Freitag, 21. Juli 2017

Die Sparkasse beleuchtet auch die dunklen Seiten ihrer Geschichte

Sparkassenwerbung aus den 1930er Jahren (Foto DSGV)
Wer in die Hauptgeschäftsstelle der Sparkasse kommt, sollte sich Zeit nehmen. Denn in der ersten Etage der Sparkassen-Zentrale am Berliner Platz beleuchtet eine Ausstellung der Historiker Dr. Ingo Stader und Max Schlenker die 175-jährige Geschichte. Jetzt haben Stader und Schlenker ihre Ausstellung, die noch bis zum 20.
September zu sehen ist, um einige Text- und Bild-Banner ergänzt. Diese beleuchten die Sparkassengeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus.
"Wir hatten bei unseren Recherchen im Stadtarchiv und im Landesarchiv freie Hand. Das war sehr angenehm und ist auch heute nicht bei allen Unternehmen üblich, die in einem Jubiläumsjahr ihre Geschichte dokumentieren wollen", betont Dr. Stader. "Ich wollte einfach wissen, was in dieser Zeit bei uns passiert ist", erklärt Sparkassen-Chef Martin Weck seine Motivation.

Der Ausstellungsbesucher stößt auf verstörende Werbeplakate aus den 1930er und 1940er Jahren. "Das Sparen der Frau ist Dienst am Volk!" heißt es da oder: "Die Heimat arbeitet und spart für die Front." Max Schlenker weist darauf hin, dass die Sparbucheinlagen der Kunden damals in Reichsanleihen angelegt werden mussten, ohne das die Sparer von dieser Zweckentfremdung ihres Geldes erfuhren. Hitlers Krieg kostete nicht nur Menschenleben, sondern auch Geld. Und nach dem Krieg war die deutsche Währung faktisch wertlos. Bei der Währungsreform 1948 wurden alle Reichsmark-Sparguthaben im Verhältnis 1:10 abgewertet.

"Die Reichsanleihen waren eine Pervertierung des Sparkassen-Gedankens. Denn die Sparkassen waren ja ursprünglich für die Lebens- und Altersvorsorge gegründet worden", erinnert Ingo Stader, Geschäftsführer der gleichnamigen Agentur History & Communication.

Max Schlenker macht deutlich, dass die Nazis mit ihren Führerprinzip bei den Stadtsparkassen der damaligen Zeit leichtes Spiel hatten, weil sie anders, als die heutigen Sparkassen als städtische Ämter geführt wurden. So war es den Nazis, die zusammen mit den Deutschnationalen ab März 1933 in Mülheim die Ratsmehrheit stellten, auch möglich alle Vorstandsposten der Stadtsparkasse mit ihren politischen Gefolgsleuten zu besetzen. So gehörte auch der Kreisleiter der NSDAP, Karl Camphausen, der von Bankgeschäften keine Ahnung hatte, zumindest bis 1936 dem Vorstand der Stadtsparkasse an, 

Parteigenossen erwiesen sich als unfähig


Doch die Rechnung ging nicht auf. Die Nazis mussten bald erkennen, dass ihre Parteigenossen fachlich nicht geeignet waren, ihre Vorstandsämter auszufüllen. Deshalb kam es 1936 nicht nur im Sparkassenvorstand zu einem großen Stühlerücken. Der Vorstandsvorsitzende und Stadtkämmerer Johann Bottenbruch blieb in den Jahren 1934 bis 1946 die einzige personelle Konstante im Vorstand der Sparkasse. Das Bottenbruch NSDAP-Mitglied aber auch Mitglied in der regime-kritischen Bekennenden Kirche war, zeigt, dass es während der NS-Zeit kein reines Schwarz-Weiß-Muster gab. 

Bottenbruch wurde wohl deshalb auch nach dem Krieg als "minder belastet" und später sogar nur als "Mitläufer" entnazifiziert. Als "minder belastet" wurde auch ein Rendant eingestuft, weil ihm nachgewiesen werden konnte, dass er aufgrund seiner langjährigen und aktiven Rolle in der NSDAP die Stelle eines den Nazis politisch missliebigen Kollegen bekommen hatte.

Weil die entsprechenden Akten aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes noch gesperrt sind, konnten die von der Sparkasse beauftragen Historiker bisher keine Erkenntnisse über die Enteignung und Arisierung jüdischer Vermögenswerte gewinnen. Betroffen sind alle Akten über Menschen, die 1917 oder später geboren worden sind. Dokumentiert haben sie dagegen die traurige Geschichte der Stadtsparkasse und der benachbarten Synagoge, die auf Befehl des damaligen Feuerwehrchefs Alfred Fretr in der Reichspogromnacht im November 1938 in Brand gesetzt wurde.

Versicherung musste zahlen


Ironie der Geschichte: Bereits im Oktober 1938 hatte die Sparkasse die zwischen 1905 und 1907 errichtete Synagoge am Viktoriaplatz, weit unter Wert, für 56.000 Reichsmark von der Jüdischen Gemeinde erworben. Deshalb machte die Stadtsparkasse nach der Reichspogromnacht vom 9./10. November 1938 bei der Feuerversicherung auch eine Schadenssumme von 8500 Reichsmark geltend.

1955 einigten sich die Stadtsparkasse und die Vertretung der Jüdischen Gemeinden auf eine Entschädigung in Höhe von 78.500 D-Mark, ergänzt durch die Übertragung eines 300 Quadratmeter großen Grundstücks an der Wallstraße.


Dieser Text erschien am 20. Juli 2017 in der Mülheimer Woche und im Lokalkompass

Donnerstag, 20. Juli 2017

Mülheim-Krimi in den Grauzonen menschlicher Existenz Kurt Jahn-Nottebohm lässt Frank Wallert wieder ermitteln

Kurt und Ulrike Jahn-Nottebohm
Sprache und Bücher haben den inzwischen pensionierten Deutsch- und Englisch-Lehrer Kurt Jahn-Nottebohm immer schon begeistert. Da lag es nahe, dass der Mülheimer, der mit seiner Frau Ulrike in einem Fachwerkhaus an der Eppinghofer Straße lebt, zur Feder griff. Das war 2005.

Heraus kam damals sein erster Mülheim-Krimi „Dunkelkammer“ und dessen Protagonist Frank Wallert, der in einem brutalen Doppelmord ermittelte. Nach seinem ersten Krimi konnte Jahn-Nottebohm mit dem Schreiben nicht mehr aufhören. Sein Polizei-Hauptkommissar Wallert, der inzwischen als Privatdetektiv auf eigene Faust ermittelt, ließ den Autor nicht mehr los. „Ich wollte nie eine Krimi-Serie schreiben. Das hat sich einfach verselbstständigt“, sagt der Autor heute.

Im Laufe der Jahre erreichte er eine halbe Million Leser. In seinem neuesten Fall löst der Mülheimer Privatdetektiv  seinen achten Fall und stößt dabei in die „Grauzonen“ der menschlichen Existenz vor. Er bekommt es in seinem aktuellen Fall mit einer syrischen Flüchtlingsfamilie aus Rakka zu tun. Deren Vater Aahlijah Massoud, ein Literaturprofessor der Universität Aleppo, verschwindet plötzlich und taucht nach drei Tagen schwerverletzt wieder auf. Und dann wird aus dem Vermissten-Fall doch noch ein Mordfall.

Auch im neuen Wallert-Fall vermischt der Mülheimer Krimi-Autor geschickt Fiktion und Aktualität. In seinem Roman geht es nicht nur um Spannung, sondern auch darum, warum Menschen heute aus ihrer Heimat fliehen. Jahn-Nottebohm zwingt seine Leser über ihren Tellerrand hinauszuschauen. Der Autor bedient sich einer anschaulichen Sprache, die Leser in Bann schlägt, aber auch erschreckt. Seine Protagonisten sind realistisch und authentisch, weil ihre Biografien von Brüchen geprägt sind. Gekonnt setzt Jahn-Nottebohm den Wechsel der Erzähhl-Ebenen als dramaturgisches Mittel ein. Lässt sich ein Kriminalroman besser an die Leserin und den Leser bringen, wenn er Bezug auf das aktuelle Zeitgeschehen nimmt? „Das weiß ich gar nicht, aber das ist einfach bei mir drin. Denn ich mit ein politisch denkender und fühlender Mensch“, sagt Jahn-Nottebohm

Auch der jüngste, 329-Seiten starke, Kriminalroman aus der Feder Kurt Jahn-Nottebohms wurde von seiner Frau Ulrike Nottebohm layoutet  und zusammen mit Christiane Klingbeil lektoriert.
Der Kriminalroman „Grauzonen“ ist als E-Book (für 2,99 Euro) und als Taschenbuch (für 9,99 Euro) im Buchhandel und online erhältlich. Weitere Informationen findet man im Internet unter: www.facebook.com/kurt.JahnNottenohm und www.bookrix.de

Mittwoch, 19. Juli 2017

Ein Zeitsprung auf der Schleuseninsel: Wo heute Ausflügler parken, stand früher ein Pionier-Denkmal

Zeitgenössische Postkarte aus dem Stadtarchiv
Dort, wo heute Ausflügler auf der Schleuseninsel, gleich gegenüber des Wasserbahnhofes, ihre Autos parken, wurde vor 80 Jahren ein Pionier-Denkmal enthüllt. Die Ansichtskarte aus dem Stadtarchiv zeigt es. Das Denkmal, das nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand, war Ausdruck seiner Zeit, der Nazi-Zeit. Die von dem Berliner Bildhauer, Professor Liebmann, geschaffene Soldatenskulptur sollte an die gefallenen Pioniere des Ersten Weltkrieges erinnern. Wenn wir den Soldaten mit Stahlhelm, Gewehr und Panzerfaust rückblickend betrachten, erscheint er uns als beklemmender Vorbote des Zeiten Weltkrieges. Dieser sollte zwei Jahre nach der Enthüllung des Mülheimer Pionier-Mahnmals mit dem deutschen Überfall auf Polen beginnen und 60 Millionen Menschenleben kosten. Schon der Erste Weltkrieg hatte 17 Millionen Menschenleben gefordert.

Vor diesem Hintergrund klingt die Schlagzeile, mit der die Mülheimer Zeitung am 6. September 1937, über die am Vortag enthüllte Skulptur berichtete, geradezu grausam: „Niemals stirbt der Toten Tatenruhm.“ Doch am 5. September 1937 meinte Mülheim, Grund zum Feiern zu haben. 2000 Poniere kamen an diesem Tag in die Stadt. Es wurde das Deutschlandlied gesungen. Mülheims NSDAP-Chef Carl Camphausen und Oberbürgermeister Edwin Hasenjaeger legten Kränze nieder und beschworen das ehrende Gedenken der Gefallenen. Unter dem Jubel der Massen verlas der Verbandsführer der rheinisch-westfälischen Pioniere, Hauptmann Ignee ein Telegramm an Adolf Hitler, in dem ihm für den Wiederaufbau der Wehrmacht gedankt wurde.

Dieser Text erschien in der Neuen Ruhr Zeitung am 19. Juli 2017

Dienstag, 18. Juli 2017

In Mülheim fährt man seit 120 Jahren mit der Straßenbahn

Foto Stadtarchiv
Dass man heute mit der Straßenbahn durch einen Tunnel unter der Ruhr fahren kann, hätten sich die ersten Fahrgäste der Mülheimer Straßenbahn nicht träumen lassen. Sie zahlten 10 oder 20 Pfennige für eine Fahrkarte und stiegen am 9. Juli 1897 am Rathausmarkt ein. Von hier aus konnte man mit der Tram bis zur Körnerstraße und zum Kahlenberg, aber auch nach Styrum und Oberhausen fahren. Im ersten Geschäftsjahr umfasste das Gleisnetz der Mülheimer Straßenbahn gerade mal 12,5 Kilometer


Im Jahr sind 27 Millionen Fahrten zu verbuchen



Heute fahren jährlich 27 Millionen Menschen mit den 38 Straßenbahnen und 51 Bussen der Mülheimer Verkehrsgesellschaft. In Zeiten, als ein eigenes Auto noch der pure Luxus war, fuhren 1947 allein mit den Mülheimer Straßenbahnen 32 Millionen Menschen. Die Straßenbahn war das Verkehrsmittel Nummer Eins, wenn es um den Weg zur Arbeit oder um einen Sonntagsausflug zur Monning, in den Uhlenhorst, in den Witthausbusch und zum Kahlenberg ging.

Die Tatsache, dass das Straßenbahnnetz rasch ausgebaut wurde, zeigt, wie schnell die Elektrische akzeptiert wurde. 1908 überschritt Mülheim die 100.000-Einwohner-Grenze und wurde so zur Großstadt. Damit stieg auch das Bedürfnis der Bürger, mobil zu sein und auch in die Nachbarstädte zu fahren.

1898 wurde die damals eigenständige Bürgermeisterei Heißen an das Mülheimer Straßenbahnnetz angeschlossen. 1900 folgten Eppinghofen, Mellinghofen und Dümpten. Als 1911 die neue Schloßbrücke eröffnet wurde, konnten auch die Stadtteile Speldorf. Broich und Saarn angebunden werden. Allerdings sollte die Straßenverbindung nach Saarn 1968 durch eine Buslinie ersetzt werden. 

Rasches Wachstum


Auch während des Ersten Weltkrieges, als Straßenbahnwagen unter anderem für den Transport von Verwundeten genutzt wurden, wuchs das Liniennetz. Ab 1916 wurden Mülheim, Essen und Oberhausen durch die Straßenbahnlinie 18 miteinander verbunden. Bis 1928 wuchs das örtliche Straßenbahnnetz auf 44 Kilometer an.

Der Zweite Weltkrieg brachte einen herben Rückschlag für den öffentlichen Personennahverkehr. Allein während des großen Luftangriffs in der Nacht vom 22. auf den 23. Juni 1943 wurden die Hauptverwaltung der städtischen Verkehrsbetriebe sowie 12 Triebwagen und acht Beiwagen der Straßenbahn zerstört.

Die Tram machte Mülheim schnell wieder mobil


Obwohl viele Straßen nach dem Kriegsende im April 1945 durch Trümmer blockiert wurden, konnte der Straßenbahnbetrieb schon wenige Tage nach dem Einmarsch amerikanischer Truppen wieder aufgenommen werden. Während des Wirtschaftswunderjahrzehnts der 50er Jahre schafften die städtischen Verkehrsbetriebe insgesamt 42 neue Straßenbahnwagen an.

Die 60er Jahre, in denen man "das moderne" und "damit autogerechte" Deutschland schaffen wollte, brachten die Straßenbahn in die Defensive. Wie heute, wurde damals darüber diskutiert, ob Busse nicht viel günstiger zu betreiben seien als Straßenbahnen. So wurde der Straßenbahnverkehr nach Saarn eingestellt. Und auch die Nachbarstadt Oberhausen entschied sich für einen reinen Bus-Nahverkehr. Doch mit der Eröffnung des Centros in der zweiten Hälfte der 90er Jahre, wurden Mülheim und Oberhausen wieder mit einer Straßenbahnlinie, der 112, miteinander verbunden. Inzwischen wird auch wieder über eine neue Straßenbahnlinie nach Saarn diskutiert.

Beginn des U-Bahn-Zeitalters


Die 70er Jahre standen dann ganz im Zeichen des Stadtbahn- und U-Bahnbaus. Fast genau 80 Jahre nach der Fahrt der ersten elektrischen Straßenbahn, erlebte die U18 am 28. Mai 1977 ihre Jungfernfahrt. Und gegen Ende des 20. Jahrhunderts fuhren dann erstmals Straßenbahnen unter der Ruhr.

Vor dem Hintergrund eines jährlichen Zuschuss-Bedarfs von rund 30 Millionen Euro wird das Für und Wider des Öffentlichen Personennahverkehrs kritisch diskutiert. Zweifellos scheint es im Autoland Deutschland vielen politisch angebracht, deutlich mehr die Infrastruktur des Individualverkehrs, als in den Schienenverkehr zu investieren und diesen so attraktiver und wirtschaftlicher zu machen. Doch ebenso zweifellos ist die Tatsache, dass der öffentliche Personennahverkehr die Nase vorne hat, wenn es um den Umwelt- und Klimaschutz geht. Und die Tatsache, dass ihr gesamter Fuhrpark seit 2015 niederflurig fährt, zeigt, dass sich die MVG auch dem demografischen Wandel stellt.

Ein Jubiläum wird gefeiert


Das 120-jährige Jubiläum der Mülheimer Straßenbahnen feiert die Verkehrshistorische Arbeitsgemeinschaft der Mülheimer Verkehrsgesellschaft am Samstag, 8. Juli, zwischen 11 und 17 Uhr mit einem Tram-Shop in der Passage zwischen Forum und Hauptbahnhof. Dort können Interessierte Fachliteratur und Straßenbahnmodelle erwerben. Außerdem wird zwischen 11 und 15 Uhr die Fahrt mit dem historischen Triebwagen M6D angeboten.

Dieser Text erschien am 8. Juli 2017 in der Mülheimer Woche

Montag, 17. Juli 2017

Ansichten eines Vierbeiners

Was hat mir mein Herrchen aus dieser Zeitung vorgelesen? Erst hat einechter Schweinehund 100 Gummireifen in der Einfahrt zum Hundespaßzentrum entsorgt. Wenn ich diese hundsgemeinen Typen erwischen sollte, pinkeln ich ihnen ans Bein. Darauf können Sie sich  verlassen. „Wuff!“

Und jetzt müssen die Hundefreunde das Gelände, auf dem Unsereins mal richtig Spaß haben konnte, aufgeben, weil es Teil eines Landschaftsschutzgebietes ist. Es dürfe nur zur Erholung und nicht zu gewerblichen Zwecken genutzt werden.

Da wird doch der Hund an der Leine verrückt. „Knurr.“ Versteh einer die Juristen. Die verstehen einfach keinen Spaß! Alles, was Recht ist. Wenn meine Kollegen und ich und vor allem meine Kolleginnen und ich auf dem Hundeplatz an der Hansbergerstraße unseren Spaß haben, dann ist das ja wohl die reinste Erholung. Das kann ich Ihnen  versichern. „Lächtz!“ Schließlich verbietet man den Zweibeinern ja auch nicht ihren Spaziergang oder eine Radtour an der Ruhr, nebst Einkehr in ein Eiscafe. Ist das nicht ein Fall für den Tierschutzverein, den die Hundefreunde mit ihren Einnahmen unterstützt haben oder für das Bundesverfassungsgericht oder für den Europäischen Gerichtshof oder für die Uno? Hunde, aller Länder vereinigt euch!“

Doch wer hätte das gedacht: Jetzt ist ausgerechnet die Mülheimer Wirtschaftsförderung auf den Hund gekommen und will den Hundefreunden, die demnächst mit uns wieder auf der Straße stehen, bei der Such nach einem neuen Platz helfen, auf dem wir und unsere Zweibeiner Spaß haben können. Mal sehen, wohin uns diese beschlipsten Wirtschaftsmenschen im Nadelstreifenanzug, der keinen echten Hundespaßplatz unbeschadet überstehen würde, am Ende hinbefördern werden. Mir schwant schlimmes, etwa eine Betonwüste, gegen das ein Gefängnishof für den täglichen  Freigang wie eine Idylle wirkt. Wenn das so kommt, bekomme ich eine Depression und mein Herrchen muss mit mir zum Hundepsychiater. Das wird teuer.

Wenn schon Wirtschaftsförderung, dann richtig. Also in einer Metzgerei mit aktiver Fleischtheke könnte ich mir ein Indoor-Spaß-Zentrum für uns Hunde wirklich gut vorstellen. „Schlabber!“ Dann dürfte es sogar in einem Gewergebiet liegen.

Dieser Text erschien am 17. Juli 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 16. Juli 2017

Die Kümmerin: Alexandra Teinovic vom Mülheimer Nachbarschaftsverein der Mülheimer Wohnungsbaugenossenschaft sorgt dafür, dass sich Nachbarn näher kommen und gemeinsam aktiv werden. Ihre Alltagshilfe ist gefragt


Alexandra Teinovic ist auf ihrer bisher 46-jährigen Lebensreise schon viel unterwegs gewesen. Die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin und Romanistin knüpfte als Vetriebs- und Marketing-Mitarbeiterin für einen großen Telefonanbieter und für einen spanischen Schuhfabrikanten internationale Verbindungen. Als Familienberaterin an ihrer Hochschule, der Heinrich-Heine-Universität, half sie Kollegen, deren Familienleben aus den Fugen geraten war, wieder auf ihre Spur zurückzukommen.

In einem Moment, in dem sie Lust auf eine berufliche Veränderung hatte, wies sie eine Kollegin auf eine Stellenausschreibung der Mülheimer Wohnungsbaugenossenschaft (MWB) hin, die damals, 2008/2009. einen Nachbarschaftsverein aufbaute. Mülheim und Genossenschaft. Das waren für die Ökonomin aus Düsseldorf damals Fremdworte. Doch sie machte sich schlau und wagte den Sprung ins kalte Wasser.

Das habe ich bis heute nicht bereut. Denn ich bin ein Mensch, der gut auf andere Menschen zugehen und Netzwerke organisieren kann“, sagt Teinovic über sich selbst. Und nach inzwischen neun Jahren, in denen sie als Netzwerkerin für die MWB in Mülheim unterwegs und aktiv ist, sagt sie: „Ich habe hier offene Menschen getroffen, die mich aufgenommen haben und es mir leicht gemacht haben, hier heimisch zu werden.“

Ihre vielseitiger Arbeitstag, der sie als Kümmerin und Frau für alle Fälle ausweist, beginnt in der Regel um 8 Uhr im Büro des Mülheimer Nachbarschaftsvereins an der Friedrich-Ebert-Straße 2. Mit einer Tasse Kaffee im Anschlag checkt sie ihre E-Mails und hört ihren Anrufbeantworter ab.
Sie telefoniert unter anderem mit einem Mann, der aus Mülheim kommt, heute aber in einer weit entfernten deutschen Großstadt lebt und arbeitet. Er macht sich Sorgen um seinen dementen Vater, der in einer Styrumer MWB-Wohnung lebt. Sie verspricht, bei seinem Vater vorbeizuschauen und einen Pflegedienst einzuschalten.

Obwohl die Frau vom Nachbarschaftsverein feste Sprechstunden, zwischen 10 und 12 Uhr hat, kommen und gehen bei ihr zu jeder Zeit Menschen ein und aus, die die Frau vom Mülheimer Nachbarschaftsverein als eine Frau mit einem offenen Ohr für alle Problemlagen kennen- und schätzen gelernt haben. „Können Sie mir mal erklären, wie ich meinen Fernseh- und Sateliten-Receiver einstellen muss?“ „Können Sie mal meinen Arztbrief anschauen und mir erklären, was da drin steht?“ „Worauf muss ich eigentlich achten, wenn ich eine Patientenverfügung aufstelle?“

Die Frau vom Nachbarschaftsverein kümmert sich nicht nur telefonisch, sondern kommt auch persönlich vorbei. Bevor es los geht, muss Teinovic, die übrigens auch einige Semester Medizin studiert hat, in der Tiefgarage der Sparkasse den Stecker ziehen. Denn dort wird ihr Elektro-Dienstwagen aufgeladen, wenn sie gerade mal nicht in der Stadt unterwegs ist. „Mit einer Stromladung für 1,50 Euro komme ich 60 Kilometer weit“, beschreibt sie die Vorzüge ihres umweltfreundlichen City-Flitzers.

An der Eigenheimhöhe in Heißen schaut sie bei zwei alteingesessenen Mieterinnen vorbei. Im Gespräch mit ihnen geht es um eine Patientenverfügung, aber auch um die Hundehaufen auf der kleinen Wiese vor ihrem Haus, um die wunderbar gewachsenen Hortensien und den letzten gemeinsamen Ausflug, den Teinovic für den Nachbarschaftsverein organisiert hat. „Das war wirklich sehr schön und informativ“, hört man über den Tagesausflug ins Neandertal. „Frau Teinovic ist ein sehr sympathischer Mensch. Sie ist sehr aufgeschlossen und kümmert sich auch um unsere kleinen Probleme und Wehwehchen. Mit ihrer Arbeit hat sie dafür gesorgt, dass wir Nachbarn uns jetzt besser kennen und regelmäßig miteinander sprechen“, sind sich Erika Sader und Ingrid Hegemann von der Eigenheimhöhe einig.

Ich organisiere nicht nur Tagesausflüge in die Region, sondern auch Nachbarschaftsfeste in der Stadt“, erzählt Teinovic, während sie zu einem Treffen mit vier Nachbarn von der Salierstraße fährt. Dort soll Ende September ein Nachbarschaftsfest gefeiert werden.
Im Gespräch geht es darum, wo was aufgestellt werden soll und was gebraucht wird. Die vier Mieter, mit denen Teinovic das Fest plant, gehören zum Organisationsteam der Siedlung und haben ihr auch gleich einen Lageplan mitgebracht.


Auch wenn Teinovic auf das Know-How und den Fundus, a# la Grill, Bierzelt-Garnituren und Pavillons, der Genossenschaft zurückgreifen kann, legt sie großen Wert darauf, „dass sich die Mieter und Nachbarn auch selbst mit einbringen.“

Dieser Text erschien am 15. Juli 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 15. Juli 2017

Ignoranz auf vier Rädern

Schreib doch nicht immer so kritisch über die Fahrradfahrer.“ So mahnt mich mein Kollege, der selbst zu dieser Zunft gehört. Er gehört aber, das muss ich sagen, zu den wirklich guten, die auch für Fußgänger bremsen und auf sie Rücksicht nehmen. Das kann nicht jeder von sich behaupten. Ich denke da an manche Herrschaften, die in ihren Limousinen unterwegs sind und Fußgänger entweder ignorieren oder als Verkehrshindernis betrachten. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass einige Automobilisten ihre großformatigen Karossen auch noch neben der breitesten Fahrbahn auf dem schmalsten Bürgersteig parken.

Sie scheinen sich nach dem Motto: „Wer zu Fuß geht, ist selber schuld“ durchs Leben zu bewegen. Man sollte diesen Ignoranten auf vier Rädern vielleicht einfach mal den Führerschein wegnehmen, damit sie mal wieder mit Rücksicht durchs Leben gehen.


Dieser Text erschien am 7. Juli 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Freitag, 14. Juli 2017

Fünte-Hof wird zum Burg-Theater: 15-köpfiges Ensemble um Regisseurin Karin Müller-Fischbach führt am kommenden Wochenende Frank Bruns’ Stück Königin Genevier auf

Szenefoto aus der Generalprobe
Gabriele Schimdt als Königin Genevier und
der Sohn des Lancelots.
Die anheimelnde Gartenhof des Heißener Kulturzentrums Fünte an der Gracht 209 wird am kommenden Wochenende zur Theaterbühne. Frank Bruns und sein 15-köpfiges Ensemble machen es möglich und bringen dort sein Stück „Königin Genevier“ zur Aufführung.

Das 90-minütige Schauspiel mit starken Darstellern, sehenswerten Kostümen und tollen Requisiten führt seine Zuschauer in die 70er Jahre des fünften Jahrhunderts zurück. Im Mittelpunkt der Handlung steht die Witwe des gefallenen König Artus, Königin Genevier, die sich mit 150 Kämpferinnen, dem Wikinger Boltar und dem  Heer des Lancelot-Sohnes Galahad tapfer und am Ende mit Erfolg gegen den Angriff des ausgesprochen unsympathischen und machtgierigen Merowinger-Königs Childerich wehrt. Es braucht nicht allzu viel Phantasie, um sich den Gartenhof der Fünte als die frühmittelalterliche Burg San Salvador de Verdera in den Pyrenäen vorstellen zu können.

„Mystische Geschichten aus der Vergangenheit haben zurzeit Hochkonjunktur. Hier geht es um die elementaren Themen des Lebens, wie Liebe, Kampf und Tod. Und auch heute müssen Frauen kämpfen und sich behaupten, um ihre Ziele zu erreichen“, sagt Regisseurin Karin Müller-Fischbach. Die gelernte Hotelfachfrau hat neben ihrem Berufsleben unter anderem mit dem Theaterregisseur Peter Zadek gearbeitet. 2008 brillierte sie in einer Theaterproduktion von Regisseur Michael Bohn und Autor Wolfgang Geibert in der Rolle als Äbtissin des Klosters Saarn.

„Sie hat einfach ein tolles Gespür für Menschen und holt das beste aus den Darstellern heraus“, lobt Autor Frank Bruns seine Regisseurin. Sie hat er, ebenso, wie seine Schauspieler als Gäste und Kulturschaffende im Kulturzentrum Fünte kennen gelernt.

„Da stecken 23 Jahre Recherche  drin“, sagt Bruns mit Blick auf sein Theaterstück. Es basiert auf einer Romantriologie über das Leben der Königin Genevier, die er in den Jahren 2000 und 2001 geschrieben und beim Verlag Romantruhe veröffentlicht hat.

„Ich wollte ursprünglich eine Schauspielerschule besuchen, habe dann aber, dem Wunsch meiner Eltern folgend, etwas ordentliches gelernt“, erzählt die Darstellerin der Königin Genevier. Gabriele Schmidt. Sie arbeitet im richtigen Leben als Chemisch-Technische Assistentin und liebt „das besondere Flair dieses Spielortes.“ Außerdem reizt es sie „einmal in eine andere Rolle zu schlüpfen und Menschen damit eine gute Unterhaltung zu schenken“.
Infos im Internet unter: www.fuente-kulturzentrum.de

Dieser Text erschien am 11. Juli 2017 in NRZ & WAZ   

Donnerstag, 13. Juli 2017

Der Küchen-Dienstleister: Markus Giepmann

Küchenleiter Markus Giepmann an seinem Arbeitsplatz.
Markus Giepmann kocht nicht nur gerne, er isst auch gern. Das ist ein gutes Zeichen für den Küchenchef der Hochschule Ruhr-West. Mit seinem 15-köpfigen Mitarbeiterteam kocht er täglich für bis zu 600 Gäste.

Nicht nur Studierende, Lehrende und andere Hochschulmitarbeiter, sondern auch Besucher lassen es sich zwischen 11.30 Uhr und 14.30 Uhr in der Mensa im Hochschulgebäude 07 schmecken. Bezahlt wird bargeldlos. Eine Uni-Geldkarte macht es möglich. Je nach Status zahlt man für ein Hauptgericht zwischen 1,20 Euro und 4,50 Euro. 60 oder 90 Cent kosten die Beilagen und Getränke. „Das bargeldlosen Bezahlen verzögert die Wartezeiten an der Kasse und an der Ausgabetheke“, erklärt Giepmann.

Als Koch war der heute 41-Jährige  schon in vielen Küchen unterwegs. Mutter und Großmutter weckten bei ihm die Lust aufs Kochen. Nach der Mittleren Reife lernte er das professionelle Kochhandwerk in einer Essener Hotelküche und sammelte danach Erfahrungen in verschiedenen Restaurantküchen.

Nach sechs Jahren als Zeitsoldat und Koch bei der Bundeswehr, lernte Giepmann: „die Vorzüge geregelter Arbeitszeiten zu schätzen.“ Als seine Zeit beim Bund abgelaufen war, wollte er nicht wieder in die  Gastronomie. Er bewarb sich beim Studierendenwerk der Universität Duisburg-Essen und kochte fortan in den Duisburger Mensen der Universität. Mit dem Wechsel zur Hochschule Ruhr-West wechselte er den Arbeitsplatz, aber nicht den Arbeitgeber. Denn auch die Mensa und die Caféteria der Hochschule Ruhr West werden vom Studierendenwerk der Universität Duisburg-Essen betrieben. Wer Markus Giepmann durch seinen Arbeitstag begleitet, der um 7.30 Uhr beginnt und um 15.30 Uhr endet, merkt schnell: Der Mann kocht nicht nur. 

Ständig bewegt er sich zwischen Küche, Büro, Mensa, Cafeeria, Lager und Kühlräumen, pendelt über drei Etagen hinweg. Neben Gyros, Reis, Salat, Steaks, Kartoffeln und Maisringen, gehören auch das Erstellen der Dienstpläne, die Aufgabe oder Reklamation von Bestellungen oder ein offenes Ohr und ein aufmunterndes Wort für einen gebeutelten Kollegen zum Alltag des Küchenchefs. Über TV- und Starköche, die in Fernsehkochshows den allein agierenden Meister als Herdplatten, Zutaten, Pfannen und Töpfe geben, kann Giepmann nur müde lächeln.  Er weiß: „Als Koch bin ich ohne mein Team nichts.“

Tatsächlich bewegt sich Giepmann in seiner Küche, die er auch von seinem Büro aus immer im Blick hat, in einer arbeitsamen  Kollegenschar. Sie erledigt die Arbeiträge, die Giepmann ihnen, per Dienstplan und bei der morgendlichen Dienstbesprechung mit in den Tag gegeben hat.
Das fängt mit dem Salatputzen an und hört mit dem Portionieren der Desserts auf. Vormittags, wenn die großen Tageslieferungen kommen, überprüft Giepamann zusammen mit seinem für Lagerhaltung zuständigen Kollegen die Qualität der Lebensmittel. „Dabei habe ich keine Scheu, auch mal eine ganze Palette zurückgehen zu lassen, wenn mir zum Beispiel die Erdbeeren matschig erscheinen. Denn wir zahlen gutes Geld für gute Lebensmittel“, unterstreicht der Küchenleiter.
Er selbst bevorzugt kulinarisch Eintöpfe, stellt aber als Küchenchef der HRW-Mensa immer wieder fest: „Das hier Klassiker, wie Schnitzel oder Currywurst mit Pommes und Salat besser ankommen, als vegetarische Gerichte.“

Wer von seiner heimischen Küche in das Arbeitsreich des HRW-Küchenchefs kommt, bekommt einen Kulturschock. Hier ist alles drei- bis viermal so groß, wie zu Hause.

Wo man Töpfe und Pfannen sucht, sieht man riesige Kochkessel und Bratmaschinen. Die Öfen sind mannshohe Kochautomaten, die wie der Ofen in der Bäckerei, mit Rollwagen und Tablettetagen bestückt werden. „Hier wird alles etwa doppelt so schnell gebraten und gekocht, wie zu Hause. So sind wir bei Bedarf in der Lage, in fünf bis 15 Minuten ganze Gerichte nachzukochen“, erklärt der  Küchenmeister.

Kocht er eigentlich auch zu Hause, für sich und seine Freundin?
„Ja, das mache ich sehr gerne. Ich muss aber immer aufpassen, dass ich nicht viel zu viel einkaufe und wir zwei oder drei Tage das gleiche Gericht essen müssen“, beschreibt der Koch die Prägungen durch seinen Beruf.

Und wenn Markus Giepmann nicht in seinem Küchenkomplex auf dem Campus an der Duisburger Straße unterwegs ist, steigt er mit seiner Freundin auch gern mal aufs Fahrrad und radelt los.
Bis vor kurzem hat der Koch auch noch in einer Hobbymannschaft gekickt. Doch dieses Hobby hat er jetzt aufgegeben. Stattdessen schaut er sich jetzt nur noch Fußballspiele an, entweder zu Hause vor dem Fernseher oder im Georg-Melches-Stadion seines Lieblingsclubs Rot-Weiß Essen an der Hafenstraße.

Dieser Text erschien am 10. Juli 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 12. Juli 2017

Streicheleinheiten für die Wirtschaft

Mülheims Wirtschaft schrumpft. Warum? Wenn ich in so manche Wirtschaft schaue, habe ich den Eindruck, dass sie brummt. Sicher kann es helfen, sich nicht nur in der Wirtschaft etwas zu gönnen, damit die lokale Wirtschaft mal wieder angekurbelt wird. Jeder muss seinen Beitrag leisten und auch mal ins  nächste Einzelhandelsgeschäft gehen, statt auf www.einkaufen24.de zu surfen. Sonst kantert unser Wirtschaftsstandort und wir schauen alle zusammen in die Röhre, nur leider nicht in die made by Europipe.

Vielleicht wäre ja in lokalen Wirtschaft auch mal weniger Gewerbesteuer mehr Attraktivität als Wirtschaftsstandort für Unternehmen und Arbeitsplätze, weniger Lohndumping und Jobbefristung mehr Kaufkraft und Kauflust in den Portemonnaies der Otto Normalverbraucher und weniger hohe Gewerbe- und Wohn-Mieten mehr Ansporn für Existenzgründer und mehr steuerzahlende Neu-Bürger in unserer alternden Stadt. Und vielleicht wäre ja auch eine bessere Nutzung des Flughafens eine Startbahn für neuen gewinnbringenden Geschäftsverkehr. Wer Höhepunkte erreichen will, muss bei Zeiten Streicheleinheiten verteilen, auch in der Wirtschaft.

Dieser Text erschien am 11. Juli 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 11. Juli 2017

Neue Nachtwächter braucht die Stadt

Als Saubermann möchte man nicht gelten. Denn der Saubermann trägt den geputzten Schein vor sich her. Er schreckt vor keiner Schweinerei zurück, um seine Mitmenschen zum eigenen Vorteil zu übervorteilen. Wie viele Saubermänner es in unserer Stadt gibt, lässt sich nicht sagen. Denn sie kommen auf den ersten Blick harmlos, nett und adrett daher. Ihr wahres Wesen offenbaren sie erst auf den zweiten oder dritten Blick.

Etwas mehr Saubermann und etwas weniger Dreckspatz könnte unsere Stadt aber vertragen, zumindest im besten Sinne des Wortes.
Das fiel mir am Samstag auf den ersten Blick auf, als ich erst beim dritten Innenstadtcontainer mein über die Woche angesammeltes Altglas und Altpapier entsorgen konnte. Denn die beiden ersten Containerstandorte, die ich vorher angesteuert hatte, hatten sich wohl über Nacht in kleine Müllkippen verwandelt, auf denen ganze Pappkartongebirge den Zugang zu den Glas- und Papiercontainer versperrten.

Die Aufschrift „Altpapier- und Altglascontainer“ sollte keine Zweifel über die regelkonforme Nutzung der Entsorgungsstandorte aufkommen lassen. Doch offensichtlich haben wir es hier mit einem Analphabetismus der sozialen und nicht der orthografischen Art zu tun.

Da wünscht man sich als Bürger die eine oder andere Nachhilfe durch unsere Ordnungshüter. Um Dreckspatzen auf frischer Tat zu erwischen und ihnen die Leviten zu lesen, bräuchten wir wohl mehr Ordnungshüter und die Wiederkehr der guten alten Nachtwächter. Hieronymus Jobs, der Kandidat lässt grüßen.

Doch das wird wohl ein Traum bleiben, obwohl das ein sinnvoller Beitrag zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und zur Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit wäre. Und so bleibt uns, wie einst den Professoren des Jobses, ob der wilden und sinnlosen Vermüllung des Stadtbildes, nur das Schütteln des Kopfes.

Dieser Text erschien am 10. Juli 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 10. Juli 2017

Literatur inspiriert Geist und Seele: 50. Lesebühne im Handelshof: Autoren präsentieren skurrile, gefühlvolle und erotische Geschichten und Gedichte:. Dank an Gründer Manfred Wrobel


Die Mülheimer Autorin las bei der 50. Lesebühne im
Handelshof aus ihren Familiengeschichten
"Mama, bleib mal im Slip".
Fernsehen am Freitagabend – das musste nicht sein. Wer Literatur, Malerei und Musik mag, war gut aufgehoben bei der 50. Lesebühne im Handelshof. Der wichtigste Mann saß an diesem Abend nach der Begrüßung im Hintergrund und fotografierte die Autorinnen und Autoren, die ihre Texte vorlasen. Manfred Wrobel, pensionierter Polizeibeamter und selbst leidenschaftlicher Autor, hat 2009 eine Autorenplattform und mit ihr die Lesebühne ins Leben gerufen. Autorin Christiane Rühmann führte an diesem 50. Lesebühnenabend charmant durch das Programm.

Das Forum, in dem Kulturschaffende und Kulturinteressierte aufeinander treffen und eine für Lektoren, Musiker und Maler wie für Zuhörer und Betrachter anregende Atmosphäre schaffen, ging auch schon in einem Künstleratelier im Schloss Styrum, in der VHS und in der Urnenkirche Heilig Kreuz über die Bühne. Doch ihre dauerhafte Heimat hat die Lesebühne im Hotel Handelshof an der Friedrichstraße gefunden. Seinem Inhaber Martin Hesse und dessen Schwester Anna Maria Ladage sei Dank.
Auch am Jubiläumsabend erwies sich die Lesebühne als ein die Seele inspirierendes literarisches Kleinod. „Wie wir leuchten, geben wir verdammt gute Ziele ab.“

Der Bochumer Autor Klaus Märkert machte mit seinem Roman, in dem es auf ernste und zugleich heitere Art um den Tod geht, den Anfang. Satirisch und skurril nahm die Mülheimer Autorin und Literaturwissenschaftlerin Gabriela Pluskota mit ihrer Geschichte „Wo und wie wir richtig liegen?“ den Tod aufs Korn. Sie tat es, in dem sie ihre zufällige Teilnahme an einem Wiener Workshop für Do-it-yourself-Bestatter beschrieb.

Dass man auch das Familienleben nur mit Humor und starken Nerven überleben kann, zeigte die Mülheimer Autorin Anke Müller mit einem Auszug aus ihrem Debüt-Roman „Mama, bleib mal im Slip.“ Eine echte Streicheleinheit erlebte das Publikum mit Lyrik über Landschaft, Liebe und die Magie des Augenblicks, aufgeschrieben und vorgetragen von Antje Koller aus Bad Düben, ihrem Mülheimer Lyriker-Kollegen Rolf Blessing und der Autorin Heitu Besgen aus Morsbach.

Streicheleinheiten und Poesie. Dafür standen auch die musikalischen Intermezzi mit dem Mülheimer Musiker Mitchel Summer und dem Liedermacher Björn Nonnweiler aus Hagen, die mit Mandoline, Gitarre und tiefgängigen Liedtexten „Einfach so“ die Zuhörer in ihren Bann schlugen. Und wer es noch etwas erotischer mochte, kam bei den Texten von Bruno Woda aus Rees und Peter Tigges aus Morsbach auf seine Kosten. Denn die Herrn beschrieben das zeitlose Thema der Femme fatale, die Männer mit Sex nicht nur um den Verstand bringt.

Zum guten Schluss der dreieinhalbstündigen Veranstaltung dichtete Schriftsteller Wolfgang Brunner aus Hamminkeln auf die Mülheimer Lesebühne und ihren Schöpfer Manfred Wrobel unter anderem diesen schönen Vers: „Sich vorzustellen ist sehr schwer, wenn seine Lesebühne nicht mehr wär. Doch lange noch wird es sie geben, steckt sie doch voller Künstlerleben.(...) Die Bühne hier darf niemals ruh’n.“


Weitere Informationen


Wer sich mit Initiator Manfred Wrobel und den vorlesenden Autoren über den Mehrwert der Lesebühne unterhielt, der hörte: „Hier kommen Autoren und Künstler mit Autoren und Künstlern in Kontakt – und diese finden hier ein kompetentes und wertschätzendes Publikum.“
   

Die nächste Lesebühne gibt es am 1. September im Hotel Handelshof an der Friedrichstraße 15-19. Beginn der Veranstaltung ist um 19 Uhr. Weitere Informationen bietet die Internetseite: www.manfredwrobel.com 

Dieser Twxt erschien am 10. Juli 2017 in NRZ und WAZ


Sonntag, 9. Juli 2017

Gewichtsgerecht ist das nicht!

Wir sind eine seltsame Spezies. Das merke ich immer, wenn ich mich in Eiscafés, Cafés, Fitnessstudios und auf Sportplätzen umschaue. In den Cafés und Eisdielen sehe ich vor allem gut beleibte Menschen, die sich Kuchen und Eis schmecken lassen! In den Fitnessstudios und auf den Sportplätzen wird man dagegen nur äußerst schlanke und drahtige Menschen finden, die sich ihre nicht vorhandenen Speckröllchen abtrainieren, während es ihre bewegungsbedürftigen Mitmenschen gemütlich angehen lassen .
Mit dem Gewicht scheint es bei uns wie mit dem Geld zu sein. Es ist einfach ungleich verteilt. Dabei hätten sich die Fitnessfanatiker doch wirklich eine Auszeit bei Kaffee, Kuchen, Eis und Sahne verdient. Und die gewichtigen Gourmets könnten vielleicht von der einen oder anderen Trainingseinheit nur profitieren. Vielleicht könnte es ja mit der Gewichtsumverteilung klappen, wenn die Cafés mit Trainingsgeräten und die Fitnessstudios mit maßvollen Buffets locken würden. Wenn dann noch Staats- und Wirtschaftslenker, beim gemeinsamen Jogging oder leckeren Arbeitsessen auf die Idee kämen, dass es auf unserer Erde besser aussähe, wenn jeder durch gerechte und transparente Löhne und Steuern ein Stück vom Kuchen abbekäme, dann bräuchten wir uns nicht mehr nach einem Paradies sehnen. Denn dann wären wir im Schlaraffenland angekommen.

Dieser Text erschien am 3. Juli 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 8. Juli 2017

Wenn Ehrenamt Schule macht: Gustav-Heinemann-Schüler gehen mit gutem Beispiel voran


Nach ihrer Abschlusspräsentation bekamen alle Teilnehmerinnen und
Teilnehmer des Service-Learning-Kurses eine Urkunde überreicht.
Hinten links und rechts sieht man die Kursleiterin Brigitte Walter-Böing
und die für das Projekt zuständige CBE-Mitarbeiterin Eva Henning.
„Also lautet der Beschluss, dass der Menschen was lernen muss. Nicht allein das ABC bringt den Menschen in Höhe. Nicht allein am Schreiben und Lesen übt sich ein vernünftig Wesen. Nicht allein in Rechnungssachen soll sich der Mensch Mühe machen. Sondern auch der Weisheit Lehren muss man mit Vergnügen hören. So dichtete Wilhelm Busch schon vor 150 Jahren in seinen Geschichten über Max und Moritz.

Vielleicht hätte es mit den beiden Lausbuben ein besseres Ende genommen, wenn es schon damals so etwas, wie ein Service Learning gegeben hätte. Genau das bietet die Gesellschaftskundelehrerin Brigitte Walter-Böing als Wahlpflichtkurs im Rahmen des Lernförderprogramms Lernen individuell (Leiv) an der Gustav-Heinemann-Schule für die Mädchen und Jungen der neunten Jahrgangsstufe an. Offensichtlich mit Erfolg. Denn jetzt präsentierten 16 Schülerinnen und ein Schüler aus ihrem inzwischen achten Service-Learning Kurs ihre schönen und weniger schönen Erfahrungen im Ehrenamt. Zum sozialen Praxistest kam manchmal auch der Praxisschock.

Vorbereitet und begleitet


Vorbereitet und unterstützt von ihrer Lehrerin und Eva Henning vom Centrum für bürgerschaftliches Engagement (CBE) suchten sich die Neuntklässler ein Ehrenamt. Dafür nahmen sie sich im zu Ende gehenden Schuljahr jede Woche eineinhalb Stunden Zeit, um sich mit Herz, Hand und Verstand in Kindertagesstätten, bei Tagesmüttern, im städtischen Tiergehege, in einer Talentwerkstatt für Flüchtlingskinder und in Vereinen als Helfer einzubringen. Viele Schülerinnen hätten auch gerne in einem Altenheim gearbeitet. Sie wurden dort aber mit Hinweis auf die knappe Personaldecke nicht angenommen. „Ich wollte in einem katholischen Gemeindekindergarten helfen, wurde dort aber abgelehnt, weil ich evangelisch bin“, berichtet Sarah ihre in Zeiten der Ökumene unglaubliche Geschichte. Und Antonia brach ihren ehrenamtlichen Einsatz bei der Hausaufgabenhilfe eines Jugendzentrums ab, „weil ich dort nur Bleistifte anspitzen durfte.“ Dafür wurde sie dann im Waldorfkindergarten mit offenen Armen aufgenommen.

Geld ist nicht alles!


„Ich habe gelernt, dass Geld nicht alles ist und das eine Arbeit auch glücklich machen kann, wenn man dafür nicht bezahlt wird.“, sagt Iseta. „Die Kinder haben sich immer gefreut, wenn ich kam, um mit ihnen zu spielen, ihnen vorzulesen oder ihnen einen Mittagssnack zuzubereiten“, berichtet Shema aus ihrer Zeit als ehrenamtliche Erzieherin. „Es war ein gutes Gefühl, gebraucht zu werden und etwas praktisches zu tun, statt nur etwas theoretisches zu lernen“, schildert Tim nach einem arbeitsreichen Jahr in der Alten Dreherei den Unterschied zwischen der sozialen Praxis und dem Schulunterricht.

Mehr Verständnis für die Lehrer


„Ich habe jetzt viel mehr Verständnis für unsere Lehrer, weil ich selbst die Erfahrung gemacht habe, wie anstrengend und nervenaufreibend es sein kann, wenn viele Kinder gleichzeitig etwas von einem wollen und man manchmal nicht weiß, um wen man sich als erstes kümmern soll“, erinnern sich Diana und Eileen an ihre gemeinsame Zeit in einem Gemeindekindergarten. Und für ihre Mitschülerin Lena war es als Torwartrainerin in einem Floor-Ball-Verein „eine tolle Erfahrung, Talente zu fördern und dafür zu sorgen, dass kein Kind in der Gruppe untergeht.“

Eine Erfahrung fürs Leben


Am Ende ihres sozialen Praxisjahres steht für alle Schülerinnen und Schüler fest, dass sie ihre Erfahrungen nicht missen wollen. Manche haben sich sogar für die Fortsetzung ihr ehrenamtliches Engagement entschieden.
Lehrerin Brigitte Walter-Böing nimmt den Eindruck mit, „dass die 14- und 15-jährigen Gustav-Heinemann-Schülerinnen durch ihr Ehrenamt selbstständiger, selbstbewusster und verantwortungsvoller geworden sind.“ Und für CBE-Mitarbeiterin Eva Henning ist das Service Learning „die denkbar beste Möglichkeit ist, Jugendliche an das Ehrenamt heranzuführen, auf das unsere Gesellschaft angewiesen ist.“ Weitere Auskünfte zum Projekt gibt Eva Henning beim CBE an der Wallstraße 7, unter der Rufnummer 0208-97068-16 oder per Mail an: eva.henning@cbe-mh.de 
Dieser Text erschien am 29. Juni 2017 im Lokalkompass und in der Mülheimer Woche

Freitag, 7. Juli 2017

Ein Tandem für die Städtepartnerschaft: Die Schülerinnen Charlotte Brands und Adele Spies erleben ihre deutsch-französische Freundschaft

Ein starkes deutsch-französisches Tandem: Charlotte Brands (links)
und ihre Tourainer Gast-Schülerin Adele Spies.
Seit 55 Jahren sind das deutsche Mülheim und das französische Tours als Partnerstädte freundschaftlich miteinander verbunden. Es sind Menschen, wie Charlotte Brands und Adele Spies (beide 15 Jahre), die diese Freundschaft jung erhalten.

Charlotte und Adele haben in den vergangenen drei Monaten gemeinsam die Freie Waldorfschule in Heißen besucht. Adele lebt mit ihrer Familie in einem Vorort von Tours und das Tourainer Gymnasium Rene Decartes besucht.

Drei Monate lang hat Adele nicht nur den Alltag an der Waldorfschule, sondern auch den Familienalltag im Hause Brands erlebt. Natürlich haben sich Charlottes Eltern Sarah und Guido Brands ins Zeug gelegt, um den beiden jungen Damen etwas zu bieten und zu zeigen, was das Leben in Mülheim und im Ruhrgebiet ausmacht.

Neben dem Ruhrtal, Schloss Broich, Kloster Saarn und den Mülheimer Einkaufszentren standen zum Beispiel auch Besuche im Ruhrlandmuseum, auf der Zeche Zollverein, in der Landeshauptstadt Düsseldorf und im Dortmunder Borussenpark auf dem gemeinsamen Programm.

„Obwohl ich schon seit fünf Jahren in Tours Deutsch lerne, wusste ich vor meinem Besuch hier gar nicht, dass Mülheim und Tours Partnerstädte sind“, erzählt Adele. Dass sich Adele dennoch für Deutschland interessiert, hat familiäre Gründe. Ihr Familienname Spies lässt es erahnen. Ihr Großvater kommt aus dem Rheinland und ihre Großmutter aus dem Elsaß.

Besonders interessant fand Adele, die nun wieder nach Tours zurückkehrt, „dass es hier in Mülheim noch viel Industrie gibt.“ Adele: „Das kenne ich aus Tours nicht. Wir haben dafür bei uns Schlösser und Weinberge.“ Neu war für die junge Tourainerin auch die Waldorfpädagogik. „Ich habe hier viel gelernt. Bei uns ist der Unterricht sehr wissenschaftlich. Aber an der Waldorfschule habe ich auch etwas über Gartenbau erfahren und selbst einen Holzhocker gebaut. Ich habe hier wirklich viel gelernt und die Leute waren sehr nett zu mir“, schildert die Tourainer Gymnasiastin ihre Erfahrungen.

Für ihre Gastgeberin Charlotte war es interessant, „noch einmal ganz anders  über die eigene Sprache und ihre Bedeutung nachzudenken.“ Für Adele waren deutsche Redewendungen, wie etwa „einen Frosch im Hals haben“ oder „eine Katze im Sack zu kaufen“ neu.

Auch an das deutsche Frühstück ohne Crossaint, dafür aber mit Brot, Butter, Wurst und Käse sowie an die warme Mittagsmahlzeit in der Schulmensa musste sich Adele erst mal gewöhnen. „Wir haben immer ein süßes Frühstück und abends essen wir warm“, schildert sie die französische Esskultur.

Auch die Teilnahme am deutschsprachigen Unterricht war für Adele anfangs schwer. „Ich habe zunächst nur zugehört, aber dann war ich plötzlich in der deutschen Sprache drin“, berichtet sie. Besonders interessant fanden ihre deutschen Mitschüler an der Waldorfschule, dass Adele in Tours nicht nur mit Lektüre und Gesprächen  im Unterricht, sondern auch mit Lehrvideos die deutsche Sprache erlernt. „Mein Deutsch ist durch die Zeit in Mülheim viel besser geworden“, freut sich Adele.

Und Charlotte freut sich, dass sie ihre neue französische Freundin Adele schon nach den Sommerferien wiedersehen wird. Denn dann startet ihr Schul-Quartal am Tourainer Gymnasium Rene Decartes und ihr französischer Alltag bei Familie Spies.  „So erleben Charlotte und Adele die deutsch-französische Freundschaft ganz konkret. Das ist uns wichtig“, schildert Sarah Brands ihre Motivation und die ihres Mannes, sich als Gasteltern für einen Besuch aus Tours  zu öffnen.

Weitere Informationen zu den Partnerstädten bietet die Internetseite des Fördervereins Mülheimer Städtepartnerschaften www.staedtepartner-mh.de

Dieser Text erschien am 7. Juli 2017 in NRZ und WAZ

Donnerstag, 6. Juli 2017

Tersteegenruh oder: Geselligkeit und Andächtigkeit im Grünen: Ein Zeitsprung im Witthausbusch

Die Gaststätte Tersteegenruh im Witthausbusch
Foto: Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr
www.stadtarchiv-mh.de
Dort, wo wir auf dem Foto aus dem Stadtarchiv noch die Gaststätte Tersteegenruh sehen, ist heute nur noch das unbebaute Grün des Witthausbusch zu sehen.

Denn im Zweiten Weltkrieg wurde die 1892 von Wilhelm Barte eröffnete Gaststätte ein Opfer der Bomben. Vor dem Zweiten Weltkrieg war die Gaststätte in unmittelbarer Nähe zur Mendener Brücke und zur Ruhr eines der beliebtesten Ausflugslokale der Stadt. Hier stärkte man sich mit Kaffee und Kuchen oder mit Bier und Limonade. Butterbrote und Kartoffelsalat durften die Gäste bei Bedarf mitbringen und vor Ort verzehren.

Regelmäßig spielte eine Musikkapelle zu Tanz auf. Doch in der Gaststätte mit insgesamt 4000 Sitzplätzen ging es auch andächtig zu.  Denn hier trafen sich Pastöre und Laienprediger zur Tersteegenkonferenz. Auch Bibelstunden und christliche Sonntagsschulen wurden in der Gaststätte abgehalten.

Darüber hinaus war das Ausflugslokal des Wilhelm Barte auch ein beliebter Veranstaltungsort für Vereinsfeste. Auch an die Kinder hatte der Gastwirt gedacht und einen Spielplatz mit Schaukel, Klettergerüst und Irrgarten angelegt,
4000 Sitzplätze in und an einer Gaststätte. Das kommt heutigen Zeitgenossen vielleicht viel vor. Doch man darf nicht vergessen, dass der Begriff Urlaub für die meisten Menschen damals ein Fremdwort war. Man verbrachte seine Freizeit vor der eigenen Haustür und in der eigenen Stadt. Das Radio kam erst ab 1922 und das Fernsehen erst ab 1952 langsam auf. Da war Gastronomie für kleines Geld im Grünen meistens die erste Wahl

Dieser Text erschien am 3. Juli 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 5. Juli 2017

Eine Zeitreise in die DDR:Sigrid Richter und Peter Keup wurden als sogenannte „Repblikflüchtlinge“ inhaftiert und drangsaliert. Ihre Zeitzeugenberichte beeindruckten die Luisenschüler aus der Jahrgangsstufe 8 nachhaltig.

DDR-Zeitzeuge Peter Keup vom Bochumer Institut für
Deutschlandforschung mit den Luisenschullehrern Beate Schulte
und Andreas Wortberg
Wie demokratisch war eigentlich die Deutsche Demokratische Republik? Das wollen Achtklässler der Luisenschule genauer wissen. Deshalb luden sie sich mit ihren Lehrern Beate Schulte und Andreas Wortberg zwei Zeitzeugen ein, die in der DDR gelebt und unter der SED-Diktatur gelitten haben.

Uns geht es um nachhaltiges Erinnern“, erklärte Schulte das Ziel des Projektes. „Ihr wisst mehr, als man von 14-Jährigen erwarten kann und ihr stellt gute Fragen“, bescheinigten Sigrid Richter (65) und Peter Keup (59) ihren jungen Zuhörern. Man merkte den Schülern im dreistündigen Zeitzeugengespräch an, dass sie sich vorab in Büchern und im Internet über die DDR, ihr politisches System und ihren Alltag schlau gemacht hatten.

Und doch ist es etwas anderes, ob man Fakten im Internet und Büchern nachliest oder eine persönliche Geschichte aus der Zeit hört, in der Deutschland geteilt war,“ meinte Schülerin Lea. Das konzentrierte Zuhörern und gezielte Nachfragen der Jugendlichen, zeigte, dass die authentischen Zeitzeugenberichte über die Schattenseiten der DDR bei ihnen nachhaltig wirkten.

Richter und Keup wurden während der frühen 80er Jahre verhört und inhaftiert, weil sie frei sein wollten und von Ost- nach Westdeutschland übersiedeln wollten.

Den Schülern stockte hörbar der Atem, als sie erfuhren, dass Richter und Keup ihren Beruf als Lehrerin nicht mehr ausüben konnten und die Schule verlassen musste, weil ihnen von der DDR-Führung „Republikflucht und Verrat am Kommunismus“ vorgeworfen wurde. Ungläubiges Entsetzen erntete Keup bei den Luisenschülern, als er ihnen von seinem fast 40-stündigen Verhör im Dresdener Untersuchungsgefängnis berichtete. Die Betroffenheit war den Jugendlichen auch anzusehen, als sie von Richter erfuhren, dass sie durch die Haft fast drei Jahre von ihrem Mann und ihrem Sohn getrennt wurde und die Familie erst im Januar 1987 im Westen Deutschlands wieder zusammen kam, nach dem sie von der Bundesrepublik für 100 000 D-Mark pro Person freigekauft wurden.

Auf dem gleichen Weg kamen auch Peter Keup, seine Eltern und sein älterer Bruder Mitte der 80er Jahre nach Essen, wo die Eltern ihres Vaters lebten. 

Der Vater, der den Mauerfall nicht mehr miterleben sollte war 1956, nach dem Verbot der westdeutschen KPD, als überzeugter Kommunist in die DDR übergesiedelt. Das ließ die Schüler ebenso nachdenklich werden, wie Keups Bericht über die Lektüre seiner Stasi-Akten im Jahr 2013. Denn bei dieser Gelegenheit erfuhr Keup, dass sein älterer, 1993 verstorbener Bruder, 1983 von der DDR-Staatssicherheit verpflichtet wurde, Spitzelberichte über seine Familienangehörigen zu schreiben. Ihre persönlichen Berichte über den oft schizophrenen Alltag in der DDR, „in dem es immer zwei Welten und Wahrheiten gab und in dem man sich immer genau überlegen musste, wem man was sagen konnte“, flankierten Keup und Richter mi erschütternden Zahlen. Allein an der Berliner Mauer mussten 140 DDR-Bürger ihren Fluchtversuch mit dem Leben bezahlen. An der innerdeutschen Grenze, wo der Schießbefehl und Selbstschussanlagen grausamer Alltag waren, waren es 400. 35.000 der 200.000 inhaftierten „Republikflüchtlinge“ hatten das Glück von der Bundesregierung freigekauft zu wrden.

Vielen Schülern ging es, wie dem Achtklässler Alexander, die in der abschließenden Reflexionsrunde des Zeitzeugengespräches einräumte: „Ich habe heute sehr viele Informationen aufgenommen, die ich erst mal verarbeiten muss. Im Moment fehlen mir noch die Worte, um meine Eindrücke zu beschreiben.“

Bitte, seid kritisch und aufgeschlossen und hinterfragt, was ihr hört und lest“, bat Richter ihre jungen Zuhörer. Und Keup machte deutlich. „Ihr müsst euch bilden und informieren, um zu erkennen, dass die Demokratie immer noch die beste Staatsform ist und deshalb bewahrt werden muss, damit es nie wieder zur Diktatur kommt. Ihr solltet auch den heutigen Flüchtlingen mit Respekt begegnen, die frei und selbstbestimmt leben wollen.“

Weitere Informationen zum Thema gibt es im Internet unter: www.vos-zeitzeugen.de

Dieser Text erschien in der NRZ und WAZ vom 5. Juli 2017


Dienstag, 4. Juli 2017

Volxbühne überspringt mit "heiMat" spielend Generationsgrenzen und Handicaps

Heimat. Ist darüber nicht alles gesagt? Vielleicht. Aber noch nicht von allen. Und so wagte sich die Volxbühne mit "heiMat" an dieses Menschheitsthema, das angesichts von weltweit 65 Millionen Flüchtlingen brennend aktuell ist.

Nach 45 dichten und berührenden Minuten, in denen Schauspieler der Volxbühne zusammen mit Lehrern und Schülern der Förderschule an der Rembergstraße ihr Heimatgefühl mit starken Bildern in Szene setzten, hatten die 70 Zuschauer im vollbesetzten Theaterstudio an der Von-Bock-Straße das Gefühl: Gewagt und gewonnen. Entsprechend begeistert fiel der Applaus des Publikums aus.

Wie bringt man ein Theaterstück auf die Bühne, wenn man mit Schülern arbeiten will deren sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten eingeschränkt sind. Regisseur Jörg Fürst nahm diese Herausforderung mit einer Inszenierung an, die nicht viele Worte machte, sondern auf starke Bilder und einfache Botschaften setzte. So zauberten die Darsteller zwischen 13 und 85, ob sie nun mit oder ohne Handicap agierten, eine sinnliche Heimat-Sinfonie auf die Volx-Bühne.

"Heimat ist, wo wir wir sein können!" "Heimat. Das ist meine Wohnung und mein Balkon!" "Heimat ist, wo meine Freunde sind!" "Heimat ist, wo ich mit meinem Mann glücklich sein kann!" "Heimat ist da, wo meine Eltern sind." "Meine Heimat Westpreußen, in der ich geboren und aufgewachsen bin, habe ich verloren. Aber jetzt ist Mülheim an der Ruhr, in dem ich seit 60 Jahren lebe, meine Heimat." "Heimat ist für mich das Stadion von Borussia Dortmund!" "Heimat ist für mich da, wo ich spielen und herumtoben kann."

Neben diesen gesprochenen oder auf Tonbändern vorgespielten Botschaften überzeugte die Inszenierung schönen Bildern. Wo die Sprache nicht ausreichte oder gar nicht zur Verfügung stand, füllten Musik, Tanz, Film und Gestik problemlos die Lücke,
Alles in allem überzeugte "heiMat" als ein gelungenes Beispiel dafür, das Theater Generationsgrenzen und Handicaps spielend überspringen kann. Dass nicht nur die Schauspieler, sondern auch die Zuschauer nach der Vorstellung ein kleines Topfpfänzchen mit nach Hause nehmen durfte, zeigte: Jeder Mensch ist wie eine ganz eigene Pflanze, die nur gedeihen kann, wenn sie eine Heimat findet, in der sie geerdet wird und Wurzeln scjlagen kann.


Weitere Informationen findet man im Internet unter: www.voelxbuehne.de 

Dieser Text erschien am 3. Juli 2017 in NRZ und WAZ

Sonntag, 2. Juli 2017

Wie stark schmerzen die konfessionellen Unterschiede 500 Jahre nach der Reformation? - Eine Diskusssion in der Katholischen Akademie

Auf dem Podium in der Katholischen Akademie:
Akademiedozent Jens Oboth, der Religionssoziologe Detlef Polack,
der Politikwisschenschaftler Andreas Püttmann und
Weihbischof Wilhelm Zimmermann.
Schmerzen die Wunden der Kirchenspaltung noch, 500 Jahre nach der Reformation und fast 400 Jahre nach dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges? Man muss diese Frage wohl mit Ja beantworten, wenn man eine Veranstaltung der Katholischen Akademie besucht hat, bei der sich 50 interessierte Christen mit eben dieser Frage auseinandersetzten.

“Wir sind 50 Jahre miteinander verheiratet, ohne ein einziges Mal gemeinsam zum Abendmahl oder zur Eucharistie gegangen zu sein”, berichtet ein Ehepaar, er Protestant, sie Katholikin. Für einen evangelischen Mann steht mit Blick auf den Abendmahlsstreit fest: “Mit den Theologen kommen wir nicht weiter. Wir brauchen christliche Gastfreundschaft, die darauf verzichtet Unterschiede einzuebnen.”

Eine in Ehren ergraute katholische Christin meint: “Ich bin über die konfessionellen Streitigkeiten alt geworden. Dabei wissen beide Kirchen, dass es Ämter und Sakramente geben muss und die Kirchen nicht zum Selbstzweck werden dürfen, sondern gemeinsam die Botschaft des Jesus von Nazareth: Frieden, Bewahrung der Schöpfung, Gerechtigkeit und Solidarität in dieser Welt verkünden und vertreten müssen.”

Für sie steht fest, “dass es den Kirchen bei der Betonung konfessioneller Unterschiede allein um ihre Macht und Pfründe geht.” Das wollen der evangelische Religionspädagoge Detlef Pollack von der Universität Münster, der katholische Politikwissenschaftler und Autor Andreas Püttmann, der den Pflichtzölibat katholischer Priester verteidigt, und der Essener Weihbischof Wilhelm Zimmermann nicht gelten lassen. Dabei hatten auch sie in der Podiumsdiskussion mit dem Akademiedozenten Jens Oboth zugestanden, dass evangelische und katholische Christen heute mehr verbindet als trennt und das die Weltgemeinschaft die Christen eher als Einheit, denn als Glaubensgemeinschaft unterschiedlicher Konfessionen betrachtet.

Jens Oboth zitiert den Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung, wonach die christlichen Konfessionen nur noch für ein Fünftel der Deutschen von Bedeutung seien. Gemeinsamer Religionsunterricht und ökumenische Gottesdienste, gemeinsame soziale Projekte. Alles kein Problem. Doch als das Publikum die Ökumene jetzt fordert, rudern die Podiumsteilnehmer zurück und berufen sich auf gewachsene Traditionen und die Unterschiede im Amts- und Abendmahlverständnis. Da dürfte so mancher ökumenisch bewegter Christ, der in den Zeiten der bröckelnden Volkskirchen auf einen Reformimpuls gehofft hatte, enttäuscht nach Hause gegangen sein.

Dieser Text erschien am 24. Juni 2017 im Neuen Ruhrwort

Samstag, 1. Juli 2017

Tierliebe verbindet Generationen

Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht. So ist heute der Zeitgeist. So denkt man. Denkst du. Gestern erzählte uns ein 77-jähriger Leser ganz begeistert davon, wie er zusammen mit zwei jüngeren Männern und einer jungen Dame eine Enten-Familie in sichere Gefilde geleitete.

Es handelte sich keineswegs um lahme Enten. Im Gegenteil. Bei ihrem Familienausflug hatten sie offensichtlich den Weg von der Ruhr bis zur Aktienstraße gefunden. Nur mit dem Rückweg in die Enten-gerechten Gefilde taten sich die Entdecker-Enten etwas schwer.

Doch sie hatten Glück. Denn die generationsübergreifende Enten-Truppe fand zwischen parkenden Autos an der Aktienstraße eine generationsübergreifende und achtsame Menschen-Truppe, die sie mit Hilfe von Kartons in ihre artgerechte und damit sichere Heimat zurückbrachte. Sage noch einer, der Generationenvertrag funktioniere nicht mehr. Und was in Sachen Tierliebe möglich ist, sollte doch auch bei der menschlichen Nächstenliebe kein Problem sein.


Dieser Text erschien am 29. Juni 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung