Dienstag, 4. April 2017

Fragen Sie bloß nicht

Höflichkeit ist eine Tugend. Sie kann zuweilen aber verheerende Folgen haben. Das erlebte ich jetzt im Wartezimmer eines Arztes. Dort war eine Dame so unvorsichtig, ihre Neben-Frau zu fragen: „Wie geht es Ihnen?“ Darauf hatte die so angesprochene Dame wohl nur gewartet. In 30 Minuten, die gefühlt 60 Minuten lang waren, beantwortete sie die gut gemeinte, aber zum falschen Zeitpunkt gestellte Frage mit ihrer gesamten Krankengeschichte, die sich unüberhörbar über Jahre hinzog und kein Körperteil ausließ.

„Haben Sie auch schon mal einen tauben Zeh gehabt? Ein schreckliches Gefühl. Mein Arzt weiß auch nicht mehr, was er noch  machen soll. Ganz davon abgesehen, dass meine Venen heute auch nicht mehr sind, was sie mal waren. Nach dem ich immer so ein flaues Gefühl im Magen hatte, habe ich mich auch gleich zur Magenspiegelung angemeldet. Also meine Knieoperation habe ich ja Gott sei Dank gut überstanden. Ich kenne ja Leute die auch nach einer wochenlangen Reha nicht wieder auf die Beine gekommen sind. Sicher muss ich mir bald auch mal meine Gallensteine entfernen lassen und wenn es mit den regelmäßigen Kopfschmerzen so weiter geht, werde ich mich wohl vorsichtshalber mal in so eine Computerröhre legen.“

Die so mit Diagnosen und Krankheitsgeschichten bombardierte Mit-Patientin bereute ihre höfliche Nachfrage offensichtlich, war sie doch deutlich erblasst. Wahrscheinlich überlegte sie schon, ob sie ihren Arzttermin nicht verschieben und stattdessen an die frische Luft gehen und anschließend zur Beruhigung ihrer strapazierten Nerven  Tee trinken sollte. Da kam die erlösende Durchsage: „Die Nächste, bitte.“ Jetzt war der Arzt dran. Gott sei Dank wird der Mann fürs professionelle Zuhören bezahlt. Und die erlöste Zuhörerin wird wohl so schnell nicht mehr fragen: „Wie geht es Ihnen?“, schon gar nicht im Wartezimmer eines Arztes. Das kann man nur wagen, wenn man psychisch und physisch topfit ist.

Dieser Text erschien am 27. März 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung 

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