Montag, 31. Oktober 2016

Ein Freund und Helfer: Unterwegs mit dem Bezirkspolizeibeamten Hans Schäfer

Polizeihauptkommissar Hans Schäfer
Hans Schäfer hätte auch das Einzelhandelsgeschäft seines Vaters übernehmen können. Doch dann nahm sein Vater ihn zur Nikolausfeier des Polizeichores mit. Nicht nur dort, sondern auch in der Nachbarschaft lernte er Polizisten kennen, die ihm von ihrem Arbeitsalltag berichteten. „Das hat mich fasziniert. Ich entdeckte einen sehr abwechslungsreichen Beruf, in dem die Kollegen eine große Kameradschaft untereinander pflegen und in dem man Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenslagen ganz konkret helfen kann“, erinnert sich der heute 58-Jährige Vater von zwei erwachsenen Töchtern. 

Der Hauptkommissar begann seine Laufbahn Mitte der 70er Jahre, als Westdeutschland durch den Terror der Roten Armee Fraktion erschüttert wurde. Damals gehörten Straßensperren und Fahrzeugkontrollen zum Polizeialltag. Auch beim Bielefelder Parteitag der Grünen, bei dem der damalige Außenminister Joschka Fischer 1999 wegen der deutschen Beteiligung am Kosovokrieg mit Farbbeuteln attackiert wurde, war Schäfer als Polizeibeamter dabei.
Nach 35 Jahren im klassischen Wach- und Wechseldienst der Polizei, ist Schäfer seit vier Jahren im Bezirksdienst tätig und als Polizeibeamter für die Linksruhr-Stadtteile Saarn, Mintard und Selbeck zuständig. Ist das für einen Polizisten nicht ländlich, sittlich, langweilig? „Ganz im Gegenteil“, sagt Schäfer und zeigt es dem Mann von der NRZ, der ihn an diesem Tag begleitet. Der Tag beginnt um 9 Uhr. Zusammen mit seinem für Broich zuständigen Kollegen Gerd Reifenberg trainiert Schäfer Erstklässler für die Teilnahme am Straßenverkehr. „Immer erst nach links und dann nach rechts schauen, bevor Ihr die Straße überquert!“ Das Verkehrstraining ist für Schäfer und seinen Kollegen ein Heimspiel: „Hallo Polizei! Schön, dass wir uns mal wiedersehen“, bekommen die Beamten zu hören.

Härter geht es da schon in einer weiterführenden Schule zur Sache, die Schäfer zusammen mit dem Jugendkontaktbeamten Martin Rieth besucht. Weil es in einer Klasse schon mehrfach Beleidigungen, Bedrohungen und Tätlichkeiten gegeben hat, sprechen die Polizisten hier Klartext und gehen auch in Einzelgespräche, in denen sie mit den Jugendlichen darüber diskutieren, was Respekt, Rücksicht und Toleranz bedeuten.

Sie machen den Halbstarken vor allem eines klar. Auch eine Bedrohung und eine Beleidigung sind eine Straftat, die angezeigt und mit Bußgeld oder Haft geahndet werden kann. Nach dem Diskussion mit den Jugendlichen haben die beiden Beamten das Gefühl, dass sie in dieser Klasse nicht zum letzten Mal gewesen sein werden.

Weiter geht es für Schäfer zum Flüchtlingsdorf des Roten Kreuzes  an der Mintarder Straße.
Hier schildert ihm ein junger syrischer Flüchtling, dass seine Cousine bei der Wohnungssuche einem Internet-Betrüger aufgesessen ist und dabei 730 Euro eingebüßt hat. Ein besonders bitterer Fall, der den Hauptkommissar noch einige Tage beschäftigen wird.

Erholsamer ist da schon das Treffen mit Landschaftswächter Werner Flaum, mit dem Schäfer durch das Landschaftsschutzgebiet der Saarner Auen geht, um sich zum Beispiel beschädigte Zäune und Hinweisschilder anzuschauen. Auch Angler, die im Naturschutzgebiet gezeltet haben, mussten Schäfer und Flaum schon darauf hinweisen, dass sie sich mit ihrem Verhalten an diesem Ort ins Unrecht setzen.

Dass die Polizei sich auch als Freund und Helfer bewehrt, in dem sie sich zusammen mit einer freundlichen Taxifahrerin eines jungen geistig behinderten Mannes annimmt, der sich bei einem Ausflug verlaufen hat, zeigt sich am Nachmittag. Da schauen Darius, der an diesem Tag 22 Jahre alt wird, und seine Eltern vorbei. Als Dankeschön für den fürsorglichen Einsatz bekommen Schäfer und seine Kollegen selbstgebackenen Kuchen.

Nach einem kleinen Kaffeeklatsch mit ihren Gästen, dreht Hans Schäfer im Polizeibus mit Darius eine Ehrenrunde. Außerdem freut sich der junge Mann, der nach seinem positiven Erlebnis mit den Ordnungshütern zu einem echten Polizeifan geworden ist, als er von Schäfer und seinen Kollegen eine ausgediente Polizeimütze zum Geburtstag geschenkt bekommt. Davon ist nicht nur Darius begeistert.

Dieser Text erschien am 29. Oktober 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 30. Oktober 2016

Eine der ältesten Apotheken Mülheims: Ein Zeitsprung zwischen Delle und Leineweberstraße

Die Foto von der alten Hirsch-Apotheke aus dem Jahre 1890
hängt in der heutigen Hirsch-Apothek an der Leineweberstraße.
(Foto aus dem Familienarchiv Liekfeld)
Das historische Foto hängt bis heute in der Hirsch-Apotheke an der Leineweberstraße 55. Es zeigt die Hirsch-Apotheke der Familie Liekfeld im Jahr 1890. Da stand sie noch an der damaligen Delle 6. Das war dort, wo sich später Fahrrad Zenz ansiedelte und heute ein Anbieter von Haushaltsgeräten sein Geschäft hat.

Die alte Hirsch-Apotheke wurde  1767 mit einer Lizenz der Broicher Landgräfin Marie-Luise Albertine von Hessen-Darmstadt vom Apotheker Koch eröffnet. Ihm folgten die Apotheker  Justus Beadeker, Leopold Kloenne (ab 1832) und Justus Kloenne (ab 1855) nach. 1867 übernahm dann Hermann Liekfeld, der aus Schildische (bei Bielefeld) zugewandert war, die Apotheke, die  seit 1972 von seinem namengleichen Urenkel geführt wird.

Das alte Geschäftshaus der Apothekerfamilie, die mit Hermann Liekfelds Tochter Janka bereits in ihre fünfte Mülheimer Generation geht, fiel beim großen Luftangriff auf Mülheim in der Nacht vom 22. auf den 23. Juni 1943  den Bomben der Royal Air Force zum Opfer. 1946 wagten die Liekfelds zunächst in einem Ladenlokal an der Schloßstraße 16 einen neuen  Anfang. Das Ärztehaus, in dem die Hirsch-Apotheke bis heute mit vielen Arztpraxen ansässig ist und ihre Kunden mit allem versorgt, was ihnen hilft, gesund zu bleiben oder gesund zu werden, ließ die Familie 1955 errichten.

Damals nahm auch die Leineweberstraße im Rahmen des Neuaufbaus der Innenstadt ihre heutige Gestalt an, ehe sie in den 70er Jahren teilweise in eine Fußgängerzone umgewandelt wurde.
Hier (an der früheren Delle 6/heute Bachstraße) stand bis
zum Allierten Luftangriff im Juni 1943 die alre Hirsch-Apotheke


Dieser Text erschien am 25. Oktober 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 29. Oktober 2016

Vor 50 Jahren starb der Mülheimer Maler, Bildhauer und Grafiker Otto Pankok

Im Mülheimer Stadtarchiv ist der standesamtliche
Geburtseintrag von Otto Pankok bis heute nachlesbar.
Den Namen Otto Pankok kennt heute in Mülheim jedes Kind. Seit 1974 hält die Otto Pankok-Schule die Erinnerung an den Maler, Grafiker und Bildhauer wach, der vor 50 Jahren in Wesel starb.
Sein Geburtshaus in Saarn, wo er 1893 als Sohn von Eduard und Maria Pankok das Licht der Welt erblickte, steht heute an der Otto-Pankok-Straße. Und nicht weit entfernt, steht an der Düsseldorfer Straße seine 1953 geschaffene Skulptur Mädchen mit Ball.
Otto Pankok besuchte als Jugendlicher die Schule, die heute seinen Namen trägt. Dort legte er 1912 sein Abitur ab. Seine Mutter förderte schon früh das künstlerische Talent ihres Sohnes. Sie ließ ihm im Garten des Elternhauses ein Blockhaus errichten, das Otto als Atelier nutzen konnte. Später finanzierte sie ihm seine ersten Malreisen nach Holland und Norddeutschland. Seine ersten Zeichnungen soll der kleine Otto auf Tapetenresten einer damals im Kloster Saarn ansässigen Tapetenfabrik angefertigt haben.
Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, wurde der 21-Jährige zum Heer eingezogen und musste als Soldat an der Westfront kämpfen. Seine Kriegserfahrungen machten ihn zum Pazifisten. Die anschließenden Friedenszeiten nutzt Pankok unter anderem für zahlreiche Reisen durch Europa Anfang der 30er Jahre lernt Pankok im Düsseldorfer Heinefeld die Sinti und Roma kennen, deren künstlerischer Chronist er wird,

Kein einfaches Leben mit und für die Kunst

Auf den freischaffenden Künstler kommen schwere Zeiten zu. Nach der Machtübernahme durch die Nazis gilt Pankok als "entarteter" Künstler. Seine Werke, zu denen auch der Zyklus "Die Passion" gehört, der das Schicksal der vom NS-Regime verfolgten Künstler thematisiert, werden beschlagnahmt und dürfen nicht mehr ausgestellt werden. Der damalige Mülheimer Oberbürgermeister, Edwin Hasenjaeger, und der Direktor des Mülheimer Kunstmuseums, Werner Kruse, unterstützen Pankok und seine Familie, in dem sie einige seiner Arbeiten ankaufen.
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg war Pankok eine bürgerliche Existenz vergönnt, nachdem er 1947 zum Professor an die Düsseldorfer Kunstakademie berufen wurde. Zu seinen Studenten gehörte dort unter anderem der spätere Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass. Sein Holzstich "Christus zerbricht das Gewehr" wurde ab 1950 zur Ikone der europäischen Friedensbewegung.
1958 ging der Kunst-Professor Otto Pankok in Pension und zog sich ins Haus Esselt, im niederrheinischen Drevenak, zurück. Dort, wo heute ein Museum an Otto Pankok und sein Werk erinnern, wurde der 1965 mit dem Ruhrpreis für Kunst- und Wissenschaft ausgezeichnete Pankok immer wieder von Kunstinteressierten besucht, die auch aus seiner Heimatstadt Mülheim zu ihm pilgerten.


Dieser Text erschien am 19. Oktober 2016 in der Mülheimer Woche

Freitag, 28. Oktober 2016

Integration am Ball: Fußball macht aus Fremden Freunde - Ein Turnier des TBD Speldorf zeigt es



Dabei sein war alles: "Familienfoto" der Turnierteilnehmer

Die Flüchtlingsfußballer vom Team des Awo-Jugendwerkes
„Houssam indirekt!“ ruft Leopold Nienhaus seinem Spieler zu, der zum Freistoß gegen TUS Union 09 antritt. Der Ball geht am Tor vorbei. Auch wenn sich Housam ärgert, weil das Spiel gegen den späteren Turniersieger TUS Union mit 0:1 verloren geht, ist sein Trainer zufrieden. Denn drei Siege, zwei Unentschieden und eine Niederlage bescheren seinem Team am Ende Platz 3. „Beim Frühjahrsturnier konnten die Jungs als Letzte nur einen Fairness-Pokal gewinnen. Heute spielen sie schon wirklich gut und schießen endlich auch Tore,“ lobt Nienhaus.
Der 19-jährige Abdal Houssam aus dem Irak ist einer der Flüchtlinge, die als Mannschaft des Jugendwerkes der Arbeiterwohlfahrt beim Sommerturnier des TBD Speldorf angetreten ist.

Die jungen Männer aus Syrien, dem Irak, Ghana, Nigeria und Marokko spielen nicht nur an diesem Turniertag auf der Sportanlage des TBDs an der Langensiepenstraße. Seit April trainieren sie hier auch dienstags und freitags zusammen mit den Spielern des Speldorfer Clubs. Als die Bezirks-Geschäftsführerin des Awo-Jugendwerkes, Nadia Khalaf, auf der Suche nach einer geeigneten Spiel- und Trainingsstätte für die Flüchtlinge suchte, wurde sie unerwartet schnell bei ihrem Landesgeschäftsführer-Kollegen Torsten Otting fündig, der bei den alten Herrn des TBD Speldorf mitspielt. „Anfangs gab es gewisse Vorbehalte. Aber das hat sich schnell gegeben. Die Jungs sind wirklich in Ordnung und wir sprechen jetzt beim Training öfter Englisch“, erzählt der Vorsitzende des 1895 gegründeten und heute 180 Mitglieder zählenden TBD Speldorf, Michael Weber.

Man kommt sich näher

Beim Bier oder Wasser nach dem Training oder nach dem Spiel ist man sich auch menschlich näher gekommen. Dann erzählen die jungen Männer, die seit einigen Monaten in den Flüchtlingsunterkünften an der Mintarder Straße und an der Holzstraße leben auch von ihren Fluchterlebnissen. Das Schlimmste, so hört man von ihnen, sei es gewesen nachts bei Regen mit kaputten Klamotten unterwegs zu sein. Ob sie über die Balkanroute oder über das Mittelmeer kamen, die Angst war immer ihr Begleiter. TBD-Spiele Ralf Weidemann kommt nach seinen Gesprächen mit den neuen Fußball-Kollegen zu dem Ergebnis „Den meisten Bürgern fehlen die Informationen darüber, unter welchen Nöten und unter welcher Perspektivlosigkeit und Todesangst die Flüchtlinge in ihrer Heimat leben mussten und weshalb sie zu uns gekommen sind.“
Der 23-jährige Leopold Nienhaus, der als ehrenamtlicher Vorsitzender des Kreisjugendwerkes der Awo die Fußballer mit Fluchtgeschichte trainiert, findet: „Man sollte mehr machen als mehr reden. Und das sollte hier jeder mal machen, weil die Begegnungen mit diesen Menschen einem mögliche Kontaktängste nehmen und zeigen, welchen Schatz die Flüchtlinge mitbringen.“ Bei Spielen und Trainingseinheiten merkt der angehende Erzieher, der über einen Freiwilligendienst zur Jugendwerk der Awo kam, „dass es den Jungs gut tut, sich mal richtig auszupowern.“ Auch als Turnierzuschauer an der Langensiepenstraße merkt man sofort: Fußball verbindet und seine klaren Regeln werden über alle Sprachbarrieren hinweg verstanden.

Sie wollen ihre Talente einbringen

Der TBD-Vorsitzende Michael Weber ist vor allem vom Torwart, dem 18-jährigen Elias aus Ghana, begeistert. „Der hält, wie ein Weltmeister. Den können wir demnächst an Bayern München verkaufen“, scherzt er. Von einer Karriere als Fußball-Profi träumen David (41), Abdal Houssam (19), Elias (18), Mohammed (21), Hamid (22) und Hassan (19). Sie träumen davon, so sagen sie übereinstimmend, „dass unsere Asylanträge positiv beschieden werden, dass wir einen Sprachkurs besuchen und unsere Talente hier einbringen können.“ In ihrer Heimat waren die Flüchtingsfußballer Abiturient, Student, Versicherungskaufmann oder Computeringenieur. Ihr Potenzial und ihre Motivation sind mit Händen zu greifen. „Der Fußball ist für uns eine schöne Abwechslung und die Menschen hier sind sehr freundlich zu uns. Aber das Warten und die Unsicherheit machen krank“, spricht David seinen Mannschaftskameraden und Schicksalsgenossen aus dem Herzen.

Förderung vom Land

Nadia Khalaf kann sich vorstellen, die jungen Männer langfristig auch in die Arbeit des Awo-Jugendwerkes einzubinden, das Freizeit,- Ferien- und Bildungsangebote vor allem für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche organisiert. Jetzt ist sie aber erst mal froh darüber, dass die Flüchtlingsmannschaft nicht nur mit Hilfe des TBD Speldorf, sondern auch mit Fördermitteln des Landesfamilienministeriums ausgestattet werden konnte. „Bälle, Trikots und Fußballschuhe haben wir schon. Jetzt brauchen die Jungs nur noch ordentliche Schienbeinschoner“, sagt Khalaf und hofft auf eine Möglichkeit, dass das Team des Jugendwerkes in den Wintermonaten vielleicht in einer Fußballhalle an der Schmitzbauerstraße spielen kann. Weitere Informationen über die Arbeit des Awo-Jugendwerkes bietet die Internetseite: www.jugendwerk.de

Dieser Text erschien am 12. September 2016 in der Mülheimer Woche

Donnerstag, 27. Oktober 2016

So gesehen: Süße Verführungen

Ich habe noch den Satz meiner seligen und viel zu früh verstorbenen Großmutter im Ohr: „In der Innenstadt zu leben, ist ganz schön teuer“, pflegte sie immer zu sagen, wenn sie uns besuchte und aus dem Fenster auf die vielen Geschäfte auf der Schloßstraße schaute. Zugegeben: Ladenleerstände waren zu ihrer Zeit noch kein Thema.

Doch auch trotz mehrerer aktueller Leerstände haben die gute alte Schloßstraße und die Stadtmitte auch heute noch so einige Reize zu bieten. Wenn ich heute aus dem Fenster meines Arbeitszimmers auf die Schloßstraße schaue, blicke ich automatisch auf die verführerischen Schaufensterauslagen eines süddeutschen Lebkuchenanbieters. Er ist vor einigen Wochen mit seinen Lebkuchen, Oblaten und Baumkuchen ausgerechnet in die Geschäftsräume einer Eisdiele eingezogen, die zurzeit eine Herbst- und Winterpause eingelegt hat.

Man sieht: Die Schloßstraße ist irgendwie ein Sinnbild für unseren menschlichen Lebensweg. Unabhängig von jahreszeitlichen und konjunkturellen Veränderungen und Wandlungen bleibt eines immer gleich, die Summe der süßen Verführungen.

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihr Portemonnaie, ihre Waage oder ihre bessere Hälfte. Der Mensch ist und bleibt eben ein Naschkatze. Der Rest ist Schweigen – und stiller Genuss.


Dieser Text erschien am 24. Oktober 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 26. Oktober 2016

Närrische Genießer:Ein fröhlicher Katholik und eine Powerfrau für jede Tonart wollen zusammen mit einem starken Team den Mölmschen zeigen, wie schön der Karneval sein kann

Die designierten Tollitäten der Session 2016/2017 vor
ihrer Hofburg, der Gaststätte Uerige an der Wertgasse
in der Altstadt
"Der Mölmsche feiert mit Genuss. So ist es in der Stadt am Fluss.“ Unter diesem Motto wollen Klaus Groth (60) und Kerstin Schadtke (48) als Stadtprinzenpaar ab dem 11.11. zeigen, wie schön Karneval sein kann. Närrischen Flankenschutz bekommen sie dabei von ihrem Hofmarschall Norbert Hütte (63) und den beiden Paginnen Joyce Meißner (19) und Melissa Müller (21).

Das närrische Quintett ist durch die Mölmschen Houltköpp miteinander verbunden. Die Houltköpp feiern 2017 ihren 60. Geburtstag und dürfen deshalb das Prinzenteam stellen. In dieser Gesellschaft, die 1957 aus dem Bund der Hirnverletzten hervorging und damals mit ihrem Kappenfest für Furore sorgte, sind Prinz Klaus und Hofmarschall Nobert Hütte Ehrensenatoren. Prinzessin Kerstin führt als Vorsitzende den Musikzug der Gesellschaft. Dort spielt Trompeterin Melissa Müller zusammen mit ihren Eltern Silvia und Ralf. Ihre Mit-Pagin Joyce, die von Prinz Klaus beim MCC angeheuert wurde, dem er einige Zeit als Präsident vorstand, bringt als Ex-Kinderprinzessin und Tanzgardistin ebenfalls Bühnenerfahrung mit.

„Im Karneval werden keine Unterschiede gemacht. Da sind alle gleich und feiern mit“, lobt die angehende Fachabiturientin, die später gerne als Krankenpflegerin arbeiten möchte, die soziale Ader des mölmschen Frohsinns.

„Wir wollen nicht einfach auf der Bühne stehen und die Leute bespaßen. Wir wollen unseren Spaß an der närrischen Freude rüberbringen und zusammen mit den Menschen in den Sälen und auf den Straßen feiern“, versprechen Prinz Klaus und Prinzessin Kerstin.

Wie das geht, hat auch ihr Prinz Klaus als Sitzungspräsident des urwüchsigen Gemeindekarnevals in Christ König mehr als einmal bewiesen. Über viele Jahre war er aktives Mitglied des Männerballetts von Christ König und will deshalb auch in der kommenden Session mit seinem Tollitäten-Team eine flotte Tanzshow aufs Bühnenparkett zaubern. „Gerade jetzt müssen wir den Karneval feiern und zeigen, dass wir uns die Lebensfreude nicht verderben lassen“, beantwortet der designierte Stadtprinz, die Frage, ob man denn auch in Zeiten von Krieg und Terror Karneval feiern könne. Besonders freut sich der fröhliche Katholik auf die närrische Festmesse in St. Engelbert. Doch erstmal müssen Prinzessin Kerstin und er die Prinzenproklamation meistern, die am 11.11. um 19.30 Uhr im Festsaal der Stadthalle über die Bühne gehen wird.

Und wer soll das bezahlen? „Ich habe einen Kinderprinzen und Stadtprinzen groß gezogen. Jetzt bin ich mal dran. Ich werde Prinzessin und wir verzichten in diesem Jahr auf den Familienurlaub,“ antwortet Vollblutkarnevalistin Kerstin Schadtke. Und deshalb nehmen sich Prinz Klaus und Prinzessin Kerstin jetzt neben dem Verfassen ihrer Proklamation und ihrem Tanztraining auch Zeit für das Einwerben von Anzeigen, die in ihrem gemeinsames Prinzenheft erscheinen werden.


Dieser Text erschien am 22. Oktober 2016 in der NRZ/WAZ

Dienstag, 25. Oktober 2016

Ein Mann packt an: Unterwegs mit dem Möbeltransproteur Jan Sensky

Jan Sensky vor seinem Dienswagen
Wenn Sie ein altes Möbel- oder Kleidungstück oder auch Geschirr zu Hause stehen haben, die noch gut zu gebrauchen sind, aber die Sie nicht mehr brauchen, weil sie nicht mehr zu Ihnen und zu Ihrem Leben passen, dann sollten sie das Diakoniewerk Arbeit und Kultur (Trlefon 0208/45 95 30) anrufen. Dann könnte es sein, dass sie schon bald Bekanntschaft mit Jan Sensky und Nikolai Bock machen, die Ihre alten Schätzchen abholen, damit sie im Diakoniewerk für einen guten Zweck aufgemöbelt und an die Frau oder den Mann gebracht werden können. Der gute Zweck heißt: Arbeit, Arbeit für langzeitarbeitslose Menschen, die keine oder noch keine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt haben.

„Die Arbeit ist gut“, sagt Nikolai, der bereits seit sieben Jahren beim Diakoniewerk arbeitet. Der Russlanddeutsche, der seit 14 Jahren in Deutschland lebt, arbeitet seit sieben Jahren für das Diakoniewerk. Er wüsste auch gar nicht, was er sonst tun sollte. Denn seine deutschen Sprachkenntnisse sind sehr bescheiden. In seinem früheren Leben war er Pferdepfleger und Traktorist: „Aber in Deutschland gibt es nicht so viel Landwirtschaft“, sagt er.
„Das ist für mich eine Chance, in den ersten Arbeitsmarkt zu kommen“, sagt Jan. Er ist seit zehn Monaten beim Diakoniewerk und ist dort vor allem fürs Möbel-Schleppen zuständig. Die notwendige Statur und die richtige Hebetechnik bringt er mit. „Ich habe früher mal Gewichte gehoben und weiß, dass man nie aus dem Rücken, sondern immer aus den Beinen heraus heben muss, wenn man sich keinen  Bandscheibenvorfall einfangen will“, erzählt der freundliche junge Mann.

„Den ganzen Tag mit einem Notizblock in der Hand herumrennen, das könnte ich nicht“, sagt er dem Begleiter von der NRZ. Und diesem geht es mit umgekehrten Vorzeichen genauso. Wer zwischen 8 und 15 Uhr Jan und Nikolai zuschaut, wie sie Möbelstück Trepp auf, Trepp ab schleppen und in ihren Transporter wuchten. möchte am liebsten gleich einen Termin mit seinem Orthopäden vereinbaren.


Leichte Schicht - schwere Schicht

Dabei haben die Möbeltransproteure, die an diesem Tag acht Haushalte zwischen Saarn und Dümpten ansteuern, Glück. Der große Buffettisch oder die in einen Tisch versenkbare Nähmaschine mit gusseisernem Fuß, die schon mal 100 Kilo und mehr auf die Waage bringen, bleiben Nikolai und Jan erspart.

Zwischendurch werden sie aber vom Betriebsleiter Michael Farrenberg in die Zentrale des Diakoniewerkes zurück beordert, um ein Schippendale-Wohnzimmer vom Möbellager an der Georgstraße zum unbedingt besuchenswerten Diakonie-Ladenden „Sonderbar“ an der Kaiserstraße zu transportieren. Dort trifft man auf alte, um nicht zu sagen antike, Möbel aus Großelterns Zeiten und auf moderne, gradlinige und funktionale Möbelstücke, die in ihrem früheren Leben auch schon mal eine Euro-Palette oder eine Gerüstbohle waren. Die Kunsthandwerker aus der Schreinerei des Diakoniewerkes machen es möglich.

In der „Sonderbar“ kommen nicht nur die Möbeltransporteure, die werktäglich für das Diakoniewerk unterwegs sind und anpacken, ins Schwitzen. Denn die Verkaufsräume an der Kaiserstraße sind mit jeder Menge Spots ausgestattet, die die alten Schätze lichttechnisch hervorragend in Szene setzen, aber auch Hitze abstrahlen.


Ganz schön schweißtreibend


Auch beim Heruntertragen eines Kühlschranks, der aus einer neu bezogenen Wohnung verschwinden soll, verliert Jan Sensky den einen oder anderen Schweißtropfen. Und beim Vitrinenschrank, den sein Fahrer und er aus dem fünften Stock eines Mehrfamilienhauses (ohne Aufzug) abholen, ist das Rangieren im engen Treppenhaus Millimeter-Arbeit.

Leichter haben es die beiden Möbeltransporteure dagegen bei zwei Damen aus Saarn. Die eine, eine ehemalige Geschäftsfrau und Firmeninhaberin, gibt ihnen zwei Müllsäcke voller eleganter Business-Kleidung mit. Die andere trennt sich von dem Elektrorollstuhl und dem Bücherschrank ihres kürzlich mit 101 Jahren verstorbenen Vaters. Beides steht bereits ebenerdig in der Garage ihres Hauses für die Abholer bereit.

„Ich könnte die Sachen vielleicht auch per Kleinanzeige verkaufen. Aber das ist mir mit zu viel Aufwand verbunden. Und so weiß ich, dass die Sachen noch einem guten Zweck dienen können und nicht einfach auf der Müllkippe landen“, sagt sie.
Auch wenn man Jan Sensky anmerkt, dass er nicht nur ein kräftiger, sondern auch ein kommunikativer und verbindlicher Mensch ist, der sich auch mal gerne die Geschichte seiner Kunden anhört, lässt der Mittzwanziger keinen Zweifel daran, dass er seinen Arbeitsplatz, der bei genauerem Hinsehen nur eine Arbeitsgelegenheit ist, zwiespältig sieht.

„Die Arbeit hier hilft mir, meine Tag zu strukturieren. Sie motiviert mich morgens aufzustehen. Auch die Kollegen hier sind alle echte Kumpel. Auf der anderen Seite haue ich hier jeden Tag richtig rein und mache meinen Rücken krumm und verdiene doch nur 1,30 Euro pro Stunde.“


Etwas Dauerhaftes müsste her


Der junge Mann, der gerne eine feste Arbeit bei einer Möbelspedition oder als Lagerhelfer hätte, weiß, dass seine jetzige Arbeit, finanziell flankiert vom Arbeitslosengeld 2, keine dauerhafte Perspektive ist. „Wenn ich die feste Zusage einer Ausbildungsstelle und einer damit verbundenen Berufsperspektive hätte, würde ich vielleicht sogar die Kraft finden, meinen Hauptschulanschluss nachzuholen“, glaubt Sensky. Denn heute weiß er, dass es ein Fehler war, seine Schule nach der achten Klasse zu verlassen und sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten, weil er den Druck der Schule und des Elternhauses nicht mehr aushielt.

Dieser Text erschien am 22. Oktober 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 23. Oktober 2016

Bilder einer Freundschaft, die ein Wunder ist Bis 30. Oktober beleuchtet eine Ausstellung im Landgericht die deutsch-israelischen Beziehungen

Ein gelungener musikalischer Auftakt mit Benny
Saradinski an der Klarinette
Zufall der Geschichte. Noch während im Landgericht an der Zweigertstraße die Ausstellung über die Justiz im Nazi-Deutschland gezeigt wird, wurde dort jetzt eine Wanderausstellung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) eröffnet.

Mit starken Bildern und interessanten Texten beleuchtet die Ausstellung noch bis zum 31. Oktober die deutsch-israelischen Beziehungen seit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen im Jahre 1965.

Dass der Anfang, 20 Jahre nach dem Holocaust, nicht einfach war, sieht man schon an dem Foto, das den ersten deutschen Botschafter, Rolf Friedemann Pauls, einen ehemaligen Wehrmachtsoffizier bei seinem Antrittsbesuch zeigt. Während sich der deutsche Diplomat mit einem Handkuss bei der israelischen Ministerpräsidentin Golda Meir vorstellt, schaut sie versteinert auf ihn, als frage sie sich: „Was will der Mann hier?“ Dass die Geschichte seitdem weitergegangen ist, machen die Geschichten deutlich, die die Ausstellung über Israelis, die heute in Deutschland leben und Deutsche die in Israel leben, erzählt. Die Geschichte von Felix Burian, der in den 60er-Jahren die erste VW-Niederlassung in Israel eröffnete, ist nur eine von vielen.


Dass sich die deutsch-israelischen Beziehungen seit 1965 – auch mit Hilfe der Deutsch-Israelischen Gesellschaft – so gut entwickel haben, nennt Oberbürgermeister Thomas Kufen ein Wunder. Und er zitiert Israels ersten Ministerpräsidenten David Ben Gurion, den wir auf großformatigen Fotos der Ausstellung mit dem ersten Bundeskanzler Konrad Adenauer vertraut plaudern sehen: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“

Kufen nennt in diesem Zusammenhang das Wunder der deutsch-israelischen Städtefreundschaften, die seit 25 Jahren auch Essen und Tel Aviv miteinander verbinden.

Sowohl der Oberbürgermeister als auch der Präsident der regionalen Arbeitsgemeinschaft der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Markus Püll, haben dieses Wunder in den Essener und Mülheimer Partnerstädten, Tel Aviv und Kfar Saba, am Beispiel des „Brückenbauers Fußball“ erlebt. Kufen berichtet von einem gemeinsamen Fußballabend in der Tel Aviver Fankneipe des FC Bayern München, in der junge Israelis im Deutschland-Trikot über deutsche Tore jubelten. Und Markus Püll berichtet über ein Jugendturnier, bei dem sich Fußballer aus Kfar Saba und dem benachbarten palästinensischen Qalqiliya in den Armen lagen und Shalom/Frieden wünschten.


Dieser Text erschien am 21. Oktober 2016 in NRZ und WAZ

Samstag, 22. Oktober 2016

Die Pallotiner verlassen Mülheim: Ein verlust und eine neue Herausforderung für St. Barbara und Christ König

Pallotiner-Pater Bernhard Küpper (links), hier mit Dr. Sonja Clausen vom Centrum für bürgerschaftliches Engagment
und dem Pfarrer Hans-Joachim Norden von der evangelischen Markuskirchen-Gemeinde
Mit dem Jahr 2017 wird in Mülheim-Winkhausen eine Ära zu Ende gehen.Die in Deutschland rund 400 Mitbrüder zählende Ordensgemeinschaft der Pallotiner wird dann ihre seelsorgerische Arbeit in der zur Pfarrei St. Barbara gehörenden Gemeinde Christ König aufgeben.

Das teilte Gemeindepastor Bernhard Küpper, der vor fünf Jahren nach Winkhausen kam, jetzt auf der Internetseite der Pfarrgemeinde mit. Nachwuchsmangel und Überalterung (das Durchschnittsalter der Pallotiner liegt aktuell bei 71 Jahren) sind die Hauptgründe, die zu der für Gemeinde und Ordensgemeinschaft schmerzlichen Entscheidung
geführt haben.


Pater Bernhard ist der siebte Pallotiner, der die 3000-Seelen-Gemeinde im Norden Mülheims seelsorgerisch betreut und leitet. Der erste Pallottiner-Pater, der 1955 nach Winkhausen kam, war Pater Franz-Josef Bezler. Zuletzt (das Neue Ruhrwort berichtete) initiierte Pater Bernhard zusammen mit seinem evangelischen Amtsbruder Hans-Joachim Norden und Dr. Sonja Clausen vom Mülheimer Centrum für
bürgerschaftliches Engagement von der benachbarten
Markuskirchen-Gemeinde einen  Arbeitskreis für die örtliche
Flüchtlingshilfe.

Aufgrund der seit Jahren bewährten Zusammenarbeit zwischen der katholischen und der evangelischen Gemeinde in Winkhausen, nannte Küppers protestantischer Kollege den Stadtteil einmal ein "positives Bermuda-Dreieck der Ökumene." Zu diesem starken Dreieck gehören auch
eine Gemeinschaftsgrundschule und Kindertagesstätten am Steiger Weg.
Pater Bernhard ließ in seiner Internet-Mitteilung keinen Zweifel daran, dass es aufgrund des akuten Priestermangels schwer sein wird, nach dem Weggang der Pallottiner einen neuen Seelsorger für Christ König zu finden. Deshalb appelliert Pater Bernhard in seinem Internet-Beitrag: "Ich bitte die Gemeindemitglieder nach Kräften mitzuhelfen, dass wir gute Weichen stellen können für die neue Phase der Gemeinde und den Übergang konstruktiv gestalten, damit auch in Zukunft lebendiges Gemeindeleben möglich sein wird."

Aufgrund des demografischen und gesellschaftlichen Wandels geht das Bistum in seinen Prognosen davon aus, dass die Gemeinde Christ König im Jahr 2030 nur noch rund 1600 Mitglieder haben wird.

Die 1835 von dem italienischen Priester Vinzenz Pallotti (1795-1850) gegründete Ordensgemeinschaft und die von Manfred von Schwartzenberg geleitete Pfarrei St. Barbara hatten sich darauf verständigt, ihre Winkhauser Kommunität erst aufzulösen, wenn der laufende Pfarreientwicklungsprozess Ende 2017 abgeschlossen sein wird. So können neue Wege und Ansätze in der Seelsorge vor Ort besser in die Pfarrei-Planung integriert werden.

Wie das Bistum mitteilt, werden die Pallottiner dem Ruhrgebiet auch über das Jahr 2017 hinaus erhalten bleiben. Pater Paul Rheinbay und sein Team werden weiterhin im Essener Kardinal-Hengsbach-Haus Meditations- und Kontemplationsangebote machen. Außerdem bleibt der
ebenfalls zur Winkhauser Kommunität gehörende Pallotiner-Pater Franz Nguyen für die seelsorgerische Betreuung der vietnamesischen Katholiken im Ruhrbistum verantwortlich. Der dritte Pater im Bunde der Winkhauser Pallotiner, Johannes Kopp, war in diesem Jahr verstorben.
Er hatte sich vor allem durch seine engagierte und kenntnisreiche Arbeit im Bereich Zen-Kontemplation und Meditation einen Namen gemacht.

Die gleichen Gründe, die Ende des kommenden Jahres zur Aufhebung der Winkhauser Kommunität führen werden, haben die Pallottiner in diesem Jahr auch dazu gezwungen ihr Jungen-Gymnasium, das Vinzenz-Pallotti-Kolleg in Rheinbach bei Bonn  sowie eine Gemeinde und ihre Jugendbildungsstätte in Olpe aufzugeben. Das ehemalige Sankt-Paulusheim, eine Internatsschule in Bruchsal, ist inzwischen Teil der Schulstiftung des Erzbistums Freiburg. Die von den Pallottinerinnen ins Leben gerufene Vinzenz-Pallotti-Stiftung trägt ein Krankenhaus und ein Altenheim in Bergisch-Gladbach sowie ein Bildungshaus und ein Altenheim in Limburg.


Eine Vorzeige-Institution der Pallottiner ist und bleibt ihre
Hochschule in Vallendar, zu der eine philosophische, eine theologische und eine pflegewissenschaftliche Fakultät sowie eine Jugendbildungsstätte gehören.
Dieser Text erschien am 15. Oktober 2016 im Neuen Ruhrwort

Freitag, 21. Oktober 2016

So gesehen: Der Stoff, aus dem die Träume sind

1984 heißt George Orwells Roman, in dem ein großer Bruder alle Menschen in seinem Reich beobachtet und auch ihre Gedanken erkennt. So kommt man sich auch anno 2016 vor, wenn man plötzlich Werbemails zu Produkten bekommt, die man sich im Internet irgendwann mal unverbindlich  angeschaut hat. Da soll ich aus heiterem Himmel den Bonus-Gutschein einer Online-Buchhandlung nutzen oder bei einem Bürobedarfshändler ein Diktiergerät erstehen. In Zeiten der allumfassenden digitalen Vernetzung darf einen das wohl nicht mehr verwundern. Überrascht war ich jetzt aber doch, als mir ein Bonus-Gutschein mit der Frage: „Interessieren Sie sich für Dessous?“ per Post ins Haus flatterte. Die Frage, ob ich mich für Dessous interessiere, hatte ich mir als reifer Junggeselle eigentlich nie gestellt, wenn dann nicht für meine eigene Person, sondern nur für den Inhalt und als Geschenk für meine bessere Hälfte. Doch auch damit kann ich derzeit nicht aufwarten. Aber die Dame im Fachgeschäft wusste Rat und rechnete mir den Gutschein auf einen neuen Schlafanzug an, den ich ohnehin brauchte. Was wären wir Männer ohne den weiblichen Pragmatismus. 

Dieser Text erschien am 19. Oktober 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 20. Oktober 2016

Eine Frau macht Mut: Serap Tanis geht ihren Weg und ebnet andere Lebenswege

Serap Tanis
Serap Tanis liebt die Wege im Witthausbusch. Gerade jetzt im Herbst ist ein Spaziergang hier für sie die reinste Erholung.
Ihr eigener Lebensweg, der 1964 in Istanbul begann und sie 1969 nach Deutschland führte, war nicht immer ein Spaziergang. „Ich habe einige Jahre mit meiner Oma in Istanbul gelebt, während meine Eltern bereits in Deutschland lebten. Als ich Fünf war, bin ich dann mit einer für mich völlig fremden Stewardess ihnen nach geflogen. Die Frau war sehr freundlich zu mir und hat mir zwei Schwarzwald-Püppchen geschenkt, mit denen ich während des Fluges gespielt habe“, erzählt Tanis eine Geschichte vom Beginn ihres Lebensweges.

Auch als sie später mit ihren Eltern, die Mutter arbeitete als Reinigungskraft, der Vater als Kranführer bei Mannesmann, und ihren beiden Schwestern in Eppinghofen aufwuchs, lernte sie schnell: „Du kommst nur weiter im Leben, wenn du auf andere Menschen zugehst und ihnen Vertrauen entgegenbringst.“ So traf Tanis, heute Mutter einer 18-jährigen Tochter, zum Beispiel die Nachbarin Frau Weber, die sie in die Geheimnisse der deutschen Grammatik einführte oder später Lehrer, wie Herrn Nußbaum, Herrn Schneider oder Herrn Zimmermann, die sie mit Sätzen wie: „Du kannst was. Du bist intelligent. Du schaffst das!“ immer wieder ermutigten ihren Weg zu gehen.

Dieser Weg führte sie, unterstützt von ihrer bildungsbewussten Mutter, von der Grundschule an der Zunftmeisterstraße und der Hauptschule an der Bruchstraße über die damals noch existierende Realschule Saarn bis zur Gustav-Heinemann-Gesamtschule, wo sie Mitte der 80er Jahre das Abitur bestand. Schnell stand für sie fest: „Ich will studieren, am liebsten Sprachen und Pädagogik!“ Doch irgendwie traute sie ihrer eigenen Courage nicht und arbeitete erst mal als Reinigungskraft in der damals noch existierenden Evangelischen Akademie.

Den Absprung zur Uni schaffte sie erst nach drei Jahren, nachdem eine Kollegin sie angegangen hatte: „Das mit dem Studium erzählst du nur so. Das machst du doch nie. Du wirst immer hier putzen.“ Das war der notwendige Stich ins Herz, um los zu legen. Ein Sprachenstudium begann sie, brach es aber wieder ab, ehe sie mit ihrem Pädagogik-Studium ins Schwarze traf und Mitte der 90er Jahr in diesem Fach ihr Diplom machte. Weil es bei den Pädagogen damals kaum studentische Hilfskraftstellen gab, heuerte sie als Hilfskraft bei den Elektrotechnikern an und konnte so ihr Studium finanzieren.

Mit diesem „nicht immer geraden Lebensweg“, auf dem es auch Zeiten der Arbeitssuche und der befristeten Projekt-Stellen gab, ist Tanis, die inzwischen als Abteilungsleiterin im katholischen Jugendwerk Kurbel arbeitet, dafür prädestiniert für das, was inzwischen zu ihrer Lebensaufgabe geworden ist, die Förderung von Zuwanderinnen. Für diese Arbeit, die inzwischen viele Talente gehoben hat und Zuwanderinnen aus der stillen Arbeitsmarktreserve in vor allem soziale und pädagogische Berufe, etwa in der Mediation, der Erwachsenenbildung, der offenen Ganztagsschule oder der Kindertagesstätten gebracht hat, ist die Diplom-Pädagogin jetzt vom Initiativkreis Ruhr mit dem Talent Award 2016 ausgezeichnet worden. Auch wenn sie im Moment noch nicht genau sagen kann, wie das organisatorisch aussehen könnte, steht für Serap Tanis schon jetzt fest, dass sie ihr Preisgeld (5000 Euro) nicht im Klein-Klein verpulvern, sondern in nachhaltig wirkender Weise in ihre pädagogische und soziale Förderarbeit fließen lassen möchte, um den Lebensweg von möglichst vielen Zuwanderinnen zu ebnen und positiv zu beeinflussen.

„Wir müssen alle ein aktiver Teil der Gesellschaft werden und dürfen nicht nur die Defizite sehen. Wir müssen zuerst auf die vorhandenen Ressourcen der einzelnen Menschen schauen“, formuliert Serap Tanis ihr Credo. Dass das kein frommer Wunsch ist, sondern funktionieren kann, beweist Serap Tanis mit ihren Lebensbeispiel.

Dieser Text erschien am 19. Oktober 2016 in NRZ/WAZ

Dienstag, 18. Oktober 2016

Kreatives Kaufhaus zog Kunden an: Art Square ließ so manchen Besucher nicht nur etwas aus dem Regalshop der Mülheimer Machart mitnehmen: Einige entdeckten auch ihre kreative Ader



Festival-Macher Gert Rudolph vom Verein Art Obscura
vor der Portrait-Wand von Max Schulz
Ein grauer Samstagvormittag in der City. Doch im leer stehenden Kaufhaus an der Schloßstraße 35 bringen nicht nur Jens Müller und seine Mitarbeiterin Uta Scholz mit ihrem Malworkshop Farbe ins Spiel. Gemalt wird mit naturbelassenen Pastellpasten. Die Ergebnisse können sich sehen lassen. „Das entspannt und beruhigt ungemein,“ schwärmen Gerd Frank und seine Frau Christiane Creutzburg. Nicht nur sie kommen an diesem Vormittag eher zufällig beim Art Square vorbei und entdecken so ihre künstlerische Ader. Und nicht nur sie finden. „So etwas wie hier müsste man eigentlich als dauerhafte Einrichtung realisieren.“

„Je mehr drin sind, desto mehr kommen auch herein“, beschreibt Uta Siemer die Dynamik des zufälligen, aber interessierten Kundenstroms. Sie bringt im Regal-Shop die sehr individualistischen, dekorative und inspirierenden Klein-und Alltags-Kunst-Werke Mülheimer Machart an die Frau und den Mann.

„Art Square sorgt dafür, dass in der Innenstadt mal was los ist. Man kommt mit den anderen Kreativen ins Gespräch und tauscht sich aus“, findet die Theater-Schneiderin Angelika Schockenbäumer. Sie ist eine von 25 Kreativen, denen Art Square eine Präsentations- und Vermarktungsfläche bietet. Schockenbäumers Taschen, Brillen-Etuis und Stoff-Bilder entführen mit ihrer pop-artigen Farben- und Motivfreude in die schwungvollen 60er und 70er Jahre und machen einfach gute Laune.

Das Hinschauen und Mitnehmen lohnt sich auch bei Oliver Hilterhaus. Der Fotograf setzt in seinen Small Worlds kleine HO-Figuren groß in Szene und lässt Alltagsdinge in einer ganz neuen Perspektive erscheinen. Da fliegt ein kleiner Supermann durch eine Cola-Dose. Da steigen kleine Star-Wars-Krieger in ein riesiges Nutella-Glas oder eine kleine nackte Schönheit posiert vor einem riesenhaft erscheinenden Kamera-Objektiv. „Art Square ist wirklich eine tolle Idee, weil ja sonst auch wenig in Mülheim passiert“, lobt Hilterhaus die Festival-Macher um Gert Rudolph, Karin Braun und Heike Mottikat.

Die Chill-Out-Musik, die an diesem Vormittag aus den Boxen klingt, entspannt und inspiriert auch die Art-Square-Besucher, die sich verfremdet und maskiert vor die Kamera von Max Schulz trauen.

„Wer sind wir? Sind wir bereit uns zu akzeptieren oder neu zu entdecken: Welche Maske legen wir an und unter welcher Maske fühlen wir uns wohl?“, skizziert Schulz die Stoßrichtung seines betrachtenswerten Kunstprojektes.


Dieser Bericht erschien am 17. Oktober 2016 in NRZ/WAZ

Montag, 17. Oktober 2016

Art Square sorgt für volles Haus im City-Leerstand Starker Auftakt mit Qualm 4 und Matthias Reuter

Festvalmacher Gert Rudolph vom
Verein Art Obscura
Gert Rudolph und Heike Mottikat vom Mitveranstalter Art Obscura waren angenehm überrascht. Zum Auftakt des Kulturfestivals Art Square konnten sie sich über ein volles Haus im leer stehenden Woolworth-Kaufhaus freuen. Rund 180 Kulturinteressierte ließen sich zum Beispiel vom integrativen Ensemble Qualm 4, alias Martin Heidrich, Ronny Mürring, Michael Hütten und Stefan Bevermeier begeistern. Die tollen Vier, die immer wieder die unterschiedlichen Schlaginstrumente wechselten, zauberten einen Rhythmus auf die Bühne, bei dem man mit muss. Beat und Jazz lassen grüßen. Das groovte. Eintritt frei und Spaß dabei. Das galt auch beim Auftritt des Kabarettisten Matthias Reuter. Der spitzfindige Mann am Klavier ließ seine Zuschauer und Zuhörer unter anderem in die demografisch gewandelte Zukunft schauen: „Horst ist 85 und ist noch immer Streifen-Polizist. Denn das Rentenalter ist jetzt 95, wenn du bis dahin noch nicht gestorben bist. Und auch mit 90 der Herbert noch Metzger ist, weil sein Sohn, so ein Mist, Vegetarier ist und nur Grünzeug frisst. Aber was willst du machen, wenn der Nachwuchs fehlt?“ Auch der Blick auf die großformatigen und farbenstarken Wandinstallationen der Tinkrather Fünf lohnte des Hinschauen.

Dieser Text erschien am 15. Oktober 2016 in der NRZ und in der WAZ

Sonntag, 16. Oktober 2016

Die Frau vom Land - Als Landwirtin hat man nicht nur auf dem Acker alle Hände voll zu tun: Ein Arbeits-Tages-Besuch bei Christiane in der Beeck-Bolten im ländlichen Dümpten zeigt es

Christiane in der Beeck-Bolten und ihr Hofteam bieten jetzt auch
Kürbisschnitzkurse an
Der Tag fängt früh an für Christiane in der Beeck-Bolten. Um vier Uhr steht die Landwirtin zusammen mit zwei Mitarbeiterinnen bereits in der Betriebsküche und backt in vier Öfen. Das sieht gut aus und riecht herrlich. Nicht nur Kuchen, auch Brot kommt aus dem Ofen. Erst in der letzten Woche hat die 36-jährige Landfrau ein Brotbackseminar absolviert. Sie will ja auf dem Laufenden bleiben und den Geschmack ihrer Kunden treffen, die freitags und samstags ihren Hofladen besuchen.

Um sieben Uhr bringt in der Beeck-Bolten ihre Kinder Marlene und Clemens in den Kindergarten. Anschließend befüllt sie den an der Oberheidstraße aufgestellten Automaten des Dümptener Bauernhofes. Hier kann man mit dem nötigen Kleingeld Eier und Kartoffeln im Vorbeifahren oder Vorbeigehen mitnehmen.

Zurück am Hof und seinem Laden, der genauso alt ist wie die junge Landwirtin und Mutter, macht sich in der Beeck-Bolten daran, dass Herbstlaub vor dem Hofladen wegzukehren, Äpfel und Kartoffeln im Laden einzuräumen und anschließend die Kürbisse vor dem Laden zu drapieren. Man merkt sofort: Kürbis ist nicht gleich Kürbis. 25 Kürbissorten finden sich vor und im Hofladen. Ihre Namen Jack be Little, Buffy, Jack O’Latern oder Hokaido klingen vielversprechend. Ihre Farbpalette reicht vom klassischen Orange über Gelb und Grün bis zum cremefarbenen Weiß. Manche überzeugen mit ihrem schmackhaften Fruchtfleisch. Andere lassen sich aufgrund einer weichen Schale besonders gut schnitzen.

Und damit die Kinder, die am nächsten Tag zu einem Kürbis-Schnitz-Seminar mit Zaubertrank, Kürbiskuchen, magischen Geschichten und vier flotten Schnitzerhexen wissen, wie es geht, gibt sie mit ihren Schnitzwerkzeugen gleich drei großen Halloween-Kürbissen ein Gesicht. Die Frau ist vielseitig und arbeitet verdammt flott.

Im Laufe des Vormittags wechselt sie vom Hofladen in ihr Büro. „Ich lebe und arbeite gerne mit und von der Natur, aber ich komme an der Schreibtischarbeit nicht vorbei. Tendenziell wird sie eher immer mehr“, erzählt die Landwirtin, die den Hof ihrer Eltern Edith und Heinz in der Beeck vor zehn Jahren übernahm und heute zusammen mit ihrem Mann Andreas leitet. Auch ihr Schreibtisch sieht nach viel Arbeit aus. Die Buchführung muss erledigt, Statistiken für das Land auf den Weg gebracht, das aktuelle Wochenrezept (Kürbis-Rösti) für den Hofladen geschrieben, Bestellungen aufgegeben und angenommen werden.

Der Filialleiter eines Supermarktes, der vom Dümptener Bauernhof an der Bonnemannstraße beliefert wird, bespricht mit in der Beeck die Einzelheiten einer gemeinsamen Werbeaktion, bei der sie den Kunden eine Maschine vorstellen soll, die bei der Kartoffelernte zum Einsatz kommt. Auch wenn die Landwirtin dadurch für einige Stunden von ihrem Hof abgezogen wird, nimmt sie solche Gelegenheiten gerne wahr, „weil man so mit Kunden und denen, die es vielleicht noch werden wollen, ins Gespräch kommen und auch auf unseren Hofladen hinweisen kann.“
Während Christiane auf dem Hof, dessen Ursprünge bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen, nicht nur für die Büroarbeit, sondern auch für die Obstgewächse und die Freilandhühner zuständig ist - um 12 Uhr sammelt sie die frisch gelegten Eier ein - beackert ihr Mann Andreas die Felder des Betriebs. Bevor er an diesem Tag zur Weizenaussaat für die Ernte 2017 aufbricht, baut er mit seinem Auszubildenden Janosch Sonntag Fenster und Türen in eine Garage, die jetzt mit Tischen, Bänken und einer anheimelnden Strohecke zum Reich der kleinen und großen Kürbisschnitzer geworden ist. „Unser neues Angebot wird erstaunlich gut angenommen, vor allem wenn es um die kreative Gestaltung von Kindergeburtstagen geht“, freut sich Christiane in der Beeck.

Besonders dankbar ist in der Beeck ihren Eltern, dass sie auch im Rentenalter bei der Hofarbeit im Rahmen ihrer Möglichkeiten mit anpacken. „Auf ihre tatkräftige Hilfe und ihren lebenserfahrenen Rat kann und möchte man nicht verzichten“, betont die 36-jährige Landwirtin. Mutter Edith hilft im Hofladen mit und bereichert dessen Angebot mit ihren wunderschönen Blumenstrauß-Kreationen. Außerdem hat sie für alle Kunden auch jenseits des Verkaufsgespräches immer ein offenes Ohr. Vater Heinz ist heute mit dem Pflug aufs Feld gefahren, um den Boden für die Weizenaussaat umzugraben und aufzulockern. Auf den Hof zurückgekehrt tauscht er die mit der Zeit abgewetzten und deshalb nicht mehr voll funktionsfähigen Pflugscharspitzen aus.

Ihren Nachmittag und den frühen Abend hält sich Christiane in der Beeck-Bolten für ihre Kinder frei. Marlene (5) wird an diesem Tag zum Leichtathletiktraining gebracht. Und Clemens (3) sammelt mit seiner Mutter an diesem Nachmittag die reiche Frucht der hofeigenen Walnussbäume ein. Dabei übt der kleine Mann auf seinem Kindertrecker schon mal, wie es sich anfühlt, wenn man als Landwirt ein weites Feld zu beackern hat. 

Dieser Text erschien am 15. Oktober 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 15. Oktober 2016

Den Konsumwahn überdenken: Auf Einladung des Rates für Land- und Forstwirtschaft dieskutierten Ex-Umweltminister Klaus Töpfer, Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck und die RVR-Chefin Karola Geiß-Netthöfel , wie die Zukunft unseres Planeten sozial und ökologisch gerecht gestaltet werden kann

Klaus Töpfer (links) hier in der Diskussion mit Karola Geiß-Netthöfel
und Franz-Josef Overbeck
Mit nicht weniger, als mit der Zukunft des Planten beschäftigte sich jetzt der Rat für Land- und Forstwirtschaft im Bistum Essen bei einer Akademieveranstaltung, zu der der Gastgeber 170 Gäste in die Wolfsburg eingeladen hatte. Der prominenteste Teilnehmer war der ehemalige Bundesumweltminister und Ex-Chef des UN-Umweltprogrammes, Klaus Töpfer.

Bevor sie dem inzwischen 78-Jährigen Unruheständler das Wort für ein Impulsreferat übergab, machte die Sprecherin des Rates, Marlies Schmitz, den klassischen Zielkonflikt zwischen Ökonomie und Ökologie deutlich. An das Auditorium gewandt sagte sie: „Wenn ich sie fragte, ob sie für den Erhalt von Feldern, Wiesen und Wäldern seien, würden Sie sicher ebenso mit Ja antworten, wie wenn ich sie fragen würde, ob sie für mehr Arbeitsplätze, mehr Wohnraum und eine bessere Verkehrsinfrastruktur seien.“

Nicht nur seine Sprecherin stellte klar, dass der Rat für Land und Forstwirtschaft den Freiflächenverbrauch im dicht besiedelten Ruhrgebiet gestoppt sehen und die Landwirtschaft mit ihren lebenswichtigen Produkten auch preispolitisch wieder mehr wertgeschätzt sehen möchte. „Es reicht. Unsere Felder dürfen nicht länger als Ausgleichsflächen für Baumaßnahmen in Wäldern und auf Wiesen missbraucht werden“, unterstrich einer ihrer Rats- und Berufskollegen.

Auch wenn die Direktorin des Regionalverbandes Ruhr, Karola Geiß-Netthöfel mit Blick auf die Renaturierung der Emscher und vieler Bergbauflächen keinen Zweifel daran ließ, „dass der Erhalt der Grünzüge im Ruhrgebiet für uns Priorität hat“, musste sie doch auch einräumen: „Manchmal werden sie auch angeknabbert, wenn es dafür zwingende wirtschaftliche Gründe gibt.“ Ruhrbischof Franz Josef Overbeck sprang ihr bei, wenn er feststellte: „Wir brauchen als katholische Christen im Ruhrgebiet eine stärkere Sensibilisierung für die Schöpfung, aber wir brauchen auch mehr Katholiken. Und die bekommen wir nur, wenn wir mehr Arbeitsplätze und vor allem mehr Mittelständler in unsere Region holen.“

Umwelt-Experte Töpfer öffnete den regionalen Blick seiner Zuhörer und Gesprächspartner für die weltweite Perspektive der ökologischen und sozialen Zukunftsaufgaben der Menschheit. Töpfer und Overbeck lobten in diesem Zusammenhang die nicht nur ökologisch, sondern auch sozial wegweisende Botschaft der päpstlichen Enzyklika Laudato Si. „Papst Franziskus fährt hier keinen Schmusekurs. Seine Botschaft ist für uns unbequem, aber notwendig und richtig,“ unterstrich Töpfer.

Nachdenklich und zugleich kurzweilig lieferte Töpfer, der sich mit dem Satz: „Ich der Grüne Punkt, aber nicht der gelbe Sack“, als Urheber der deutschen Mülltrennung vorstellte, seinem Publikum erhellende wie erschreckende Eckdaten. Während man in Norwegen mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 60.000 Euro und in Deutschland immerhin noch mit 40.000 Euro pro Jahr rechnen kann, sind es in den meisten afrikanischen Ländern gerade mal 1000 Euro pro Jahr. Gleichzeitig wächst die im statistischen Durchschnitt 20 Jahre junge afrikanische Bevölkerung, während die im Durchschnitt 45 Jahre alte deutsche Bevölkerung, wie die der meisten europäischen Nachbarländer weiter schrumpft. Folge: Gab es um 1900 dreimal mehr Europäer wie Afrikaner, so gibt es heute etwa genauso viele Afrikaner, wie Europäer. Und 2030 werden unter den dann neun Milliarden Erdenmenschen (heute sind es schon 7,2 Milliarden) dreimal mehr Afrikaner als Europäer leben.

„Die Globalisierung kommt zu uns und sie wird weiter zu uns kommen“, schaute der CDU-Politiker und bekennende Katholik Töpfer schonungslos in unsere Zukunft. Integration, sozialer Ausgleich und Identitätsstiftung werden also zur gesellschaftlichen Daueraufgabe. Angesichts der auch vom Ruhbischof postulierten Solidarität und Bescheidenheit, machte eine Christdemokratin aus dem Publikum deutlich.
„Wir brauchen nicht nur weltweit, sondern auch bei uns in Deutschland mehr Solidarität. Denn wir haben bei uns eine enorme Gerechtigkeitslücke. Wenn bei uns heute viele Menschen mit 1200 Euro brutto am Monatsende nach Hause gehen und im Hamsterrad einer prekären Beschäftigung gefangen sind, dann haben sie keine Kraft und keine Zeit mehr an etwas anderes, als an ihre materielle Existenzsicherung zu denken.“

Klauws Töpfer bei seinem Impulsreferat
Töpfer konnte und wollte seiner Parteifreundin nicht widersprechen. „Wir müssen unseren Konsumwahn überdenken. Wenn wir dann vielleicht auch weniger Wirtschaftswachstum haben, können wir damit doch auch neues Wachstum in Form von mehr Ruhe und weniger Stress, mehr Zeit für die Familie und weniger Burn out, gewinnen“, gestand er zu. Der Christdemokrat nahm ein entsprechendes Positionspapier der Ruhr-CDU wohlwollend zur Kenntnis und empfahl seiner Bundespartei, möglichst bald einen Deutschland-Kongress darüber abzuhalten, was die Franziskus-Enzyklika Laudato Si, die er in der Tradition der 1891 von Papst Leo XIII. verkündeten Sozial-Enzyklika Rerum Novarum sieht, für eine moderne christlich-demokratische Politik im 21. Jahrhundert bedeuten kann und bedeuten muss.
Wie eine ökologisch und sozial verträglichere Zukunft in unserer Region und auf unserem Planten aussehen könnte, machte RVR-Direktorin Geiß-Netthöfer mit dem anschaulichen Hinweis auf den aktuell laufenden Bau des Ruhrradschnellweges und auf die Renaturierung alter Bergbauflächen und die neue wirtschaftliche Nutzung industrieller Brachflächen deutlich.

Dass der eigene ökologische Anspruch nicht immer mit dem eigenen ökologischen Fußabdruck in Einklang zu bringen ist, musste Klaus Töpfer erfahren, als er kritisierte, „dass bei uns immer noch mehr als 50 Prozent der Mobilität mit dem Auto stattfindet.“ Daraufhin wollte ein Zuhörer von Töpfer wissen: „Wie sind Sie eigentlich zu dieser Veranstaltung gekommen?“ Der Ex-Minister musste zugeben: „Man hat mich vom Düsseldorfer Landtag hier hin gefahren. Aber wenn ich mit dem E-Bike hier hin gekommen wäre, würde ich auch wirklich merken, dass ich 78 Jahre alt bin!“ Töpfer hatte die Lacher auf seiner Seite. Denn jeder, der die zur Wolfsburg führende Prinzenhöhe vor Augen hatte, wusste, was er meinte und musste ihm Recht geben.

Dieser Text erschien am 8. Oktober 2016 im Neuen Ruhrwort