mit der
Marienkirche im Hintergrund
Die 1909 aus Stahl errichtete Thyssenbrücke überspannt die alte Bergisch-Märkische Eisenbahnstrecke, an der August Thyssen 1870 sein erstes Stahlwerk errichtete, das zur Keimzelle eines Weltkonzerns werden sollte.

Wie berichtet muss die alte Thyssenbrücke neu gebaut werden. Geplanter Kostenpunkt: 19,5 Millionen Euro. Eine besondere Herausforderung stellt die die De- und Remontage der Gasleitung dar, die unter der Thyssen-Brücke verläuft. Schon Mitte der 50er Jahre, damals wurde die Eisenbahn elektrifiziert, lesen wir in der Lokalpresse von Neubauplänen. Doch daraus wurde damals nichts, weil die Neubaukosten mit 2,6 Millionen Mark kalkuliert und deshalb als zu hoch angesehen wurden, obwohl die Thyssenwerke, die damals als Rheinrohrwerke firmierten bereit waren, sich finanziell am Brückenbau zu beteiligen.

Stattdessen beließ man es bei einer 60 Zentimeter hohen Anhebung der Brücke und ihre Straßenauffahrten, die 1961 um etwa vier Meter erweitert wurden. Mit jeweils 500 000 Mark teilten sich Stadt und die Bundesbahn die Kosten. Letztere war damals noch die Eigentümerin der Brücke, die Ender der 1970er Jahre rundumerneuert und Ende der 1990er Jahre mit einem Stahlbogen und Ketten verstärkt wurde. Inzwischen hat der Gesetzgeber die Brücke in die Zuständigkeit der Stadt geben.

Auch in den 50er Jahren fuhr, wie man an einem alten NRZ-Foto aus dem Stadtarchiv sieht eine Straßenbahn über die Thyssen-Brücke nach Oberhausen. Damals war es nicht die Linie 112, sondern die Linie 15.

Dieser Text erschien am 12. September 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 14. September 2016

So gesehen: Vorsicht vor den Vorurteilen

Wer regelmäßig die Nachrichten verfolgt, fühlt sich als aufgeklärter Zeitgenosse. Doch manchmal ist es mit der Aufklärung nicht so weit her, wie man glauben möchte. Das gilt für die sexuelle, wie für die politische Aufklärung. Noch nie waren wir so gut darüber informiert, was beziehungstechnisch und politisch geht oder gehen könnte. Doch klappt es deshalb mit den privaten und den gesellschaftlichen Beziehungen besser? Die Scheidungszahlen, die Wahlbeteiligung und die Nachrichtenlage sprechen eine andere Sprache.

Auch ich musste jetzt feststellen, dass die nachrichtliche Dauerberieselung an meinem Unterbewusstsein nicht spurlos vorübergegangen ist. Denn als mir kürzlich ein junger arabischer Mann in der U-Bahn gegenüber saß, der ganz intensiv via Smart-Phone Kurznachrichten verschickte, erwischte ich mich bei dem argwöhnischen Gedanken: „Mit wem der wohl gerade über was kommuniziert?“ Als ob er meine Gedanken habe lesen können, lächelte er mich plötzlich an und erzählte mir freudestrahlend: „Ich habe gerade meiner Freundin gratuliert. Sie hat ihr Examen bestanden.“

Ich beglückwünschte ihn und seine Freundin unbekannterweise. Mich selbst trat ich innerlich in den Hintern und erkannte. Manchmal tut es gut, die Nachrichten mal aus und den gesunden Menschenverstand mal wieder einzuschalten, damit wir uns auch morgen noch vertrauen können.

Dieser Text erschien am 1. August 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 13. September 2016

So gesehen: Nachdenken über das Wasser

Über Wasser denkt man normaler Weise nicht nach. Man trinkt es, vor allem an heißen Tagen. Ernährungswissenschaftler und Ärzte empfehlen mindestens eineinhalb bis zwei Liter pro Tag. Da stellt sich die Frage, was für ein Wassertyp sind Sie? Sind Sie der Kraneberger, der den Hahn aufdreht, setzen Sie bodenständig auf den örtlichen Mineralwasserbrunnen oder muss es das weiche Edelwasser aus Frankreich sein? Natriumarm oder natriumreich? Wasser aus der Glas- oder aus der Plastikflasche? Schleppen oder schmecken?

Die Hardliner der Kranebergerfraktion, die im Altbau bedenkenlos den Hahn aufdrehen und keine Angst vor alten Bleileitungen haben, werden solche Gedanken und Gefühle ins Reich des Absurden verweisen.

Doch seit ich als Schüler von meinem Musiklehrer hörte, dass Beethoven in Folge einer schleichenden Bleivergiftung erst sein Gehör und dann sein Leben verloren haben soll, bin ich vorsichtig geworden. Immerhin wurde der Einbau von Bleileitungen erst 1973 verboten. Auch wenn ich keine Sinfonien, sondern nur den einen oder anderen Zeitungstext komponiere, möchte ich doch vermeiden, dass mir das Hören und Sehen vor der Zeit vergehen. Doch ich befürchte, dafür braucht es heute keinen Kraneberger aus der Bleileitung mehr. Na, dann. Wasser marsch und prost!


