Samstag, 16. Dezember 2017

Der ehemalige Ratsherr und Redakteur Franz Matuszczyk ist jetzt im Alter von 91 Jahren gestorben

Franz Matuszczyk (2.v.l.) bei einer Jubilarehrung der CDU im Jahr 2011
Er war der älteste noch lebende ehemalige Stadtrat und Ehrenringträger. Jetzt ist Franz Matuszczyk im Alter von 91 Jahren gestorben. Der  langjährige Lokalpolitiker und Lokaljournalist saß unter anderem auch dem Kulturausschuss des Rates vor.

Ähnlich, wie der erste Redaktionsleiter der Neuen Ruhr Zeitung, Otto Striebeck, war Matuszczyk publizistisch und politisch aktiv. Während sich Striebeck als Ratsherr und Bundestagsabgeordneter für die SPD engagierte, leitete der Christdemokrat Matuszcyk zwischen 1950 und 1974 die Lokalredaktion der Ruhrnachrichten und gehörte von 1952 bis 1974 dem Rat der Stadt an.
1926 im westfälischen Hamm geboren, wollte Matuszczyk eigentlich nach dem Abitur (1946) Geschichte und Germanistik studieren. Doch weil im Elternhaus das Geld fehlte und er schnell seinen eigenen Lebensunterhalt verdienen wollte, entschloss er sich ein Redaktionsvolontariat bei der Westfalenpost zu absolvieren. 1949 wechselte er als Lokalredakteur zu den damals neu gegründeten Ruhrnachrichten nach Dortmund. Dort wurde er 1950 mit dem Aufbau und der Leitung der Mülheimer Lokalredaktion betraut.

Weil ihn der damalige Bürgermeister und CDU-Kreisvorsitzende Wilhelm Diederichs 1951 für die CDU gewann, wurde der in Speldorf lebende und im Speldorfer Bürgerverein aktive Matuszczyk nicht nur zum Chronisten, sondern auch zum Akteur der Mülheimer Nachkriegsgeschichte. Politisch und publizistisch begleitete Matuszcyk, der dem Kultur- und dem Schulausschuss angehörte, unter anderem den Wiederaufbau der Stadthalle, den Aufbau des Speldorfer Hafens, die Einrichtung eines neuen städtischen Kunstmuseums und die ersten Planungen für die 1979 eröffnete Volkshochschule an der Bergstraße.

Weil sich die Ruhrnachrichten 1975 aus Mülheim zurückzogen, musste sich Franz Matuszczyk beruflich und räumlich verändern und wechselte deshalb als städtischer Pressesprecher nach Münster.

Dieser Text erschien am 16. Dezember 2017 in der NRZ und in der WAZ

Freitag, 15. Dezember 2017

Ansichten einer Feldlerche

Als Feldlerche habe ich es nie verstanden,  dass Menschen, ihren Artgenossen, die ihnen als schräge Vögel erscheinen, vorhalten, einen Vogel zu haben. Doch inzwischen habe ich eine Ahnung davon, was sie damit meinen. Denn die Spatzen pfeifen es ja schon länger von den Dächern, dass der britische Sänger und Liedermacher Ed Sharan, ausgerechnet zu unserer besten Brutzeit  in unserem Brutrevier am Flugplatz Essen/Mülheim 80 000 Vögel mit seinem Gesang anlocken will, die für dieses Vergnügen auch noch bis zu 85 Euro und auf dem Schwarzmarkt sogar bis zu 425 Euro bezahlen. Freiwillig. Das müssen ja wirklich schräge Vögel sein. Da wird doch die Feldlerche, die als Singvogel täglich Gratiskonzerte gibt, in ihrem Nest verrückt.

Liebe Menschenkinder, ich kann euch nur eines flöten. Seid froh, wenn ihr noch einen Vogel habt, der euch kostenlos etwas vorzwitschert und unsere Natur und mit ihr die Menschheit noch nicht auf dem allerletzten Loch pfeift. Denn diesen Abgesang unseres gemeinsamen Öko-Systems wünscht man auch dem schrägsten Vogel unter unseren und euren Artgenossen nicht. Vielleicht kann Ed Sharan ja außerhalb unserer Brutzeit am Flughafen seine Lieder zwitschern. 

Dieser Text erschien am 14. Dezember 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 14. Dezember 2017

Helfen macht Freude: Jennifer Asamoah macht uns mit ihrem Einsatz Mut

Jennifer Asamoah
Im Rahmen der Reihe "Menschen im Ehrenamt" in Kooperation mit dem CBE, stellen wir heute die Schülerin Jennifer Asamoah vor.

Die Jugend von heute denkt doch nur an sich selbst. So denken viele und verkennen damit, dass die Wirklichkeit vielseitiger ist. Es sind junge Menschen, wie Jennifer Asamoah aus Eppinghofen, die uns Mut machen und an eine gute Zukunft glauben lassen.
Die 16-jährige Schülerin engagiert sich neben ihrer Ausbildung an der Gesamtschule Saarn ehrenamtlich in den Bereichen Umwelt und Soziales. "Das macht einfach Freude und man lernt viele interessante Menschen kennen, die ähnlich denken und fühlen wie man selbst. Außerdem kann man so mit seinen Möglichkeiten dazu beitragen, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen", erklärt die junge Frau ihre Motivation zum Ehrenamt. Und sie betont: "Das Ehrenamt ist mein Hobby."

"Das Ehrenamt ist mein Hobby"

Im Biogarten der Volkshochschule arbeitet sie ebenso mit wie in dem von Julia Weber geleiteten und beim Centrum für bürgerschaftliches Engagement angesiedelten Team Aladin und beim Christlichen Verein Junger Menschen (CVJM). Das Team Aladin und der CVJM baut durch alltägliche Begegnungen, etwa bei der gemeinsamen Gartenpflege am Medienhaus, bei einem Fußballspiel, einer Modenschau oder beim gemeinsamen und multikulturellen Kochen, Brücken zwischen Mülheimern unterschiedlichster Herkunft. Auch in ihrem ganz normalen Alltag, steht die Schülerin Altersgenossen bei, die Hilfe brauchen, weil sie vielleicht gemobbt werden oder als Flüchtlinge Unterstützung brauchen, um im deutschen Alltag anzukommen. "Die Hilfsbereitschaft habe ich von meiner Mutter", sagt die junge Frau, deren Familie aus Ghana stammt. Sie selbst beschreibt sich als "ehrgeizig", mag aber auch die familiäre Zusammenarbeit mit anderen Menschen. Nicht nur ihren Altersgenossen, sondern auch Lehrern und Eltern rät die 16-Jährige: "Man sollte mehr aufeinander achten. Fragen hilft immer."

Von der Bürgerstiftung ausgezeichnet

Ihr ehrenamtliches Engagement, in das Asamoah wöchentlich 10 bis 15 Stunden investiert, wurde in diesem Jahr mit einem Preis der Bürgerstiftung ausgezeichnet. Inzwischen hat sich Jennifer Asamoah verstärkt mit dem Thema Klimaschutz beschäftigt und auch schon selbst Müll-Beseitigungs-Aktionen gestartet. "Ich versuche auch in meinem Umfeld Menschen davon zu überzeugen, Plastik-Müll und überflüssige Autofahrten zu vermeiden", unterstreicht die umweltbewusste Schülerin, die unter anderem auch aus Gründen des Klimaschutzes zur Vegetarierin geworden ist. Gerne würde sich der Teenager auch bei Greenpeace engagieren. Doch Jennifer Asamoah weiß auch, dass ihre außerschulische Freizeit begrenzt und deshalb nicht alles sofort realisierbar ist. Nach dem Abitur würde sie gerne bei der Stadt Mülheim als als Erzieherin oder als Sozialversicherungsfachangestellte arbeiten.

Dieser Text erschien am 22. November 2017 in der Mülheimer Woche und im Lokalkompass

Mittwoch, 13. Dezember 2017

Zwischen Wiederaufbau und Wirtschaftswunder: Ein Zeitsprung am Rathausmarkt

Fptp Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr
www.stadtarchiv-mh.de
1953 wie 2017. Der Rathausmarkt ist auch Parkplatz. Vor 64 Jahren ist  er aber auch, nomen est omen, ein florierender und viel besuchter Wochenmarktplatz. Fünf Jahre nach der Einführung der D-Mark nimmt das Wirtschaftswunder auch in Mülheim Fahrt auf. Die Autos, die wir auf dem historischen Foto aus dem Stadtarchiv sehen, hätten im Mai 2017 auch bei der Landpartie der Oldtimer mitmachen und erneut auf dem Rathausmarkt parken können. 1953. Man erkennt es, ist die Stadt immer noch von den Folgen des acht Jahre zuvor zu Ende gegangenen Zweiten Weltkrieg gezeichnet. Im Frühjahr werden Mülheims Straßen offiziell als „trümmerfrei“ erklärt. Nach Kriegsende hatten 880 000 Kubikmeter Trümmerschutt auf Mülheims Straßen gelegen.

Auch 1953 kann der 1943 vom großen Luftangriff auf die Stadt  zerstörte Ratsaal nicht genutzt werden. Erst drei Jahre später wird hier wieder Kommunalpolitik gemacht. Die Stadtverordneten weichen bis 1956 bevorzugt in den Altenhof an der Kaiserstraße aus. 

Der wird auch für Kulturveranstaltungen genutzt, weil die ebenfalls 1943 von Bomben getroffene Stadthalle erst 1957 (vom damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss) wieder eröffnet werden. „Am 16. November 1953 kam der damalige NRW-Ministerpräsident Karl Arnold in die Stadt, um an der Friedrich-Ebert-Straße den neuen Kaufhof zu eröffnen, der damals der erste Kaufhof-Neubau in Westdeutschland war. Deshalb hatten alle Mülheimer Schüler an diesem Tag schulfrei“, erinnert sich der 1936 geborene Mülheimer Walter Neuhoff. Er besuchte 1953 die 10. Klasse des staatlichen Gymnasiums, das seit 1974 den Namen seines ehemaligen Schülers Otto Pankok trägt. 

Dieser Text erschien am 11. Dezember 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 11. Dezember 2017

EU-Korrespondentin auf der Petri-Kanzel: Journalistin Anne Gellinek in ihrer alten Heimat

Anne Gellinek bei ihrer Kanzelrede in der Petrikirche
„Richtet euch auf. Erhebt eure Häupter. Denn eure Erlösung naht.“ Ausgehend vom Bibelvers des 2. Adventssonntags ging die Leiterin des ZDF-Studios Brüssel, Anne Gellinek, in ihrer Kanzlerrede vor den voll besetzten Bänken in der Petrikiche auf die aktuelle Lage der Europäischen Union ein.

Die „welterfahrene und weitgereiste“ Journalistin, so hatte sie Ulrich Schreyer begrüßt, machte deutlich, „dass die Europäische Union im Vergleich zu anderen Regionen der Erde immer noch ein 
Hort des gesunden Menschenverstandes ist.“

Die 1962 als Tochter des späteren Bau- und Planungsdezernenten Philipp Otto Gellinek in Mülheim geborene Journalistin, sieht den Brexit „als einen heilsamen Schock und Wendepunkt für die EU.“
In den mit einer Stimme geführten Brexit-Verhandlungen der 27 EU-Mitglieder, in den gemeinsamen Sanktionen gegen Russland und dessen Vereinnahmung der ukrainischen Krim und in dem gestern von den EU-Außenministern vereinbarten Aufbau einer gemeinsamen Verteidigungspolitik, sieht sie die innerhalb der Europäischen Union gereifte Erkenntnis, „dass wir in Europa nur dann etwas erreichen können, wenn wir mit erhobenen Häuptern auf die Einhaltung der vereinbarten EU-Regeln bestehen und international mit einer Stimme sprechen.“ Aus Sicht der ZDF-Korrespondentin, muss die EU stärker als bisher, „deutlich machen, dass es besser ist, in der EU zu sein, als außerhalb der EU.“

In seinen Dank für Gellineks gelungene Kannzelrede, verband Ulrich Schreyer die Bitte: „Versorgen Sie uns weiter mit freien und gut recherchierten Nachrichten, die unsere Demokratie stärken.“

Dieser Text erschien am 12. Dezember 2017 in NRZ und WAZ

Die Musical-Macher: 100 Gemeindemitglieder aus St. Barbara erzählen die Geschichte der Mutter Gottes von Guadalupe

Bei der Generalprobe in St. Barbara: Elke Timmer, Jürgen Wrobbel,
Michelle Pascual und Edgar Kirchhoff
In der Zeit vor Weihnachten denkt man vielleicht an ein Krippenspiel oder an die Aufführung eines Oratoriums, aber nicht unbedingt an ein Musical.

Doch in der Pfarrgemeinde St. Barbara stecken derzeit rund 100 Gemeindemitglieder jede freie Minute in die Proben für das Musical „Virgin.“ Erzählt wird die Geschichte der Mutter Gottes von Guadalupe. Sie erschien 1531 dem Indio Juan Diego und wurde so zur Schutzheiligen Mexikos, die jährlich 21 Millionen Pilger nach Mexiko City zieht. Mit Hilfe eines Musicals den christlichen Glauben und seine Frohe Botschaft im besten Sinne populär und verständlich zu machen, ist für die 
.
Ab 1998 setzten Gemeindemitglieder die Lebensgeschichte des katholischen Widerstandskämpfers Nikolaus Groß, der 2001 von Papst Johannes Paul II. selig gesprochen wurde, mit einem Musical ins Szene. Das Musical wurde nicht nur in der Barbarakirche am Schildberg, sondern landesweit bei unterschiedlichen Veranstaltungen aufgeführt. Die Ausdauer und Intensität, mit der Gemeindemitglieder über Jahre und über Generationsgrenzen hinweg die Geschichte und Botschaft von Nikolaus Groß in die Herzen ihrer Zuschauer trugen, brachte den ehrenamtlichen Schauspielern, Technikern, Kostümschneidern, Sängern und Musikern Anerkennung und Respekt ein.

Auch wenn sich in der Pfarrgemeinde des Mülheimer Nordens angeblich eine „Gewerkschaft der Nikolaus-Groß-Geschädigten“ gebildet haben soll, ließen sich die Musical-Enthusiasten aus St. Barbara vom ehemaligen Adveniat-Vorsitzenden Franz Grave vor einem Jahr erneut zu einem Musical anstiften, das jetzt ein Kapitel aus der Christialisierung Mexikos und Amerikas erzählt.
Dass die dortigen Indios im Namen der christlichen Maijestät des spanischen Kaisers Karl V. nicht nur missioniert, sondern auch massakriert wurden, spart die anspruchsvolle Musicalaufführung, die am 12. Dezember in der Barbarakirche am Schildberg ihre Premiere erleben wird, nicht aus. Wie bei 

Nikolaus Groß haben auch diesmal Pfarrer Manfred von Schwartzenberg (als Autor) und Kirchenmusiker Burkhard Maria Kölsch (als Komponist) den ersten Schritt zum zweiten Musical aus St. Barbara gemacht. „Obwohl alle Mitwirkenden auf und hinter der Bühne beruflich und familiär in der Zeit gefangen sind, stecken sie viel Zeit, Energie und Herzblut in dieses Projekt. Das ist eine außergewöhnliche Leistung, die unsere Gemeinde belebt“, sagt Manfred von Schwartzenberg.

Auch wenn Licht und Ton, Gesang und Musik, Darstellung, Sprache und Gestik noch nicht perfekt über die Bühne kommen, zeigt sich Regisseur Edgar Kirchhoff bei den Proben in der Barbarakirche zuversichtlich. „Auch wenn da noch Luft nach oben ist, ist da doch auch schon jetzt viel schönes dran“, unterstreicht er.

Die beiden Hauptdarsteller sind sich einig, dass ihre Rollen nicht mit den Charakteren aus dem Nikolaus-Groß-Musical zu vergleichen sind. „Nikolaus Groß war mir näher, auch wenn ich jetzt als Juan Diego wieder so etwas wie ein Gänsehautgefühl habe“, sagt der 59-jährige Diplom-Kaufmann Jürgen Wrobbel. Seine Frau Ellen hat ihm die Tilma, das Gewand mit dem Marienbild genäht. „Als gläubige Christin weiß ich, dass es Wunder gibt. Für mich ist die Rolle der Mutter Gottes eine Ehre und eine Verpflichtung, aber auch eine schwierige Herausforderung. Denn wir haben es hier mit einer Persönlichkeit zu tun, die eine überirdische Dimension hat“, erklärt die 18-jährige Dolmetscher-Studentin Michelle Pascual. Obwohl Pascual, die Maria mit großer Anmut spielt, aus der Gemeinde kommt, reist sie jetzt eigens aus ihrem Studienort Germersheim zu den Proben am Schildberg an.

100 Leute zu den Proben oder zumindest zu Teilproben mit Teilen des Ensembles zusammen zu bekommen, erfordert eine aufwendige Termin-Koordination und Organisationsarbeit, die im Hintergrund von Elke Timmer geleistet wird. „Wir können uns nicht mit einem professionellen Ensemble vergleichen, aber wir wollen die Menschen mit unserem Musical berühren und ihnen zeigen, dass es zwischen Himmel und Erde mehr gibt, als wir Menschen begreifen können“, sagt Regisseur Edgar Kirchhoff, der gleichzeitig den spanischen Gouverneur verkörpert, der den Indios das Leben schwer macht.

Wer das zweistündige Musical über die Geschichte des Indios Juan Diego und der Mutter Gottes verfolgt, staunt vor allem darüber, dass die mexikanischen Indios die christliche Botschaft erkannten und annahmen, obwohl sie mit den Vertretern der christlichen Kolonial- und Weltmacht Spanien die denkbar schlechtesten Erfahrungen gemacht hatten. Zur Botschaft des Musicals „Virgin“ passt es denn auch, dass der Erlös aus den 25 Euro kostenden Eintrittskarten in ein Hilfsprojekt für Straßenkinder in Mexiko City fließen wird.

Mehr zum Musical unter www.barbarakirche.de 

Dieser Text erschien am 11. Dezember in NRZ und WAZ

Sonntag, 10. Dezember 2017

Mitgefühl für die Opfer und ihre Angehörigen: Der Schiffsbau-Ingenieur Wolf Hausmann hat eine sehr persönliche Beziehung zu dem im Südatlantik verschollenen U-Boot


Wolf Dietrich Hausmann als junger Ingenieur auf der
Werft-Baustelle in Argentinien. (Foto privat)
Die argentinische Marine hat Mitte November im Südatlantik, irgendwo zwischen den Falklandinseln und Buenos Aires eines ihrer U-Boote und damit 44 Soldaten verloren. „Diese Nachricht hat mich geschockt und mein ganzes Mitgefühl gehört den vermutlich elendig erstickten Soldaten und ihren Angehörigen“, sagt der Mülheimer Schiffsbauingenieur Wolf Dietrich Hausmann, den die meisten Mülheimer ab 1989 als FDP-Kommunalpolitiker kennen gelernt haben. „Ich habe nach meinem Studium zwischen 1974 und 1985 für die Thyssen-Nordseewerke in Emden gearbeitet, die damals auch das jetzt vermisste U-Boot TR 1700 (San Juan) gebaut haben. In diesem Zusammenhang habe ich damals auch U-Boot-Fahrer aus Argentinien kennen gelernt. Sie kamen zu Testfahrten nach Emden und wurden im April 1982 vom zweiwöchigen Falkland-Krieg überrascht, den ihre damalige Regierung unter Führung des Militärdiktators General Galtieri gegen Großbritannien vom Zaum gebrochen hatte.“

Die Thyssen-Nordseewerke hatten damals von der argentischen Regierung den Auftrag für sechs U-Boote (Stückpreis 400 Millionen D-Mark/200 Millionen Euro) und den Bau einer U-Boot-Werft in Buenos Aires. „Obwohl ich mir eines der U-Boote  vor ihrer Testfahrt auch von innen angeschaut habe, war ich nicht am Bau der U-Boote beteiligt, sondern ging zusammen mit sechs Kollegen und meiner frisch angetrauten Ehefrau Juliane 1978 für dreieinhalb Jahre nach Argentinien, um dort den Bau der von uns entworfenen U-Boot-Werft  als Berater zu begleiten und zu überwachen.

„Unvergessen bleibt mir der Spanisch-Crash-Kurs, den ich in Buenos Aires absolvieren musste, um mich mit den argentinischen Kollegen verständigen zu können, obwohl wir vorher Deutsch als Beratungssprache vereinbart hatten. Denn meine Sprachlehrerin sprach so schnell, wie ein Maschinengewehr!“ Gleichzeitig machte der 1944 im ober-österreichischen Gmunden am Traunsee geborene Schiffsbau-Ingenieur, der „immer was von der Welt sehen wollte“ und deshalb später unter anderem auch als Wirtschaftsreferent für die deutsche Botschaft in Camberra (Australien) arbeiten sollte, in Argentinien die Erfahrung, „das man die schwierigsten Bauprobleme dort am besten bei einem ausgiebigen Mittagessen klären konnte.“

Dabei beendeten die leitenden argentinischen Ingenieure diese kulinarisch untermalten Arbeitsbesprechungen mit ihren deutschen Beratern immer mit dem Hinweis: „Wir schicken euch morgen unsere Mitarbeiter. Und denen könnt ihr das dann noch mal ganz genau erklären.“

Bei der Frage, warum das argentinische U-Boot, das 1983 als TR 1700 in Emden vom Stapel lief und in Argentinien zuletzt 2014 generalüberholt wurde, nicht mehr auftauchen kann und so zum eisernen Grab für seine Besatzung wird, wird Hausmann nachdenklich. „Man kann letztlich nur spekulieren, warum dieses mit jeder Menge High Tech ausgestattete U-Boot verunglückt ist. 

Die möglichen Ursachen können von einer Explosion im Torpedoschacht bis hin zum Ausfall der riesigen, von Dieselmotoren aufgeladenen, Akku-Batterien reichen, die das 66 Meter lange U-Boot etwa 270 Meter unter Wasser antreiben“, sagt er. 

Dieser Text erschien am 8. Dezember 2017 in NRZ und WAZ

Das Mitte November 2017 im Südpazifik verschollene
U-Boot der Argentinier, das Wolf Hausmann 1983 als
junger Ingenieur der Thyssen-Norseewerke bei einer
Testfahrt in Emden fotografiert hat.

Freitag, 8. Dezember 2017

Der Landtagsabgeordnete Christian Mangen packte als Praktikant in Frankys Küchenkabinett mit an

Gastronom Tobias Volkmann (links)
und MdL Christian Mangen
(Foto Torsten Hellwig)
Normalerweise beschäftigt sich der im Mai neu gewählte FDP-Landtagsabgeordnete Christian Mangen mit Rechts,- Innen- und Haushaltspolitik. Doch jetzt schnitt er bei Frankys im Wasserbahnhof als Tagespraktikant Gemüse, setzte 30 Liter Soße an und zerlegte Kalbsbrüste.
Zusammen mit 24 Parlamentskollegen folgte Mangen damit der Einladung des Deutschen Hotelerie- und Gastronomieverbandes (Dehoga), der den Landespolitikern mit dieser Aktion zeigen wollte, wo die Gastronomen der Schuh drückt.

Die Dehoga-Vertreter Jörg Thon, Thomas Kolaric und Thorsten Hellwig liefen mit ihrer Forderung: "Mehr Zeit für den Gast und sein leibliches Wohl und weniger Zeit für bürokratische Dokumentationspflichten, etwa bei der Arbeitszeitregistrierung, der Allergenkennzeichnung oder bei der Hygieneampel", bei dem Liberalen offene Türen ein. Sein Hinweis, dass die neue, von CDU und FDP getragene Landesregierung die von ihrer rot-grünen Vorgängerin gerade erst eingeführte Hygieneampel zum Jahreswechsel wieder abschafft, war ganz nach ihrem Geschmack.

Die rechte Hand vom Küchenchef

Franky-Gastronom Tobias Volkmann setzte seinen Tagespraktikanten aus der Politik als Assistenten des Küchenchefs Jens Richter ein. Der konnte jede helfende Hand gut gebrauchen, hatten sich doch gerade 216 Gäste für eine betriebliche Weihnachtsfeier angesagt. Da musste der Abgeordnete, der sonst nur privat in seiner eigenen Küche für Frau und Freunde kocht, nicht nur in der Küche, sondern auch bei der Getränkebestellung und bei der Dienstplanung mit ran. Zwischendurch gab es vom Chef auch noch einen schrägen Motivationsspruch: "Tempo ist nicht nur ein Taschentuch!" - "Das habe ich natürlich ganz locker an mir abperlen lassen", gibt Mangen zu Protokoll. "Ich hätte nie gedacht, dass die Arbeit in einem Küchenteam so kreativ und temporeich sein könnte. Und am Ende hat man etwas in der Hand, was alle haben wollen", bilanzierte der Landtagsabgeordnete sein Schnupper-Praktikum im Küchenkabinett. Und weil Mangen im Rahmen seiner Parlamentsarbeit auch den Vorsitz der Landtagskommission für den Strafvollzug inne hat, darf er sich auch schon auf das nächste Tagespraktikum freuen, dann aber bei der Gefängnisseelsorge. Der Freidemokrat ist schon gespannt auf neue Eindrücke und Erfahrungen.

Dieser Text erschien am 4. Dezember 2017 in der Mülheimer Woche und im Lokalkompass

Donnerstag, 7. Dezember 2017

Ritterlicher Frohsinn

Ritter kennt man nur aus der Literatur und der Geschichte oder von der Britischen Insel. Im Vereinigten Königreich werden verdiente Untertanen ihrer Majestät für ihre gesellschaftlichen Verdienste zum Ritter geschlagen. So ähnlich ist es in Mülheim. Wir haben hier zwar keinen Queen. Das gäbe der Stadthaushalt nicht her, dafür aber einen ehrenamtlichen Stadtprinzen, der in diesem  Fall den verdienten Karnevalisten  Heino Passmann zum Ritter vom (ehemals windschiefen) Turm (der Petrikirche) schlug und dabei mit seinem Ornat der teuren und nur sehr selten witzigen Queen um Längen voraus war. 

„Das ist ja wohl ein Witz!“, mag mancher Karnevalsmuffel einwenden, für den ein aktiver Jünger des organisierten Frohsinns nichts ritterliches, sondern eher etwas lächerliches an sich hat. Ich sehe das nicht so. Ist es nicht so, dass wir heute (nicht nur zwischen den Buchdeckeln des Romans von Miguel Cervantes) schon genug Ritter von der traurigen Gestalt haben. Da hat doch wirklich jeder, der ritterlich im Dienste des Frohsinns gegen den miesepetrigen Zeitgeist zu Felde zieht, einen Ritterschlag verdient. Denn ganz ohne Spaß an der Freude geht die Schose unseres Lebens eben nicht.

Dieser Text erschien am 24. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Heino Passmann bekam närrischen Ritterschlag 100 Jecken feierten den Vollblutkarnevalisten aus Broich am Mittwochabend im Restaurant der Stadthalle

Heino Passmann beim Ritterschlag durch Prinz Jürgen II.
Foto: Sven Saueressig
Das der Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval und seine 13 Gesellschaften ihn am Mittwochabend ausgerechnet zum 33. Ritter vom Schiefen Turm kürten, war für den Vollblutkarnevalisten Heino Passmann das Tüpfelchen auf dem i. Mit seinen 45 Lebensjahren ist der fünffache Vater der jüngste Ritter vom Schiefen Turm.
Der Gildemeister der närrischen Ritter-Riege, Lothar Schwarze, Oberbürgermeister Ulrich Scholten und Chef-Karnevalist Markus Uferkamp ließen Passmanns karnevalistische Vita Revue passieren. Seine Laudatoren bescheinigten dem neuen Ritter nicht nur „Geselligkeit, Entschlossenheit und Liebe zum traditionellen karnevalistischen Brauchtum“, sondern auch einen „ungebremsten Arbeitseifer“, wenn es darum gehe: „den Karneval weiterzuentwickeln und ihn den Menschen nahezubringen.“

Der in der Behindertenarbeit tätige Sozialpädagoge ist seit 1989 im Mülheimer Karneval aktiv. Der ehemalige SPD-Stadtverordnete aus Broich war unter anderem als Vizepräsident der Karnevalsgesellschaft Blau-Weiß aktiv.  Seit 2003 führt Passmann als Präsident die Prinzengarde Rote Funken. Zusammen mit seiner Frau regierte er in der Session 2006/2007 das mölmsche Narrenvolk. Einem breiten Publikum ist der Vizepräsident und stellvertretende Vorsitzende des Hauptausschusses Groß-Mülheimer Karnevals als wortgewandter Sitzungspräsident der Seniorensitzung Lachende Herzen und des Prinzenballs bekannt.

In seinen gut gereimten Dankesworten, dankte Passmann auch dem NRZ-Karikaturisten Thomas Plaßmann. Der Träger der Spitzen Feder hatte das Motiv seines Ritterordens entworfen. Es zeigt den närrischen Rittersmann vor dem einst windschiefen Turm der Petrikirche unter einer Narrenkappe und bewaffnet mit einer krummen Lanze.

Im Gespräch mit dieser Zeitung sagte Passmann nach seinem sanften Ritterschlag durch Stadtprinz Jürgen II.: „Der Karneval fasziniert mich nach wie vor, weil man mit ihm Menschen Freude bereiten und ein Lachen ins Gesicht zaubern kann und weil er Jugendlichen eine sinnvolle und vergleichsweise preiswerte Freizeitgestaltung bietet.“

Mittwoch, 6. Dezember 2017

Praktikum im Küchenkabinett

Wenn man in der Politik was werden will, kommt man an Thekengesprächen nicht vorbei. Doch dass ich den FDP-Landtagsabgeordneten Christian Mangen in der Küche traf, überraschte mich. Ich dachte immer, wenn man politisch aufsteigt, kommt man vielleicht als Minister in ein Kabinett. Doch an ein Küchenkabinett, in dem der Abgeordnete bei Frankys im Wasserbahnhof Gemüse schnibbelte und putzte und außerdem 30 Liter Soße ansetzen musste, hatte ich weniger gedacht. Man lernt ja nie aus. Und so erfuhr ich, dass der neu gewählte Landtagsabgeordnete auf Einladung des Deutschen Gastronomie- und Hotelerieverbandes (Dehoga) ein gastronomisches Tagespraktikum absolvierte, um nicht nur Gemüse, Soße, Lachsplatten und Kalbsrücken zuzubereiten, sondern zwischen Küchenmesser und Soßenbinder zu erfahren, wo die Gastronomen der Schuh drückt. „Ich hätte nie gedacht, dass die Arbeit in der Küche so kreativ und befriedigend ist, weil man sieht, was man macht und am Ende etwas in der Hand hat, was alle haben wollen.“ Das kann man von so mancher politischen Entscheidung, die zuweilen schwer im Magen liegt, nicht sagen. 

Dieser Text erschien am 5. Dezember 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 5. Dezember 2017

Die Opfer dem Vergessen entrissen: Gerhard Bennertz, der heute 80 Jahre alt wird, hat in den letzten 40 Jahren die Schicksale der 270 Mülheimer Holocaust-Opfer recherchiert und aufgeschrieben

Gerhard Bennertz
„Vielleicht hätte ein alt eingeborener Mülheimer das, was ich gemacht habe, gar nicht so unbefangen tun können“, sagt Gerhard Bennertz. Der Religionspädagoge, der heute seinen 80. Geburtstag feiert, kam in den 70er Jahren aus Siegburg nach Mülheim, um als Religionslehrer am Berufskolleg Stadtmitte zu unterrichten.

Im Rahmen seines Unterrichtes sprach Bennertz damals auch über die Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten. Und plötzlich wollte ein Schüler von ihm wissen: „Wie war das eigentlich mit der Judenverfolgung in Mülheim?“ Da musste der Lehrer passen. Er versprach dem Schüler, sich schlau zu machen. Das war der Beginn einer Recherche, die ihn in den nächsten Jahrzehnten nicht mehr los lassen und zu zahlreichen Publikationen über das Schicksal der jüdischen Mülheimer in der Zeit des sogenannten Dritten Reiches veranlassen sollte. „Mein Glück war, dass ich mit meiner Frau Ingrid im Mülheimer Singkreis aktiv war und so Mülheimer kannte, die als ehemalige Mitglieder der regimekritischen Bekennenden Kirche Kontakte zu ehemalige jüdische Mitbürgern hatten, die vor den Nazis ins damalige Palästina geflohen waren“, erinnert sich Bennertz an den Beginn seiner Nachforschungen, die mit einem zwölfstündigen Zeitzeugengespräch in Tel Aviv begannen. 

„Das wurde plötzlich ein riesiger Schneeball, der auf mich zu kam“, erinnert sich Bennertz. In den kommenden drei Jahrzehnten sollte er 38 Mal Israel besuchen und dabei mit rund 40 ehemaligen jüdischen Mülheimern sprechen, von denen einige später auch ihre alte Heimatstadt wiedersehen und neue Eindrücke vom demokratischen Nachkriegsdeutschland in ihre neue israelische Heimat mitnehmen konnten. Einen besonders engen Kontakt knüpfte Bennertz in Tel Aviv zu Siegfried, Karl und Miriam Brender. Sie waren als Kinder der jüdischen Geschäftsleute Betty und Immanuel Brender im Dichterviertel aufgewachsen, hatten die Luisenschule, das heutige Otto-Pankok- und das heutige Karl-Ziegler-Gymnasium besucht, ehe sie Mitte der 30er Jahre von ihren Eltern nach Palästina geschickt wurden.

„Die Eltern selbst glaubten: Uns kann nichts passieren, weil wir gestandene und unbescholtene Geschäftsleute sind“, berichtet Bennertz aus seinen Gesprächen mit den Brender-Geschwistern. Das Schicksal ihrer Eltern, die 1941 erfolgte Deportation  aus Mülheim ins jüdische Ghetto von Litzmannstadt und letztlich der Tod dort und im Konzentrationslager Auschwitz war nur eines von insgesamt 270 Mülheimer Holocaust-Opfer-Schicksalen, die Bennertz in seinen Gesprächen rekonstruieren und später in Zusammenarbeit mit der Historikerin Barbara Kaufhold publizistisch dokumentieren konnte.

„Auch wenn die Mülheimer, die die Verfolgung durch die Nationalsozialisten am eigenen Leib erlebt haben, bis auf eine Ausnahme, gestorben sind, ist es wichtig, dass Jugendliche heute nachlesen können, was diese Menschen erlitten haben. Das liegt jetzt fest. Dahinter kann niemand mehr zurück.“

Ein Leben für den christlich-jüdischen Dialog

1983 und 1999 veröffentlichte Gerhard Bennertz in der Zeitschrift des Mülheimer Geschichtsvereins einen umfassenden Beitrag zum Schicksal der Jüdischen Mülheimer in der Zeit des sogenannten Dritten Reiches.


Ab 1986 war er für zwei Jahrzehnte Vize-Vorsitzender der Gesellschaft für den christlich-jüdischen Dialog. 1993 gehörte er zu den Mitinitiatoren der Städtepartnerschaft mit dem israelischen Kfar Saba.

Dieser Text erschien am 5. Dezember 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung  


Montag, 4. Dezember 2017

Eine biblische Erfahrung

Gestern besuchte ich einen Familiengottesdienst. Für mich, dessen Kindertage schon länger zurückliegen, als ich es selbst glauben kann, war es ein Aha-Erlebnis.

Wo wir als Knirpse einst andächtig dem Herrn Pastor lauschen mussten und es in neun von zehn Fällen auch ehrfürchtig taten, da der Pastor für uns damals so etwas, wie der  Mülheimer Stellvertreter des lieben Gottes war, herrscht heute ein munteres  Krabbeln und  Knuddeln in den Kirchenbänken. Ein kleiner Steppke macht sich selbstständig und krabbelt durch den Mittelgang, um sich mal näher anzuschauen, was den da im Altarraum vor sich geht.

Ehe das Christkind in die Gabenbereitung gerät oder die erste Kerze des Adventskranzes erreichen kann, setzt die Mama zum Spurt an und fängt den kleinen Messdiener in spé ein. Währenddessen nimmt der Papa das quengelnde Schwesterlein auf den Arm. Familiengottesdienst. Das ist mehr Aktion als  Besinnung.

Was wohl der liebe Gott und sein Jesus-Kind dazu sagen würden. Das Matthäus-Evangelium gibt die Antwort: „Jesus sprach: Lasset die Kinder zu mir kommen und haltet sie nicht ab, denn solcher ist das Himmelreich.“

Dieser Text erschien am 4. Dezember 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 3. Dezember 2017

Ein Zeitsprung an der Schulstraße: Das Karl-Ziegler-Gymnasium

Das alte Schulgebäude an der Schulstraße in den
Nachkriegsjahren: Ein Foto aus dem Medienzem
Die historische Aufnahme aus dem Medienzentrum der Stadt Mülheim zeigt die städtische Oberschule für Jungen an der Schulstraße. Ihren Ursprung hatte die Schule in der 1835 eröffneten höheren Bürgerschule. Dort konnten Jungen ab 1856 das Abitur ablegen. Nach dem 2. Weltkrieg wurden hier die Schüler des städtischen und des staatlichen Gymnasiums in Wechselschichten gemeinsam unterrichtet. Außerdem waren in dem von Luftangriffen gezeichneten Gebäude auch städtische Dienststellen untergebracht.

Bis zur Eröffnung der Heinrich-Thöne-Volkshochschule (1979) wurden an der Schulstraße nicht nur Schüler, sondern auch Teilnehmer von Volkshochschulkursen unterrichtet.
Gut 70 Jahre, nach dem die historische Aufnahme entstand, kennen wir diese Schule heute als Karl-Ziegler-Ganztags-Gymnasium, das am 2. Dezember zwischen 9 Uhr und 12.30 Uhr zum Tag der offenen Tür und zum Ehemaligentreffen einladen wird. Zuletzt hat die Karl-Ziegler-Schule mit der Eröffnung eines  in den Schulbetrieb integrierten Jugendzentrums, dem Café Ziegler Schlagzeilen gemacht.

Der Mülheimer Chemie-Nobelpreisträger Karl Ziegler war gerade ein Jahr tot, als man ihn 1974 zum Namenspatron des städtischen Gymnasiums erhob. Von 1937 bis 1945 trug die heutige Karl-Ziegler-Schule  den Namen des Industriellen und Hitler-Förderers Emil Kirdorf. In den 1970er Jahren  wurden an der Schulstraße Jungen und Mädchen erstmals gemeinsam unterrichtet. 
Die Schülerzahl stieg. Und das alte Schulgebäude musste einem Neubau weichen, der 2010 saniert werden und um eine Mensa erweitert werden sollte.

Dieser Text erschien am 20. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Der Alltag ist das Abenteuer

Es gibt Leute, die ins Dschungelcamp gehen, um ein Abenteuer zu erleben. Ich brauche nur vor die Haustür zu gehen, um Vergleichbares zu erleben. Ich bin in Eile. Der nächste Termin wartet. Doch die Rolltreppe an der nächsten U-Bahn-Haltestelle macht ihren Namen keine Ehre. Sie steht und ich stehe auch  länger, als mir lieb ist, am Bahnsteig, um auf die nächste Linie zu warten.

Vom Bahnhof soll es weiter gehen. Doch der Zug, der mich zum Ziel bringt, fällt aufgrund von Bauarbeiten aus. Ich hetzte zum nächsten Bahnsteig, um wenigstens die nächste S-Bahn zu bekommen.

Ich bin schon zu spät dran, aber fast am Ziel, als mich eine ausgefallene Ampel an einer stark befahrenen Straße ausbremst. Todesmutig stürze ich über die Straße, als der Autostrom für einen Moment abebbt. Das ich zu spät zu der Veranstaltung komme, über die ich berichten soll, versteht sich von selbst. Aber immerhin. Ich erlebe sie noch und bekomme so viel von ihr mit, dass ich anschließend einen aussagekräftigen Text schreiben kann. Aber vorher muss ich noch einer alten Dame ihren Rollator auf den Bahnsteig tragen, weil der Aufzug am Bahnhof ausgefallen ist. Jetzt weiß. Der Alltag ist das Abenteuer.

Dieser Text erschien am 30. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 1. Dezember 2017

Analog trifft digital

Der Lehrer reicht dem Schüler, der hinter seinem Notebook sitzt, einen Text. „Was soll ich damit?“ fragt der junge Mann. Der  Lehrer, der sich in seinem Leben schon viel zu oft viel zu viel versprochen hat, dachte, dass ergäbe sich aus der Situation. Als er noch Schüler war und Texte von seinem Lehrer bekam, verstand sich das von selbst als eine Aufforderung zum Lesen,  Analysieren und Referieren dessen Inhalts. Doch im digitalen Zeitalter, so muss der analog aufgewachsene Lehrer einsehen, hat bedrucktes Papier keinen ultimativen Lesanreiz mehr, erst recht, wenn der Umfang des gedruckten Textes („Was so viel?) den Twitter-Rahmen deutlich überschreitet.

5 oder 6 bedruckte Seiten auf schnödem Papier, ohne jeden visuellen Anreiz, zu lesen, ist für die Generation 4.0 aber auch wirklich eine unverschämte Zumutung.

Und wir wissen heute, dass man auch mit 140 Zeichen Karriere machen kann. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie unsere amerikanischen Freunde und ihren Präsidenten, der allerdings eher für 0.0 statt für 4.0 steht. Und daran sollte sich die vielversprechende Jugend auch im digitalen Deutschland kein Vorbild nehmen.

Dieser Text erschien am 1. Dezember 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 30. November 2017

Manchmal muss es eben rot sein

Gestern ging Mutter und mir ein Licht auf. Wir brauchen einen Adventskranz. Denn am kommenden Sonntag soll ja schon die erste Kerze brennen. 
Es soll ja Menschen geben, die jetzt einfach ihren künstlichen Kranz mit elektrischen Kerzen aus dem Keller holen und: „Licht aus, Spot an“ in Adventsstimmung kommen. Doch dafür sind Mutter und ich einfach zu  traditionalistisch.

Angesichts  solcher Künstlichkeiten  im Schimmer der gedämpften Elektrokerzen bliebe uns der Spekulatius sicher im Halse stecken.

Auch wenn uns das Leben den Kinderglauben an Sankt Nikolaus und das Christkind ausgetrieben hat, wollen wir doch mit Blick auf Weihnachten keinesfalls die Herzenswärme und den Hoffnungsschimmer im Licht der Frohen Botschaft, die den kommerziellen Glamour der Vorweihnachtszeit überstrahlt, verlieren. Deshalb beschenken wir uns vor dem ersten Advent mit einem echten, Adventskranz, dessen Kerzen brennen, damit unsere innere Wärme in stürmischen und kalten Zeiten von außen befeuert werden möge.

Und diese echte Wärme der aufflammenden Kerzen muss sich auch im warmen Rot dieser Kerzen niederschlagen, obwohl wir sonst gar nicht gerne rot sehen.

Dieser Text erschien am 29. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 29. November 2017

Ein Zeitsprung zwischen Schloßstraße und Eppinghofer Straße

Eine Innenstadtansicht aus dem Jahr 1970
Privatarchiv Walter Neuhoff
Heute springen wir mit einer Postkarte unseres treuen Zeitzeugen und Lesers Walter Neuhoff ins Jahre 1970 und landen direkt vor der Haustür der Redaktion.

Damals ist der Bereich zwischen Schloßstraße und Eppinghofer Straße noch befahrbar. Erst 1986 wird hier der heutige Kurt-Schumacher-Platz mit seiner Brunnenlandschaft entstehen und damit eine fußläufige Verbindung zu dem im März 1974 eröffneten City-Center geschaffen. An dessen Stelle wird 20 Jahre später das heutige Forum City Mülheim treten.

„In dem Haus an der linken Bildseite befindet sich 1970 die Geschäftsstelle der WAZ. Auf der rechten Seite kann man an der Ecke Schloßstraße/Eppinghofer Straße die damalige Geschäftsstelle der NRZ erkennen. Gleich neben der Geschäftsstelle kauft man 1970 bei Stöters Gardinen und Stoffe, Krawatten im Krefelder Krawattenhaus und Schreibwaren bei Hugo und Walter Leiter.

Im rechten Bildmittelpunkt der Postkarte von 1970 schaut man auf das Bettenhaus Biesgen. Und in der linken Bildmitte erscheint die uns bis heute vertraute Aussicht auf den 1930, als Haus der Evangelischen Kirche, eröffneten Altenhof und auf die 1929 eingeweihte katholische Stadtkirche St. Mariae Geburt.

Nicht nur Autos, sondern auch die Straßenbahnlinien 8, 18, 15 und 12 fuhren damals zwischen Eppinghofer- und Schloßstraße zum Bahnhof Mülheim-Ruhr (Stadt), der dann 1974 den Namen Hauptbahnhof erhält. Auf der äußersten rechten Bildseite sieht man auch noch die für die damalige Zeit üblichen Parkuhren. Automobilisten werden auch noch den Mercedes-Benz/8 (Mitte) oder den Ford Taunus (rechts) erkennen. 


Dieser Text erschien am 27. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 28. November 2017

Zweierlei Arten von Handwerkern

Manchmal muss man Menschen einfach bewundern. So erging es mir am gestrigen Vormittag, als ich an der Ecke Kohlenkamp/Wallstraße einen unermüdlichen Malergesellen in penetranten November-

Nieselregen eifrigst eine Geschäftsfassade streichen sah.
Seine Arbeit wurde von den Nachrichten aus einem kleinen Radio begleitet, die  von der Dauerbaustelle der politischen Staatsbauhandwerker  berichteten.

Wie gut, dass der Mann am Pinsel sich kein Vorbild an seinen Kollegen an der Werkbank der Nation nimmt. Sonst hätte sein Auftrageber auch Weihnachten noch keine schöne neue Hausfassade.

Handwerksbetriebe, die den mit ihren Auftraggebern vereinbarten Termin versäumen, zu dem ihre Arbeit einwandfrei erledigt sein soll, müssen mit Regressforderungen rechnen. Vielleicht würde die Einführung einer solchen Regresspflicht für politische Handwerker dafür sorgen, dass Fegefeuer der Eitelkeiten gelöscht würde und die Damen und Herrn am Staatsbau ihren Wählerauftrag zügig erledigen, in dem sie Farbe bekenn und die Ärmel hochkrempeln statt es allzu bunt zu treiben und ihren Souverän im Regen stehen zu lassen.

Dieser Text erschien am 28. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 27. November 2017

Kein Chance für Aussteiger

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben oder die Ruhrbahn. Das erfuhr gestern eine Frau, die mit der Straßenbahn unterwegs war. Sie war zu spät am Drücker, als die Bahn die Haltestelle ihrer Wahl erreichte. Die Türen waren geschlossen und blieben es auch. Selbst das Klopfen an die Tür der Fahrerkabine half nichts. Der Steuermann ließ sich nicht erweichen und beirren, denn die Ampel zeigte Grün und der Verkehr musste fließen und die verhinderte Aussteigerin bis zur nächsten Haltestelle mitfahren. Nach einem ersten Aufbäumen nahm die unfreiwillige Mitfahrerin den Umweg zu ihrem Ziel hin.

Vielleicht sollten die Berliner Koalitionsverhandlungen ja demnächst in einer Straßenbahn der Ruhrbahn stattfinden. Aussteigen dürfen die Verhandlungspartner erst, wenn sie ein Ergebnis vorlegen können. Sonst geht es weiter rund.

Dieser Text erschien am 23. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 26. November 2017

Das bedingungsloses Grundeinkommen aus der katholischen Perspektive

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, hat sich gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen ausgesprochen. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung sagte der Erzbischof von München und Freising: "Die Arbeit ist nicht irgendetwas. Es gehört zur Grundkonstitution des Menschseins, dass ich für mich und meine Familie etwas schaffe, das von Wert ist."
Ausdrücklich warnte Marx vor der "demokratiegefährdenden" Wirkung, die die Einführung eines solchen Grundeinkommens haben könne. Gleichzeitig kritisierte der Kardinal die ungleiche Vermögensverteilung in Deutschland und forderte alle gesellschaftlichen Kräfte dazu auf: "die politischen Folgen der Ungleichheit im Auge zu behalten."

Obwohl die Katholische Arbeitnehmer Bewegung (KAB) die Idee des Grundeinkommens unterstützt, ist ihr Kölner Sekretär Winfried Gather angesichts der Positionierung des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz "zwar nicht begeistert, aber auch nicht entsetzt." Ausdrücklich teilt er Marx' Festhalten an der in 125 Jahren gewachsenen und bewährten deutschen Sozialversicherung. "Im Gegensatz zu anderen Grundeinkommensmodellen will das von der KAB entwickelte und auch vom Aachen Ökonomen Ralf Welter durchgerechneten Modell die Sozialversicherung keinesfalls abschaffen", betont Gather.

Die KAB geht danach von einem bedingungslosen Grundeinkommen von monatlich 850 Euro (für Erwachsene) und 550 Euro (für Minderjährige) aus, das bei Bedarf durch Wohngeld und eine von der persönlichen Lebenssituation abhängigen Pauschale, etwa für alleinerziehende Eltern, aufgestockt werden soll. Das bedingungslose Grundeinkommen, das allen Bürgern, unabhängig von ihrem Einkommen zustehen soll, sobald sie mindestens fünf Jahre im Land gelebt, gerarbeitet und Steuern gezahlt haben, will die KAB mit einer Vermögenssteuer und einer erhöhten Erbschaftssteuer finanzieren.

Winfried Gather weist darauf hin, dass das bedingungslose Grundeinkommen dazu führen würde, dass die Arbeitgeber dazu gezwungen würden, die betrieblichen, sozialen und finanziellen Rahmenbedingungen zu verbessern, um ihre Arbeitsplätze mit Arbeitnehmern besetzen zu können. Außerdem, so glaubt der KAB-Mann, werde ein bedingungsloses Grundeinkommen den Menschen mehr Freiheit und Lebensqualität verschaffen, um nicht nur einer Erwerbsarbeit nachzugehen, sondern auch ehrenamtliche Familienarbeit und bürgerschaftliches Engagement zu leisten.

In einem im September 2017 veröffentlichten Sozialwort haben sich auch der Bund der deutschen katholischen Jugend und die Evangelische Jugend Deutschlands für ein bedingungsloses Grundeinkommen ausgesprochen, um die Schere zwischen Armen und Reichen wieder zu schließen und den vorhandenen Reichtum zur Bekämpfung der Armut einzusetzen. Auf der Internetseite des katholischen Jugendverbandes heißt es zum bedingungslosen Grundeinkommen:

"Die Auswirkungen eines Grundeinkommens wären vielfältig. Die Erwerbsarbeit würde ihre Funktion als wichtigste Einkommensquelle von Besitzlosen verlieren. Ist das Grundeinkommen hoch genug, gäbe es keine Lohnabhängigen mehr. Menschen würden arbeiten, weil sie sich mehr leisten wollen als mit dem Grundeinkommen möglich ist, oder weil sie einer sinnvollen Tätigkeiten nachgehen möchten. Neben die erzwungene Erwerbsarbeitslosigkeit würde die freiwillige treten, um beispielsweise Kinder zu erziehen, im Sportverein aktiv zu werden, sich aus- und weiterzubilden oder um spazieren zu gehen.

"Die Angst vor dem existenzgefährdenden Verlust des Arbeitsplatzes würde drastisch verringert. Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen könnten mit dem Arbeitgeber fast auf Augenhöhe vereinbart werden. Es gäbe vermutlich mehr Menschen, die ihre eigene Geschäftsidee umsetzen, weil das mit einem geringeren Risiko verbunden wäre. Andere würden ehrenamtliche oder Familienpflegetätigkeiten der Erwerbsarbeit vorziehen. Staatliche Behörden würden keinen Zwang ausüben, sondern könnten ihre Bürger mit Offenheit und Respekt behandeln."

Dagegen weiß sich der Geschäftsführer des Bundesverbandes der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung (KKV), Joachim Hüpkes, mit Kardinal Marx einig in der Ablehnung eines bedingungslosen Grundeinkommens. "Arbeit ist ein Wert an sich", sagt Hüpkes und erklärt: "Die Argumente der Befürworter hören sich gut an, entpuppen sich bei genauerer Betrachtung aber als Wuschtraum. Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde dazu führen, dass sich die Menschen mit einem geringen Einkommen fragen, ob sie für ein 100 Euro mehr oder weniger im Monaten noch arbeiten gehen sollten. Das können wir uns in Zeiten des demografischen Wandels gar nicht erlauben. Denn wir brauchen jeden."

Für den im Oktober 2017 neu gewählten Bundesvorsitzenden des Bundes katholischer Unternehmer, Professor Ulrich Hemel, ist die Diskussion über ein national begrenztes bedingungsloses Grundeinkommen kein Ausdruck von Solidarität, sondern von Gruppen-Egoismus. Er fordert stattdessen ein weltweites Grundeinkommen, das in den sogenannten Entwicklungsländern die ärgste Not von Hunger, Durst sowie fehlender Hygiene und Bildung überwinden müsse. Dieses Einkommen, so Hemel, werde sich dann aber realistischerweise weit unter einer Spanne von monatlich 500 bis 1000 Euro bewegen. Mit Blick auf die Situation in Deutschland sagt der BKU-Bundesvorsitzende: "Wir haben bei uns bereits eine Grundsicherung, die dafür sorgt, dass niemand verhungern oder verdursten muss. Und es ist für mich eine Frage der Teilhabegerechtigkeit, dass jeder Mensch in unserem Land einen Anreiz zur Arbeit hat, um sich an unserer Gesellschaft zu beteiligen und sich damit auch in seiner Persönlichkeit zu entfalten."

Die Diskussion über die Einführung eines bedingungslosen Grund einkommens ist nicht neu. Bereits 2007 hatte der damalige thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus in der Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken für die Einführung eines bedingungslosen Bürgergeldes geworben, dass aus einer monatlichen Zuwendung von 600 Euro, zuzüglich einer Gesundheuitsprämie von 200 Euro bestehen sollte.



Aktuell gewann die Grundeinkommen-Debatte an Fahrt, nachdem die Universität Osford Anfang des Jahres eine Studie veröffentlicht hatte, die davon ausgeht, dass der durch die Digitalisierung ausgelöste Rationalisierungsschub in den nächsten 25 Jahren weltweit 47 Prozent aller Arbeitsplätze zum Opfer fallen könnten. Außerdem weisen die Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens darauf hin, dass heute ein Fünftel der Erwerbstätigen in prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt und damit langfristig von Altersarmut bedroht sei.

Dieser Text erschien am 25. November 2017 in der Tagespost

Samstag, 25. November 2017

„Als Kirche die Dinge zu lange schön geredet“: Der emeritierte Weihbischof Franz Grave feiert seinen 85. Geburtstag. Er engagiert sich als Pastor im Unruhezustand in der Stadtpfarrei St. Mariae Geburt. Die Situation bei Siemens bereitet ihm Sorgen

Franz Grave
Mit 85 könnte er eigentlich seinen Ruhestand genießen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Doch Franz Grave genießt eben das, dass sein Ruhestand nicht absolut
ist, sondern immer wieder unterbrochen wird, etwa durch Gottesdienste, die er in St. Mariae Geburt feiert,
durch Seelsorge-Gespräche oder durch das freundliche, aber bestimmte Klinkenputzen bei Unternehmern,
denen er hier und dort einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz
aus dem Kreuz leiert. Leider gibt es keinen Herrn Siemens,
den er besuchen und überzeugen könnte, Arbeitsplätze in der
Region zu erhalten. „Die Situation bei Siemens besorgt mich. Die müssen wir sehr genau beobachten und vergleichen. Da haben wir noch was im Köcher“, sagt der sozialpolitisch ambitionierte Gottesmann, ohne schon konkreter werden zu wollen.

Im zu Ende gehenden Luther-Jahr steht für den katholischen
Priester im Unruhezustand fest: „An den erreichten Fortschritten in
der Ökumene müssen wir jetzt weiterarbeiten. In unserer pluralen Gesellschaft müssen die christlichen Kirchen heute zusammenarbeiten und sich zusammen zu Wort melden,
um gehört zu werden“, unterstreicht der emeritierte Weihbischof.

An dem aktuellen Pfarrei-Entwicklungsprozess arbeitet der 85-
Jährige „nicht mehr aktiv mit“. Dennoch hat er eine konkrete Vorstellung davon, „dass wir auch als kleinere Kirche in unserer Gesellschaft eine seelsorgerische und sozialpolitische
Dynamik entfalten können und müssen, weil wir von den Menschen gebraucht und gefragt werden“.

Den Umbruch in der katholischen Kirche sieht er auch als eine
Chance zum Aufbruch. „Als junger Priester habe ich es
noch miterlebt, dass man öffentlich hofiert und mit Hochwürden angesprochen wurde. Davon ist man heute Gott sei Dank abgekommen. Heute haben die Kleriker in der Kirche
nicht mehr das alleinige Sagen, sondern arbeiten ganz selbstverständlich mit den Laien auf Augenhöhe
zusammen und das ist auch gut so“, beschreibt Grave den selbst
erlebten Wandel im Priesteramt.

Auch wenn das für ihn und seine Priester-Kollegen nicht immer nur
angenehm ist, schätzt Grave an seinen Mitchristen an der Ruhr, „dass sie offen und geradeaus ansprechen, was Sache ist und was anliegt“.

Besonders intensiv sind ihm die vielen Gespräche in Erinnerung
geblieben, die er etwa über den sexuellen Missbrauch im Priesteramt führen musste, der die Kirche viel moralischen Kredit einbüßen ließ. Er sagt: „Wir haben uns als Kirche
die Dinge zu lange schön geredet und nicht rechtzeitig auf absehbare Entwicklungen reagiert, so dass wir
jetzt umso intensiver kirchliche Strukturen entwickeln müssen, die
auch in Zukunft funktionieren und die Menschen tragen können.“
Ihn selbst hat das Beispiel „der materiell armen, aber fröhlichen
und begeisterten Christen in Lateinamerika immer inspiriert. 

Deshalb hat der ehemalige Adveniat-Vorsitzende auch in St. Mariae Geburt im Advent Lateinamerikawochen initiiert, Anfang Dezember bekommt er Besuch von einem deutschen Bischof
aus Brasilien. Ihm selbst hilft sein christlicher Glaube und die Zuversicht, „dass ich mich mit meiner ganzen Persönlichkeit
und Existenz in Gott fallen lassen kann“, dabei, auch in schwierigen Situationen und mit Blick auf Alter und Tod gelassen zu bleibenund auf Gottes Güte zu vertrauen.

Hat er nie an seinem Lebensweg und an seinem Glauben gezweifelt?Franz Grave formuliert es so: „Wir Priester sind keine besondere Spezies. Wir sind, wie alle anderen
Menschen auch, aus dem selben Holz geschnitzt.“

Franz Grave wurde am 25. November 1932 in Essen geboren, wo er auch heute lebt. Nach dem Theologiestudium wurde er 1959 zum Priester geweiht und arbeitete zunächst als junger Seesorger in Duisburg. Im Laufe seines beruflichen Werdegangs wurde er unter anderem zum Leiter des Seelsorgeamtes im Generalvikariat des Bistums Essen berufen und 1988 zum Weihbischof geweiht. In diesem Amt war Grave auch Vorsitzender des Lateinamerika-Hilfswerkes Adveniat und Bischofsvikar für weltkirchliche und gesellschaftliche Fragen. Seit 2008 arbeitet er als Pastor in der Mülheimer Pfarrgemeinde St. Mariae Geburt mit und hat dort unter anderem die Lateinamerika-Wochen im Advent ins Leben gerufen.

Donnerstag, 23. November 2017

MüKaGe feierte mit 150 Jecken im Altenhof: Als Hoppeditz arbeitete sich Pfarrer Michael Manz an den Baustellen der Stadt ab. Neuer Showtanz begeisterte

Die Tanzgarde der Mükage nach ihrer neuen Burlesque-Show
Mit einer neuen Tanzshow (Burlesque) ihrer Aktivengarde und mit einem  neuen Hoppeditz (Pfarrer Michael Manz aus Styrum) startete die MüKaGe am Samstagabend mit 150 Jecken im Altenhof in ihre 80. Session.

Als Hoppeditz arbeitete sich Michael Manz an den Baustellen der Stadt ab und machte deutlich, dass er sich auf der Kanzel genauso wohl fühlt, wie in der Bütt.

O-Ton Hoppeditz: „Im Yachthafen  habe ich bis auf die Tretboote noch nicht viele Schicki-Micki-Yachten gesehen. Aber was sollen die da auch anlegen? Gehste von Bord und zack! – stehst Du in einer Baustelle! Mit dem Thema „Baustelle“ kann ich mir Zeit lassen, denn Baustellen nehmen uns Mölmschen ja auch Zeit ohne Ende.“ Auch die Stadtverwaltung bekam vom geistlichen Hoppeditz ihren Segen von Kloster Kamp: „Seien wir mal ehrlich. In unserer schönen Stadt wird viel Müll produziert. Nicht nur der Müll, den die MEG abholt. So mancher Müll ist auch in den Büros von Verwaltungen zu finden.“ Der ebenfalls unter die Narren gegangene Oberbürgermeister Ulrich Scholten konterte die Spitzen mit Humor: „Wenn ich gewusst hätte, was hier auf mich zukommt, hätte ich vorher einen Beruhigungstee getrunken. Für mich steht jetzt fest: In meinem nächsten Leben werde ich Hoppeditz.“ Doch nicht nur der Verwaltungschef, sondern auch der nicht anwesende Baudezernent Peter Vermeulen, wurde, ob seiner Hochhaus-Pläne an der Ruhr, vom Hoppeditz als „unser Pitter“ verspottet, „dessen Mülheim-Babylon-Projekt ja jetzt Gott sei Dank vertagt worden ist.“

Manz, der in einem zweiten Bühnenauftritt als Pfarrer vom Tod besucht wurde, während er an einer Beerdigungspredigt arbeitete und den Sensemann tot quatschte, damit dieser ihn noch einmal verschone, wurde an diesem Abend, ebenso, wie sein katholischer Kollege Pastor Michael Clemens (aus Eppinghofen) zum Ehrensenator der MüKaGe ernannt, Am 15. Januar lädt Clemens um 11 Uhr zur Karnevalsfestmesse in St. Engelbert ein.

Dieser Text erschien am 20. November 2017 in der NRZ und in der WAZ

Mittwoch, 22. November 2017

Start in die Fünfte Jahreszeit: Die MükaGe feiert den Start in ihre 80. Session am 17. November im Altenhof


 
Jennifer Begall und Sabrina Uding berichten aus der MüKaGe
Am 17. November betritt die Erste Große Mülheimer Karnevalsgesellschaft (MüKaGe) Neuland. Erstmals feiert die 1937 in Saarn gegründete Karnevalsgesellschaft ihren Sessionsauftakt im Altenhof an der Kaiserstraße. Los geht es um 19.30 Uhr.


Warum engagiert man sich heute in einer traditionsreichen Karnevalsgesellschaft: „Das ist die pure Leidenschaft. Wir sind eine große Familie, in  der jeder gibt und nimmt“, erklären Jenny Begall (31) und Sabrina Uding (34). Beide gehören zum Trainerteam der 32-köpfigen Tanzgarde und arbeiten außerdem in der Geschäftsführung der 125 Mitglieder starken Gesellschaft mit.
„Wir sind ja nicht nur im Karneval aktiv. Wir treffen uns auch jenseits der Fünften Jahreszeit, um zum Beispiel gemeinsam unsere Freizeit zu gestalten, zu trainieren oder uns fortzubilden“, berichtet Begall. Sie kam bereits als Mädchen zur MükaGe, während Uding nach der Auflösung der KG Düse erst vor kurzem bei der MüKaGe ihre neue karnevalistische Heimat gefunden hat.

Wenn man die beiden MükaGe-Frauen nach dem Schwerpunkt ihrer Gesellschaft fragt, lautet die Antwort: „Tanzen!“ Besonders stolz sind Uding und Begall, die von ihrer Trainer-Kollegin Nadine Ossmann und einem zusätzlichen Betreuerteam unterstützt werden, dass sie den Jecken bei Sessionsstart am Freitag eine neue Mini-Garde und auch einen neuen Showtanz präsentieren kann.
Außerdem hat die von Willi Enaux gegründete Gesellschaft, die heute von Horst Heinrich und Bernd Kaiser geführt wird, den Styrumer Pfarrer Michael Manz als Ehrensenator und Hoppediz gewinnen können.

Neben dem närrischen Hausfrauennachmittag, zu dem die Müttergarde der MüKaGe am 31. Januar in den Styrumer Unionsaal an der Neustadtstraße einlädt, richtet die MükaGe bereits seit mehr als 40 Jahren das Qualifikationsturnier für die Deutschen Meisterschaften aus. „Am 9. und 10. Dezember erwarten wir Garden und Tänzer aus 70 deutschen Gesellschaften in der Sporthalle an der Mintarder Straße“, blickt Sabrina Uding in die nächste Zukunft. Und Jenny Begall macht deutlich: „Solch eine große Turnierveranstaltung können wir nur stemmen, weil alle Mitglieder der Gesellschaft mit anpacken. Und dann macht es auch allen riesig Spaß!“ Das gilt natürlich nicht nur für das Tanzturnier zur Deutschen Meisterschaft, sondern auch für den Kinderkarneval, zu der die MüKaGe am 4. Februar um 15.30 Uhr ins Gemeindehaus der Immanuelkirche an der Albertstraße in Styrum einlädt.

iMehr zur MüKaGe unter www.muekage.de

Dieser Text erschien am 17. November 2017 in der NRZ und in der WAZ

Wenn Märkte verrückt werden

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Das merkte ich, als ich gestern die Schloßstraße hinauf ging, um mich bei den Wochenmarkthändlern meines Vertrauens mit dem täglichen Bedarf einzudecken. Doch dort traf ich nicht auf Markstände, sondern auf eine riesige Tanne und Holzhütten. Für einen Moment glaubte ich, im Wald zu stehen, obwohl ich wusste, dass  ich auf der Schloßstraße und damit mitten in der Stadt stand. Doch dann fiel der Groschen.

Ich war, der Macht meiner Gewohnheit folgend, blindlings an den jetzt auf der mittleren Schloßstraße platzierten Wochenmarktständen vorbei gehuscht und so im Weihnachtstreff gelandet, der noch auf seine Eröffnung wartet.

Die Markthändler, die buchstäblich im Regen standen, machten, ob ihrer Verschiebung, einen eher bedröppelten Eindruck. Klar. Auch Markthändler werden nicht gerne verrückt. Aber irgendwie passt der verrückte Markt ins Bild der Zeit. Denn anders als die Früchte des Mülheimer Wochenmarktes, können einem die Früchte des Zorns, die uns heutzutage auf den freien Märkten der politischen und wirtschaftlichen Handelsvertreter angebotenen Früchte schwer im Magen liegen und den Appetit auf mehr verderben.

Dieser Text erschien am 22. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 21. November 2017

Im Schleudergang des Lebens

Vitamine kommen in dieser Jahreszeit des großen Hustens und Schniefens gerade recht. Apfelsinen und Mandarinen seien da allen noch oder noch nicht verschnupften Zeitgenossen als Vitamin-C-Bomben gegönnt und empfohlen. Doch ausgerechnet die Überreste dieser gesunde Früchte, nämlich ihre Schalen, wären mir gestern beinahe zum gesundheitlichen Verhängnis geworden, weil sie irgend  ein Früchtchen  großzügig auf dem Gehweg verteilt hatte.

Zwar wünscht man sich zuweilen Hals und Beinbruch. Doch diesen Wunsch scheint besagtes Früchtchen unter dem Eindruck akuten Vitaminmangels wohl missverstanden zu haben.

Um nicht vor der Zeit ins Schleudern zu kommen, empfiehlt sich wohl nicht nur Vitamine und einen Schutzengel, sondern auch seinen Kant: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ im Rucksack zu haben.

Denn nicht nur im Herbst kommt man heute schnell ins Rutschen, wenn man nicht mit allem und das heißt vor allem auch mit der Unvernunft seiner Mitmenschen rechnet.

Und das, man sieht es in Berlin, gilt offensichtlich nicht nur für den täglichen Straßenverkehr, sondern auch für das politische Parkett.

Dieser Text erschien am 21. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 20. November 2017

Vor dem ersten Glühwein

Glühwein schreibt die junge Frau in der kurzärmeligen Bluse auf das Werbeschild des City-Cafés. „Ist es schon wieder so weit“, frage ich. „Ja, es ist so weit“, sagt sie und lächelt. Wenige Schritte weiter überzeugt mich der Anblick der MST-Mitarbeiter, die am Volkstrauertag an der Schloßstraße kleine Holzhütten aufbauen. Der Weihnachtstreff steht vor der Tür. O, du fröhliche. Und das schon im  tiefsten November. Komisch. Als der Weihnachtstreff noch ein Weihnachtsmarkt war, der seinem Namen alle Ehre machte, wurden erheblich mehr Holzhüten erheblich später aufgestellt. Ich weiß. Das ist Nostalgie.

Das Hier und Heute besteht im November und Dezember aus einem Weihnachtstreff an der oberen und einem Wochenmarkt an der unteren Schloßstraße. Und die ersten Sterne der Weihnachtsbeleuchtung prangen schon.

Wenn es denn der Belebung der Innenstadt und ihren Einzelhändlern hilft, können wir alle und vor allem der Stadtkämmerer am Ende wirklich: „O, du fröhliche anstimmen“ und mit seinem Glühwein darauf anstoßen, dass hoffentlich nicht nur die Kassen der Stadt mal wieder kräftig klingeln. Da kommt mir vor dem ersten Glühwein eine Schnapsidee: Sollten wir nicht aus dem Wochenmarkt- und dem Weihnachtstreff eine ganzjährige Veranstaltung machen. Das könnte die City vielleicht dauerhaft beleben und den Einzelhändlern ein Gefühl wie Weihnachten und Ostern verschaffen. Zu Risiken und  Nebenwirkungen fragen sie die Mülheimer Entsorgungsgesellschaft und das Ordnungsamt.

Dieser Text erschien am 20. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 19. November 2017

In der Kürze liegt die Würze

Ein Soziologe, so las ich es jetzt in unserer Zeitung, empfiehlt den christlichen Kirchen kürzere und einladendere Gottesdienste, um die Kirchenbänke samstags und sonntags wieder besser zu besetzen.

Mir sind noch zweistündige Hochämter mit Weihrauchberieselung in fragwürdiger Erinnerung, bei denen auch der best konditionierte Christenmensch an die Grenzen der  Besinnungslosigkeit gelangen kann.  Warum soll also auch bei der Predigt in der Kirche nicht gelten, was uns Journalisten von Ausbildern und Vorgesetzten immer wieder gepredigt wird: In der Kürze liegt die Würze. Von einem Pfarrer erfuhr ich jüngst, dass die Aufmerksamkeitsspanne seiner alltagsgeplagten Schäfchen beim Hören der Predigt zwischen sieben bis acht Minuten liege.

Immerhin. Lieber tolle fünf Minuten auf der Kanzel in einer hoffentlich gut geheizten Kirche mit orthopädisch unbedenklichem Kirchengestühl als 140-Zeichen-Tweitterbotschaften von Donald Trump, bei denen es einem kalt über den Rücken läuft. Eines macht uns der amtierende US-Präsident allerdings deutlich. Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er nicht immer auch Verstand. Und allein diese Tatsache sollte uns das Beten lehren. 

Dieser Text erschien am 18. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 17. November 2017

Ein Fußgänger sieht rot

Mein Gesprächspartner erwartete mich um 8 Uhr. Der Tag fing gut an. Ich kam leicht aus den Federn, frühstückte gut und meine Bahn war pünktlich.  Ich hatte zu viel Glück auf einmal. Denn auf der letzten Etappe meines Weges wurde ich von einer roten Ampel brutal ausgebremst. Ich habe nichts gegen rote Ampeln. Sie müssen ja den fließenden Verkehr in die richtigen Bahnen lenken und für Sicherheit sorgen. 

Doch wenn man als termingesteuerter Fußgänger gefühlte 15 Minuten an einer roten Ampel steht und nur der Autoverkehr fließt, kann man als Fußgänger schon mal rot sehen, wenn die Zeit gnadenlos verrinnt und aus der Pünktlichkeit mal wieder Unpünktlichkeit wird, was nicht gerade imagebildend wirkt. Vielleicht hätte ich noch gerade pünktlich sein  können, wenn ich die rote Ampel ignoriert und todesmutig die stark befahrene Straße überquert hätte. Gut, dass ich es nicht tat und für mein Image mein Leben aufs Spiel setzte, denn als ich im Büro meines Gesprächspartners eintraf, ließ der sich von seiner Sekretärin entschuldigen. Er stehe im Stau und brauche mindestens noch 15 Minuten bis zu seiner Ankunft.

Dieser Text erschien am 17. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 16. November 2017

Der Mann mit der Spitzen Feder: Auch wenn der Karikaturist Thomas Plaßmann kein Jeck ist, freut er sich über die Spitze Feder der Mülheimer Karnevalisten

Thomas Plaßmann bei der Arbeit.
Thomas Plaßmann bekommt nicht nur die Spitze Feder. Der Karikaturist der Neuen Ruhr Zeitung arbeitet auch mit ihr. Mit einer klassischen Feder und Tusche zeichnet er auf Papier und sorgt mit seinen Karikaturen für Aha-Effekte am Frühstückstisch. „Als Karikaturist muss man zuspitzen, Dinge auf den Punkt bringen, frei nach dem wahren Wort: ‘Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte’“, unterstreicht der 57-Jährige.

Manchmal hat er, der sich schon immer dafür interessiert hat, „wie wir unser gesellschaftliches Leben positiv gestalten können“, ein schlechtes Gewissen. „Denn ich profitiere als Karikaturist von den Missständen dieser Welt und von fragwürdigen politischen Charakteren“, weiß Plaßmann. So ist ein Donald Trump, den er politisch gar nicht mag, für ihn als Karikaturisten ein Glücksfall. „Der US-Präsident bietet mit seinen plakativen Gesten und mit seinen oft haarsträubenden Äußerungen viele Angriffsflächen.“ Das gilt auch für Trumps weltpolitischen Gegenspieler, Nordkoreas Diktator Kim Jong Un. „Manchmal weiß man als Karikaturist nicht mehr, wie man die Realität noch toppen soll“, gibt Plaßmann zu. 

Doch er arbeitet sich nicht nur an Politikern ab, sondern nimmt mit seiner Feder auch soziale Themen wie Rente, Armut oder Pflege unter die Lupe. „Politik ist kein Schauspiel von und für die da oben, sondern bestimmt ganz konkret unsere Lebensverhältnisse“, beschreibt Plaßmann, was ihn beim Zeichnen antreibt.  Täglich entstehen so im Zimmer unter dem Dach seines Hauses die aktuellen Karikaturen zum Geschehen in der Welt und vor der Haustür. Der studierte Historiker und gelernte Schreiner, der schon als Schüler gerne seine Lehrer zeichnete, entschied sich vor 30 Jahren dazu, als freiberuflicher Karikaturist zu leben und zu arbeiten. Nun schon seit vielen Jahren für die NRZ und andere Tageszeitungen und Publikationen. „Nicht nur Zeitungsredaktionen haben erkannt, dass man mit der Bildsprache der Karikatur viele Themen besser kommunizieren kann, als wenn man dies nur mit dem geschriebenen Wort täte“, erklärt Plaßmann. Er selbst versteht sich als Journalist und Künstler.

Bevor er zur Tuschefeder greift, informiert er sich via Zeitung, Radio und Internet über die aktuelle Nachrichtenlage. „Das Zeichnen ist der geringste Teil meiner Arbeit. Entscheidend ist für mich, erst mal herauszufinden, was das Thema des Tages sein könnte und wie ich es kommentierend ins Bild setzten könnte“, beschreibt Plaßmann seine kreative, oft aber auch geistig mühevolle und anstrengende Arbeit. Im digitalen Zeitalter könnte er seine Karikaturen auch mit Hilfe eines Computerprogramms erstellen. Doch das will er nicht. „Ich will mir den künstlerisch handwerkliche Teil meiner Arbeit bewahren und zeichne lieber nach alter Väter Sitte“, sagt er.  Auch wenn er heute von seiner künstlerischen und journalistischen Arbeit “gut leben kann“, erinnert er sich auch noch an die Zeit des großen Klinkenputzens. 

„Das muss man tun, wenn der Vater kein Verleger und der Schwiegervater kein Chefredakteur ist“, scherzt Plaßmann. Mit Sorge sieht er, dass immer mehr Kollegen nur noch schlecht oder gar nicht mehr von ihrer Arbeit leben können. „Dabei zeigen die aktuellen Erfahrungen mit den sogenannten Fake-News in den sozialen Medien, dass wir heute mehr denn je einen guten und kritischen Journalismus brauchen, zu dem auch die Karikatur gehört. Aber dieser gute Journalismus kann nur dann existieren, wenn er auch bezahlt wird und Journalisten und Karikaturisten von ihrer Arbeit leben können“, sagt Plaßmann. 

Obwohl der in der Nachbarstadt Essen lebende Plaßmann „kein geborener Jeck ist“, freut er sich sehr darüber, „dass die Mülheimer Karnevalisten mit der Verleihung der Spitzen Feder nicht nur meiner Arbeit, sondern auch der für unsere Demokratie so wichtigen Arbeit meiner zeichnenden Kolleginnen und Kollegen Respekt und Anerkennung zollen.“  

Bleibt die Frage, ob man als Karikaturist, der mit dem künstlerischen Stilmittel der Satire arbeitet, frei nach Kurt Tucholsky, alles darf. „Es war für uns Zeichner wohl das einschneidendste Erlebnis ,als unsere Kollegen von Charlie Hebdo im Januar 2015 von islamistischen Terroristen ermordet wurden, weil sie den Propheten Mohammed karikiert hatten. Für einen Moment erstarb uns allen die Feder in der Hand“, erinnert sich Plaßmann. Doch sie wurde schnell wieder ergriffen und geführt. „Es wäre der falsche Weg, sich wegzuducken und darauf hin nur noch Blumenwiesen und röhrende Hirsche zu zeichnen. Karikaturen müssen die Probleme benennen und auf den Punkt bringen. Das erregt natürlich Anstoß, Widerspruch und ärgert mitunter natürlich auch. Aber das ist ja auch Ihre Aufgabe, um aufzurütteln, und zum Nachdenken anzuregen.“, sagt Plaßmann. Und so karikiert der praktizierende Christ auch seine eigene Kirche, wenn er das für notwendig hält. Dieser öffentlichen Kritik, so meint er, müssten sich, bei allem Respekt vor religiösen Gefühlen, nicht nur die christlichen Kirchen, sondern alle Religionsgemeinschaften stellen.  “Die spitze Feder”, so unterstreicht Plaßmann,”ist nicht nur Symbol, sondern unverzichtbares Werkzeug unserer Demokratie und unserer geistigen und kulturellen Freiheit.“

Dieser Text erschien am 14. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung