Samstag, 4. März 2017

Der Bewahrer der Stadtgeschichte: Seit über zehn Jahren setzt sich Kai Rawe mit Mülheimer Stadtgeschichte auseinander. Der Archivleiter hat aber auch eine interessante eigene Lebensgeschichte zu erzählen

Der Historiker Dr. Kai Rawe vor einer Mülheim-Collage des
Künstlers Klaus D. Schiemann
Als Leiter des Stadtarchivs ist Kai Rawe von Berufs wegen in der Geschichte unterwegs. Wenn der 46-jährige Historiker in den Magazinen des Stadtarchivs arbeitet, die in Regalen und Rollschränken zwei Kilometer Zeitungsbände, Akten, Urkunden, persönliche Nachlässe, Fotografien, Ansichtskarten, Baupläne, Bücher, wissenschaftliche Arbeiten und vieles mehr beherbergen, geht er durch 800 Jahre Mülheimer Geschichte.

Doch Rawe bewegt sich nicht nur auf den vier Etagen des Hauses der Stadtgeschichte, an dessen Konzept er bereits ab 2006 als befristeter Projektmitarbeiter der Stadt mitgewirkt hat. Mal muss er in Ratsausschüssen Auskunft zu historischen Fakten abgeben, etwa, wenn es um denkmalgeschützte Bauwerke geht. Mal trifft er sich mit Schülern, die im Rahmen einer Projektarbeit von ihm etwas über Archivrecherche und die Quellen erfahren möchten, die sie dort finden können.
Auch in der städtischen Bauverwaltung ist seine Expertise gefragt, wenn es etwa um den Bestand und den Umgang mit alten Katasterkarten und Bauplänen geht. Natürlich ist er auch vor Ort, wenn  eine Jubiläumsausstellung konzipiert wird, wie zuletzt bei der Sparkasse, oder  ein historischer Festvortrag gehalten werden muss.

Auch wenn der Oberbürgermeister für eine Rede historische Zahlen, Daten und Fakten braucht, klingelt bei Rawe im Stadtarchiv das Telefon. Wissenschaftler, interessierte Bürger und Journalisten, die sich mit der Stadtgeschichte beschäftigen, kennen ebenfalls seine Telefonnummer und wissen seinen fachlichen Rat zu schätzen.

Unterwegs ist der Mülheimer Chefarchivar aber auch in der Region, etwa an Hochschulen, um dort zum Beispiel Referenten für die Vortragsreihe des Stadtarchivs zu gewinnen oder bei Archivartagungen mit seinen Kollegen über die Zukunftsperspektiven der digitaler Archivierungsmethoden zu beraten.

Unterwegs war der Historiker, der seine Doktorarbeit über die Zwangsarbeit im Ruhrbergbau des Ersten Weltkriegs geschrieben hat, auch schon während seiner Studienjahre. Dass Reisen tatsächlich bildet und den eigenen Horizont erweitert, erlebte Rawe als Stipendiat in Glasgow. „Ich habe dort Menschen kennengelernt, die ähnlich wie die Menschen im Ruhrgebiet sehr robust sind und das Herz am rechten Fleck haben, auch wenn es ihnen wirtschaftlich nicht gut geht, weil sie unter den sozialen Folgen eines dramatischen Strukturwandels leiden“, erinnert sich Rawe an sein Studienjahr in der größten schottischen Stadt. Neben Freundschaften hat er aus diesem Jahr die Einsicht mitgenommen, „nichts als selbstverständlich zu nehmen und immer wieder den Mut zu haben, sich auf neue Herausforderungen einzulassen.“ Im Vereinigten Königreich, dessen Landschaft und Geschichte ihn begeistern, lernte er, dass ein weitgehend kostenfreies Studium, wie er es aus Deutschland kannte, ebenso wenig selbstverständlich ist wie die freie Arztwahl in einem Land, das über ein staatlich gelenktes und steuerfinanziertes Gesundheitswesen verfügt: den National Health Service.

Angesichts seiner eigenen Lebensreise, die 1970 als Sohn einer Hausfrau und eines Schlossers im sauerländischen Altena begann und über den Umweg einer Verwaltungslehre und eines berufsbegleitenden Abiturs an der Abendschule zum Geschichtsstudium an der Ruhruniversität Bochum führte, empfand er die Möglichkeit, seine Lieblingsfächer Geschichte und Germanistik zu studieren und wissenschaftlich bearbeiten zu können, stets als ein Privileg. „Da ich bereits vor meinem Studium das Arbeitsleben kennengelernt hatte, bereitete es mir, anders als manchen meiner Kommilitonen,  kein Problem, meine Freizeit auch mal zurückzuschrauben, wenn es in den Semesterferien darum ging, drei oder vier Seminararbeiten zu schreiben“, erinnert er sich.

Damals lernte er wichtige Tugenden: Durchhalten, dran bleiben und keine Angst vor neuen Aufgaben  haben. So rüstete er sich auch für die Jahre nach seinem Examen, „als ich als freier Historiker tätig sein musste“. Damals arbeitete er sich von einer wissenschaftlichen Projektstelle zu nächsten und von einem Vortrag zum anderen. „Ich habe auch Museumsführungen für Schüler gemacht oder Kindergeburtstage in historischen Museen organisiert“, erinnert sich der heute fest angestellte Leiter des Stadtarchivs an sein hartes Brot der frühen Jahre.

Und dass es eine weitere Projektstelle im Vorfeld des Stadtjubiläums von 2008 war, die ihn 2006 nach Mülheim und am 2. Januar 2008 als Nachfolger des pensionierten Stadtarchivars Kurt Ortmanns in die hauptamtliche Leitung des Stadtarchivs geführt hat, empfindet Kai Rawe noch heute „wie einen Sechser im Lotto“.

Dieser Text erschien am 1..März 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

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