Dieser Text erschien am 25. Juli 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 12. September 2016

Ein sinnlicher und kreativer Beruf: Enzo und Sema Tunc wollen im Eiscafé Plati eine Fachkraft für Speiseeisherstellung ausbilden

Enzo Tunc in seiner Eisküche
Das Ausbildungsjahr ist angelaufen. Dennoch gibt es immer noch Betriebe, die mit Unterstützung des Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit eine Lehrstelle zu vergeben haben.

So möchte Enzo Tunc, der zusammen mit seiner Frau Sema seit 2009 das Eiscafé Plati am Leinpfad betreibt, in diesem Jahr erstmals eine Fachkraft für die Herstellung von Speiseeis ausbilden. Er selbst hat es bei seinem Vorgänger Salvatore Plati gelernt, der den Mülheimern mit seiner Familie seit 1972 das Leben versüßt hat. Der heute 40-jährige Enzo Tunc kam als Politikstudent eher zufällig zum Eismachen. „Ich habe hier in den Semesterferien gearbeitet“, erinnert sich Tunc, der nach seiner Masterarbeit in Internationaler Wirtschaftspolitik lieber in die lokale Eiswirtschaft einstieg, „weil ich während meiner Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ruhr-Universität Bochum merkte, dass ich kein Büro-Mensch bin, sondern lieber mit und für die Menschen arbeite.“

Anders, als sie selbst, soll der junge Mann oder die junge Frau, die sie als Eis-Azubi einstellen wollen, die Eis-Produktion von der Pike auf und mit allen Finessen lernen. Die dreijährige Ausbildung, die nicht nur im Eiscafé Plati, sondern auch im Berufskolleg Duisburg und während des dritten Lehrjahres wochenweise in der Eisfachschule Mannheim stattfinden wird, vermittelt nicht nur die Kunst der Eisherstellung, sondern auch gastronomische und kaufmännische Grundkenntnisse sowie das große Einmaleins der Warenkunde, der Lagerhaltung und der Hygiene.

„Zeugnisse und Schulabschlüsse sind uns nicht so wichtig, wie die persönliche Motivation des Bewerbers oder der Bewerberin“, unterstreicht Enzo Tunc. Ein Gesundheitszeugnis ist aber unbedingt erforderlich. Man hat es schließlich mit Lebensmitteln zu tun. Er wünscht sich eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter, „der oder die mit Kreativität und Liebe ans Werk geht.“ Der tägliche Einkauf und die Verarbeitung frischer Eiszutaten stehen im Mittelpunkt des Arbeitstages. Farbstoffe und Geschmacksverstärker kommen bei den Tuncs weder in den Eismixer noch in die Eismaschine. Neben der Arbeit in der Eisküche sollen der Lehrling oder die Auszubildende auch im Kundenservice eingesetzt werden, um am Ende der Ausbildung als Allround-Fachkraft im Eiscafé an der Ruhr eingesetzt zu werden.

„Wir brauchen Verstärkung und wollen deshalb unseren eigenen Nachwuchs ausbilden“, sagen die Tuncs. Eine Übernahme nach der Ausbildung ist also fest eingeplant, wenn sich ihr neuer Mitarbeiter oder ihre Mitarbeiterin während der Ausbildung bewährt. „Wenn Motivation und Einsatz stimmen, sind wir auch bereit auf individuelle Bedürfnisse der oder des Auszubildenden einzugehen“, betonen Enzo und Sema Tunc. Flexibilität erwarten sie bei der Arbeitszeit. Die Frühschicht beginnt um 9 Uhr und endet um 16 Uhr. Die Spätschicht bewegt sich zwischen 12 und 20 Uhr.

Das Ausbildungsgehalt steigt innerhalb der drei Ausbildungsjahre von 650 Euro auf 750 Euro. Als Einstiegsgehalt nach einer erfolgreichen Lehre könnte sich Enzo Tunc ein monatliche Summe von 2300 Euro brutto vorstellen.


Dieser Text erschien am 27. August 2016 in der NRZ/WAZ

Sonntag, 11. September 2016

Bei diesem Beruf geht es um die Wurst: Fleischermeister Falk Oesterwind sucht zwei Auszubildende, die die Produktion und den Verkauf seiner Metzgerei verstärken

Fleischer steht bei jungen Leuten nicht gerade an der Spitze der Berufswünsche. Das weiß auch die Arbeitsagentur. Dabei zählt der Beruf zu denen mit Perspektive – und es gibt freie Kapazitäten.

„Ich habe schon als Junge gerne gekocht und mir Fleischspieße gebraten“, erinnert sich der 21-jährige Fleischergeselle Gérard Schlösser. Als Schüler machte er dann ein Praktikum in einer Metzgerei. Damit war er nach seiner Fachoberschulreife an der Gustav-Heinemann-Schule der richtige Kandidat für Falk Oesterwind. Denn der 49-jährige Fleischermeister, der an der Aktienstraße 308 eine Metzgerei betreibt, die sein Urgroßvater 1936 eröffnet und sein Vater Willi 1994 an ihn übergeben hat, suchte damals einen Fleischerlehrling.

Jetzt ist es wieder soweit. Unterstützt von der Agentur für Arbeit sucht der Fleischermeister, der einen Familienbetrieb mit 15 Mitarbeitern führt, gleich zwei Bewerber für eine Ausbildung zum Fleischer oder zur Fleischerin und für eine Ausbildung zur Fleischereifachverkäuferin oder zum Fleischereifachverkäufer.

„Beide Ausbildungen lassen sich mit Hauptschul-Abschluss gut bewältigen“, sagt Oesterwind. Wichtiger als Noten und Schulabschlüsse sind ihm Einsatzbereitschaft, Durchhaltevermögen, Pünktlichkeit, Fleiß, und Zuverlässigkeit.“

In der Küche arbeiten drei, im Laden sieben und in der Produktion fünf Kollegen. „Man kommt ganz schön auf Trapp und muss gut im Team arbeiten können. Aber da findet man sich schnell rein“, berichtet Fleischergeselle Gérad Schlösser aus seinem Arbeitsalltag. Der beginnt in der Regel schon um sechs Uhr, wenn man nicht gerade Spätschicht hat. Werktags ist die Metzgerei bis 18.30 Uhr und samstags bis 14 Uhr geöffnet.

Das Wurstmachen und das professionelle Zerschneiden der großen Fleischteile ist natürlich Aufgabe der Fleischer. Ansonsten sind die Grenzen zwischen den Arbeits- und Ausbildungsbereichen fließend. Jeder in der Metzgerei sollte wissen, „dass man Kunden am besten mit einem Lächeln auf den Lippen bedient, wie man ein Fleischermesser oder den Fleischwolf und andere Fleischereimaschinen gefahrlos benutzt.“

Ebenso stehen Betriebshygiene, Warenkunde, das Zubereiten von Grillspezialitäten und kaufmännisches Rechnen auf dem dreijährigen Ausbildungsplan. Auch das Belegen von Wurst- und Buffetplatten will gelernt sein. Die monatliche Brutto-Ausbildungsvergütung steigt während der Lehrzeit von 500 auf 700 Euro. Die Ausbildung beginnt mit einer viermonatigen Probezeit. Die Lehrlinge des Betriebs arbeiten drei Wochen pro Monat im Betrieb und eine Woche in der Berufsschule.

„Wir bilden den Nachwuchs für unseren Betrieb aus. Das hat sich bewährt. Denn so wissen wir auch, was wir von unseren Mitarbeitern erwarten“, macht Oesterwind deutlich, dass am Ende einer erfolgreichen Ausbildung die Übernahme in eine Festanstellung steht, die im Falle eines Fleischergesellen mit monatlich brutto 1850 Euro und in Fall der Fleischereifachverkäuferin mit 1650 bezahlt wird.


Dieser Text erschien am 26. August in NRZ/WAZ

Samstag, 10. September 2016

So gesehen: Das Leben ist nicht automatisch

In Zeiten der technischen Rationalisierung muss man ja als Mensch heute mit allem rechnen. Industrieroboter, Fahrkartenautonaten, selbstfahrende Autos, Pflegeroboter, Online-Shopping und Onlineformulare. Auch die heute inzwischen stinknormalen E-Mails ersetzen ja die guten alten Briefe und damit tendenziell auch die Boten, die sie überbringen.

Bald muss man befürchten, als Mensch völlig überflüssig zu werden. Als ich jüngst beim Einkauf im Supermarkt dem Kassierer meine Banknote über das Kassenband anreichen wollte, lächelte der mich nur mitleidig an: „Dafür haben wir doch unseren Kassenautomaten.“ Tatsächlich. Ich vergas. Ich bin wohl schon von gestern, ebenso, wie meine Erinnerung an den freundlichen älteren Herrn, der früher im Supermarkt das Leergut annahm. Wo er stand, steht heute der Flaschenautomat.

Immerhin wünscht einem nach dem Zahlvorgang am Kassenautomaten noch ein leibhaftiger Kassierer „einen schönen Tag“! Das lässt den altmodischen Zeitungsmenschen hoffen, dass nicht nur das Schreiben und Lesen einer Zeitung auch in Zukunft kein automatischer, sondern ein zutiefst menschlicher Vorgang bleiben wird. Alles andere wäre, inklusive Druckerschwärze und Druckfehlern, vielleicht perfekt, aber am Ende für uns alle tot-langweilig.

Dieser Text erschien am 31. August 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 9. September 2016

Küchenkarriere im Ratskeller: Janet und Jörg Thon möchten eine Köchin oder einen Koch ausbilden: Ihr Trio soll zum Quartett werden

Warum es auch mit der Unterstützung des Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit so schwer ist, eine junge Frau oder einen jungen Mann zu finden, der sich zum Koch oder zur Köchin ausbilden lassen möchte, erklärt der Küchenchef des Ratskellers, Thomas Grabow, mit einem Satz: „Wenn andere frei haben, müssen Köche arbeiten.“

Freie Wochenenden und freie Feiertage sind für ihn und seine Küchenkollegen André Horn und Jörn Grugowski die extreme Ausnahme Wenn sie einen freien Tag haben, dann unter der Woche. Dennoch sähen es die beiden Gastronomen Janet und Jörg Thon, die den Ratskeller am Löhberg seit 1993 führen, gerne, wenn ihr Küchentrio zum Quartett würde.

„Ein Bewerber mit Abitur wäre natürlich schön. Aber der Schulabschluss und die Noten sind für uns nicht so entscheidend wie die persönliche Einstellung und die Liebe zum Beruf“, sagt Janet Thon. „Viele scheitern während der Ausbildung, weil sie glauben, dass sie sich nur an den Herd stellen müssen, um zu kochen. Zum Kochberuf gehören aber auch die Einhaltung der strengen Hygienevorschriften, die Kalkulation des Wareneinsatzes, die Beherrschung der modernen Küchentechnik und fundierte Lebensmittelkenntnisse, die beim regelmäßigen Einkauf frischer saisonaler Zutaten von entscheidender Bedeutung sind.

Auch wenn so unattraktive Tätigkeiten wie das Kartoffel- und Zwiebelschälen oder das Wischen und Putzen der Küche zum Alltag gehören, empfindet Thomas Grabow seinen Beruf als „ausgesprochen kreativ“, weil „es schon Spaß macht, im Team immer wieder neue Gerichte zu kreieren und zu überlegen, was man Gästen wie anbieten könnte.“ Dabei setzt man im Ratskeller ganz bewusst auf die deutsche Küche.

„Wir nehmen gerne auch Quereinsteiger, die vielleicht keinen ganz geraden Ausbildungsweg hinter sich haben“, sagt Janet Thon. Wichtig ist ihr aber, „dass der Bewerber oder die Bewerberin aufgeschlossen ist, sich in unseren Familienbetrieb einfügt und sich auch mal etwas sagen lässt.“ Möglichst freundlich und verbindlich etwas sagen können, müssen die Köche vor allem dann, wenn sie aus ihrer Küche herauskommen und zum Beispiel hinter dem Buffet stehen. Denn auch Catering-Aufträge nimmt der Ratskeller an.

Damit aus dem Kochlehrling ein Meisterkoch wird, empfiehlt sich, während der Ausbildung ein Rezeptbuch anzulegen, um keinen Kniff zu vergessen. Im ersten von drei Ausbildungsjahren sind die Koch-Azubis vor allem für die kalte Küche und die Suppen zuständig. Im zweiten Ausbildungsjahr kommen Gemüse- und Kartoffelbeilagen sowie Gemüsegerichte hinzu. Und im dritten Lehrjahr geht es um alle Variationen von Fleischgerichten, ob aus Pfanne oder aus dem Ofen. Der angehende Koch oder die angehende Köchin werden vier Tage pro Woche im Betrieb arbeiten und an einem Tag die Fachberufsschule in Essen-Ost besuchen.

Dass sie ihren Kochnachwuchs nach der Ausbildung übernehmen wollen, steht für die Thons außer Frage: „Wir wollen die Leute für unseren Betrieb ausbilden.“


Dieser Text erschien am 31. August 2016 in NRZ/WAZ

Donnerstag, 8. September 2016

Menschen. die uns Mut machen: Peter Brill und Eva Gerhardy engagieren sich ehrenamtlich im Saarner Flüchtlingsdorf

Eva Gerhardy und Peter Brill im Saarner
Flüchtlingsdorf des Deutschen Roten Kreuzes
65 Millionen Menschen sind derzeit weltweit als Flüchtlinge unterwegs. 2500 von ihnen sind bei uns in Mülheim angekommen. Allein 450 Flüchtlinge aus Afghanistan, Syrien, Irak, Iran, Albanien und Eritrea haben ein Obdach im Flüchtlingsdorf des Deutschen Roten Kreuzes an der Mintarder Straße gefunden.
Damit ihnen das Dach nicht auf den Kopf fällt, während sie auf die Anerkennung ihres Asylanspruchs warten, sorgen unter anderem 200 ehrenamtliche Helfer dafür, dass sie sinnvoll beschäftigt werden. Zwei von ihnen sind der 70-jährige Peter Brill und die 48-jährige Eva Gerhardy. Beide kommen, wie der stellvertretende Vorsitzende des DRKs, Frank Langer, aus der Saarner Nachbarschaft des Flüchtlingscamps. Beide haben sich von ihm für eine ehrenamtliche Mitarbeit in der Flüchtlingshilfe des Roten Kreuzes gewinnen lassen und es bis heute nicht bereut.
„Ich habe hier viele interessante Menschen kennen gelernt, die mit mir auf einer Wellenlänge sind“, erzählt Eva Gerhardy. Mit ihrem Vorbild hat sie inzwischen auch ihren 18-jährigen Sohn für die ehrenamtliche Mitarbeit im Camp an der Mintarder Straße begeistern können. „Helfen verbindet und erweitert den persönlichen Horizont“, beschreibt Peter Brill seine Erfahrung im Ehrenamt. Während sich der pensionierte Sozialarbeiter und Psychotherapeut zusammen mit acht anderen Männern in einer Fahrradgruppe engagiert, arbeitet Eva Gerhardy als eine von 50 Sprachpaten im DRK-Dorf.
„Wir können hier als Ehrenamtler sehr entspannt ans Werk gehen, weil wir hier in gut funktionierende hauptamtliche Strukturen eingebunden sind“, sind sich Brill und Gerhardy einig. Beide kommen zwei bis dreimal für zwei bis drei Stunden ins Flüchtlingsdorf, so wie es ihre anderweitigen Verpflichtungen erlauben. Gerhardy erarbeitet in Kleingruppen mit je drei bis fünf Flüchtlingen das kleine Einmaleins der deutschen Sprache. Ihr Lehrmaterial hat sich die Mutter und Hausfrau aus dem Internet besorgt. „Die Flüchtlinge sind sehr dankbar für jedes Angebot, dass ihre schwierige Lebenssituation erleichtert und ihnen hilft, hier bei uns anzukommen“, unterstreicht Eva Gerhardy.
„Sprich deutsch“, sagen mir die Flüchtlinge immer wieder, wenn wir bei unseren Radtouren Mülheim entdecken“, erzählt Brill. Sie lieben, so hört man auch von seiner Kollegin Gerhardy, die so grüne, hügelige und friedliche Stadt Mülheim. Dabei stellt der Name Mülheim für viele Flüchtlinge einen echten Angang dar, da sie aus ihren Sprachen keine üs, äs oder ös kennen. „Wenn wir durch die Stadt radeln, sprechen mir die Flüchtlinge Sätze nach, die ich ihnen vorspreche. Es sind Sätze, die sich spontan aus der jeweiligen Situation ergeben. Sätze, wie etwa: „Da sehe ich eine Frau mit Hut“ oder: „Da kommt ein Mann mit einem Hund.“ Auch Verkehrsschilder oder Busfahrpläne sind auf den Touren zum Entenfang, zum Auberg oder nach Kettwig beliebte, weil anschauliche Lernobjekte. In der Regel sind dabei 15 bis 20 Radfahrer mit von der Partie. Die Räder, auf denen man unterwegs ist und die auch schon mal gemeinsam repariert werden, sind übrigens alle von Mülheimer Bürgern gespendet worden, die sich von Brill und seinen ehrenamtlichen Kollegen aus der Fahrradgruppe ansprechen ließen.
„Wenn man mit den Lebens- und Leidensgeschichten der Flüchtlinge konfrontiert wird, begreift man schnell, dass viele Probleme, über die wir uns in unserer Wohlstandsgesellschaft aufregen („Warum kommt der Bus schon wieder zu spät?“) eigentlich keine Probleme sind“, schildert Brill seine Erfahrung. Auch Sprachpatin Gerhardy hat durch ihre Arbeit im Flüchtlingsdorf gelernt, „dass im Leben nichts selbstverständlich ist, auch nicht, sicher in einer friedlichen Stadt zu leben.“ Brill und Gerhardy empfehlen allen Mülheimern, die Angst vor den Flüchtlingen haben, einfach mal ins DRK-Dorf zu kommen, um zu erleben, „dass sie Menschen wie wir sind.“
„Man begegnet sich hier als Mensch auf Augenhöhe und überwindet damit mögliche Berührungsängste“, berichtet Gerhardy, die inzwischen auch schon mal den gemeinsamen Einkauf oder das gemeinsame Kochen in ihren Sprachunterricht einbezogen hat. Schließlich wollen auch Äpfel und Birnen nicht miteinander verwechselt werdeDer leitende Sozialarbeiter des DRK-Flüchtlingsdorfes, Marc Gronenberg, sieht Brill und Gerhardy als zwei von vielen Beispielen dafür, „mit welcher Energie sich die Ehrenamtlichen hier einbringen und sich auch nicht von dem einen oder anderen Problem davon abhalten lassen, immer wieder dran zu bleiben."

Dieser Text erschien im August 2016 im Magazin des Deutschen Roten Kreuzes

Dienstag, 6. September 2016

Zwischen Funkturm, Aussichtsturm und Atelier: Ein Zeitsprung am Bismarckturm


Heute springen wir mit einem Foto-Paar des Mülheimer Fotografen Heiner Schmitz in die frühen 50er-Jahre und landen am Bismarckturm. Die historische Aufnahme hat der zehnjährige Heiner am Tag seiner heiligen Erstkommunion im April 1950 gemacht. Denn er hatte damals eine Retina 6x6 Kamera geschenkt bekommen.

Wie man auf dem alten Foto erkennen kann, war der Bismarckturm damals eine Funkstation der britischen Rheinarmee, vor dem oft Militärlaster geparkt wurden. Nach dem Kriegsende war  Mülheim seit Juni 1945 Teil der britischen Besatzungszone. Die Funknachrichten, die bis 1956 im Bismarckturm eingingen, wurde sofort an das Kommando der Signaltroup Six Highland Brigade weitegeleitet.

Als Kommandantur diente das nur wenige Meter entfernte Haus Urge, in dem heute Zenit residiert. Nach dem Abzug der Briten gab es in Mülheim 1956 eine heftige Kontroverse darüber, ob man den Bismarckturm abreißen und an seiner Stelle neue Wohnungsbauten errichten sollte.

Doch diese Pläne scheiterten am Widerstand der geschichtsbewussten Mülheimer. Stattdessen blieb der 1909 errichtete und in den 70er-Jahren restaurierte Turm stehen und bietet eine 27 Meter hohe Aussichtsplattform mit bester Aussicht auf die Stadt.
Seit 1996 wird der Bismarkturm vom Künstler Jochen Leyendecker als Atelier genutzt. Er öffnet die Türen des Bismarckturms, der einst zum Gedenken an den ersten deutschen Reichskanzler erbaut wurde, regelmäßig für Kunstausstellungen.

Dieser Text erschien am 5. September 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Montag, 5. September 2016

So gesehen: Warte nur ein Weilchen


Manchmal erinnert das Leben an eine Warteschleife. Die Schlange vor der Supermarkt-Kasse, an der man gerade ansteht, ist mit Sicherheit die längste. Ist man pünktlich an der Haltestelle, lässt der Bus auf sich warten. Ist man aber selbst knapp in der Zeit, war er überpünktlich. Also muss man auf den nächsten warten.

Und ein Anruf bei so mancher Service-Hotline „Unsere Mitarbeiter sind leider gerade alle im Gespräch“ ist oft alles andere als ein wohltuendes Dienstleistungserlebnis, sondern ein Geduldspiel.

Doch gestern war ich pünktlich, bekam meinen Bus und war rechtzeitig bei einer Abendveranstaltung. Das dachte ich zumindest, bis ich feststellte, dass der Veranstaltungssaal verschlossen war. Ein Blick auf die Einladung brachte Klarheit. Ich war ausnahmsweise mal vor meiner Zeit. Also warten und Zeitunglesen. Wenn Geduld, der Weg zur Glückseligkeit sein sollte, kann mir nichts mehr passieren. Doch ich fürchte, wenn ich mal das Zeitliche segne, wird mir Petrus mit Blick auf meine Warteschleifen auf dieser Welt und die eine oder andere Sünde wohl noch die eine oder andere Warterunde im Fegefeuer verpassen. Aber dann habe ich ja schon eine Engelsgeduld und Übung in der Warteschleife.

Dieser Text erschien am 3. September 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Eine Frau für jede Tonart: Wer Chorleiterin Christiane Böckeler begleitet, merkt, wie viel Leidenschaft man braucht, wenn man die Musik zum Beruf macht

Christiane Böckeler gibt bei der Chorprobe den Ton an.
Ihr Tag beginnt um 9 Uhr. Nach dem Frühstück heißt es: üben! Erst Klavier- und Orgelspiel. Dann geht Christiane Böckeler zum Dirigieren über. Musik macht der 50-jährigen Kirchenmusikerin Freude, aber auch Arbeit. Am Nachmittag steht noch eine Probe mit dem Projektchor ihrer Gemeinde auf dem Programm, mit dem sie eine lateinamerikanische Messe einstudiert.

An anderen Tagen würde sie vielleicht noch ein Seminar an der Düsseldorfer Musikhochschule besuchen, wo sie sich auf ihr Examen als Kirchenmusikerin vorbereitet.

Auch private Klavierstunden gehören für die studierte Klavierpädagogin normalerweise zu ihrem täglichen Brot, doch die lässt sie aufgrund ihrer aktuellen Studienverpflichtungen derzeit ruhen.

Weiter gehen für die Chorleiterin allerdings ihre abendlichen Proben mit den modernen A-Capella-Chören, den Silk-O-phonics und dem Ruhrschrei. An diesem Abend warten zehn der 17 Ruhrschrei-Sänger im evangelischen Gemeindehaus an der Witthausstraße auf sie. Der erste Blick in den Saal überrascht positiv. Von Überalterung keine Spur. In diesem Chor reicht das Altersspektrum von 25 bis 60, von der Studentin bis zum Vorruheständler.

Warum ist das so? Ein Blick ins Proben-Repertoire lässt es erahnen. Robbie Williams „Angles“, „Every Breath You Take“ von The Police und „Das Beste“ von Silbermond stehen auf dem Programm.

„Solche Lieder entsprechen heute eher den Hörgewohnheiten und dem Lebensgefühl der Menschen. Außerdem wirken populäre A-Capella-Chöre, wie Basta, Maybe Bob oder die Wise Guys sehr inspirierend“, erklärt sich Christiane Böckeler die Anziehungskraft solcher und ähnlicher Pop- und Rocksongs. Bernd, 52, Handwerksmeister, stimmt ihr zu: „Ich habe 30 Jahre in einem Männergesangverein gesungen, bevor ich zum 2009 gegründeten Ruhrschrei kam. Hier kommt mit der Musik einfach mehr Lebensfreude auf.Und das hat auch mit dem Einfühlungsvermögen und dem emotionalen Gespür für Menschen zu tun, das Christiane Böckeler einfach mitbringt.“

Die Mutter eines erwachsenen Sohnes, die seit ihrem 19. Lebensjahr Chöre leitet, Klavierunterricht gibt und Kirchenmusik macht und jetzt spätberufen auf ein Kirchenmusik-Examen zusteuert, weiß: „Als Chorleiterin muss man die Begeisterung für die Musik vermitteln und die Sänger zum Grooven bringen.“ Böckeler ist davon überzeugt: „Musik ist eine Sprache, die jeder verstehen und die alles ausdrücken kann, was sonst unsagbar wäre, egal, ob es sich um ein Volkslied, ein Oratorium oder einen Popsong handelt.“

Dass guter Gesang etwas mit einem guten Körpergefühl zu tun hat, merkt man, wenn Böckeler die Damen und Herrn des Ruhrschreis zum Auftakt der Probe aufstehen und sich recken, strecken und lockern lässt. Und bevor sie mit ihrer Chor-Crew an „I sit and wait, does an angel contemplate my fate“, „Every breath you take. Every move you make“ und: „Du bist das Beste, was mir je passiert ist. Es tut so gut wie du mich liebst“ herangeht, begleitet sie auf dem Klavier erst mal einige Sprach- und Gesangsübungen, a la „Si, si, si, si, sie“ und: „Ti, Ti, Ti, r, Ti.“ Nach dem Mundmuskulatur und Stimmbänder so geschmeidig gemacht worden sind, geht es ans eigentliche Chorwerk.

Der Laie im Hintergrund staunt darüber, wie lange und intensiv man drei Liebeslieder proben kann, die der Ruhrschrei demnächst bei einer Hochzeit singen wird. Die Chorleiterin nimmt jeden zweiten bis dritten Takt auseinander. Immer wieder wird unterbrochen und neu angesetzt, wenn sie im Halbkreis ihrer Sänger eine stimmliche Unebenheit herausgehört hat: „Hier müsst ihr den Ton etwas besser führen und höher halten.“ „Das ist ein schöner Akkord. Der passt aber nicht an diese Stelle.“ Oder: „Denkt dran: Ihr müsst hier verliebter klingen.“

Was positiv überrascht, ist der Umstand, dass Böckler es versteht, ihre kontinuierlichen Korrekturen so freundlich und charmant an die Frau und den Mann zu bringen, dass keine angestrengte und stressige Stimmung aufkommt. Wenn Christiane Böckeler bei den Proben mit ihrem Klavierspiel die Tonalität und den Rhythmus ihres Mülheimer A-Capella-Chores unterstützt, alternativ mit den Fingern schnipst und sich zur Melodie in den Hüften wiegt oder diese mit ihren Handbewegungen in der Luft nachzeichnet, scheint die Chorleiterin zur Chorschwester zu werden, die mit ihrem Ensemble verschmilzt.

Kurz nach 22 Uhr beendet Christane Böckler dann mit einem „so, das reicht für heute“ die Chorprobe und handelt mit ihrem Ensemble noch einen Ersatztermin für die nächste Probe aus. Denn in der kommenden Woche muss sie zur üblichen Zeit an eine Workshop in der Düsseldorfer Musikhochschule teilnehmen, damit aus der schon lange praktizierenden demnächst auch eine examinierte Kirchenmusikerin werden kann. 


Dieser Text erschien am 3. September 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 3. September 2016

Die Rohrinspektoren: Wer mit den RWW-Technikern Frank May und Frank Kurkowski unterwegs ist, staunt über den massiven Einsatz von Mensch und Material, der notwendig ist, um das Wasserrohrnetz dicht zu halten

Frank May (links) und seine Kollege Frank Kurkowski im Einsatz
Frank May und Frank Kurkowski sind in ihren sonnengelben Overalls nicht zu übersehen. Das kann auch an sonnigen Sommertagen nicht schaden. Denn die beiden Rohrinspektoren der Rheinisch-Westfälischen Wasserwerksgesellschaft RWW arbeiten auf der Straße und gehen doch auch mit ihren Gerätschaften unter die Erde. Denn sie fahnden nach Wasserrohrbrüchen. „Unsere Arbeit hat was von Detektiv und Sisyphos“, finden sie. Zusammen mit sechs weiteren Koellgen der RWW-Rohrinspektion und einer vierköpfigen Reparatur-Crew sind sie für ein 3000 Kilometer langes Versorgungsnetz zuständig, das von Borken bis Breitscheid reicht. Darüber hinaus nutzen auch Industrie und Privatkunden das Know-How der RWW-Rohrinspektoren. Besonders gerne erinnern sich May und Kurkowski an die glücklichen Gesichter in einem Kleingartenverein, dem sie helfen konnten, einen Rohrbruch aufzuspüren und zu reparieren und so Wasserverluste von 100 Kubikmeter pro Jahr zu beseitigen.

An diesem Tag prüfen sie einen zwei Kilometer langen Netzabschnitt in Styrum. Die beiden Fahrzeuge, mit denen sie unterwegs sind, muten wie Lieferwagen an. Doch der größere „Lieferwagen“ hat es in sich. Wenn seine Heck- und Seitentüren geöffnet werden, kommt hochwertige Mess- Computer- und Mikrofontechnik zum Vorschein. „Wenn Sie mich vor zehn Jahren gefragt hätten, ob ich mal mit Computertechnik arbeiten würde, hätte ich sicher nein gesagt. Doch heute geht nichts mehr ohne“, beschreibt der 47-jährige Frank May den Wandel. Doch neben Computer- und Mikrofontechnik kommt auch Handarbeit zum Einsatz. Erst wird mit einem kleinen Hammerschlag, der das Fingerspitzengefühl des Profis verrät, die Bodenkappe geöffnet. „Heute sind unsere Schieberschlüssel Gott sei Dank nicht mehr aus bleischwerem Eisen, sondern aus erheblich leichterem Carbon. Das geht nicht mehr so stark aufs Kreuz“, erklärt Frank Kurkowski, während er den Schieber-Verschluss des Wasserrohres zur Überprüfung erst öffnet und dann wieder schließt und dann zwei schwere Standrohre auf zwei nebeneinander liegende Hydranten montiert. Sie werden mit zwei zehn Meter langen Trinkwasserschläuchen verbunden, deren anderes Ende durch einen Rohrkopf zur Messtechnik im RWW-Hightechmobil führt. Das Wasser wird dort nur durchgeleitet und über einen zweiten Schlauch zurück in den Ersatzwasserkreislauf geführt. Denn ohne dass die Anwohner, in diesem Fall zwischen Lohberg, Stockhecke, Friesenstraße und Neickmannsfeld, an diesem Vormittag etwas davon merken, haben die Rohrinspektoren ihre Wasserrohre mit Hilfe eines Belüftungsventils geleert und ihr Wasser durch ihr provisorisches Rohrnetz und seine Messtechnik umgeleitet. Das machen May und Kurkowski so lange, bis ihnen die am Computerbildschirm dargestellten Messergebnisse anzeigen, dass ein Nullverbrauchswert erreicht werden konnte, der Wasserdruck bewegt sich mit sechs bis sieben Bar im grünen Bereich. Würde kein Nullverbrauchswert erreicht und der Wasserdruck wäre erheblich geringer, wäre das ein Hinweis auf einen Rohrbruch.

Wo die so gewonnenen Messergebnisse keine absolute Sicherheit bringen, setzen May und Kurkowski Mikrofon und Sendetechnik ein, die mit einem Radius von 150 bis 300 Meter ins Rohrnetz hineinhorchen und Geräusche oder Frequenzen zu Tage fördern. Extrem laute Fließgeräusche oder extreme Frequenzausschläge zeigen den Rohrinspektoren an, dass ein Wasserrohr nicht ganz dicht ist.

„2015 konnten wir in den etwa 1000 Kilometern des Mülheimer RWW-Rohrnetzes Wasserverluste von 250 Kubikmetern aufspüren und durch Rohrreparaturen beseitigen. Gleichzeitig konnten wir die Schäden an Hydranten, Bodenkappen, Schiebern oder Be- und Entlüftungsventilen in den vergangenen Jahren um 50 Prozent senken“, erinnert sich Frank May.

Oft müssen May und Kurkowski auch nachts arbeiten. Zur Notbereitschaft, bei der auch schon mal um zwei Uhr nachts das Telefon klingelt, wenn ein Rohrbruch ruft, kommen die Rohrnetzwartungen in großen Netzbereichen und an starkbefahrenen Straßen. „Das können Sie heute nur noch nachts machen“, sagt Kurkowski mit Blick auf den Verkehrslärm, der dort tagsüber das Aushorchen des Rohrnetzes unmöglich machen würde. Das ist nicht gerade familienfreundlich. Frank May, Ehemann und Vater von drei Kindern, musste auch schon mal einen Familienausflug verschieben, als ihm ein großer Rohrbruch dazwischen kam. „Unsere Arbeit kann man nur mit viel Interesse und vollem Einsatz machen und das auch nur, wenn die Familie dahinter steht“, betont May.

Trotz mancher Härten bereuen es der 47-jährige May, der früher als Betriebsschlosser im Bergbau gearbeitet hat uns sein 43-jähriger Kollege Kurkowski, der in seinem ersten Arbeitsleben Installateur war, nicht, dass sie ihr Berufsweg zur Rohrinspektion der RWW geführt hat. „Wir sind ein gutes Team, können selbstständig arbeiten und unsere Arbeit ist jeden Tag neu“, sagen sie. Und sie sind zurecht stolz darauf, dass sie mit ihrer Arbeit dazu beitragen, dass man in Deutschland den Wasserhahn gefahrlos aufdrehen kann, um zu trinken, sich die Zähne zu putzen oder Kaffee zu kochen.


Dieser Text erschien am 27. August 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung