Samstag, 31. Dezember 2016

Ein Zeitsprung an der Hölterstraße

Die Höltrstraße heute und anno 1925

Dort, wo man heute ins Grüne schaut und entfernt zwei Gebäude erkennt, stand bis in die 1960er Jahre das Elternhaus von Elisabeth Tittgen, die heute in der Stadtmitte lebt. Das Foto aus ihrem Familienalbum entstand in ihrem Geburtsjahr 1925.

Man sieht die kleine Elisabeth, auf dem Arm ihrer namensgleichen Mutter Elisabeth Remberg. Daneben stehen ihr Vater Richard, der als Dreher bei Thyssen arbeitete und die ältere Halbschwester Gertrud. Zum Elternhaus an der an der Hölterstraße 41 gehörten auch Ställe für Schweine, Hühner und Ziegen. Vor 90 Jahren war Selbstversorgung statt Supermarkt angesagt.

Elisabeth Tittgen (geborene Remberg) erinnert sich:„Als Kind habe ich die Volksschule an der Hölterstraße besucht, die damals noch Hindenburgschule hieß. Und im Winter bin ich mit meinem Schlitten die heutige Tilsiter Straße hinunter gerodelt. Besonders stolz war ich auf meine Babypuppe aus Porzelan, die mir meine Eltern zu Weihnachten geschenkt hatten, als ich vier oder fünf Jahre alt war. Ich bin damals mit ihr herumgelaufen und habe sie allen Nachbarn gezeigt.“

Die heutige Grundschule an der Hölterstraße trug 1925 den Namen des damaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, weil dieser von vielen Deutschen als der Generalfeldmarschall verehrt wurde, unter dessen Kommando die 1914 in Ostpreußen einmarschierten Truppen des russischen Zaren Nikolaus II. in der Schlacht bei Tannenberg entscheidend geschlagen und wieder aus Ostpreußen vertrieben werden konnten. 

Dieser Text erschien am 30. Dezember 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 30. Dezember 2016

Mülheim 2016/2017: Was war - Was ist - Was kommt?!

Zwischen den Jahren schaut man zurück und in die Zukunft.  Was lief gut? Was lief schlecht? Vor welchen Herausforderungen steht man im kommenden Jahr?

Für Mülheim lief 2016 nicht alles schlecht. Die Stadt nimmt mit den ausgebauten Max-Planck-Instituten, der Hochschule Ruhr-West und der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung Formen an. Darauf kann und muss man 2017 aufbauen.

Die Integration der zu uns gekommenen Flüchtlinge hat nicht zuletzt deshalb langsam, aber sicher Fortschritte gemacht, weil die Stadtverwaltung und ehrenamtlich nicht nur  bei der Initiative Willkommen in Mülheim Hand in Hand gearbeitet haben.
Diese gelebete Menschlichkeit kann uns auch für 2017 ermutigen, auch wenn wir wissen, dass noch längst nicht alle Flüchtlinge mental, sozial und sprachlich bei uns angekommen sind. Das bleibt eine der zentralen sozialpolitischen Bausstellen.

Dabei wird es nicht nur um Geld und Infrastruktur, sondern auch auf die Bereitschaft alter und neuer Mülheimer ankommen, sich offen und vorurteilsfrei zu begegnen und (wie auch immer) miteinander zu kommunizieren. Nur sprechenden Menschen kann geholfen werden.

Apropos Sprache. Auch über die Optimierung der pädagogischen, personellen und schulischen Infrastruktur muss 2017 gesprochen und gehandelt werden, wenn Inklusion und Integration vom Bekenntnis zum gelebten Beispeil und Erfolg werden soll.
Nicht nur der Fall Tengelmann hat uns 2016 gezeigt, dass der Strukturwandel in unserer Stadt weitergeht. Wer die soziale Stabilität der Stadt langfristig sichern will, muss in einer konzertierten Aktion zwischen Politik, Bürgerschaft,

Unternehmern und Wirtschaftsförderung die Potenziale der Stadt voll einsetzen, um alte Arbeitsplätze zu erhalten und neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Trotz der extrem schwierigen Haushaltslage muss man sich politisch darüber im Klaren sein, dass die Erhöhung von Gewerbe- und Grundsteuern kein finanzielles Allheilmittel sein kann, wenn man den Stadtort Mülheim als Ganzes langfristig beschädigen und damit die Wirtschaftskraft der Stadt mindern will.

Eine über 2017 hinaus weisende Querschnittsaufgabe bleibt es auch, die Stadt mit barrierefreiem und bezahlbarem Wohnungs-Um-Bau sowie dem Erhalt funktionsfähiger und attraktiver Nahverkehrsverbindungen langfristig für den demografischen Wandel, der sich noch weiter verstärken wird, langfristig fit zu machen. Nur so wird unsere Stadt 2017 und darüber hinaus eine lebensfähige und liebenswerte Stadt bleiben, auch wenn wir als Stadtgesellschaft weniger, bunter und älter werden.

Donnerstag, 29. Dezember 2016

So gesehen; Weniger Knalleffekte, bitte!

Lieben Sie Knalleffekte? Bei mir hält sich die Begeisterung darüber in Grenzen. Ich mag es lieber langsam, sicher und ruhig. Ich weiß, damit passe ich eigentlich nicht in die Zeit, in der Zeit Geld ist und es nicht schnell genug gehen kann. Wohin eigentlich und zu welchem Preis? Doch die Antwort auf diese elementare Frage ist wohl im postfaktischen Zeitalter zweitrangig.

Hauptsache, man produziert Knalleffekte, um nicht übersehen, geschweige denn überhört zu werden. Da ging es den Jugendlichen, die am Abend des zweiten Weihnachtstages zwischen den geschlossenen Hütten des Weihnachtstreffs unüberhörbar mit ihren Knallkörpern hantierten, so, wie manch politischem Lautsprecher. Wenn Zeit wirklich Geld sein soll, ist es erstaunlich, wie viele Menschen vor der Zeit unsinnig ihr Geld verpulvern. Dass man tatsächlich erst am 29. Dezember Feuerwerkskörper kaufen und erst am 31. Dezember für Knalleffekte zum neuen Jahr sorgen darf, war den jungen Knallköpfen offensichtlich unbekannt oder egal. Ist Weihnachtsruhe nur was für Spießer? Bleibt nur zu hoffen, dass uns die großen Knallköpfe, die für die großen Knalleffekte auf der Welt sorgen, uns 2017 öfter als 2016 einfach mal in Ruhe lassen und ihr Pulver trocken halten.


Dieser Text erschien in der Neuen Ruhr Zeitung vom 28. Dezember 2016

Mittwoch, 28. Dezember 2016

Die Helden von der Müllabfuhr: Wie drei Mitarbeitr der Mülheimer Entsorgungsgesellschaft zu Lebensrettern wurden

Dennis Reichelt (links) und Bogdan Wilda
„Wir sind eigentlich ganz normale, durchschnittliche Menschen und nicht wirklich interessant“, sagen Bogdan Wilda und Dennis Reichelt über sich. Die Herrn von der Mülheimer Entsorgungsgesellschaft untertreiben. Denn sie gehören zu den Alltags-Helden des Jahres 2016. Das gilt auch für ihren derzeit kranken Kollegen, den MEG-Fahrer, Friedhelm Kuhles (61), dem sie auf diesem Wege gerne gute Besserung wünschen. Man merkt den beiden Müll-Ladern von der MEG an, dass sie ungern im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehen.

Eigentlich wollen die beiden Müllmänner, die am 25. Mai 2016 durch ihr geistesgegenwärtiges Handeln einem vierjährigen Jungen das Leben gerettet haben, auch gar nichts über ihre Person erzählen.

Bogdan Wilda, 45 Jahre alt und ein Mann wie ein Kleiderschrank, kommt aus Polen. Dort hat er als Elektriker gearbeitet. Eines Tages kam er auf die Idee, als Pilger auf den Jakobsweg nach Santiago de Compostela zu gehen. Dort traf er die Frau fürs Leben. Und die wohnte in Mülheim. Nach einer längeren Fernbeziehung folgte Bogdan ihr an die Ruhr und fing im November 2014 bei der Mülheimer Müllabfuhr beruflich ganz neu an.

Inzwischen fühlt er sich, nicht nur seiner Frau wegen, in der grünen Stadt am Fluss sehr wohl und arbeitet, neben der Arbeit bei der MEG, täglich an seinen deutschen Sprachkenntnissen. Die seien noch sehr schlecht, meint er. Aber wer mit ihm spricht, staunt, wie schnell er die schwere deutsche Sprache gelernt hat.

Am 25. Mai 2016, kurz nach 13 Uhr, war er es, der den vierjährigen Eden auffing, der aus dem Fenster im zweiten Stock seines Elternhauses geklettert und etwa sieben Meter in die Tiefe gestürzt war.

Während Dennis Reichelt und Friedhelm Kuhles ins Haus gestürzt waren, um die Nachbarn zu alarmieren und in die betreffende Wohnung hineinzukommen, stand Bogdan Wilda goldrichtig, um den kleinen Eden aufzufangen. „Alles gut?“, habe ich den Jungen gefragt, „Alles gut, hat der Junge gesagt!“ erinnert sich Wilda an den Moment, als er zum Lebensretter wurde.

„Der Notarzt, der den Jungen nach dem Unfall untersucht hat, hat uns bestätigt, dass wir das Schlimmste verhindert haben. Denn wenn der Junge rückwärts und ungebremst auf die Betonplatten des Bürgersteiges an der Aktienstraße gefallen wäre, hätte weiß Gott was passieren können, was wir uns gar nicht ausmalen wollen“, erinnert sich Dennis Reichelt.

Noch heute erscheint dem 37-jährigen Familienvater und Schalke-Fan, der seit 2010 als Mülllader bei der MEG arbeitet, dieser denkwürdige 25. Mai wie ein Wunder. „Denn wir kamen an diesem Tag viel schneller mit unserer Müllabholung durch und wären normalerweise zu dieser Zeit noch gar nicht an dem Haus an der Aktienstraße gewesen. Hinzu kam, dass Bogdan an diesem Tag für einen erheblich schmächtigeren Kollegen eingesprungen war, der verschlafen hatte“, berichtet Reichelt.

Reichelt war es, der gerade noch rechtzeitig auf den Jungen aufmerksam wurde, der nur noch mit einem Arm am Fensterbrett hing und ihm zurief: „Hallo Feuerwehr!“ Die Müllmänner handelten sofort und so gut abgestimmt, als kämen sie von der Feuerwehr. „Wären wir nur etwas später gekommen, wäre es für den kleinen Eden zu spät gewesen“, lässt Reichelt die entscheidenden Augenblicke noch einmal Revue passieren.

Wir haben einfach nur so gehandelt, wie jeder normale Mensch in dieser Situation auch gehandelt hätte“, finden Wilda und Reichelt. Deshalb erstaunt es sie auch heute noch, dass ihre Tat am 25. Mai 2016 nicht nur lokal, sondern auch überregional ein so breites Echo gefunden hat. Am 25. Mai 2016 mussten sie und ihr Kollege Friedhelm Kuhles Überstunden machen. Denn nicht nur Edens überglückliche Eltern bedankten sich bei den Lebensrettern 1000 Mal. Auch Zeitungs,- Hörfunk- und Fernsehreportern mussten sie immer wieder die Geschichte erzählen, wie sie das Leben des kleinen Eden gerettet hatten. „Heute noch werden wir manchmal von Leuten auf der Straße angesprochen, die sich bei uns bedanken und wissen wollen, wie es war“, erzählen Reichelt und Wilda. Auch Oberbürgermeister Ulrich Scholten, der den drei Lebenrettern von der MEG als Dank für ihren Einsatz eine Urkunde überbrachte, ließ sich von ihnen den Hergang schildern.

Dennis Reichelt hat auch Verständnis für die Eltern des kleinen Edens, die sich der Verletzung ihrer Aufsichtspflicht schuldig gemacht haben. „Zunächst habe ich auch gedacht: Wie kann man nur. Aber der Vater musste arbeiten. Und die Mutter musste ihre kranke Tochter von der Schule abholen, als der damals ebenfalls kranke Eden in seinem Bett schlief“, versetzt sich der Müllwerker und Familienvater in die Ausnahmesituation, in der sich Edens Eltern damals befanden. „Die Eltern haben uns übrigens auch zum Essen eingeladen, aber irgendwie hatten wir bisher noch gar keine Zeit, ihre Einladung anzunehmen. Das sollten wir im neuen Jahr vielleicht mal nachholen“, sagt Lebensretter Bogdan Wilda.


Dieser Text erschien am 27. Dezember 2016 in der NRZ und in der WAZ

Dienstag, 27. Dezember 2016

"Der Hass macht einen kaputt" - Ein Gespräch mit dem Pastor der Evangelisch-Freikirchlichen Christusgemeinde Mülheims, Eckhart Vetter

Im Februar 2011 machte ein Kindsmord Schlagzeilen. Dass die betroffenen Eltern, aktive Mitglieder eine evangelisch-freikirchlichen Gemeinde, dem Mörder ihres Sohnes öffentlich vergaben, wurde kontrovers diskutiert. Damals führte ich für die Neue Ruhr Zeitung ein Gespräch mit Pastor Ekkehart Vetter über den Spannungsbogen zwischen Hass und Vergebung, ein Gespräch, das unter völlig anderen Vorzeichen auch heute noch in die Zeit passt.
Pastor Ekkehart Vetter 2011 in seinem Arbeitszimmer

Es ist wohl das Schlimmste, das Eltern widerfahren kann, ihr Kind, wie im Fall Mirco, durch die Hand eines Mörders zu verlieren. Deshalb mag es manchen wundern, wenn Mircos Eltern als freikirchlich engagierte Christen Verständnis für den Täter zeigen und trotz ihrer Tragödie vom Glauben sprechen, der sie stärkt, ihnen Hoffnung gibt und sie nicht verzweifeln lässt.) Vor diesem Hintergrund sprach ich füt die NRZ mit Pastor Ekkehart Vetter von der freikirchlichen Christusgemeinde über Glauben, Gemeinschaft, Schuld, Sühne, Vergeltung und Vergebung.

Frage: Können Sie die Haltung von Mircos Eltern nachvollziehen?

Antwort: Das ist eine Extremsituation, in die man sich nicht theoretisch hineindenken kann. Ich selbst würde für mich nicht die Hand ins Feuer legen, wie ich in einer vergleichbaren Situation reagieren würde. Natürlich kann man auch für einen Täter Verständnis entwickeln, auch, wenn man seine Tat verabscheut. Jeder Mensch hat Gründe, warum er so handelt, wie er handelt. Es geht nicht um Verständnis im Sinne von Relativierung oder Verharmlosung eines Verbrechens, sondern in dem Sinne, zu verstehen, dass es sich vielleicht um einen belasteten Menschen handelt, der aus einer bestimmten Situation dieses dramatische Verbrechen begangen hat.

Frage: Vergebung ist eine christliche Tugend. Aber ist es nicht auch natürlich, den Mörder seines Kindes zu hassen?

Antwort: So verständlich Hass in so einer Situation ist, Hass macht einen am Ende selbst kaputt. So wie ich Mircos Eltern verstehe, sagen sie: Wir wissen, wohin wir mit unserer Trauer und unserem Bestürztsein hingehen können und dass sie dieses Verbrechen in ihrem Glauben, durch die Gemeinschaft und die Gespräche mit Christen verarbeiten können.

Frage: Mircos Eltern sprechen von der Unterstützung durch ihre freikirchliche Gemeinde und von ihrem Glauben, der ihnen Halt gibt. Können Menschen, die glauben und von einer Gemeinschaft getragen werden, solche Schicksalschläge besser verkraften?

Antwort: Das ist keine Frage von Freikirche, Landeskirche oder Konfession. Das ist eine Frage gelebter Gemeinde und Gemeinschaft. Gerade in Angesicht eines schweren Schicksalschlages brauche ich etwas, an dem ich mich festhalten kann und das mich trägt. Und da ist der Glaube sicher sehr hilfreich und wertvoll. Ich würde mich aber nicht in eine Situation hineinmanövrieren, in der ich sage: „Die Verarbeitung eines solchen Unglücks gelingt einem gläubigen Menschen auf jeden Fall besser als jemanden, der vielleicht nicht glauben kann.“

Frage: Wie gehen Sie in ihrer 260 Mitglieder zählenden Gemeinde mit Menschen um, die einen schweren Schicksalsschlag zu verkraften haben?

Antwort: Natürlich bemühen wir uns darum, dass die Gemeinde sich wahrnimmt. Wir bilden in unserer Gemeinde kleine, überschaubare Gruppen, etwa in Form von Hausbibelkreisen, zu denen jeweils acht bis zehn Personen gehören, die sich regelmäßig treffen und die dabei nicht nur über theologische Fragen, sondern auch über persönliche Probleme sprechen. Die Menschen spüren so, dass sie mit ihren Nöten nicht alleingelassen werden.

Frage: Brauchen wir mehr Mitmenschlichkeit und können Gemeinden, wie die Ihre dafür ein Vorbild sein?

Antwort: Wo immer Menschen von solchen Schicksalsschlägen getroffen werden, ist die Gemeinschaft von Christen, die ihnen zur Seite stehen, extrem wertvoll. Man braucht in so einer Situation keine Menschen, die eine schnelle Antwort haben, warum etwas passiert ist, sondern die einfach da sind, um mit den Betroffenen zu trauern, zu weinen, zu sprechen und vielleicht auch zu beten.

Frage: Ist es in einer solchen Situation nicht auch unmenschlich, Wut und Trauer durch das christliche Gebot von Vergebung und Nächstenliebe zu übertünchen?

Antwort: Vergebung, Wut und Trauer sind kein Gegensatz. Man muss natürlich Gefühle zu lassen und darf sie nicht verdrängen. Man darf nichts unter den Teppich kehren. Man muss authentisch und ehrlich zu sich selbst sein und darf nichts mit einer frommen Soße zudecken wollen. Vergebung ist aber auch nichts, was von heute auf morgen entsteht, wie ein Klick im Gehirn. Das ist immer ein langer Prozess. Das ist ein langer Weg, auf dem Menschen auch vielleicht durch Therapie begleitet werden müssen, damit sie das vielleicht irgendwann können, damit sie sich mit der Last, die sie tragen oder auch jemanden hinterhertragen, am Ende nicht selbst kaputt machen. Vergebung ist in so einer Situation natürlich kein Muss. Aber es wäre Betroffenen zu wünschen, dass sie irgendwann erkennen, dass Vergebung für Sie am hilfreichsten ist.

Frage: Und was ist mit Schuld und Sühne? Was würden Sie einem Täter sagen, der sich mit seiner Schuld an Sie als Seelsorger wendet?

Antwort: Ich würde diesen Menschen zunächst dazu ermutigen, zu seiner Schuld zu stehen und es nicht bei der Vertrautheit des seelsorgerischen Gesprächs zu belassen. Ich würde ihm sagen: Stell dich deiner Tat und übernimm Verantwortung. Überlege, wie du an dem Menschen, an dem du schuldig geworden bist, etwas wieder gutmachen kannst. Das Unrecht ist im Fall Mirco natürlich nicht korrigierbar. Hier brauchen Opfer und Täter ganz viel Hilfe und Therapie. Aus der Missbrauchstherapie weiß man, dass Täter in ihrem Leben immer auch Opfer waren und oft selbst Gewalt- und Missbrauchserfahrungen gemacht haben, was ihre Tat natürlich in keiner Weise rechtfertigt.

Dieser Text erschien am 4. Februar 2011 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 25. Dezember 2016

Eine filmreife Geschichte oder: Wie der Mülheimer Alexander Waldhelm zum Filmemacher wurde

Alexander Waldhelm (rechts) bei den Dreharbeiten
"Wenn das, was man sich ausdenkt, plötzlich real wird und Menschen das sagen und tun, was man ihnen aufgeschrieben hat, ist das schon sehr faszinierend", erkärt der 41-jähriger Mülheimer Alexander Waldhelm, warum er zum Filmemacher geworden ist. Dass seine Idee eines Heimatfilmes über die Pottkinder nun Wirklichkeit wird und im Mai 2017 im legendären Essener Kino Lichtburg uraufgeführt werden soll, ist schon für sich eine filmreife Geschichte.
"Schon mit 15 hat mich das Medium Film begeistert", erinnert sich der studierte Medienwissenschaftler, der heute hauptberuflich als Presse- und Öffentlichkeitsarbeiter für einen Forschungsträger am Forschungszentrum in Jülich tätig ist und sich von berufs wegen mit Elektromobilität beschäftigt.

Doch was ihn neben seinem Beruf beschäftigt ist die Idee, eine Ruhrpott-Komödie auf die Kinoleinwand zu bringen. Schon vor zehn Jahren legte er einen Zettelkasten mit Ideen für ein Drehbuch an. Vor drei Jahren machte er dann Nägel mit Köpfen und setzte sich an seinen Schreibtisch. Anregungen, Ideen und Vorbilder für seine Figuren hat er unter anderem in seiner Stammkneipe, dem schrägen Eck im Dichterviertel gefunden. "Hier triffst du noch auf echte Pottkinder, Menschen die schnörkellos und geradeaus denken, reden und handeln", sagt Waldhelm. Die Geschichte seiner filmreifen Pottkinder beschreibt er so: "Ein bisschen Ruhrpott, ein paar Probleme. Ein bisschen lustig, nichts abwegiges, alles sehr konzentriert und realistisch und am Ende alles gut." Erzählt wird die Geschichte einer ganz normalen Familie, irgendwo zwischen Duisburg und Dortmund. Auch wenn die meisten Szenen des Films in Mülheim, etwa in der Heinrich-Thöne-Volkshochschule, in einer Hochhauswohnung am Hans-Böckler-Platz, natürlich im Schrägen Eck und in einem Speldorfer Privathaus und dessen Grundstück gedreht worden sind, hat sich Waldhelm in seinem Drehbuch bewusst auf keinen Ort festgelegt. Doch ein noch so gutes Drehbuch macht noch keinen Film.
Nur redenden Menschen kann geholfen werden

Man braucht Schauspieler. Man braucht Kameras, Ton- und Lichttechnik. Und man braucht Zeit, Orte und ein gutes Catering, damit die Schauspieler beim Drehen nicht vom Fleisch fallen und man braucht vielleicht auch die eine oder andere Übernachtungsmöglichkeit für auswärtige Mitglieder der Filmcrew. All das hat, Hollywood hätte es sich nicht besser ausdenken können, Waldhelm bekommen, ohne einen einzigen Cent zu investieren. Was er reichlich investiert hat, waren seine Zeit, seine Energie und seine Überzeugungskraft. Unzählige Gespräche hat er geführt, mit Freunden, mit Kollegen, Kneipen-Bekanntschaften, mit Unternehmern, mit ehemaligen Kommilitonen, Schauspielern, Hoteliers, Journalisten und Kabarettisten. So kam ein denkbar buntes Team aus rund 150 Menschen zusammen, die nichts wollten, außer, dass die Film-Idee der Pottkinder mit Hilfe ihrer Geld,- Sach- und Arbeitsleistungen Wirklichkeit würden.

So erklärt sich auch, dass so prominente Ruhr-Pott-Kinder, wie Gerburg Jahnke, die auch die Premiere in der Lichtburg vermittelte, Hennes Bender, Fritz Ekenga, Manfred (Manni) Breuckmann, Torsten Streater, Wlnfried Schmickler, Rene Steinberg oder Peter Neurohrer mit kleinen Auftritten in der Revierkomödie mitwirken. Besonders dankbar ist Waldhelm seinem Chef, der ihm ermöglichte seinen gesamten Jahresurlaub und den Resturlaub des Vorjahres (sieben Wochen) in die Dreharbeiten mit dem Fotografen und Kameramann Stefan Glagla zu investieren. "Wenn andere Leute acht Wochen lang mit ihrem Wohnmobil durch Kanada fahren, dann kannst du auch sieben Wochen lang einen Film drehen", gab ihm sein Chef mit auf den Weg.
Die Arbeit ist noch nicht zu Ende
Doch mit den Dreharbeiten, sind die Arbeiten am Kinofilm "Pottkinder" nach lange nicht abgeschlossen. Derzeit sind Waldhelm und sein Freund Jean Paul Philipp, der im richtigen Leben beim Kundenservice eines großen Autoherstellers arbeitet dabei, aus 1000- 100 Filmminuten zu machen. Ein Notebook, ein Schnittprogramm und externe Festplatten machen es möglich. Und dann wird Waldhelm wohl auch wieder seine Überzeugungskraft und seinen Charme spielen lassen müssen, um den einen oder anderen Sponsor für die Premierenfeier zu finden. Doch es sollte schon an ein Wunder grenzen, wenn ihm das nicht auch noch gelingen sollte. Waldhelm hat mit Blick in die Zukunft vor allem einen Wunsch: "Dieser Film sollte so erfolgreich werden, dass er einen zweiten oder vielleicht sogar einen dritten Film ermöglicht."
Wer an dem Filmprojekt "Pottkinder" interessiert ist, sollte auf der Internetseite www.pottkinder.com vorbeischauen oder unter (alexander.waldhelm@web.de/
Ruf 0163/4781350) direkt mit Alexander Waldhelm Kontakt aufnehmen.

Dieser Text erschien in der Mülheimer Woche vom 14. Dezember 2016

Dieser Text erschien am 14. Dezember 2016 in der Mülheimer Woche

Samstag, 24. Dezember 2016

Was man über Weihnachten wissen sollte

Die Krippe von St. Mariae Geburt wurde vom
Ernst-Barlach-Schüler Kurt Schwippert geschaffen.
Warum essen wir in der Advents- und Weihnachtszeit eigentlich Spekulatius-Plätzchen, Dominosteine und Christstollen? Ein Pfarrer hat mich bei einem adventlichen Kaffeetrinken gebäcktechnisch aufgeklärt. Der Spekulatius kommt aus der Zeit, als der Advent noch eine Fastenzeit und nicht der umsatzstärkste Monat des Einzelhandels war. Der Spekulatius wurde anno dazumal als Fastengebäck mit einem Speculator-Relief gebacken. Der Speculator (lateinisch: Der Beobachter) sollte die Keksesser in der Vorweihnachtszeit mahnen, nicht zu viele Spekulatius-Plätzchen zu verdrücken.

Der Christstollen gab, der mit seiner Form an das in Windeln gewickelte und in einer Krippe liegende Christkind erinnern sollte, kam erst am ersten Weihnachtstag auf den Tisch, wenn die Fastenzeit zu Ende war. Und am zweiten Weihnachtstag, an dem dem ersten christlichen Märtyerrer Stephanus gedacht wird, kamen dann die Dominosteine auf den Tisch. Denn sie erinnern an die Steinigung des Stephanus. Am zweiten Weihnachtstag gab es früher in vielen Städten auch den Brauch, dass Kinder von Haus zu Haus zogen, um dort Weihnachtslieder zu singen und dafür mit Äpfeln und Nüssen belohnt zu werden. Auch der Christbaum ist viel jünger, als man denkt. Der mutmaßlich erste Christbaum des Ruhrgebietes soll am 25. Dezember 1891 bei einer Weihnachtsfeier des Bottroper Knappenvereins aufgestellt worden sein. Den Christbaum-Brauch hatten damals Zuwanderer aus Süddeutschland und Schlesien mit ins Ruhrgebiet gebracht. Früher war auch nicht der Heilige Abend, sondern der 6. Dezember, also der Nikolaustag, der Tag, an dem die Kinder beschenkt wurden.

Dieser Text erschien am 24. Dezember 2016 im Neuen Ruhrwort

Freitag, 23. Dezember 2016

So gesehen: Kleinigkeiten machen nervös

Was schenke ich wem zu Weihnachten? Das treibt einem die Schweißperlen auf die Stirn. Es gibt nichts Schlimmeres, als enttäuschte Verwandte unterm Christbaum. „Ich hab schon 30 Krawatten im Schrank und kann mein altes Lieblingsparfüm längst nicht mehr riechen, aber du hast es ja gut gemeint.“ Wie im richtigen Leben gilt auch bei der Weihnachtsbescherung: „Gut gemeint und gut gelaufen sind zwei verschiedene Dinge. Eigentlich schenken wir uns zu Weihnachten seit Jahren nichts mehr, um vor Weihnachten erst gar keinen Geschenke-Stress aufkommen zu lassen. Doch wir haben einsehen müssen, dass es das Wort „eigentlich“ in sich hat.

Denn auch wenn man sich eigentlich nichts schenkt, darf man sicher sein, dass jemand aus alter Gewohnheit doch eine Kleinigkeit mitbringt. Und so wuchern die Kleinigkeiten vor sich hin und wir haben die Bescherung. Denn seit aus dem Nichts Kleinigkeiten geworden sind, weiß man nie, welche Kleinigkeit auf einen zu kommt und welche Kleinigkeit man bereithalten muss, um nicht als geizig zu gelten. Ob das Christkind mit den Geschenken der Drei Heiligen Könige zufrieden war? Die Bibel schweigt sich darüber aus. Das ist sicher kein Wunder!


Dieser Text erschien am 21. Dezember 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung


Donnerstag, 22. Dezember 2016

Drei Fragen an den Ehrenstadtdechanten der katholischen Stadtkirche, Manfred von Schwartzenberg: Ein Denkanstoß nach dem Anschlag in Berlin

Manfred von Schwartzenberg ist Ehrenstadtdechant
und Pfarrer von St. Barbara WEr wurde 1944 in Essen geboren
und 1971 in Mülheim zum Priestergeweiht,
Er war Kaplan in Gesenkirchen Schalke und Mülheim-Styrum,
ehe er als Militärseelsorger bei der Bundeswehr arbeitete. Seit 1992
leitet er als Pfarrer die Gemeinde St. Barbara in Dümpten und seit 2006
die gleichnamige Groß-Pfarrei, zu der auch die Gemeinden
St. Mariae Rosenkranz in Styrum und St. Engelbert gehören.
Von 1993 bis 2007 stand er als Stadtdechant an der Spitze der
katholischen Stadtkirche Mülheims.

Der Anschlag von Berlin verunsichert viele Menschen. Wie können wir damit umgehen, Herr Pfarrer von Schwartzenberg?
Wir dürfen uns von der Angst vor dem Terror nicht einsperren und daran hindern lassen, unser ganz normales Leben zu leben. Wir müssen lernen, mit der Unsicherheit zu leben. Gleichzeitig muss der Staat durch gezielte Sicherheitsmaßnahmen, wie etwa das Abhören von Telefongesprächen verdächtiger Personen oder das Erstellen von Bewegungsprofilen dafür sorgen, dass die Bürger Vertrauen in die Sicherheitsorgane haben und dass potenzielle Anschläge verhindert werden können.

Wird der Terroranschlag von Berlin Wut und Hass befördern?

Nicht, wenn wir keine Sündenböcke suchen, sondern uns im Alltag offen begegnen und uns als Menschen sehen und annehmen. In meiner Gemeinde St. Barbara haben wir in der Flüchtlingshilfe gute Erfahrungen damit gemacht. Sie zeigen uns, dass wir das Problem des islamistischen Terrors auch dann hätten, wenn es in Deutschland kein Flüchtlinge gäbe. Den islamistischen Terroristen geht es nicht um ihre Religion, sondern um Machtgelüste. Ihre Religion missbrauchen sie, in dem sie sie vor ihren politischen Karren spannen.

Kann es für die Opfer und Hinterbliebene solcher Anschläge einen Trost geben?

Worte können in einer solchen Situation nur wenig bewirken. Aber persönliche Nähe und Zuwendung, das einfache Füreinanderdasein oder auch starke Gesten der gemeinsamen Trauer, wie etwa das Aufstellen von Kerzen und Blumen, können den von diesem Anschlag betroffenen Menschen das gute Gefühl geben, mit ihrer Trauer nicht alleine zu bleiben oder links liegen gelassen zu werden.

Dieser Text erschien am 21. Dezember 2016 in der NRZ & WAZ

Mittwoch, 21. Dezember 2016

So gesehen: Alter schützt vor Dummheit nicht

Man braucht nur vor die Haustür zu gehen, um Abenteuer zu erleben. Leider sind es nicht immer die Abenteuer, die man sich in seinen Träumen ausmalt, eher schon die, die einem in seinen Alpträumen begegnen.

Vor einigen Tagen musste ich auf der Schloßstraße erkennen, dass auch das Alter, das man mit Lebenserfahrung und Weisheit verbinden möchte, nicht vor Dummheit schützt. Da radelte ein grauhaariger Herr im Rentenalter schneller als es die Polizei erlaubt, durch die Fußgängerzone. Auch von zwei älteren Damen, die mit ihrem Rollator und  ihren  Gehstöcken, Seit an Seit schritten, ließ sich der Rowdy-Rentner in seinem ungehemmten Vorwärtsdrang nicht stoppen und fuhr durch die in diesem Falle alles andere als goldene, sondern viel zu enge Mitte zwischen den beiden gehandicapten Damen, die in einem Anfall von Geistesgegenwart, mit letzter Kraft und lieber Not zur Seite auswichen.

Doch der rasende Rentner (War er lebensmüde oder wahnsinnig oder beides?) setzte noch einen drauf und überfuhr an der Friedrich-Ebert-Straße zwei Stopp-Signale aussendende Ampelanlagen, so dass auch ein Straßenbahnfahrer in letzter Sekunde in die Eisen gehen musste, um seinen anrollenden Koloss noch stoppen zu können.

Idiotischer, fahrlässiger und rücksichtsloser hätte sich kein noch so halbstarker Verkehrsteilnehmer verhalten können. Es konnte schon als Adventswunder durchgehen, dass weder der rasende Rentner noch die von ihm geschnittenen Frauen an diesem Tag zu Schaden kamen, wahrscheinlich nur deshalb, weil gerade auch einige geistesgegenwärtige Schutzengel unterwegs waren.

Bleibt nur zu hoffen, dass dem halbstarken Mann im reifen Alter, der sie in dieser Situation offensichtlich nicht alle auf dem Christbaum hatte, ein frohes und friedliches Fest, samt der Gabe der seinem Alter angemessenen Rücksichtnahme und Weisheit zuteil werde. Schutzengel, bitte kommen!

Dieser Text erschien am 29. Dezember 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 20. Dezember 2016

Ein Zeitsprung an der unteren Schloßstraße

So sieht es heute an der unteren Schloßstraße aus
Heute schauen wir mit einem alten Foto aus dem Stadtarchiv auf die untere Schloßstraße des Jahres 1950. Fünf Jahre nach Kriegsende war die Schloßstraße eine der am stärksten befahrenen Straßen der Stadt. Erst Anfang der 70er Jahre sollte sie zur Fußgängerzone mit einer Tiefgarage umgebaut werden. 

„Auf der Seite, auf der seit 1957 unser Hotel steht, stand damals noch der Kaufhof, der 1953 durch den Neubau an der Friederich-Ebert-Straße ersetzt wurde, der jetzt zugunsten des neuen Stadtquartiers abgerissen wird“, erinnert sich Hotelier und Zeitzeuge Karlheinz Noy. Zeitzeuge Walter Neuhoff erkennt in der linken Bildhälfte die Ausläufer des alten Kaufhof-Vorplatzes, auf denen ein alter Opel P4 aus den 30er Jahren und ein alter VW-Käfer zu sehen sind.
Noy und Neuhoff kennen auch noch die Geschäfte, die damals, gleich gegenüber dem Kaufhof an der unteren Schloßstraße ansässig waren.

Dort, wo man 1950 bei Mensing & Brennikmeyer und Glenewinkel Kleidung, bei Betten Hardt Bettwäsche, Tischdecken und Matrazen, bei Ota Schuhe und bei Woolworth dies und das für den täglichen Bedarf einkaufen konnte, findet man heute das Schreibwarengeschäft McPaper, eine Boutique mit Pariser Mode, das Geschäft Supereinkauf, über dessen Ladenlokal an der Schloßstraße 31 sich die Räume der Geschäfts- und Beratungsstelle des Deutschen Kinderschutzbundes befinden sowie das zurzeit leer stehende, aber zuletzt für die Kunstaktion Art Square genutze Woolworth-Gebäude, das heute einem am Tegernsee lebenden Eigentümer gehört.

Dieser Text erschien am 20. Dezember 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung
Die Untere Schloßstraße im Jahr 1950 (Foto Stadtarchiv)

Montag, 19. Dezember 2016

Auf dem Weg in eine gefahrenvolle Zukunft? Der Juristentag diskutierte in der Katholischen Akademie die Innere Sicherheit

Auf dem Podium (von links) Frank Richter, Martin Morlok,
Hans-Jürgen Lange, Franz-Josef Overbeck und Andreas Jurgeleit
"Gehen wir in eine gefahrvolle Zukunft? Steht die Innere Sicherheit unseres Rechtsstaates auf dem Spiel?" Mit dieser Frage beschäftigte sich der Juristenrat des Bistums jetzt in der katholischen Akademie. Ganz konkret wurde die Diskussion, als die Mitarbeiterin eines Essener Krankenhauses von tätlichen Angriffen und Beleidigungen durch Familienclans mit Zuwanderungshintergrund berichtete.

Der für Essen und Mülheim zuständige Polizeipräsident Frank Richter räumte ein: "Die Verrohung der Sprache und die Respektlosigkeit haben in den letzten Jahren deutlich zu genommen." Gleichzeitig warnte er vor einer hysterischen Scheindiskussion darüber, die innere Sicherheit dadurch zu stärken, in dem man neben der Polizei auch die Bundeswehr im Inneren einsetzen solle. "Wie sollen wir die Sicherheit in unseren Städten stärken, wenn wir plötzlich vor dem Essener Hauptbahnhof einen Leopard-II-Panzer stehen hätten?" fragte der Polizeichef plakativ. Er wies in diesem Zusammenhang auch darauf hin, "dass wir heute in unserem Land weniger Straftaten haben, als noch vor 20 Jahren und auch die Zahl der Wohnungseinbrüche, nach einem zwischenzeitlichen Anstieg, wieder zurückgegangen ist."

Auch der Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Hans Jürgen Lange von der Hochschule der Polizei und Rechtswissenschaftler Prof. Dr. Martin Morlok von der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität warnten vor politisch überzogenen und unrealistischen Forderungen, die eher die Unsicherheit als die Sicherheit steigern würden. Sehr anschaulich entwarf Lange das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Interessen- und Entscheidungs-Geflecht, in dem Polizei zwischen europäischer, nationaler, regionaler und kommunaler Ebene agieren müsse. Er plädierte für eine "sachliche Diskussion" darüber, "was wir von der Europäischen Union, vom Bund, von den Ländern und Städten in Sachen Innere Sicherheit erwarten?"

Lange und Morlok waren sich darin einig, "dass Sicherheit immer auch ein subjektives Gefühl ist" und man das Kind nicht mit dem Bade ausschütten dürfe. "Es wäre doch fatal, wenn die Eingriffsrechte des Staates derart ausgeweitet würden, dass der Staat selbst zum Sicherheitsrisiko für die Freiheit seiner Bürger" werde, warnte Morlok. Er gan aber auch zu: "Die Frage, ob der demokratische Rechtsstaat die Innere Sicherheit gwährleisten kann, ist für diesen Staat nicht mehr und nicht weniger, als eine Legitimationsfrage."

Mit Blick auf den Bericht der Krankenhaus-Mitarbeiterin warnte Professor Lange davor, dass die Akzeptanz des Rechtsstaates Schaden nehmen könne, wenn Straftäter und Menschen, die sich nicht an die rechtlichen und gesellschaftlichen Regeln hielten, dafür nicht ausreichend und rechtzeitig zur Rechenschaft gezogen würden.

Polizeipräsident Richter räumte ein: "Ja es gibt das Problem der kriminellen Familienclans und es gibt Brennpunkte, aber wir haben bei uns keine No-Go-Aereas, in die sich Polizei und Bürger nicht mehr hienin trauen würden." Dass die Sicherheitslage im Ballungsraum Ruhrgebiet besser ist, als ihr Ruf, machte der Polizei-Chef mit Blick auf Umfrage-Ergebnisse des Max-Planck-Institutes und der Funke-Mediengruppe deutlich. Danach fühlen sich 86 Prozent der Bürger in Essen und Mülheim sicher. Und sogar 96 Prozent haben Vertrauen in dei Arbeit der Polizei. Richt wies auch auf die 2000 neuenPolizisten hin, die das Land NRW 2015 eingestellt habe. "Wir brauchen keine Sicherheitsdiskussion. Wir brauchen eine Wertediskussion. Und wir müssen soziale Lebensperspektiven schaffen", betonte der Polizeichef und ehemalige Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei. Erschreckt, so Richter, habe ihn der Fall eines älteren Mannes, der vor einem Geldautomaten einen Herzinfarkt erlitten habe und gestorben sei, weil es zwölf Minuten gedauert habe, ehe der erste Bankkunde, nicht über den am Boden liegenden Mann hinweggestiegen sei, sondern einen Rettungswagen gerufen habe.

"Ich glaube nicht, dass die Menschen heute roher sind als früher. Aber wir bewegen uns heute in einem ganz anderen gesellschaftlichen Umfeld, in dem die christlichen Kirchen ihre ethische und soziale Deutungshohheit verloren haben und viele Wertmaßstäbe verrückt sind, weil sich immer mehr Menschen nur noch um sich selbst drehen und nicht mehr nach den Rechten und Bedürfnissen anderer Menschen fragen." Am Beispiel von Ordensfrauen, die in Duisburg Bildungs- und Sozialarbeit für junge Zuwanderer und Flüchtlinge leisten, machte der Ruhrbischof deutlich, "dass Bildungs- und Sozialarbeit immer noch der beste Beitrag zur Inneren Sicherheit sind."

Polizeipräsident Richter schilderte in diesem Zusammenhang die Essener Pläne für ein Jugendgerichtshaus, in dem Polizei, Richter, Jugengerichtshelfer, Sozialarbeiter und Sozialpädagogen unter einem Dach zusammenarbeiten sollen, um junge Täter möglichst schnell mit den Konsequenzen ihrer Straftat zu konfrontieren, ihnen aber auch Zukunftsperspektiven dafür aufzuzeigen, "wie sie in ihrem Leben die Kurve bekommen können, damit sie langfristig nicht zur Stammkundschaft der Polizei werden." - Nicht nur der Rechtswissenschaftler Martin Morlok warnte grundsätzlich vor der Versuchung, mit Straftätern kurzen Prozess zu machen. "Denn. so Morlok, "die anwaltliche Verteidigung in einem ordnungsgemäßen gerichtsverfahren sind ein Menschenrecht."

Dieser Text erschien am 29. Oktober 2016 im Neuen Ruhrwort 

Sonntag, 18. Dezember 2016

Herr Fleischmann mag es vegetarisch: Der Bio-Caterer aus Broich ist von seinem gesunden Ernährungsangebot überzeugt, aber ewig lockt die Currywurst die eher fleischeslustigen Kunden

Bio-Caterer Andreas Fleischmann bei der Arbeit
Früher arbeitete Andreas Fleischmann  als Wirtschaftsinformatiker in der Aldi-Hauptverwaltung an der Mintarder Straße 40. Heute steht er dort dienstags, zwischen 10 Uhr und 13.30 Uhr mit seinem Imbiss-Wagen und bietet seinen ehemaligen Kollegen einen mobilen Mittagstisch an.

Wer Lust auf Pommes, Currywurst und Pizza hat, wird bei Andreas Fleischmann nicht glücklich. Wer es etwas gesünder und natürlicher mag, kommt bei dem 33-Jährigen Bio-Caterer voll auf seine Kosten.

Auf seiner Speisekarte, die er mit grüner, roter und weißer Kreide auf eine Tafel geschrieben hat, stehen Gerichte, wie zum Beispiel sämige Smoothies aus Mango, Apfel, Banane, Zitronen, Spinat, Datteln und Ingwer, eine Linsensprossen-Bolognese oder ein Thai-Curry-Eintopf , Kartoffeln und Kichererbsen, Chilli con carne mit Rindfleisch aus ökologischer und tiergerechter Rinderzucht, jeweils mit  Basmatireis. Oder auch ein gemischter Salat mit Blattsalat, Hirsesalat, Paprika, Olivenöl und Kräutern.

Früher beschäftigte sich der Mittdreißiger aus Broich vor allem mit Zahlenkolonnen in seinem Computer. Doch 2011 kam die Wende, als auch manches andere in seinem Leben im Umbruch war. Er beschäftigte sich mit gesunder Ernährung und mit der Frage, „ob ich mein ganzes Leben hinter dem Schreibtisch meines Büros verbringen will oder etwas Sinnvolleres mit meinen Händen tue, das Menschen  gut tut“. Es fing mit einer Internetrecherche an. Andreas Fleischmann wollte wissen, wie man selbst Soja-Milch herstellen kann. Dabei stieß er unter anderem auf Hochleistungsmixer, mit denen er heute seine Smoothies herstellt. Auf den Laien wirken sie wie ein bevorzugt grüner Gemüsesaft. „Doch er ist mehr als das, weil alle Bestandteile der Lebensmittel verarbeitet werden und so nicht nur die Vitamine und Spurenelemente, sondern auch die für den Körper notwendigen und besonders nährwertigen Ballast- und Faserstoffe erhalten bleiben. Sie können so unter anderem die Verdauung fördern,“ erklärt Fleischmann den Mehrwert der Smoothies.

Was ihm selbst gut tut und dazu führt, „dass ich seltener krank und insgesamt  vitaler bin“, bietet er seit 2014 seinen Kunden an. Die trifft er nicht nur dienstags auf dem Aldi-Park-Platz an der Mintarder Straße, mittwochs zur gleichen Zeit auf dem Aldi-Park-Platz an der Oberen Saarlandstraße 2 und samstags von 9 bis 15 Uhr auf dem Saarner Pastor-Luhr-Platz, sondern auch bei Musikfestivals, Festen oder zuletzt bei der Eröffnung der neuen Geschäftsstelle der Mülheimer Klimaschutzinitiative und des Agendabüros am Löhberg.

„Es ist schwer gegen die Pommes-und-Currywurst-Mentalität anzukämpfen, aber ich gebe mir Zeit und probiere immer wieder verschiedene Sachen aus, um herauszufinden, was bei den Kunden besonders gut ankommt“, sagt Fleischmann.
2014 wagte der alleinerziehende Vater eines siebenjährigen Sohnes den Sprung ins kalte Wasser. Er investierte 5000 Euro in die Anschaffung seines Imbisswagens und der dazugehörigen  gastronomischen Grundausstattung.

Schnell hat der ehemalige Büromensch mit geregeltem Einkommen und geregelten Achtstundentagen gemerkt, dass er als Kleinunternehmer in Sachen gesundes Essen (neudeutsch: Vital Food) zwar sein eigener Chef ist und selbst über seine Zeit bestimmen kann, aber „selbst und ständig aktiv sein muss“, ohne am Tagesbeginn zu wissen, ob am Tagesende die Kasse stimmt. 
Mit diesem wettertechnisch suboptimalen Dienstag auf dem Saarner Aldi-Parkplatz ist Fleischmann jedenfalls auch umsatztechnisch nicht zufrieden. Zwölf Aldi-Mitarbeiterinnen und drei -Mitarbeiter sowie eine Stammkundin aus einer nahegelegenen Steuer-Kanzlei haben sich von Fleischmann gesund und lecker ernähren lassen, „weil das eine gesunde Abwechslung auf dem Speiseplan ist“, „weil es einfach schmeckt und gut tut“ und: „weil Herr Fleischmann immer so freundlich ist“.

Aber als er nach drei Stunden auf dem Parkplatz seinen Imbisswagen abtakelt und seine am Morgen liebevoll geschnibbelten und in einer Gewerbeküche vorgekochten Köstlichkeiten wieder einpackt, sind seine Warmhaltetöpfe noch lange nicht leer.

„Was übrig bleibt, esse ich selbst oder gebe es an Freunde ab“, erzählt Fleischmann. Doch ein wirklich guter Tag ist für den selbstständigen Bio-Caterer nur ein Tag, an dem er seinem siebenjährigen Sohn Jurj, den er nachmittags aus der Offenen Ganztagsgrundschule abholt, erzählen kann: „Heute hat der Laden wieder gebrummt.“ Heute war kein solcher Tag. Höchste Zeit, um nach der Buchhaltungsarbeit am heimischen Schreibtisch beim Krafttraining oder beim Fußballspiel in einer Hobbymannschaft wieder aufzutanken. Aber morgen ist ja ein neuer Tag. Auch diesen Tag wird der ernährungsbewusste Andreas Fleischmann wieder mit einem gesunden Müsli-Frühstück und frischem Obst beginnen.

Dieser Text erschien am 17, Dezember 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung  

Samstag, 17. Dezember 2016

Von Aleppo nach Mülheim: Nach ihrer lebengefährlichen Flucht aus dem Kriegsland Syrien sieht die Familie Albakri ihre Zukunft jetzt in der Stadt an der Ruhr


Die Familie Albakri und ihre Mülheimer Unterstützerin Gisela de Lorie
Aleppo. Fliehende Menschen. Zerbombte Straßenzüge. Kämpfende Soldaten. Die Nachrichten aus der einst blühenden Wirtschaftsmetropole im Nordosten Syriens bedrücken jeden, der sie sieht oder liest.  Für Amea Albakri (49), seine Tochter Jovel Albakri (20) und seine Frau Zeinab Shik Hasan (47) sind die Bilder und Nachrichten aus der Stadt, die bis vor zwei Jahren ihre Heimat war, eine traumatische Erfahrung.

„Ich weine jeden Tag, wenn ich an unsere Verwandten und Freunde und alle Menschen denke, die dort leben, leiden und sterben“, sagt Zeinab Shik Hasan. Sie hat bis 2014 mit ihrer Familie im Westen Aleppos gelebt und als Erzieherin und Lehrerin in einem Kindergarten und in einer Grundschule gearbeitet. Ihr Mann war als Bauingenieur für den Straßenbau in Aleppo zuständig. Nebenberuflich hat er eine kleine Buchhandlung betrieben und Gedichte veröffentlich. Ein Gedicht war dem Regime von Präsident Bashar al-Assad zu kritisch und brachte ihn für drei Monate ins Gefängnis.

Tochter Joud, die 2014 in Aleppo ihr Abitur gemacht hat, sah auf ihrem Schulweg immer wieder Leichen auf der Straße liegen, erlebte Bombenein- und -anschläge und hatte vor allem Angst vor den Checkpoints, die zu passieren waren. „Als junge Frau musste man immer Angst haben, von Soldaten misshandelt oder verschleppt zu werden“, erinnert sie sich.

Auch Schutzgeldzahlungen an  Militärs, Stromausfälle, explodierende Lebensmittelpreise und eine immer schlechter werdende Trinkwasserversorgung  gehörten für die Albakris zum Kriegsalltag im seit 2012 umkämpften Aleppo. „In Aleppo kämpfen nicht nur syrische, sondern auch russische, iranische und afghanische Soldaten“, berichtet Amea Albakri.

Er zeigt auf seinem Smartphone Fotos von der historischen Altstadt Aleppos und ihrem Basar, die 1996 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt worden und auch mit deutscher Hilfe restauriert worden waren. „Alles kaputt. Alles fertig“, sagt Albakri mit einem traurigen Blick und einer wegwischenden Handbewegung. 2014 entschloss sich die Familie, ihre Neffen, Brüder, Schwestern, Mutter und Vater und mit ihnen ihre gutbürgerliche Existenz in Aleppo zurückzulassen und über das Mittelmeer und die Balkanroute zu fliehen. 

Per Whatsapp halten sie Kontakt mit Freunden und Verwandten in Aleppo. „Unsere Flucht hat uns insgesamt 28 000 Euro gekostet“, erinnert sich Amea Albakri. Und über die lebengefährliche Überfahrt in einem überfüllten Schlauchboot sagt seine Tochter: „Das war für mich schlimmer als in Aleppo.“ Dennoch sind sie und ihr Vater einig, „dass unsere Zukunft in Deutschland liegt, weil Syrien auch dann nicht stabil sein wird, wenn al-Assad seine Macht aufgeben würde“.

Alle Familienmitglieder, die seit einem Jahr in einer Wohnung an der Wallstraße leben, besuchen derzeit Sprachkurse und haben bereits eine Deutsch-Prüfung bestanden. Joud Albakri möchte im Februar an der Hochschule Ruhr-West ihr Ingenieurstudium beginnen. Was ihr fehlt, ist ein deutsch-arabisches Ingenieurs-Wörterbuch. Ihre Mutter möchte gerne in einer Kindertagesstätte ein Praktikum machen.

Und der Vater, der auch gerne in einem Straßenbauunternehmen arbeiten würde, hat bereits einen Gewerbeschein beantragt und wartet seit sechs Monaten auf Nachricht vom Amt. „Solange ich nicht als Ingenieur arbeiten kann, könnte ich mir auch vorstellen, mein Geld mit einem Lebensmittelgeschäft, mit einem Restaurant oder mit arabischen Sprachkursen zu verdienen“, blickt Vater Albakri in seine berufliche Zukunft in Deutschland.

Auch wenn Mutter Zeinab Shik Hasan keinen Hehl daraus macht, dass die mit ihrem Herzen noch bei den Freunden und Verwandten in Aleppo ist, sind sich alle Albakris einig: „Wir sind dem deutschen Volk sehr dankbar, dass es uns in der Not aufgenommen und geholfen hat.“

Diese Hilfe wird der syrischen Familie auch in ihrem Alltag ganz persönlich durch ihre ehrenamtliche Unterstützerin Gisela de Lorie vom Frauenverband Courage zuteil, die die Familie durch eine andere Frau aus Syrien in deren Sprachkurs kennen gelernt hat.

Dieser Text erschien am 16. Dezember in NRZ & WAZ

Freitag, 16. Dezember 2016

So gesehen: Die Wacht am Weihnachtsbaum

Einen frohen Advent, wünsche ich allen zusammen. Ich bin auch noch da und halte die Wacht am Weihnachtsbaum auf dem Weihnachtstreff an der Schloßstraße. Ich bin kein Pappkamerad, sondern aus ganz besonderem Holz geschnitzt.

Ja, ich bin der schmucke und freundlich drein schauende Soldat mit Trommel. Leider hat mir ein behämmerter Zeitgenosse, der offensichtlich nicht alle Kerzen auf dem Christbaum hat, bei Nacht und Nebel meinen Klöppel geklaut.

Aber was will man erwarten in Zeiten, in denen auch so manches Christkind in seiner Krippe nicht mehr sicher vor Dieben und Entführern ist, denen einfach nichts mehr heilig ist, so wie den Kindern, die am Wochenende Leuchten von einem geschmückten Weihnachtsbaum rissen und in seinem Schatten mit Knallfröschen hantierten, weil sie wohl nichts besseres mit ihrer Zeit anzufangen wussten.

Umso bestürzter war ich, als ich angesichts solcher unbesinnlichen Aussichten jetzt erfahren musste, dass ausgerechnet die lokale Arbeitsgruppe der Kinderhilfsorganisation Unicef, die ihre Grußkarten alle Jahre wieder im Rhein-Ruhr-Zentrum für den guten Zweck verkauft, aus brandschutztechnischen Gründen ausgeladen worden ist. Aber ich kann nicht glauben, dass sich die Kameraden im dortigen Centermanagement nicht doch noch eines besseren besinnen, weil auch sie wissen, dass sie ihr Weihnachtsgeschäft am Ende einem Christkind zu verdanken haben, das ebenso auf der Schattenseite des Lebens geboren wurde, wie heutzutage viele Kinder hierzulande und in aller Welt.

Für sie müssen wir was tun, wenn wir Weihnachten noch ernsthaft als Frohes Fest des Friedens feiern und keinen Flächenbrand riskieren wollen.


Dieser Text erschien am 12. Dezember 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 15. Dezember 2016

Starthilfe für den Nachwuchs: Erzieherin Barbara Laux und ihre Kolleginnen sorgen dafür, dass Kinder für ihr Leben stark gemacht werden

Erzieherin Barbara Laux
Hast du ,Aa’ in der Hose?“ fragt Barbara Laux einen Jungen, der sich auf dem Teppich ihres Kindernestes mit Lego-Steinen beschäftigt. Die Erzieherin, die seit 25 Jahren beruflich in den Kindergarten geht, hat einen Blick dafür, ob der Nachwuchs die Hosen voll hat. Bevor sie zwei Mädchen weiter aus einem Bilderbuch vorliest, bringt sie den jungen Mann wieder auf Vordermann. 

Zusammen mit ihrer Kollegin Nina Hunhoff betreut Laux die Ein- bis Dreijährigen in der Heißener Kindertagesstätte Hummelwiese. Auch wenn ihr Kindernest überschaubar ist, streift sie mit dem einen oder anderen Kind regelmäßig durch die anderen Räume der Kita. Ben möchte mit ihr im Atelier basteln. Dean will einfach nur mit ihr in den Gängen der Hummelwiese spazieren gehen. Queenita und Johanna kommen mit einem Bilderbuch zu ihr.

Später setzen Noah und Malte das CD-Radio neben dem Vorlese- und Kuschelsofa in Gang. Kinderlieder erklingen und die unermüdlichen Zwerge aus dem Kindernest hüpfen, gestikulieren und tanzen, was das Zeug hält. Barbara Laux macht mit, hat ihre Augen aber überall und achtet darauf, dass keines der kleinen Energiebündel im Eifer des Gefechtes vielleicht stürzt und dabei mit dem Kopf gegen den Heizungskörper schlagen könnte.

Auch als sich später einige ihrer Nest-Kinder in einer selbst gebauten Höhle verstecken, lässt sie die Kleinen zwar gewähren, aber keinen Moment lang aus dem Blick.
Auch dem Wunsch von Laura und Finn, in den Bauraum zu gehen, wo sich die beiden auf zwei Schaukelpferden ein Wettrennen liefern, ehe sie in einer Küchen-Spiel- und Kuschelecke  mit einem kleinen Plüschbären Vater, Mutter, Kind spielen, kommt Laux erst nach, als ihre Kollegin mit einem Wasch-und-Wickel-Kandidaten zurück ins Kindernest kommt, um den Rest der Trabanten zu betreuen und im Blick zu behalten.

Was auf den ersten Blick spielerisch wirkt, ist beim zweiten Hinsehen eine anstrengende und verantwortungsvolle Aufgabe, bei der die Präsenz und Persönlichkeit der Erzieherin gefordert ist. Die Kinder sind quirlig und kommen im Minutentakt auf neue Ideen, was man denn noch so alles unternehmen könnte.

Während Laux mit zwei Kindern kleine Häuser und Autos aus Legosteinen baut, sieht sie, dass einem dritten Kind die Nase läuft: „Komm, wir müssen mal deine Nase putzen und dann wirfst du das Taschentuch weg. Nein, nicht ins Regal, sondern in den Mülleimer!“

Auch beim gemeinsamen Mittagessen, das Hauswirtschafterin Gisela Tiefenbach jeden Tag frisch zubereitet, kommt keine wirkliche Ruhe auf. Aufdecken, abdecken. Zwischendurch wird hier gefüttert und dort beim Führen der Gabel  geholfen, damit alle Kinder beim Essen auf ihre Kosten und niemand zu Schaden kommt.

„Vieles hat sich verschoben“, sagt Laux im Rückblick auf ihre 25 Berufsjahre, von denen sie die ersten zwölf Jahre in einer Styrumer Kindertagesstätte und die letzten 13 Jahre in der Kita Hummelwiese verbracht hat. „Man kann vieles nicht mehr voraussetzen und muss manchmal seine Ansprüche zurückschrauben“, erklärt Laux.

Die Erzieherin erlebt in ihrem Arbeitsalltag, dass die Unterschiede zwischen den Elternhäusern, aus denen die Kinder in die Kita kommen, wachsen. Vielen muss vieles von den Erzieherinnen erst beigebracht werden, was die meisten Kinder früher selbstverständlich von Zuhause mitbrachten.

Das fängt bei der Sprache an. Auch wenn man von den ganz selbstverständlich miteinander spielenden und umgehenden Kindern lernen kann, wie Integration funktioniert, wenn man sich auf die Gemeinsamkeiten konzentriert und Unterschiede nicht überbetont, fällt doch auf, dass Laux in dem einen oder anderen Fall von der deutschen in die englische Sprache wechseln muss, um sich  verständlich zu machen. Auch wenn sich die Erzieherin offensichtlich darum bemüht, viel und deutsch mit den Kindern zu sprechen, um spielerisch ihren Wortschatz auszubauen, weiß sie doch, dass in einigen Elternhäusern eher Englisch als Deutsch die Umgangssprache ist.

Deshalb müssen die Erzieherin und ihre Kolleginnen nicht nur mit Kindern, sondern auch mit Eltern arbeiten, mal in Einzelgesprächen, mal im Rahmen gemeinsamer Kita-Aktivitäten und mal mit Hilfe von informativen Elternabenden, etwa zu den Themen Erziehung, Gesundheit und Ernährung, zu denen dann auch schon mal externe Referenten eingeladen werden.
Alles muss dokumentiert werden

Ganz nebenbei müssen Laux und ihre zehn Kolleginnen, Kita-Leiter Michael Voßebein ist der einzige Mann im Haus, für jedes der 78 Kinder in der Kita Hummelwiese ein Familienbuch führen, in dem sie mit Fotos und Texten den jeweiligen Entwicklungsstand und Entwicklungsfortschritt und damit das Ergebnis ihrer Arbeit dokumentieren.

Laux und Voßebein sind sich einig, dass es Kinder im multimedialen Zeitalter schwerhaben, der allgemeinen Reizüberflutung durch Fernsehen, Internet- und Smartphone zu entgehen und sich etwa im selbstvergessenen Spiel ganz auf sich und ihre Fantasie zu konzentrieren.

Warum sind die Erzieherinnen, Ausnahmen bestätigen die Regel, in den Kindertagesstätten meistens unter sich? „Kindererziehung ist im Bewusstsein der meisten Menschen immer noch eine Frauensache, wobei viele unsere Arbeit als ein bisschen spielen unterschätzen und nicht sehen, welche pädagogische und soziale Frühförderung wir täglich leisten müssen.“ Das zeigen auch die Verdienstmöglichkeiten in diesem Beruf. Sie selbst sagt: „Mein Lohn ist kein schlechtes, aber auch kein üppiges Gehalt!“ Doch sie sieht ihren Beruf auch als Berufung, der ihr nicht nur finanzielle Befriedigung verschafft. Und deshalb ist Laux dankbar dafür, dass sie beruflich ihre ganze Kraft und Erfahrung Kindern widmen und deren Entwicklungsfortschritte beobachten kann.

Und wenn dann ihr arbeitsreicher Kindergartentag nach acht bis neun Stunden um 16.30 Uhr zu Ende geht, freut sie sich aufs Joggen und Fahrradfahren, aufs Klavierspielen daheim oder auf gemütliche Treffen mit Freunden.

Dieser Text erschien am 10. Dezember 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 14. Dezember 2016

Ein Haus mit Geschichte: Ein Zeitsprung an der Bismarckstraße

Heute residiert die Zenit GmbH im Haus Urge
Es scheint, als sei die Zeit an der Bismarckstraße 28 stehen geblieben, wenn man die historische Aufnahme aus dem Stadtarchiv mit der aktuellen Fotografie vergleicht und doch liegen etwa 60 Jahre zwischen den beiden Bildern.

Im Kontrast zur äußeren Kontinuität hat die Villa, in der seit 2004 die Zenit GmbH und ihre Mitarbeiter Wirtschafts- und Innovationsberatung betreiben, eine wechselvolle Geschichte.
1913 ließ der Lederfabrikant Baptiste Coupienne die 1100 Quadratmeter große Villa als Wohnsitz für seine Familie errichten. Als Vorbild diente dem Architekten Franz Hagen das Elternhaus von Coupiennes Ehefrau Martha, das Haus Blegge in Paffrath bei Bergisch Gladbach. 1923 verkauften die Coupiennes ihr Haus an Gustav Stinnes, 1924 zogen hier der Industrielle Hugo Stinnes junior und seine Familie ein. Bis 1975 blieb das Haus im Besitz der Familie Stinnes, ehe es vom Max-Planck-Institut für Kohlenforschung als Gästehaus erworben wurde. Allerdings musste die Familie Stinnes ihr Wohnhaus zwischen 1945 und 1946 für die britische Militärregierung räumen. „Von meinen Eltern weiß ich, dass sich dort im Sommer 1945 auch die damaligen Chefs der britischen und amerikanischen Militärregierung, Bernhard Montgomery und Dwight D. Eisenhower zu einer Lagebesprechung trafen“, berichtet der 1936 geborene Walter Neuhoff. Auch andere prominente Zeitgenossen, wie Kurt Tucholsky, Wilhelm Furtwängler, Albert Schweitzer oder Willy Brandt waren im Laufe der Jahre in der Villa an der Bismarckstraße zu Gast.

Dieser Text erschien am 13. Dezember 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 12. Dezember 2016

Gute Nachbarn machen das Leben schön: Das Centrum für bürgerschaftliches Engagement ist auf viele gute Beispiele gestoßen und wird diese im Medienhaus als vorbildlich präsentieren

Eine gute Nachbarschaft gibt es nicht nur an der Jägerhofstraße
Es gibt noch gute Nachrichten. Zum Beispiel die, dass es noch gut funktionierende Nachbarschaften gibt, in denen sich Menschen kennen und helfen. Das zeigt ein Aufruf des Centrums für bürgerschaftliches Engagement (CBE), Fotos und Texte zum Thema gute und engagierte Nachbarschaft einzureichen, die ab dem 19. Januar in eine Ausstellung im Medienhaus am Synagogenplatz einfließen sollen.

„Wir waren positiv überrascht, wie viele Bürger sich für ihre Nachbarn engagieren, ohne viel Aufhebens von ihrem Einsatz zu machen“, schildern CBE-Geschäftsführer Michael Schüring und Mitarbeiterin Anna Maria Allegrezza ihre Erfahrungen aus den Gesprächen. „Gute Nachbarschaften brauchen Zeit, um zu wachsen, und den Mut, aufeinander zuzugehen und sich kennen zu lernen“, betont Alexandra Tinovic von der Mülheimer Wohnungsbaugenossenschaft MWB. Sie unterstützt im Rahmen des MWB-Vereins Mülheimer Nachbarschaft seit sieben Jahren die Nachbarschaftsaktivitäten der rund 4800 MWB-Mitglieder und Mieter, etwa durch die Organisation von Nachbarschaftsfesten und gemeinsamen Ausflügen oder durch die beratende Moderation in Konfliktfällen.

Im Rahmen des CBE-Projektes „Engagierte Nachbarn“ stellte sie zum Beispiel Kontakte zu gut funktionierenden Nachbarschaften am Fünter Weg und an der Buggenbeck her.

Auch an der Jägerhofstraße, am Saarnberg, im Bereich Sternstraße, Mergelstraße und Lierberg, an der Hölterhöhe, am Bickenborn, an der Liverpoolstraße oder am Priestershof geben Menschen mit ihrem Miteinander ein Beispiel für gute Nachbarschaften ab.

Die Bandbreite der gelebten Nachbarschaft reichen von gemeinsamen Festen und regelmäßigen Nachbarschaftstreffen über Hilfestellungen in persönlichen Notlagen über Einkäufe für alte und immobile Nachbarn bis hin zum Baby-Sitting für Eltern, die sich mal einen schönen Abend ohne ihre Kinder machen möchten.

Da werden Nachbarn mal zu Kaffee und Kuchen eingeladen oder man nimmt sich einfach mal Zeit für ein Gespräch, engagiert sich gemeinsam für Flüchtlinge, hilft sich gegenseitig bei Reparaturen oder Renovierungen. Aber es werden auch Adventsfeiern und Hauskonzerte organisiert.
Dieser Text erschien am 10. Dezember 2016 in NRZ & WAZ

Freitag, 9. Dezember 2016

Die Willy-Brandt-Schule in Styrum feiert ihr 30-jähriges Bestehen

Ein Banner weist auf das
Schul-Jubiläum hin
30 Jahre Gesamtschule in Styrum. Das feiert die Willy-Brandt-Schule, so heißt sie seit 1993, eine ganze Woche lang. Bereits am Montag startete eine Projektwoche zum Schuljubiläum. Am Donnerstagabend werden geladene Gäste vom schuleigenen Catering bekocht und mit einem Bühnenprogramm gut unterhalten. Und am Freitag geht die Festwoche zwischen Oberhausener Straße, Augustastraße und Willy-Brandt-Platz von 15 bis 18 Uhr mit einem Schulfest zu Ende.
"Anfangs wollen viele Styrumer die neue Gesamtschule nicht. Sie versuchten vor Gericht den Erhalt der dort existierenden Hauptschule durchzusetzen", berichtet die heutige Schulleiterin Ingrid Lürig, aus den Analen der Schulgeschichte. Die Pädagogin hat 28 der 30 Schuljahre mit erlebt und gestaltet.

Bildung vor der Haustür

"Vor der Gründung der Gesamtschule mussten die Styrumer ihren Stadtteil verlassen, um einen weiterführenden Schulabschluss zu erlangen, der über den Hauptschulabschluss hinaus ging", erinnert Lürig, die die Leitung der Schule 2012 von deren Gründungsrektor Behrend Heeren übernommen hat.
Für Lürigs Stellvertreter Mathias Kocks ist der erste sozialdemokratische Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger Willy Brandt der beste Namens-Patron, den sich die von Anfang an multikulturell geprägte Gesamtschule wünschen kann, "weil er als Mensch und Politiker für soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit und Frieden stand." Nicht ohne Genugtuung berichten Kocks und Lürig von Kindern, die mit einer Hauptschulempfehlung von der Grundschule kamen und später an der Gesamtschule ein gutes Abitur gemacht haben.

"An unserer Schule wird Schülern nicht nur Wissen vermittelt. Wir erziehen sie auch und halten ihre Bildungslaufbahn lange offen, so dass auch Spätentwickler noch eine Chance bekommen, sich für die Oberstufe zu qualifizieren und dort ihr Abitur machen zu können", beschreibt Lürig den pädagogischen Markenkern, der Willy-Brandt-Schule, die vom ersten Tag an eine Ganztagsschule war. Dass die Schülerzahl in den letzten 30 Jahren von 86 auf 1000 angestiegen ist und heute rund 80 Prozent der Schüler aus dem Stadtteil Styrum kommen, zeigt, dass die jüngste von heute drei Mülheimer Gesamtschulen in Styrum angekommen ist.


Dass hier jeder Schüler, ob aus bildungsnahem oder bildungsfernem Elternhaus, hier genug Förderung und Zeit bekommt, um in seinem eigenen Tempo, das Potenzial zu entwickeln, das er hat, wird durch schuleigene Differenzierungssystem gewährleistet. Grund-, Erweiterungs- und Förderkurse, aber auch eine unverkürzte neunjährige Schulzeit bis zum Abitur sind die dafür notwendigen Bausteine. Mit dem Hinweis auf das Zentralabitur und die dokumentierten Prüfungsergebnisse treten Kocks und Lürig dem immer mal wieder zu hörenden Vorurteil entgegen, das Gesamtschul-Abitur sei weniger wert, als das an einem Gymnasium abgelegte Abitur.
Zum pädagogischen Fundament der Schule, die durch einen Um- und Ausbau 2012 auf den bautechnisch modernsten Stand gebracht werden konnte, zählt ihr Führungstandem auch die zahlreichen Kooperationen, etwa mit der Rheinisch-Westfälischen Wasserwerksgesellschaft RWW (Haus Ruhrnatur und Aquarius) oder der Styrumer Feldmann-Stiftung. Auch durch ihre Mitarbeit in der Stadtviertelkonferenz, bei Stadtteilfesten oder eine enge pädagogische Zusammenarbeit mit den Styrumer Grundschulen, konnte sich die Willy-Brandt-Schule, im Stadtteil zu einer gut verankerten Bildungs- und Kulturinstitution entwickeln. Dazu gehört auch, dass die Schulbücherei gleichzeitig als Stadtbibliothek genutzt wird.

Mehr Lehrer braucht die Schule

Dass ihre Schule aber auch im 30. Jahr ihres Bestehens eine Baustelle bleibt, obwohl sie inzwischen über beste bauliche und räumliche Rahmenbedingungen verfügt, machen Lürig und Kock mit Blick auf die jüngsten pädagogischen Herausforderungen deutlich, die der gemeinsame Unterricht von Kindern mit ohne Handicap sowie die Förderung der sogenannten Seiteneinsteiger mit sich gebracht haben. Derzeit werden insgesamt 30 Flüchtlingskinder- und Jugendliche mit unterschiedlichstem Bildungsniveau in zwei internationalen Vorbereitungsklassen an den Regelunterricht herangeführt. Außerdem nehmen jeweils bis zu fünf Schüler mit unterschiedlichsten Handicaps, von der extremen Sehbehinderung bis zur Lernschwäche, in neun inklusiven Klassen am gemeinsamen Unterricht teil. Auch hier geht es darum, dass alle Schüler gemeinsam, aber in ihrem jeweils individuellen Tempo lernen können. Doch Lürig und Kocks lassen keinen Zweifel daran, "dass wir derzeit für diese pädagogischen Aufgaben von Inklusion und Integration nicht die notwendige Zahl von Lehrern haben, um in diesen besonderen Klassen die dort sinnvolle pädagogische Doppelbesetzung zu gewährleisten." Einschließlich der Referendare arbeiten derzeit 100 Lehrkräfte an der Styrumer Gesamtschule. Weitere Informationen rund um die Willy-Brandt-Schule findet man im Internet unter: www.wbs-mh.de

Dieser Text erschien am 7. Dezember 2016 im Neuen Ruhrwort

Donnerstag, 8. Dezember 2016

So gesehen: Wir sind alle kleine Sünderlein

Die Zeit, in denen die Kinder Fracksausen bekamen, wenn der Nikolaus in seinem purpur-roten Bischofsgewand, seiner Mitra, seinem Ehrfurcht gebietenden weißen Bart und seinem Bischofsstab nahte, sind vorbei.

Das merkte ich gestern, als ich während einer Straßenbahnfahrt das Gespräch zwischen einem Kindergartenkind und seiner Erzieherin hörte. „Ich bin gestern Nacht aufgewacht und habe gesehen, dass vor meiner Zimmertür bereits ein gefüllter Nikolausstiefel stand. Da habe ich mir einfach ein Bonbon stibitzt, aber der Nikolaus hat nichts gemerkt“, ließ das kleine Zuckermäulchen seine perplexe Kindergartentante wissen. „Das kannst du doch nicht machen“, antwortete die Pädagogin mit gespielter Empörung. „Ich glaube schon. Denn ich hatte gerade Hunger und das Bonbon schmeckte wirklich gut“, meinte das kleine Nikolausfrüchtchen.

Ob sich der Nikolaus das in sein Goldenes Buch notiert oder sollte der heilige Mann auch schon mit einem Tablet-Computer unterwegs sein? Wahrscheinlich hat die kleine Naschkatze recht. Denn Sankt Nikolaus ist ja Gott sei Dank kein Erbsenzähler, sondern der Schutzheilige der Kinder und Seeleute. Er weiß, wie schnell gute Vorsätze ins Schwimmen geraten können und hat deshalb sicher auch ein Herz für voreilige kleine Naschkatzen.


Dieser Text erschien am 8. Dezember 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 7. Dezember 2016

Zeitsprung am Rathausmarkt

Der Rathausmarkt im Dezember 2016
Auch für das Jahr 2017 hat der Mülheimer Burkhard Richter einen Kalender „Mülheim in alten Ansichten“ herausgegeben, der jetzt im örtlichen Buchhandel erhältlich ist. Das hier abgedruckte Foto schmückt das Kalenderblatt für den September des kommenden Jahres. Wir sehen den belebten Wochenmarkt auf dem Rathausmarkt in der Zeit um 1910. Damals stand dort noch das erste Mülheimer Rathaus, das Bürgermeister Christian Weuste 1842 dort hatte errichten lassen. Kurz nachdem diese historische Aufnahme aus der Sammlung Burkhard Richters entstand wurde mit dem Bau des heutigen Rathauses begonnen, das im Kriegsjahr 1916 vollendet werden sollte.

Als das historische Bild entstand, hatte Mülheim gerade erst die 100 000-Einwohner-Grenze überschritten und war damit offiziell zur Großstadt geworden. Vor dem alten Rathaus auf dem Rathausmarkt stand um 1910 auch noch das 1873 dort errichtete Mahnmal für die Mülheimer, die als Soldaten im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 ihr Leben verloren hatten.

Die Tradition des Rathausmarktes, auf dem in besseren Zeit rund 30 Händler ihre Waren anboten reichte bis in die 1830er Jahre zurück, als es dort noch gar kein Rathaus gab. Zu dieser Zeit gab es auch noch einen Alten Markt auf dem Kirchenhügel.

In Folge der Ruhrbania-Bauarbeiten wechselten die Wochenmarkthändler 2009 vom Rathausmarkt auf die Schloßstraße. Hier bieten heute in der Regel zehn Händler ihre Waren an, derzeit zusammen mit ihren Nachbarn vom Weihnachtstreff.

Dieser Text erschien am 5. Dezember 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 6. Dezember 2016

So gesehen: Wenn der Nikolaus keine Mütter hätter

Wie wir gestern an dieser Stelle lesen konnten, will Kollege Sesa nicht den Nikolaus geben, weil er ein aus seiner Kindheit herrührendes Weihnachtsmann-Trauma mit sich herumschleppt.

Da ist er in bester Gesellschaft. Schon manche Frau hat sich über einen Traumprinzen geärgert, der sich bei genauerer Betrachtung als Weihnachtsmann entpuppte, weil er ihr erst versprach, die Sterne vom Himmel zu holen und später zu träge war, den Müll herunterzubringen.

Auch für mich brach eine Welt zusammen, als ich im Kindergarten erfuhr, dass der Nikolaus schon lange tot sei. Wer, so fragte ich mich damals verzweifelt, sollte mir jetzt das Telefon schenken, das ich mir vom Nikolaus gewünscht hatte. Damals wurde mir klar, dass Frauen im Zweifel auch die besseren Weihnachmänner sein können. Denn meine Mutter sprang für den verhinderten Nikolaus in die Bresche und sorgte dafür, dass am 6. Dezember ein tolles Telefon mit Wählscheibe auf meinem Nikolausteller stand.


Dieser Teyt erschien am 6. Dezember 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 5. Dezember 2016

Eine Frau teilt aus: DHL-Zustellerin Rebecca Kapelski und ihre 39 Mülheimer Kollegen verteilen vor Weihnachten täglich bis zu 9500 Pakete aus. An normalen Tagen sind es rund 7500: Online-Handel lässt Zustellzahlen steigen

Ein Blick auf den Artikel in der Mülheimer
NRZ-Lokalausgabe
Wer einen Menschen kennen lernen möchte, dem seine Arbeit offensichtlich Freude macht, sollte die DHL-Paketzustellerin Rebecca Kapelski auf ihrer Tour durch Winkhausen und Holthausen begleiten. Für jeden, den sie an der Haustür antrifft, hat die 26-Jährige ein freundliches Wort und ein bezauberndes Lächeln, das bei ihr kein bisschen aufgesetzt wirkt.

Die allermeisten Menschen in ihrem Paket-Revier kennt sie beim Namen. Kein Wunder, dass es ihr nicht schwerfällt, bei Bedarf auch einen Nachbarn zu finden, der die Paketsendung für den gerade abwesenden Empfänger entgegen nimmt. Dann muss dieser nicht den langen Weg zum Postbank-Center am Hauptbahnhof in die Stadt auf sich nehmen, um das Paket dort am nächsten Tag abzuholen.

Manchmal braucht Kapelski ihren Charme aber auch nicht bei Nachbarn spielen lassen, weil die Empfänger einen Ablagevertrag mit der DHL geschlossen hat. Dann weiß die Paketzustellerin, wo sie das Paket abzulegen hat, wenn der jeweilige Empfänger nicht zu Hause ist. Meistens handelt es sich um einen geschützten und nicht einsehbaren Platz auf dem Grundstück des jeweiligen Hauseigentümers.

Kapelski wirkt körperlich stabil, aber auch nicht gerade, wie die weibliche Antwort auf Arnold Schwarzenegger zu seinen besten Body-Builder-Zeiten. Dennoch hievt sie auch das schwere Paket mit der Aufschrift: „Vorsicht, Glas!“ gekonnt über die Straße und die Treppe hinauf bis zum Hauseingang. Schon das Zuschauen  verursacht Rückenschmerzen. Doch Kapelski geht mit Schwung an das nächste Paket heran. 150 bis 200 Pakete wollen zwischen 9 und 16 Uhr verteilt sein. Die junge Frau, die seit zwei Jahren als Paketzustellerin für die DHL arbeitet, hat einen schnellen Schritt.
Anfangs war es gewöhnungsbedürftig

Auch ihren bulligen Kastenwagen, der knapp 3,5 Tonnen Ladegewicht transportieren kann, steuert sie geschickt, durch die zum Teil engen und zugeparkten Straßen. „Das war anfangs aber schon gewöhnungsbedürftig“, gibt Kapelski zu. Wie man solch ein Spezialfahrzeug steuert und bei jedem Ein- und Ausstieg sachgerecht schließt, wie man Pakete hebt, ohne sich gleich das Kreuz zu ruinieren, wie man den kleinen Handscanner handhabt, der Empfänger-Unterschriften speichert oder Rechnungen und Benachrichtigungen für DHL-Kunden ausdruckt und was man als Paketzustellerin rechtlich darf und was nicht, hat sie  während einer zweijährigen Ausbildung gelernt.

Damals fuhr sie in dem Paketlieferwagen, den sie heute selbst steuert, als Auszubildende  auf dem Klappsitz mit, auf dem an diesem Tag ihr Begleiter von der NRZ Platz genommen hat.
„Ich mache meine Arbeit gerne, weil man sehr selbstständig arbeiten kann, viel an der frischen Luft unterwegs ist und viel mit Leuten zu tun hat“, sagt Kapelski, die als Paket-Zustellerin mit einem monatlichen Netto-Gehalt von 1400 Euro nach Hause kommt, wo ihr Hund, ihr Freund und dessen Katze auf sie warten.

Ihre natürliche Freundlichkeit wird von den Kunden gespiegelt. „Schön, dass Sie da sind. Sie strahlen ja mit der Sonne um die Wette“, sagt eine Dame. Eine andere Kundin schenkt ihr ein Stück Seife, weil sie findet, „dass sie ihre schwere Arbeit wirklich gut macht und dafür eigentlich viel mehr verdienen müsste“. Ein Mann scherzt: „Ich brauche eigentlich gar nichts mehr, aber ich bestelle immer wieder Pakete, damit Frau Kapelski bei mir vorbeikommt.“
In der Woche vor Weihnachten kommen Kapelski und ihre 40 Mülheimer DHL-Kollegen besonders häufig vorbei. Denn dann steigt die Zahl der  täglich von ihnen ausgelieferten Pakete von rund 7500 auf rund 9500 an. „Die Zahl der von uns zugestellten Pakete hat sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt“, weiß DHL- und Post-Sprecher Dieter Pietruck zu berichten.

Wer Rebecca Kapelski morgens um 8.30 Uhr beobachtet, wie viele Pakete sie in ihren Lieferwagen packt und später von Haustür zu Haustür, treppauf, treppab, bergauf, bergab trägt, dem wird schwindelig. Und man bekommt plötzlich eine Ahnung davon, wie sehr der Online-Handel heute dem stationären Einzelhandel in der Stadtmitte und in den Stadtteilen zusetzt.
Regina Kapelski, die schon einmal als Schülerin bei einem anderen Kurierdienst gearbeitet hat, bei dem auch ihre Eltern damals tätig waren, kauft selbst gerne klassisch in Geschäften ein. Nur einmal hat sie einen Kratzbaum für die Katzen ihres Freundes im Internet gekauft und dann auch durch einen ihrer Kollegen als Paket zugestellt bekommen.

Und was macht die Paket-Zustellerin, wenn sie keine Pakete transportiert? „Wenn ich nach der Arbeit nach Hause komme, dann lege ich mich erst mal auf eine Wärmedecke, um meinen Rücken zu entspannen. Entspannen kann ich mich aber auch, wenn ich mit meinem Freund und meinem Hund spazieren gehe oder zuhause Heavy-Metal-Musik höre“, erzählt Rebecca Kapelski über ihr Leben jenseits ihrer Arbeit.      

Dieser Text erschien am 3. Dezember 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung