Mittwoch, 12. April 2017

Der steinige Weg zur Pfarrerin: Eine Ausstellung im Gemeindehaus der Lutherkirche beleuchtet die Zeitreise,in der es Frauen in der evangelischen Kirche zur Anerkennung gebracht haben

Pfarrerinnen im Gespräch: (von links) Marie-Luise Erdtmann, Nele Winkel
 Reinhilde Lüninghöner-Czylwik undAlexandra Cordes,

Frau Pfarrerin. Diese Anrede kennen katholische Christen, soweit sie nicht der altkatholischen Kirche angehören, bis heute nicht.

Aber auch in der Evangelischen Kirche ist diese Anrede und das damit verbundene geistliche Amt noch nicht so lange eingebürgert, wie man im 500. Reformationsjahr glauben möchte. Eine Ausstellung, die am Mittwochabend mit einer Pfarrerinnen-Talkrunde im Gemeindehaus der Lutherkirche eröffnet wurde, zeigt es. „Nein, mein Mann soll ein schöne Beerdigung erleben und nicht von einer Pfarrerin unter die Erde gebracht werden“, gab die ehemalige Speldorfer Pfarrerin Marie-Luise Brandtmann eine Anekdote aus dem Jahr 1983 zum Besten.

Damals, als die 1935 geborene Theologin ihr Pfarramt an der Lutherkirche antrat, war es gerade mal zehn Jahre her, dass das Pflichtzölibat für Vikarinnen aufgehoben worden war. Bis dahin durften nur unverheiratete Frauen ins Pfarramt eintreten.

„Ich kann nicht glauben, dass Frauen noch bis weit in die 70er Jahre hinein ihre Ehemänner um Erlaubnis fragen mussten, wenn sie berufstätig werden wollten“, sagte Brandtmanns heutige Nachfolgerin Alexandra Cordes. „Heute haben wir im Evangelischen Kirchenkreis an der Ruhr 14 Pfarrerinnen und zwölf Pfarrer“, beschreibt die heutige Personalsituation.

Ihre 1955 geborene Kollegin Reinhilde Lüninghöner-Czylwik, seit über 30 Jahren Pfarrerin in Heißen, kann sich noch an Zeiten erinnern, in denen die Evangelische Kirche ihre Pfarrerinnen, die sie lange nur als Vikarinnen und Pastorinnen gelten ließ, sicherheitshalber von zwei männlichen Amtsbrüdern flankieren ließ.

Die Zeiten haben sich geändert, zumindest in Mülheim. Heute flankieren Alexandra Cordes und Katrin Schirmer als Pfarrerinnen in Speldorf ihren Kollegen Matthias Göttert, während Lüninghöner-Czylwik und ihre Kollegin Anja Collenberg die Heißener Gemeinde mit Frauenpower leiten. Vor diesem Hintergrund kann sich die 1980 geborene Pfarrerin zur Anstellung, Nele Winkel, nicht vorstellen, dass die lutherische Kirche in Lettland erst kürzlich die Frauen-Ordination wieder abgeschafft hat, frei nach dem Paulus-Wort: „Das Weib schweige in der Kirche.“

Unglaublich ist es für die zweifache Mutter, dass den ersten Vikarinnen und Pastorinnen, die ab 1943 in ihr Amt eingeführt wurden, nicht nur Ehe und Familie verweigert wurden. Auch die Leitung eines Gottesdienstes und die Feier des Abendmahls blieb bis Mitte der 70er Jahre dem Herrn Pfarrer vorbehalten.

„Während die Ehefrauen der Pfarrer ihren Männern den Rücken freihalten und mitarbeiten, wird von Pfarrerinnen, die auch Mütter sind, erwartet, dass sie ihren Stellenumfang einschränken“, so Nele Winkel.

Zitat: Nein, mein Mann soll ein schöne Beerdigung erleben und nicht von einer Pfarrerin unter die Erde gebracht werden. Marie-Luise Brandtmann, Pfarrerin, erzählt aus dem Jahr 1983

Dieser Text erschien am 7. April 2017 in NRZ/WAZ

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