Sonntag, 19. Februar 2017

Der Vermittler und Türöffner: Rüdiger Simon bringt als Betriebsakquisiteur der Sozialagentur Arbeitgeber und Menschen zusammen, die nach langer Job-Pause wieder arbeiten wollen: Für beide Seiten ist das eine große Chance

Der studierte Sozialwissenschaftler Rüdiger Simon
Heute ist ein besonders guter Tag für Rüdiger Simon. Denn er fährt er zu einem Arbeitgeber, der eine seiner Klientinnen einstellen wird. Ihr erster Arbeitstag steht unmittelbar bevor. Der Betriebsakquisiteur der Sozialagentur vermittelt Langzeitarbeitslose ohne abgeschlossene Berufsausbildung auf den ersten Arbeitsmarkt. Eine herausfordernde Arbeit. „Ein toller Job, weil ich 100-prozentig von meiner Aufgabe überzeugt bin“, sagt der studierte Sozialwissenschaftler. Was ihn an seiner Arbeit sehr zufriedenstellt, ist die Tatsache, „dass ich die Menschen dort abholen kann, wo sie stehen. Ich brauche ihnen keine Stelle aufs Auge zu drücken, die gerade frei ist. Ich spreche stattdessen mit ihnen über ihre persönlichen Stärken, darüber, was sie gerne machen und was sie gerne machen würden, was sie sich zutrauen.“ Mit diesen Gesprächsinformationen ausgestattet, machen sich Rüdiger Simon und sein Kollege Sandrino Sabiu auf den Weg. Sie suchen Betriebe und Berufe, die zu ihren Bewerbern passen könnten.

Das tun sie nicht nur am Telefon in ihrem Büro in der sechsten Etage der Sozialagentur an der Eppinghofer Straße. Rüdiger Simon fährt mit seinem Auto kreuz und quer durch die Stadt, führt Gespräche mit Unternehmern und Geschäftsführern. Dabei findet so manches Gespräch über Persönlichkeiten, Potenziale und Anforderungen auch am Abend statt, weit außerhalb der Arbeitszeit Simons, die um 7.30 Uhr beginnt und um 16.30 Uhr endet.

„Ich gehe niemanden auf die Nerven. Ich überzeuge mit Fakten und überwinde die bei Arbeitgebern wie bei oft wenig selbstbewussten Bewerbern bestehenden Vorurteile mit dem Hinweis, dass beide Seiten nichts zu verlieren, aber viel zu gewinnen haben“, sagt der 57-Jährige.

Das Angebot von kostenlosen Probe-Praktika und die Lohnzuschüsse, die die Sozialagentur im Rahmen eines noch bis Ende August laufenden Bundesprogrammes geben kann, um Simons Kandidaten für eine zweite Chance in Arbeit zu vermitteln, sind für seine Gespräche die ersten und besten Türöffner. „Was viele Unternehmer überzeugt, unsere Bewerber, die zwischen 35 und 64 Jahren alt sind, einzustellen, ist das individuelle Coaching, mit dem wir sie beim Wiedereinstieg ins Berufsleben begleiten und unterstützen, so dass niemand mit möglichen Startschwierigkeiten alleine gelassen wird“, erzählt Simon.

Und deshalb ist der Betriebsakquisiteur auch nicht nur auf Arbeitgebertournee in der Stadt, sondern auch auf den sechs Etagen der Sozialagentur unterwegs, um mit Coaching-Mitarbeitern und Case-Managern zu besprechen, wo es in Einzelfällen hakt und wo noch nachgesteuert werden muss. Da geht es nicht nur um die Klassiker Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit, sondern auch um eigenverantwortliche Arbeitsorganisation und Kommunikationsstrategien im Umgang mit Kollegen, Kunden und Vorgesetzten, um am neuen Arbeitsplatz, trotz in der Regel hoher Motivation keinen Schiffbruch zu erleiden.

Wer die Gespräche mit anhört, die Simon im Laufe eines Tages mit Bewerbern führt, spürt, dass seine Arbeit auch seelisch belastend sein kann. „Da kommen Lebensschicksale auf den Tisch, die manchmal auch bedrückend sein können“, gibt Simon zu. „Ich höre mir jedes Detail einer Biografie an, um Bewerbern auch wirklich helfen und ihr persönliches Potenzial erfassen zu können. Aber ich ziehe innerlich auch immer eine Grenze, in dem ich mir sage: Das ist sein oder ihr und das ist mein Leben und jeder ist letztlich für sein eigenes Lebens selbst verantwortlich“, erläutert Simon seine persönliche Arbeitspsychologie.

Was ihm in seinen Gesprächen mit den vom Leben oft arg gebeutelten Bewerbern hilft, ist die eigene Berufsbiografie. Nach dem Studium arbeitete er zunächst als Einkaufsleiter einer Lebensmittelgenossenschaft, ehe er als Einrichtungsberater in die Möbelbranche wechselte. „Diese Erfahrungen haben mir gezeigt, was Arbeitgeber heute von ihren Beschäftigten an Leistungsbereitschaft und Flexibilität erwarten“, sagt Simon. Doch vor zehn Jahren wagte er einen durch Gespräche mit Studienkollegen motivierten Neustart, „weil mir in meinem Berufsleben bis dahin die Ethik zu kurz gekommen war.“ Der in seinen Jugendjahren durch die Friedens- und Umweltbewegung geprägte Sozialwissenschaftler widmete sich von nun an der sozialen Aufgabe, Langzeitarbeitslose in den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln, ob in Diensten einer kommunalen Sozialagentur oder einer privat-öffentlichen Beschäftigungsförderungsgesellschaft. Das tat der gebürtige Mülheimer, der heute in Speldorf zuhause ist, nicht nur in seiner Heimatstadt, sondern auch in Gelsenkirchen und im Kreis Recklinghausen. Seinen vor über zehn Jahren vollzogenen Berufswechsel, hat Simon nicht bereut, auch wenn er seit dem von einer befristeten Projekt-Stelle zur nächsten springen muss. „Davon geht die Welt nicht unter. Das ist heute normal. Das Arbeitsleben ist heute spannend und offen“, sagt Simon auch seinen Klienten immer wieder, Sie bekommen mit seiner Hilfe einen in der Regel zunächst auf zwei Jahre befristeten Arbeitsplatz, etwa als Produktionsmitarbeiter, als Hauswirtschafterin oder auch als Assistent der Geschäftsführung. 55 abgeschlossene Arbeitsverträge stehen für Simon und seinen Kollegen Sabiu für 55 schöne Arbeitstage. Aber es gibt für Simon und Sabiu natürlich auch die schlechten Arbeitstage. „Das sind Tage, an denen ich feststellen muss, dass Bewerber oder Arbeitgeber unter ihren Möglichkeiten geblieben sind und ein Arbeitsverhältnis plötzlich beendet oder trotz eines guten Praktikums erst gar nicht zustande gekommen ist.“ Das sind Tage, an denen sich Simon auf den Feierabend mit seiner Lebensgefährtin und vielleicht mit einem Konzert oder Theaterbesuch freut, um dann einfach abschalten zu können.

Die Betriebsakquisiteure der Sozialagentur, Rüdiger Simon, und Sandrino Sabiu sind für interessierte Arbeitgeber unter 0208-45559?11 oder 0208-455?5986 erreichbar.


Dieser Text erschien am 18. Februar 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

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