Dienstag, 22. August 2017

Der Tagespflge-Bedarf wächst: Deshalb geht die Familie Behmenburg mit einem neuen An gebot an den Start

Obwohl es, laut Stadtverwaltung, in Mülheim derzeit bereits sieben Tagespflegeanbieter mit jeweils 12 bis 18 Plätzen gibt, hat sich die Familie Behmenburg, die seit 1992 den ambulanten Pflegedienst Pflege zu Hause betreibt, dazu entschlossen, in ihrer Firmenzentrale am Flughafen eine achte Tagespflegestation mit 18 Plätzen einzurichten.

„Der Bedarf ist groß und er wächst mit dem demografischen Wandel. Wir bräuchten in Mülheim so viele Tagepflegestationen, wie Kindertagesstätten“, betont Martin Behmenburg. Zum Vergleich: Derzeit gibt es in Mülheim 87 Kindertagesstätten. 
Behmenburgs Tochter Felicitas übernimmt die Pflegedienstleistung der neuen Tagespflege am Flughafen. Neun Fachkräfte werden sich um die  bis zu 18 Tagesgäste kümmern. „Wir haben schon einige Kunden für unseren Tagespflegedienst gewonnen, der am 4. September an den Start geht und montags bis freitags zwischen 7.30 Uhr und 17 Uhr für seine Kunden dasein wird“, nennt Behmenburg die Eckdaten. „Unser Konzept heißt nicht satt und sauber. Wir verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz“, erklärt Feliciats Behmenburgs Mutter Andrea.

Das bedeutet: In der Tagespflegestation an der Brunshofstraße 6/8 wird es neben der Verpflegung und Ruheräumen auch Therapieräume sowie ein Außengelände mit Terrasse und einem Rundgang mit einem Hochbeet im Grünen geben. Die aktivierenden Mitmach-Angebote reichen von Gymnastik über Gedächtnistraining bis hin zum gemeinsamen Bastel und Spielen. 

Das Spektrum wird, je nach Bedarf, erweitert. „Wir haben schon einige Kunden gewonnen, aber es sind auch noch einige Plätze frei“, betont Pflegedienstleiterin Felicitas Behmenburg.
Die Kosten der Tagespflege werden durch die Pflegeversicherung finanziert. Allerdings müssen Gäste, die auch einen Fahrdienst nutzen können, einen Eigenanteil von 20 Euro pro Tag zahlen.
Auskünfte gibt es unter s 49 30 66 oder online unter: www.pzh.de oder per Mail an: info@pzh.de

Dieser Text erschien im August 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 21. August 2017

Rudern und genießen: Ein Zeitsprung zwischen dem Leinpfad und der Mendener Straße

Das alte Boots- und Gasthaus Ruhrtal um 1900
Eine Postkartenansicht aus dem Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr 
Als diese Postkartenzeichnung aus dem Stadtarchiv entstand, wurde auf der Ruhr bereits gerudert. Und die Gäste der Gaststätte Ruhrtal genossen vom Bootshaus zwischen der Mendener Straße und dem Leinpfad die Aussicht auf die Ruhr.

Anno 1906 taten sich zwölf ruder-begeisterte Mülheimer zum Wassersportverein zusammen, der sportlich erfolgreich, bis heute an der Mendener Straße 68 zu Hause ist. 1921 kaufte der Verein das Gasthaus und machte es zu seinem Vereinshaus. War das Rudern beim WSV zunächst reine Männersache, so wurden ab 1913 auch Ruderinnen zugelassen, die ab 1930 die erste Damenriege des Vereins bildeten. Auf der Poskartenansicht aus dem frühen 20. Jahrhundert sieht man noch keine Mendener Brücke. Sie wurde erst 1938 als Hermann-Göring-Brücke eingeweiht und zerschnitt damit das Vereinsgrundstück des Mülheimer Wassersportvereins. 

Die Bomben des Zweiten Weltkrieges zerstörten 1943 auch das Vereinshaus an der Ruhr. Die Ruderer des WSVs mussten bei Null anfangen. Obwohl es bereits in den 50er Jahren Pläne für den Neubau eines Vereinshauses gab, wurde diese Vision erst 1965 Wirklichkeit. Obwohl die Vereinsmitglieder reichlich spendeten und selbst Hand anlegten, brauchte es seine Zeit, bevor die Bausumme zusammengebracht werden konnte. Auch nach der Eröffnung des neuen Bootshauses teilte sich der WSV sein Haus aus finanziellen Gründen immer wieder mit Mietern. Mal war es ein Ingenieurbüro und dann wieder eine Tanzschule.  Heute kann man dort im griechischen Restaurant Ruhrterrasse, der Name ist Programm, mit bester Aussicht auf die Ruhr, speisten. Zurück zu den Wurzeln. Das Gasthaus Ruhrtal lässt grüßen. 


Dieser Text erschien am 21. August 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 20. August 2017

Der Postmann vom Land: 2011 kam Georg Jurga als Zusteller zur Deutschen Post-Tochter DHL: Heute gehört er zu den neun Verbund-Zustellern der DHL, die für den Mülheimer Süden zuständig sind: Er bringt und holt Briefe und Pakete

150 Männer und Frauen sorgen als Post- und Paket-Zusteller dafür, dass täglich 100.000 Briefe und bis zu 10.000 Pakte in Mülheim ankommen. Einer von ihnen ist der 49-jährige Georg Jurga. 2011 kam der gelernte Einzelhandelskaufmann, der zwischenzeitlich für einen Süßwarenspediteur gearbeitet hatte, als Zusteller zur Deutschen Post und ihrer Tochter DHL.

Den Arbeitsplatzwechsel hat der dreifache Familienvater nicht bereut. „Die Arbeitsbedingungen sind fair. Man kann sehr selbstständig arbeiten und ist fast immer an der frischen Luft. Und wir sind ein gutes Team, in dem jeder dem anderen hilft, wenn es nötig wird“, beschreibt Jurga seinen Arbeitsplatz beim Post-Zusteller DHL.

Wenn er von „seinem“ oder von „unserem“ Team spricht, dann meint Georg Jurga die neun Verbund-Zusteller, die, wie er, im Mülheimer Süden unterwegs sind. Dort, wo es in Mülheim ländlich wird, wie auf Jurgas Tour durch Selbeck, müssen die Postler vielseitig sein. Sie stellen Briefe und Pakete zu. Oft nehmen sie auch Pakte mit. Denn die nächste Poststelle ist für die Menschen im grünen Südzipfel der Stadt weit weg.

In der Hauptpoststelle hinter der Deutschen Postbank am Hauptbahnhof bepacken Jurga und seine Kollegen morgens ab sieben Uhr ihre Sonnenblumen-gelben Posttransporter. „60 bis 70 Pakete und 350 Briefe“, schätzt Jurga seine Tagesladung. Bevor er seinen Lieferwagen über Selbecks zum Teil äußerst engen Feld- und Waldwege steuert, wo man unter anderem Pferden, Gänsen, Reitern, Landwirten, Radfahrern und Spaziergängern begegnet, muss er erst die lange Kölner Straße abarbeiten.

Diese Straße hat es in sich. Auf den Vorbeifahrenden wirkt sie, wie eine lange Strecke mit einigen Wohnhäusern, Geschäften und Gaststätten. Doch Jurga kennt das Terrain besser. Er weiß: Hier muss er viel Fersengeld bezahlen. Denn hinter der langen Straßenfront verbergen sich zuweilen labyrinth-ähnliche kleine Wege, die zu vielen versetzt stehenden Häusern führen. Es sind Häuser, die man auf den ersten Blick von der Straße aus nicht sieht.

Man glaubt es nicht, wenn man Jurga nicht begleitet hat. Aber man kann problemlos sechs- bis sieben Stunden zwischen Kölner Straße, Erzweg, Stooter Straße, Stockweg und Brucher Hof unterwegs sein, ohne dass es langweilig würde. Fahren, zu Fuß gehen, aussteigen, wieder einsteigen, Pakete ein- und auspacken, Treppe auf, Treppe ab, schnell die Straßenseite wechseln und aufpassen, dass man nicht überfahren wird. Das ländliche Revier ist für Georg Jurga, wie gemacht. Denn der Postzusteller, der nicht von ungefähr Sportschuhe und eine trikot-ähnliche gelb-schwarze Dienstkleidung trägt, ist ein drahtiger und sportlicher Mann.

Spätestens, als Jurga, mit der Mitarbeiterin eines Online-Handels 21 Pakete voller edler Spirituosen in seinen Lieferwagen wuchtet und später noch bei einem Handel für Campingbedarf weitere Pakete für die Hauptpoststelle mit nimmt, glaubt man Jurga, wenn er sagt: „Ich brauche kein Fitnessstudio und kein Solarium.“

An diesem Tag zeigt sich Selbeck seinem Postzusteller mal von der regnerischen und mal von seiner sonnigen Seite. Jurga ist auf alles vorbereitet. Eine Regenjacke ist griffbereit. Neben sich hat er die Kiste mit den Briefen postiert, die als nächstes dran sind. Mal muss er nur den Brief durch den Briefkasten-Schlitz stecken. Mal trägt er ein Paket in die Wohnung der älteren Empfängerin. „Hundefutter ist die Hölle“, scherzt Jurga. Viele Kunden seines ländlichen Reviers, in dem man auch schon mal über Stock und Stein muss oder für den Gegenverkehr Platz machen muss, gibt es auch viele Hundehalter, die sich das Hundefutter für ihre Vierbeiner online bestellen und per Post ins Haus liefern lassen. Dann müssen Jurga und seine Kollegen besonders kräftig zupacken.

Apropos Hunde! Obwohl es in Selbeck viele Haus- und Hofeinfahrten mit Hinweisen, wie: „Vorsicht! Pflichtbewusster Hund!“ gibt, ist der Postzusteller, bisher noch nie gebissen worden. Der kluge Mann baut vor und hat Hundekuchen an Bord. Das hilft und macht den Wachhund zu seinem besten Freund, wie man es auch auf dieser Tagestour Jurgas sehen kann.

Obwohl der Zeitplan des Postzustellers eng getaktet ist und das mitgebrachte Butterbrot erst am Ende der Schicht verzehrt wird, nimmt sich der freundliche Wahl-Mülheimer aus Oberschlesien gerade bei älteren Post-Kunden die Zeit für freundlichen Small-Talk über dies und das. Das wissen die Leute, die Jurga ansprechen und bei ihm ein offenes Ohr finden, zu schätzen. Und so kommen sie ihm auch schon mal entgegen, öffnen Tore und räumen Hindernisse aus dem Weg. Doch Pferde und Reiter haben in Selbeck immer Vorfahrt. Dann heißt es für Jurga in seinem gelben Postauto: „Schritttempo!“

Apropos Schritt. Der Mann hat einen flotten Schritt, wenn er seinen Posttransporter verlässt, um über unbefahrbare enge Wege entlegene Häuser und Höfe zu erreichen. Er könnte als Geher bei den Olympischen Spielen antreten. Doch das will er nicht. Lieber ist er in seiner Freizeit mit dem Rad oder zu Fuß, als Spaziergänger unterwegs, am liebsten in Begleitung seiner Frau Monika, seiner drei erwachsenen Kinder Cassandra, Marco-Lukas und Patrick und seiner von ihm im Kinderwagen geschobenen Enkelin Chloeé. Für sie ging vor 18 Monaten die Post des Lebens ab.

Dieser Text erschien am 19. August 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 19. August 2017

Zeitzeugen erinnerten sich: Horst Heckmann und Horst Rübenkamp erzählten in der Buchhandlung Fehst aus ihrer Kindheit und Jugend im Dritten Reich: 30 Zuhörer kamen zur Zeitzeugenbörse in der Buchhandlung Fehst

Nichts ist lebendiger, als Zeitgeschichte, die von Zeitzeugen erzählt wird. Das konnten jetzt 30 Zuhörer bei einer Zeitzeugen-Lesung mit Horst Heckmann (Jahrgang 1928) und Horst Rübenkamp (Jahrgang 1932) erleben.

Im angenehmen Ambiente der Buchhandlung am Löhberg berichteten Rübenkamp und Heckmann kurzweilig und zugleich berührend über ihre Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus.
Gemeinsam erinnerten sie sich an eine Zeit, die sich als „abenteuerlich“ und auch „fröhlich und vergnüglich“, dann aber wieder als „furchtbar“ erlebt haben.

Die schönen Seiten. Das waren die Fußballspiele auf der Straße, die nur selten von Lieferwagen und Pferdefuhrwerken unterbrochen wurden. Das waren die Ernteeinsätze auf dem Land und die ersten Kino-Erlebnisse mit „Die Frau meiner Träume“ oder „Quax, der Bruchpilot“ im Ufa-Palast oder im Löwenhof oder auch die Geländespiele beim Jungvolk und später bei der Hitler-Jugend. Die schlechten Seiten: Das waren die Luftangriffe, die sie in Kellern und Bunkern überlebten, manchmal nur um Haaresbreite. Das waren der Hunger und das oft vergebliche Schlangestehen vor Geschäften oder die manchmal ergebnislosen Hamsterfahrten aufs Land. Das war das Chaos nach den Luftangriffen. Die brennenden Häuser und die Toten, die sie als Jugendlichen sehen und zum Teil auch selbst aus verschütteten Kellern herausziehen mussten, haben sich in ihr Gedächtnis eingebrannt.

Horst Rübenkamp erinnert sich an einem Bomben-Nacht im Keller, in der jemand ein Gramophon dabei hatte und plötzlich getanzt wurde, während draußen die Bomben fielen. Horst Heckmann erinnert sich an einen Heimatnachmittag, den er als Zugführer bei der HJ zum Thema „Friedrich der Große und Adolf Hitler“ organisieren musste.

Für ihn war die Jugend unter dem Hakenkreuz „ein ständiger Spagat.“

Denn der Vater, ein linker Gewerkschafter und die Mutter, Mitglied der regimekritischen Bekennenden Kirche, waren Gegner des NS-Regimes. „Wir haben als Kinder und Jugendliche nicht über Politik nachgedacht“, sagt Heckmann, der seine Freizeit mal mit der evangelischen Jungschar und dann wieder im Jungvolk und in der Hitler-Jugend verbrachte.

„Beim großen Luftangriff vom 22. und 23. Juni, fielen innerhalb einer Stunde mehr als 3000 Bomben auf die Stadt und töteten 500 Menschen“, erinnerte sich ein anderer Zeitzeuge, Ernst von Megern (jahrgang 1933), aus dem Publikum.

„Wir konnten uns endlich satt essen und brauchten nicht ständig Angst vor Bomben zu haben“, erzählte Rübenkamp aus seiner Zeit der Kinderlandverschickung, die für ihn im Sommer 1943 begann und ihn nach Böhmen und Mären führte. Heckmann wurde nach Thüringen evakuiert. Rübenkamp musste zu Beginn des letzten Kriegsjahres 1945 vor der heranrückenden Roten Armee nach Westen fliehen. Zu Fuß und später in Güterwagen der Reichbahn trat er den Heimweg an. Entlaust und zum Teil mit umgenähten Wehrmachtsuniformen bekleidet, begann für ihn im Sommer 1945 ein neues Leben im zunächst harten Frieden, in dem es, etwa mit Hilfe der Quäcker-Speise, zu überleben galt. Horst Heckmann verbrachte noch einige Jahre in Thüringen, ehe er heimkehren konnte.

Dieser Text erschien am 19. August in NRZ/WAZ

Freitag, 18. August 2017

Die Gnade der frühen Geburt

Wer sich die Zeit nimmt, um in alten Zeitungen, etwa anno 1900, nachzulesen, wie die damaligen Zeitgenossen, ihre noch wesentlich knapper bemessene Freizeit verbrachten, lernt viel über unsere Zeit. Man stößt auf eine Unmenge von Gaststätten, geselligen Veranstaltungen und Vereinen. Das reicht vom Raucherclub über den Gesangverein bis hin zur Literaturgesellschaft. Man fragt sich: Woher nahmen die Menschen bloß die Zeit für all diese Aktivitäten. Und dann kommt man darauf, dass sich unsere Vorfahren die Zeit nahmen, die wir heute oft mit Fernsehen, Internet, Hörfunk, Smartphones, Computerspielen, Staufahrten in den Urlaub und anderen Zerstreuungsmöglichkeiten vergeuden. Natürlich lebten auch die Zeitgenossen um 1900 nicht im Paradies. Aber sie wurden dank ihrer frühen Geburt von weitaus weniger Zeitfressern daran gehindert, sich Zeit für die wichtigen Dinge zu nehmen. Früher war nicht alles, aber manches besser. Aber zum Glück kann man als Zeitgenosse ja aus der Geschichte lernen. Und einfach mal ab- und sich ins richtige Leben einschalten.
Wer sich die Zeit nimmt, um in alten Zeitungen, etwa anno 1900, nachzulesen, wie die damaligen Zeitgenossen, ihre noch wesentlich knapper bemessene Freizeit verbrachten, lernt viel über unsere Zeit. Man stößt auf eine Unmenge von Gaststätten, geselligen Veranstaltungen und Vereinen. Das reicht vom Raucherclub über den Gesangverein bis hin zur Literaturgesellschaft. Man fragt sich: Woher nahmen die Menschen bloß die Zeit für all diese Aktivitäten. Und dann kommt man darauf, dass sich unsere Vorfahren die Zeit nahmen, die wir heute oft mit Fernsehen, Internet, Hörfunk, Smartphones, Computerspielen, Staufahrten in den Urlaub und anderen Zerstreuungsmöglichkeiten vergeuden. Natürlich lebten auch die Zeitgenossen um 1900 nicht im Paradies. Aber sie wurden dank ihrer frühen Geburt von weitaus weniger Zeitfressern daran gehindert, sich Zeit für die wichtigen Dinge zu nehmen. Früher war nicht alles, aber manches besser. Aber zum Glück kann man als Zeitgenosse ja aus der Geschichte lernen. Und einfach mal ab- und sich ins richtige Leben einschalten.

Dieser Text erschien am 14. August 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 17. August 2017

170 Jahre Pfarrbücherei St. Mariae Geburt: Ihr ehrenamtliche Leiterin Maria Baumgarten erzählt

Maria Baumgarten leitet die Pfarrbücherei von St. Mariae Geburt
seit 30 Jahren, ehrenamtlich.
170 Jahre. So lange gibt es in der Stadt-Pfarrei St. Mariae Geburt eine Pfarrbücherei. Damit dürfte sie zu den landesweit ältesten ihrer Art gehören. Seit 30 Jahren wird die kleine und gemütliche Bibliothek an der Pastor-Jakobs-Straße von Maria Baumgarten geleitet.
Wie ihre acht Kolleginnen, arbeitet Baumgarten, ehrenamtlich.
Ich investiere 10 bis 15 Stunden pro Woche. Aber das mache ich gerne. Denn meine Kolleginnen und ich lernen interessante Menschen kennen, die nicht nur Bücher, sondern oft auch ein offenes Ohr und ein gutes Gespräch suchen“, erzählt Baumgarten.
Die 80-Jährige, die früher auch als ehrenamtliche Katechetin und Pfarrgemeinderätin aktiv war, kennt noch die Zeiten, in denen die Regale der Pfarrbücherei nur mit frommen Büchern gefüllt waren. Doch das ist Vergangenheit. „Wir sind eine Katholische öffentliche Bücherei und haben inzwischen auch viele muslimische Nutzer. Wir fragen niemanden nach seiner Konfession“, betont Baumgarten.
Und so finden sich neben religiösen Büchern auch Romane, Biografien, Zeitschriften, Gesellschaftsspiele, Hörbücher, Sachbücher und Lesestoff für alle Geschmäcker in den Regalen der Bücherei. Das zwischen Buchdeckeln gedruckte Wort steht hier noch hoch im Kurs. Einen Internet-Arbeitsplatz sucht man vergebens. Wer unter den 10.000 Medien einen ganz bestimmten Titel sucht, muss mit dem guten alten Karteikastenschrank Vorlieb nehmen.
Das wir hier noch ohne Computer und mit echtem Papier und echten Büchern arbeiten, kommt aber auch bei unseren jüngeren Nutzern gut an. Bei der Ausleihe sind Kriminalromane und Biografien besonders gefragt“, berichtet Baumgarten. Das Bistum und die Pfarrgemeinde stellen jährlich 1600 Euro für den Ankauf neuer Titel zur Verfügung. Hinzu kommen Spenden und Kollekten zwischen 200 und 400 Euro. Welche neuen Bücher sie sich in ihrer Pfarrbücherei wünschen, dürfen ihre Nutzer in deren Wunschbucheintragen Außerdem lässt sich Baumgarten bei den Neuanschaffungen vom örtlichen Buchhändler Michael Fehst beraten.

Auch wenn das katholische Milieu, das 1847 die Gründung der Pfarrbücherei nötig und möglich machte, so heute nicht mehr existiert, hat Baumgarten keine Existenzängste. „Wir werden auch künftig als wohnortnaher und niederschwelliger sozialer und kultureller Treffpunkt gebraucht“, ist Baumgarten überzeugt. Wenn sie die Bücherei dienstags um 9.30 Uhr und um 15 Uhr und freitags um 15 Uhr öffnet, dann wird dort nicht nur gelesen und geplaudert, sondern auch die eine oder andere Tasse Kaffee getrunken. Ein Frauenkreis aus der Gemeinde trifft sich hier ebenso regelmäßig, wie die Kinder aus der benachbarten Gemeinde-Kita Lummerland. Die Kita-Kinder lassen sich von Maria Baumgarten und ihren Kolleginnen nur zu gerne vorlesen. Und manchmal wird auch gemeinsam gebastelt. „Die meisten unserer Stammbesucher, die täglich zwischen 40 bis 120 Medien ausleihen, gehören aber zur Generation 50 Plus“, betont die ehrenamtliche Leiterin der alten, aber immer noch gefragten Pfarrbücherei. 

Dieser Text erschien im August 2017 im Neuen Ruhrwort und in NRZ/WAZ

Mittwoch, 16. August 2017

Die Wiederauferstehung einer Kaufhaus-Legende: Ein Zeitsprung an der unteren Schloßstraße

Als das Foto aus dem Stadtarchiv entsteht schreibt man das Jahr 1935. Das Woolworth-Kaufhaus, das heute mit Gastronomie, Einzelhandel und Wohnraum wiederbelebt werden soll, steht damals erst  seit acht Jahren.

Wie man sieht, ist die Schloßstraße damals noch eine Durchbruchstraße. Das Haus, das man im Hintergrund, quer zum Straßenverlauf,  sieht, wird schon ein Jahr später verschwinden. Die Schloßstraße wird das Bild annehmen, das wir heute von ihr kennen. „1938 fuhr die erste Straßenbahn über die Schloßstraße“, weiß der 1936 geborene Walter Neuhoff von seinem Vater Wilhelm.

Auch als die Schloßstraße 1974  zur Fußgängerzone wird, bildet das vom Bauhausstil der 20er Jahre  inspirierte Kaufhaus das Eingangstor zur Geschäftsstraße. Doch 90 Jahre, nachdem Woolworth erstmals seine Türen an der Schloßstraße öffnete, ist für die zuletzt 19 Mitarbeiter des Kaufhauses für immer Feierabend.

Das Geschäftsmodell alles kaufen unter einem Dach steckt in der Krise. Drei Jahre nach Woolworth schließt auch der gleich gegenüber  gelegene Kaufhof. Während der 1953 eröffnete Kaufhof sieben Jahre leer steht, ehe er abgerissen wird, um 2019 dem neuen Stadtquartier Schloßstraße Platz zu machen, versuchen sich im ehemaligen Woolworth-Gebäude zeitweise neue Geschäfte, ehe der kommerzielle Lehrstand, kulturell mit dem Art-Square oder dem Theater der Ruhrorter gefüllt wird. Jetzt machen sich neue Investoren auf den Weg, um im alten Woolworth-Kaufhaus und auf dem ehemaligen  Kaufhof-Grundstück neue Anziehungspunkte an der unteren Schloßstraße zu schaffen. Die Geschichte geht auch in der Innenstadt weiter.

Dieser text erschien am 14. August 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 15. August 2017

Worüber man so redet

Sage mir, worüber du redest und ich sage dir, wer du bist. Wenn man über die Schloßstraße schlendert und hier oder dort ein Rentner-Clübchen sitzen und stehen sieht, hört man entweder etwas über den letzten Urlaub oder über den nächsten Arztbesuch.

Wenn man eine Gruppe oder ein Pärchen nadelgestreifter Anzugträger beim Mittags-Meeting im Bistro sitzen sieht, sprechen sie garantiert über ihren Chef, ihr aktuelles Projekt oder über den nächsten Karrieresprung. Wohl beleibte Menschen haben natürlich nur ein Leib- und Magen-Thema: Gutes Essen und Trinken. Entweder tauschen sie sich über Rezepte oder Restaurants aus. Da bleib ich auch schon mal gerne stehen und höre mit. Wirklich begeistert hat mich aber eine hoch betagte Dame, der ich jetzt zum Geburtstag gratulieren durfte. Meine Eingangsfrage, was aus ihrer lebenerfahrenen Perspektive das Schönste im Leben sei, beantwortete sie mir prompt mit: „Sex, natürlich!“

Wenn sie es mit ihrer langen Lebenserfahrung sagt, muss es stimmen. Wenn das keine ermutigende Einsicht für alle unfreiwilligen Singles und Mauerblümchen ist. Es ist nie zu spät für den Spaß an der Freude, egal, ob wir den Generationen Ü30, Ü40, Ü50, Ü60, Ü70 oder UHu („unter 100“) angehören. Also, haben wir Mut, mal wieder zu kuscheln, statt uns ständig über die Idiotien und die Idioten des Lebens zu ärgern. 

Dieser Text erschien am 15. August 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 14. August 2017

Loch an Loch und hält doch

Kennen Sie noch Alfred Zerban? Der Mann machte einst für den WDR-Hörfunk Testfahrten mit Autos der verschiedenen Hersteller. Der Härtetest für die Fahrzeuge und den Fahrer war die sogenannte „Folterstrecke“, bei der es auf vier Rädern über mehr als nur über Stock und Stein ging,

Gestern fühlte ich mich wie Zerban auf der Folterstrecke. Dabei habe ich noch nicht mal einen Führerschein und bin deshalb oft zu Fuß unterwegs. Als Innenstadt-Bewohner dachte ich bisher,
das Fußgänger-Pflaster auf der Leineweber-Straße sei die größtmögliche aller Zumutungen und Stolperfallen. Seit gestern ist für mich in diesem Punkt aber der untere Steinknappen rekordverdächtig. Neben der wunderbar glatten Fahrbahn fühlt man sich als Fußgänger auf dem so genannten Gehweg wie ein Hindernisläufer oder ein Trabi in der DDR.

Die DDR und ihr real existierender Sozialismus sind nicht nur, aber auch an ihren Straßenzuständen gescheitert. Das sollte unserer Stadt zu denken geben. „Loch an Loch und hält doch“ An diesem Prinzip Hoffnung sollte man sich nicht zu lange festhalten, wenn man als Stadt mit erstklassigen Gewerbesteuersätzen, aber mit stellenweise drittklassigen Straßenverhältnissen keinen Schiffbruch oder besser gesagt Hals- und Beinbruch erleiden will.

Dieser Text erschien am 11. August 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 13. August 2017

St. Mariae Rosenkranz: Die Kirche der kleinen Leute ist ein großes Kunstwerk

Nicht nur der Bild-Altar von St. Mariae Rosenkranz ist sehenswert.
Kirchen kann man nicht nur während des Gottesdienstes besuchen. Jetzt führte Gemeindemitglied Beate Düster Kultur- und Kunstinteressierte durch St. Mariae Rosenkranz, um ihnen zu zeigen welche geistlichen Kulturschätze St. Mariae Rosenkranz zu bieten hat. Die nächsten kostenlose Kirchenführung am Marienplatz in Styrum bietet Gemeindemitglied Hans Hanisch am 27. August um 12.30 Uhr an.
"Mir liegt diese Kirche ganz besonders am Herzen, weil sich hier ganz einfache Menschen krumm gelegt haben, um sich einen würdigen Ort der Seelsorge zu schaffen", erklärt Beate Düster. Deshalb führt sie interessierte Menschen nicht nur sonntags in den Sommerferien durch die sehenswerte Kirche ihrer 3000-Seelen-Gemeinde im Mülheimer Norden.

Sie hat den wenigen, aber umso interessierter zuhörenden Teilnehmern der Kirchenführung viel zu zeigen und zu erzählen. "Wir hätten niemals gedacht, dass eine Arbeiter-Kirche so viele Schätze in sich birgt", sind sich Oliver Birnkammer und Urszula Chanko nach dem einstündigen Kirchen-Rundgang einig.

Schon vor dem Kirchenportal lohnt sich der Blick nach oben. Gleich über der Pforte zeigt ein Relief im Mauerwerk der neugotischen Kirche den heiligen Dominikus, der von der Mutter Gottes einen Rosenkranz überreicht bekommt. Auf der anderen Seite sieht man die mittelalterliche Kirchenreformerin Katharina von Siena. Darüber sieht man ein Rosettenfenster und eine 1982 überarbeitete Marienfigur. Geht man durch das Portal in die Kirche hinein, stößt man auf kunstvoll gestaltete Boden-Kacheln. Die Architektin Beate Düster, die hauptberuflich als Denkmalschützerin in Gelsenkirchen arbeitet, lenkt den Blick der Besucher auf ein Bodenrelief. Das zeigt Sankt Georg, der mit einem Drachen das Sinnbild des Bösen besiegt. "Das Böse soll draußen bleiben, wenn die Gottesdienstbesucher sich in der Kirche auf das Gute besinnen", erklärt Düster die Symbolsprache. Das damals beim Bau der neuen Kirche nicht gespart wurde, zeigt die Tatsache, dass das Styrumer Gotteshaus mit den Villeroy & Boch-Kacheln gefliest wurde. Sie hatte man auch im 1880 eingeweihten Kölner Dom verwendet.

Thyssen und seine Arbeiter zogen an einem Strang

Auch wenn die 1894 eingeweihte Kirche nach den Plänen des Architekten und Wiener Dombaumeisters Franz Schmidt im neugotischen Stil gebaut worden ist, vermittelt die allgegenwärtige biblische Bildersprache einen geradezu barocken Eindruck. Das gilt für den 1904 von Peter Schneider geschaffenen Bilderltar ebenso, wie für den 1902 von Josef Kannengießer gemalten Kreuzweg oder die 1904 gebaute Kanzel.

Komplettiert wird der religiöse Bilder-Reigen durch die in den frühen 1950er Jahren neu geschaffenen Chorfenster. Der Bilderaltar, die Holzkanzel und die Chorfenster zeigen uns unter anderem  das Abendmahl und die Evangelisten, die Jünger von Emaus, Marias Empfängnis und Marias Himmelfahrt, die Apostel und Kirchenlehrer Johannes, Magdalena, den ungläubigen Thomas und Thomas von Aquin oder die pfingstliche Erleuchtung und Entsendung der Jünger Jesu. Aber auch die Stahlarbeiter, die in August Thyssens 1870 gegründeten Styrumer Stahlwerk arbeiteten, sind in einem der Chorfenster verewigt.

"Auch wenn der katholische Unternehmer August Thyssen 100.000 Goldmark für den Kirchenbau gestiftet hat, darf man nicht vergessen, dass es damit bei weitem nicht getan war. Auch die einfachen Leute, Arbeiter und Bauern, haben als Gemeindemitglieder ihren Beitrag dazu geleistet. Nur so konnte die  Kirche zu dem geistlichen Kunstwerk werdent, das sie heute ist", betont Beate Düster.

Als ein Beispiel nennt sie die wertvolle und an Relief-Bildern reiche Holzkanzel. Sie, die heute nur noch symbolischen Wert hat und nur in selten Ausnahmen als Predigt-Plattform genutzt wird. Sie wurde dem ersten Pfarrer von St. Mariae Rosenkranz, Reinhold Bergmann, von seiner Schwester Elisabeth im Jahr 1904 zum silbernen Priester-Jubiläum geschenkt.

Der Papst spendierte einen Altar

Besonders sehenswert sind auch die beiden Seitenaltäre mit mächtigen und zugleich filigran geschnitzten Figuren der Mutter Gottes mit dem Jesus-Kind und ihrem Gemahl Josef. "Früher wurden in dieser Kirche an ihrem Hauptaltar und ihren beiden Nebenaltären bis zu drei Gottesdienste gleichzeitig gefeiert", weiß Beate Düster aus der Pfarrchronik zu berichten. Priester-Mangel und nachlassender Gottesdienstbesuch waren in der Gründungsphase der Styrumer Gemeinde kein Thema. "Es waren vor allem die katholischen Zuwanderer aus Polen, Schlesien, Westfalen und aus dem Sauerland, die bei Thyssen Arbeit fanden, die die ersten Gemeindemitglieder stellten", berichtet Düster.

Besonders stolz ist die Gemeinde, die heute von Constant Leke, einem Pastor aus Kamerun, betreut wird, auf den Josefs-Altar. Den Josef ist der Schutzpatron der Arbeiter und sein Altar wurde der Gemeinde in ihrer Gründungsphase vom damaligen Papst Leo XIII. geschenkt. Dieser Papst, der von 1878 bis 1903 der Nachfolger Petri war, gilt mit seiner 1891 veröffentlichten Sozial-Enzyklika Rerum Novarum als Begründer der katholischen Soziallehre.

Wie ein Wunder

Wie ein Wunder wirkt es in der Rückschau, dass die Arbeiter-Kirche im Industrieort Styrum während des Zweiten Weltkrieges fast unzerstört blieb. Nur ihre Fenster mussten nach dem Krieg erneuert werden. "Da hat jemand seine schützenden Hände über diese Kirche gehalten", glaubt Beate Düster. Auch außerhalb der Sommer-Führungen macht die Denkmalschützerin interessierte Gruppen gerne mit der besonders sehenswerten und inspirierenden Kirche am Styrumer Marienplatz vertraut. Weitere Auskünfte bekommt man im Gemeindebüro am Marienplatz unter der Rufnummer gibt sie unter der Rufnummer 0208-400060

Dieser Text erschien im August 2017 in der Mülheimer Woche und im Neuen Ruhrwort

Samstag, 12. August 2017

Hungern und sterben für Kaiser und Reich: Vor 100 Jahren gibt es Lebensmittel auch in Mülheim nur auf Karte. Die Mülheimer gehen zum Hamstern aufs Land oder essen Maisbrote, Brennsuppe und Steckrüben: Der Erste Weltkrieg fordert viele Opfer

Schlange stehen, nicht nur an der Leinewebrstraße
Foto: Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr
Wer heute am Sinn der Europäischen Union zweifelt, sollte 100 Jahre zurückschauen. Im Sommer 1917 wird auch in Mülheim gehungert. Denn das auf Lebensmittel- und Rohstoff-Importe angewiesene Deutschland steht im Krieg. Um das Kaiserreich in die Knie zu zwingen, hat der Kriegsgegner Großbritannien eine Seeblockade verhängt.

Lebensmittel und Rohstoffe werden knapp. Seit 1915 sind Lebensmittel rationiert. Bezugskarten werden zur neuen Währung beim Einkauf. Nicht nur vor dem Lebensmittelgeschäft Zorn an der Leineweberstraße kommt es immer wieder zu Menschenaufläufen. Ein halbes Pfund Butter kostet damals 15 Mark. Die von Oberbürgermeister Paul Lembke geführte Stadt richtet in ihrem Schlachthof eine Konservenfabrik und eine Gemüsedörranstalt ein, um Lebensmittelvorräte für den Winter anzulegen.

Es fehlt am nötigsten, auch am Mehl. So ist der Brotbezug auf 14-täglich zwei Brote und 20 Brötchen pro Person begrenzt. War die Kriegsbegeisterung im August 1914 noch groß und die Mülheimer Zeitung titelte zum Kriegsbeginn am 2. August 1914: „Mit Gott für Kaiser und Reich. Der Herr segne die deutschen Waffen“! Doch 1917 schlägt die Stimmung im dritten Kriegsjahr um. Es kommt zu Hunger-Streiks und Protesten.

Obwohl der damalige Papst Benedikt XV. zum Frieden aufruft und auch im Deutschen Reichstag eine Mehrheit der Abgeordneten für einen raschen Verständigungsfrieden eintritt, kommt es nicht dazu.
Denn damals haben nicht die Politiker, sondern Kaiser Wilhelm II. und seine obersten Generäle Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff das Sagen. Sie halten an  ihrer unrealistischen Vision eines deutschen Siegfriedens mit umfangreichen Gebietsgewinnen fest.

Obwohl auch die Mülheimer Bevölkerung unter den Kriegsfolgen leidet und immer öfter Maisbrot und Steckrüben aufgetischt bekommt, bleibt vor allem Paul von Hindenburg sehr beliebt. Nach dem General, der 1914 russische Truppen aus Ostpreußen vertrieben hat,  benennen die Mülheimer 1916 eine ihrer Hauptstraßen. 17 Jahre später werden sie den Reichspräsidenten von Hindenburg zusammen mit dem von ihm ernannten Reichskanzler Adolf Hitler sogar zum Ehrenbürger der Stadt machen. Aus dem Notweg wird die Hindenburgstraße und erst 1949 die Friedrich-Ebert-Straße.

Anders, als die Zivilbevölkerung müssen die Generäle im Ersten Weltkrieg nicht hungern. Hamsterfahrten aufs Land, wie sie viele Ruhrstädter in diesen Kriegszeiten unternehmen müssen, um das Überleben ihrer Familien zu sichern, kennen sie nur vom Hörensagen. Eine Mülheimer „Hamsterfahrerin“ schreibt damals in den Vaterstädtischen Blättern: „Die Fahrt war beschwerlich und viel zu unergiebig. Auf den Feldern arbeiteten französische Kriegsgefangene. Man freute sich doch auch über das Wenige, das man bekommen hatte.“ Um den Hunger zu lindern, gehen die Stadtpfarrer aufs Land, um dort mit „Kartoffelpredigten“ die Herzen der Landbevölkerung für die hungernden Städter  zu öffnen.

Mit den Folgen des Krieges werden die Mülheimer auch konfrontiert, wenn sie am Garnisonslazarett an der Dimbeck vorbeikommen. Hier werden vor 100 Jahren die verwundeten Kriegsheimkehrer versorgt. 3500 Mülheimer Soldaten werden ihre Heimat nicht mehr wiedersehen. Sie fallen zwischen 1914 und 1918 auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges für Kaiser und Reich. Das Kaiserreich wird nach der deutschen Niederlage im November 1918 zur Republik. Ab 1919 dürfen auch die Mülheimerinnen erstmals wählen und gewählt werden. Doch viele der Soldaten des Mülheimer Infanterieregiments 159, die am 13. Dezember 1918 nach Mülheim zurückgekehrt sind, können sich mit der Kriegsniederlage nicht abfinden und schließen sich deshalb dem rechtsextremen und republikfeindlichen Freicorps  von Siegfried Schulz an.

Das Geld ihrer Kriegsanleihen sehen die Mülheimer nicht wieder. Der Krieg hat die Wirtschaft ruiniert. Hinzu kommen die Reparationsverpflichtungen des Versailler Friedensvertrages. Die Folge ist eine Hyperinflation, in der auch die Mülheimer ihre Ersparnisse verlieren. Der Erste Weltkrieg war furchtbar und der Frieden ist hart. Und 21 Jahre nach dem Ende des ersten beginnt der Zweite Weltkrieg. Wieder wird in Mülheim gehungert und gestorben, diesmal nicht für Kaiser und Reich, sondern für Führer und Reich. 

Dieser Text erschien am 12. August 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 11. August 2017

Tipps für einen Polit-Pensionär

Wer Zeitung liest, wem sage ich das, weiß mehr und wundert sich entsprechend. Jetzt las ich in unserer Zeitung, dass inzwischen ein Viertel der Erwerbstätigen einen Minijob hat, um über die Runden zu kommen. Vor allem Rentner, so erfuhr ich, versuchten damit ihre Altersbezüge aufzubessern.

Zeitgleich wurde gemeldet, dass jetzt auch unser Alt-Bundespräsident Christian Wulff, auf seine noch gar nicht alten Tage als Prokurist bei einer türkischen Modefirma angeheuert hat. Das kommt mir spanisch vor. Bekommt unser ehemaliges Staatsoberhaupt nicht ein jährliches Ruhegehalt von mehr als 200.000 Euro? Muss der Mann, der zwei Jahre an der Spitze unseres Staates stand, jetzt wirklich als deutscher Gastarbeiter in die Türkei gehen?

Da schüttelt selbst mein türkischer Nachbar, der vor über 50 Jahren als Gastarbeiter an die Ruhr kam, weil er zu Hause keine Arbeit fand, altersmilde den Kopf.

Er staunt nach der Zeitungslektüre darüber, dass der Polit-Pensionär, anders als andere Empfänger staatlicher Leistungen, auch seine Einkünfte als Mode-Prokurist in der Türkei nicht auf sein Ruhegehalt angerechnet bekommt. Da staunt auch ein anderer Nachbar, der seinen Dumping-Lohn mit Arbeitsgeld 2 aufstocken muss!

Doch ich kann Ihnen helfen, Herr Alt-Bundespräsident, und dafür sorgen, dass sie über Nacht vom Buhmann zum Held des Tages werden und das ganz ohne Beraterhonorar.

Verdienen Sie in der Türkei so viel, wie sie wollen. Und Ihr Ruhegehalt stellen sie während ihrer Tätigkeit in der Türkei einfach dem Diakoniewerk Arbeit und Kultur zur Verfügung. Dort wird man ihr nicht benötigtes Ruhegehalt gut verwenden können, um Menschen Arbeit, Lohn und Lebenssinn zu geben, die keine guten Beziehungen und kein Ruhegehalt haben, auf dem sie sich ausruhen könnten.

Dieser Text erschien am 9. August 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 9. August 2017

Die Caritas möchte mit ihrem Schulprojekt "Verrückt, na und" für das Thema Psychische Erkrankungen sensibilisieren

Dieses Damen-Quartett von der Caritas macht sich für das
Projekt "Verrückt na und" stark (von links):
Manrtina Pattberg, Berna Abegg, Nicole Meyer und
Corinna Eickmann.
Psychisch krank. Das will keiner sein und damit will auch niemand etwas zu tun haben. Und doch, folgt man den Untersuchungen der Deutschen Psychotherapeutenkammer, wird jeder dritte von uns mindestens einmal in seinem Leben psychisch krank.

„Wir müssen das Thema offen ansprechen, um Vorurteile und Ängste abzubauen“, erklärt Berna Abegg von der Psychologischen Beratungsstelle der Caritas, warum der katholische Sozialverband das Projekt „Verrückt, na und“ ins Leben gerufen hat.

„Wir gehen mit psychologisch geschulten Profis und mit betroffenen Lebensexperten in neunte Klassen, um mit Schülern und Lehrern über das immer noch tabuisierte Thema der seelischen Gesundheit zu sprechen und damit in der schwierigen Lebensphase der Pubertät psychischen Erkrankungen vorzubeugen oder bei Bedarf Hilfe anzubieten“, erklärt die stellvertretende Caritas-Geschäftsführerin Martina Pattberg die Idee hinter dem Projekt.

Dass die Caritas inzwischen zwölf Trainerteams in weiterführende Schulen schickt, um die fatale Schweigespirale in Sachen seelischer Gesundheit zu durchbrechen, ist akutem Handlungsdruck geschuldet. Erst 2016 hat die Deutsche Angestellten Krankenkasse in ihrem Gesundheitsreport darauf hingewiesen, dass sich die Zahl der psychisch Erkrankten in den vergangenen 20 Jahren verdreifacht hat und das psychische Erkrankungen, wie etwa die Depression, inzwischen für 17 Prozent aller Krankschreibungen und für 40 Prozent aller Frühverrentungen verursachen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation leiden derzeit weltweit 350 Millionen Menschen an Depressionen. Und das statistische Landesamt hat herausgefunden, dass allein in NRW jährlich rund 100.000 Menschen wegen psychischer Störungen stationär behandelt werden müssen.

„Wenn wir mit den Schüler in Gesprächsrunden, mit Rollenspielen oder in Form von Gruppenarbeit reflektieren, woran man psychische Erkrankungen erkennen, wie man ihnen vorbeugen oder wie  man sie behandeln kann, spüren wir immer, wie die Jungendlichen sich für das Thema sensibilisieren und ihre Vorurteile und Ängste verlieren, weil sie erkennen: Das betrifft auch mich oder könnte auch mich betreffen“, berichtet Abegg.

„Das hätte ich nicht gedacht, dass auch Sie betroffen sind“, hört die fünfache Mutter und inzwischen pensionierte Leiterin einer Kindertagesstätte, Corinna Eickmann, wenn sie von ihrem Leidensweg durch eine, in ihrem Fall genetisch bedingte Depression berichtet. „Ich spüre, dass ich ihnen viel geben kann, wenn ich den Jungendlichen meine Lebensgeschichte erzähle“, erklärt Eickmann, warum sie sich für das Projekt der Caritas engagiert und sich damit auch als Betroffene bewusst outet. „Ich will ihnen klar machen, dass es jeden treffen kann und dass man aber auch aus einer Depression wieder herauskommen kann, wenn man sich helfen lässt.“ Eickmann haben zum Beispiel Psychotherapie und Medikamente, aber auch Gespräche mit fürsorglichen Freunden, Musik und viel Bewegung aus der Krise herausgeholfen. Und wenn man die ruhige und freundliche Frau heute sieht, kann man sich nicht vorstellen, dass es in ihrem Leben, krankheitsbedingt, Zeiten gab, in denen sie noch nicht mal das Haus verlassen konnte, um den Müll herunterzubringen oder einzukaufen.

„Nach den Projekttagen bekomme ich von vielen Lehrern die Rückmeldung: ‚Unser Klassenklima ist besser geworden und wir gehen jetzt viel achtsamer miteinander um“, freut sich die zuständige Projektleiterin der Caritas, Nicole Meyer über die nachhaltige Wirkung der vorbeugenden Aufklärungsarbeit in den Schulen.

Weitere Informationen


Interessierte Klassenlehrer und Schulleiter können sich unter 0208-3000893 oder per E-Mail an: nicole.meyer@caritas-muelheim.de melden und informieren.
Das Team der Psychologischen Beratungsstelle der Caritas ist an der Hingbergstraße 176 unter 0208-30008-80 erreichbar.


Das Projekt „Verrückt, na und“ wird vom Netzwerk Irrsinnig menschlich, von der Internetplattform gesundheitsziele.de, von der Aktion Lichtblicke, von der Barmer Ersatzkasse und von der Mülheimer Entsorgungsgesellschaft MEG unterstützt.

Dieser Text erschien am 4. August 2017 im Neuen Ruhrwort

Dienstag, 8. August 2017

Erinnerung an den ersten deutschen Kaiser: Zeitsprung am Wilhelmplatz

Der Wilhelmplatz um 1910: Eine Postkartenansicht aus dem
Mülheimer Stadtarchiv
Der Wilhelmplatz ist eine kleine grüne Oase im Straßendreieck zwischen Kampstraße, Wilhelmstraße und Dohne. Dort mischen sich Neubauten mit Häusern aus der Kaiserzeit.
Der Wilhelmplatz zwischen Dohne, Kampstraße und Wilhelmstraße heute

Das passt zum Namen des Platzes, der seit 1902 den Namen des ersten deutschen Kaisers Wilhelm I. (1797-1888) trägt. Das war der Kaiser, von dem es in einem 1893 geschriebenen Karnevalsschlager heißt: „Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm wieder haben, aber den mit dem Bart!“ Dieses Lied war als Spott auf den Enkel und mittelbaren Nachfolger Wilhelm I., Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) gedacht. Die historische Postkartenansicht aus dem Stadtarchiv zeigt den Wilhelmplatz noch mit jungen Bäumen und ohne das Denkmal, das dort seit 1914 steht. Dieses Denkmal trägt an seiner Spitze ein Relief-Bild des jungen Prinzen Wilhelm von Preußen, der als „Kartätschenprinz“ die bürgerliche Revolution von 1848/49 militärisch niederschlug und später als Nachfolger seines kranken Bruders Friedrich Wilhelm IV. König von Preußen wurde. Seine Kaiserproklamation im Spiegelsaal des Versailler Schlosses dokumentierte am 18. Januar 1871 den deutschen Sieg im Krieg gegen Frankreich und die deutsche Reichsgründung. An die Gefallenen des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 erinnert auch das Mahnmal, das 1873 zunächst auf dem Rathausmarkt aufgestellt und dort auch einen Reichsadler auf seiner Spitze trug. Der Reichsadler ist verschwunden. Die Zeiten überdauert haben ein Soldatenrelief und die Inschrift: „Den 1870-1871 fürs Vaterland Gefallenen. In Dankbarkeit die Stadt- und Landgemeinde Mülheim an der Ruhr 1873. 

Montag, 7. August 2017

Man sieht sich in der Ahnengalerie

Heute mächtig, wichtig und unentbehrlich. Morgen schon Geschichte. Man braucht nicht nur Zeitung lesen. Auch ein Gang über den Friedhof reicht, um zu begreifen, dass alles menschliche und damit auch Ansehen, Einfluss und  Unentbehrlichkeit vergänglich sind.

Mir wurde diese Erkenntnis zuletzt vor Augen geführt, als ich mit dem neuen Superintendenten des evangelischen Kirchenkreises An der Ruhr, Gerald Hillebrand, über die Zukunft der Kirche sprach. Dabei fiel mein Blick in seinem Büro auf eine Ahnengalerie seiner Vorgänger, die im historischem Schwarz-Weiß, als Vorbild von der Wand grüßten.

Nur einer fehlte in der Reihe, Hillebrands unmittelbarer Vorgänger Helmut Hitzbleck. Ist der gute Mann bei der Evangelischen Kirche schon so schnell in Vergessenheit  geraten oder sogar in Ungnade gefallen?
Beides, so klärte mich sein Nachfolger auf, sei nicht der Fall. Auch an Fotogemität und Charisma fehle es seinem Vorgänger nicht, dafür aber an der Bereitschaft „sich aufhängen zu lassen.“
Sicher. So mancher große Mann in der Geschichte hat mit dem „aufgehängt werden“ schlechte Erfahrungen gemacht und dabei Kopf und Kragen verloren.
Doch in diesem Fall geht es ja um einen bildtechnischen Akt und nicht um einen Angriff auf die körperliche Unversehrtheit. Wir sind ja unter Christenmenschen und brauchen dringend Vorbilder, die Gesicht zeigen. Also, lieber Herr Hitzbleck, haben Sie in diesem Falle Mut, sich aufhängen zu lassen und in einer Reihe mit ihren Vorgängern und Nachfolgern Gesicht für eine gute Sache zu zeigen. Denn es tut garantiert nicht weh und Sie können sich,natürlich mit einem Bild ihrer Wahl, sehen lassen.

Sonntag, 6. August 2017

Das Fleisch war immer schon schwach

Man kann ja heute gar nicht mehr die Zeitung lesen, weil man dort nur von Mord und Totschlag liest. So hört man zuweilen vor allem von älteren Zeitgenossen. Sie kennen, ob ihres Alters, noch alte Zeiten, die sie gerne auch mal als die besseren Zeiten beschreiben.
Man ahnt, dass das nicht die ganze Wahrheit sein kann. Den Beweis für diese Vermutung las ich jetzt in alten Mülheimer Lokalausgaben aus Kaisers Zeiten. An der Spitze der lokalen Nachrichten taucht dort fast immer der Polizeibericht auf. Und sie ahnen schon, was man dort schon anno dazumal zu lesen bekam, Berichte über Mord und Totschlag.

Irgendwie stimmt es tröstlich, dass unsere Vorfahren auch nicht weniger kriminell waren, als die heutige Generation. In einer Welt und in einer Gesellschaft, die sich über ihre Veränderungen definiert, scheint nichts so kontinuierlich zu sein, wie das Grundgesetz der menschlichen Natur. Der Geist ist willig und kennt die Tugend. Doch das Fleisch ist oft zu schwach, um sie zu praktizieren. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie ihren freundlichen Bezirksbeamten, den nächstbesten Gauner in Nadelstreifen oder ihren TV-Lieblingskommissar.

Dieser Text erschien am 3. August 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Samstag, 5. August 2017

Die Sommertour der lokalen Ausbildungspartner zeigte: Auch Nachzügler haben nach dem Beginn des Ausbildungsjahres noch eine Chance

Die Vertreter der lokalen Ausbildungspartner besuchten unter
anderem den Maler-Betrieb von Frank Beckmann (rechzs)
an der Hingbergstraße
„Auch wenn das Ausbildungsjahr schon begonnen hat, kann man sich immer noch um Ausbildungsstellen bewerben oder unbesetzte Lehrstellen der Agentur für Arbeit oder der Sozialagentur melden.“ Das war die wichtigste Botschaft, die der Chef der Sozialagentur, Klaus Konietzka, die stellvertretende IHK-Geschäftsführer Kathrin Mandt, die operative Geschäftsführerin der Agentur für Arbeit, Christiane Arntz, DGB-Geschäftsführer Klaus Waschulewski und seine Amtskollegin Barbara Yeboah von der 

Kreishandwerkerschaft bei ihrer gestrigen Ausbildungstour an die Frau und den Mann bringen wollten. Immerhin sind noch 318 Lehrstellen in Mülheim unbesetzt. Gleichzeitig haben 347 Bewerber noch keinen Lehrstelle gefunden


„Bis zum 1. Oktober ist eine Bewerbung oder Einstellung noch problemlos möglich. Und auch danach kann man in Absprache mit der Industrie- und Handelskammer oder der Kreishandwerkerschaft noch Einzelfallregelungen finden“, konkretisiert Kathrin Mandt.
Auch die 18-jährige Ludmila Siminenko  hat, wie sie sagt „auf den letzten Drücker“ ihre Bewerbung beim Malerbetrieb Beckmann an der Hingbergstraße 96 abgegeben.“Nach einem Schulpraktikum als Floristin wusste ich, dass ich handwerklich nicht so begabt bin, sonder lieber im Büro planen, organisieren und schreiben möchte“, erzählt Ludmila Siminenko   Am 1. August hat sie dort ihre Lehrstelle als Kauffrau für Bürokommunikation angetreten.
Der Lehrer gab den richtigen Tipp

Bei Ludmila ist es gelaufen, wie es auch in anderen Fällen laufen sollte. Nach ihrem Fachabitur am Berufskolleg Lehnerstraße wurde die 18-jährige durch einen Lehrer auf die Stelle im Familienbetrieb Beckmann hingewiesen. Sie informierte sich auf der Internetseite über den Malerbetrieb und vereinbarte mit Malermeister Frank Beckmann ein Vorstellungsgespräch. 


„Ludmila hat mich mit ihrer Offenheit und ihrer Persönlichkeit überzeugt“, betont Beckmann. Für ihn geht es weniger um Schulnoten, als um Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und die Motivation der Auszubildenden. Und genau diese Tugenden wurden Siminenko von einem Unternehmen für Telefonmarketing bescheinigt, in dessen Büro sie bereits ein Schülerpraktikum gemacht hatte.


Jetzt sucht der Malermeister händeringend einen neuen Auszubildenden, der bei ihm das Maler- und Lackierer-Handwerk lernen möchte. „Wir haben derzeit Hochkonjunktur“, betont Beckmann. Konietzka und Artz nahmen sein Lehrstellenangebot sofort zu ihren Akten.


"Meine Ausbildung  war nicht der Hit. Und ich will es einfach besser machen. Ich brauche menschliche Querdenker, die mich auch als Persönlichkeit überzeugen und die ich auch langfristig an mein Unternehmen binden möchte.“ So begründet der Diplom-Kaufmann und Unternehmensberater Bahadir Taspinar, warum er in seiner 2011 gegründeten Unternehmensberatung Bata Consulting drei Kaufleute für Büromanagement ausgebildet hat. „Ich konnte mich hier vom Bürokaufmann zum Berater weiter entwickeln“, resümiert Roman Peters, der neben seiner Ausbildung auch Betriebswirtschaft studiert hat. Die Ausbildung hat er inzwischen, ebenso, wie seine Kollegin Ayse Sahingöz erfolgreich abgeschlossen. Beide sind jetzt fest angestellt. Und in Kürze wird Roman Peters auch sein Studium an der Hochschule für Ökonomie und Management (FOM) anschließen. „Man wird hier vom ersten Tag an gleichberechtigt ins Mitarbeiterteam einbezogen“, freut sich die angehende Kauffrau für Büromanagement Aysel Bütün, die am 1. August angefangen hat.


Dieser Text erschien am 4. August 2017 in NRZ und WAZ

Donnerstag, 3. August 2017

Rotes Kreuz feierte die Einweihung seines neuen Hilfe-Leistungs-Zentrums

Aus dieser Computeranimation des Deutschen
Roten Kreuzes ist inzwischen Wirklichkeit geworden.
"Dieses neue Zentrum ist für uns ein Glücksfall", sagt der Kreisvorsitzende des Deutschen Roten Kreuzes, Volker Feldkamp beim Eröffnungsfest an der Aktienstraße 58. Was er damit meint wird den Gästen aus allen Bereichen der Bürgerschaft deutlich vor Augen geführt. Ehrenamtliche Helfer führen vor, was sie machen, wenn zum Beispiel der Hausnotruf aktiviert, die DRK-Wasserwachtr oder die Rettungshundestaffel des Roten Kreuzes alarmiert werden
Bei einem Rundgang durch das 2240 Quadratmeter große und barrierefreie DRK-Zentrum wurden einige Gäste dann auch gleich bei einer Wiederbelebungsübung einbezogen. Frei nach dem Motto: Probieren geht über Studieren. Erst danach durften sie sich am Buffet stärken.

Der DRK-Kreisvorsitzende nutzte sein Grußwort unter anderem dafür, allen Menschen und Institutionen zu danken, "die mit ihrer finanziellen Unterstützung dafür gesorgt haben, dass das Rote Kreuz nach dem Neubau seines Hilfeleistungszentrums finanziell unbelastet in die Zukunft gehen kann." Feldkamp nannte in diesem Zusammenhang unter anderem die 3000 Fördermitglieder des Kreisverbandes, verstorbene Bürger, die das Mülheimer DRK mit ihrem Vermächtnis ausgestattet haben, aber auch die Leonhard-Stinnes-Stiftung sowie die Sparkasse und ihre Stiftung. "Ich finde es großartig, dass das Rote Kreuz allen Menschen in Not hilft, ohne nach ihrer Religion, ihrer Herkunft oder ihrer politischen Weltanschauung zu fragen. Das muss man einfach unterstützen," erklärt Christa Brinkmann ihre Motivation, die das DRK seit 39 Jahren als zahlendes Fördermitglied unterstützt.

Fast drei Millionen Euro ließ sich das Mülheimer DRK sein neues Hilfeleistungszentrum kosten. Ein Großteil der Baukosten konnte mit dem Verkauf des alten DRK-Hauses an der Löhstraße und der DRK-Wache an der Heinrichstraße finanzieren. In beiden Fällen war die Mülheimer Wohnungsbaugenossenschaft die Käuferin. Die MWB stellte ihr Know How auch bei der Planung und dem Bau des neuen DRK-Zentrums zur Verfügung.

Lebenswichtiger Dienst

Oberbürgermeister Ulrich Scholten, qua Amt auch Vorsitzender der Leonhard-Stinnes-Stiftung, schlug den Bogen von der ehemaligen Feuerwache, die vor dem Neubau des DRK-Zentrums auf dem 3700 Quadratmeter großen Grundstück an der Aktienstraße 58 ansässig war, zur heutigen Nutzung. "Es ist schön", so Scholten, "dass hier das Rote Kreuz die Nachfolge der Feuerwehr antritt, weil es ebenso, wie die Feuerwehr einen lebenswichtigen Hilfsdienst für die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt leistet."

Haupt- und Ehrenamtliche unter einem Dach

Der DRK-Kreisvorsitzende und der Geschäftsführer des Kreisverbandes, Klaus-Jürgen Wolf zeigten sich beim Eröffnungsfest glücklich darüber, "dass unsere 110 hauptamtlichen Mitarbeiter und unsere 700 ehrenamtlichen Mitarbeiter jetzt unter einem Dach arbeiten und Gemeinschaft erleben können." Wie aktiv die große Helfergemeinschaft des Mülheimer DRKs ist, machte Feldkamp mit dem Hinweis auf jährlich 90.000 Arbeitsstunden des Roten Kreuzes deutlich. Nach einer einjährigen Eingewöhnungsphase, in der auch noch der eine oder andere Feinschliff am Gebäude nachgeholt werden musste, hat Geschäftsführer Klaus-Jürgen Wolf den Eindruck gewonnen: "Nicht nur mit Blick auf unsere Kleiderkammer für Bedürftige und unsere Migranten-Beratung nehme ich erfreut zur Kenntnis, dass unser neues Zentrum von den Bürgern als Anlauf- und Beratungsstelle angenommen wird."

Weitere Informationen über den sei 1907 bestehenden Mülheimer Kreisverband finden Interessierte im Internet unter: www.drk-muelheim.de

Dieser Text erschien am 30. Juni 2017 im Lokalkompass und in der Mülheimer Woche

Mittwoch, 2. August 2017

Turne! Turne! Von der Wiege bis zur Bahre: Die Jahnhalle - Ein Zeitsprung an der Kaiserstraße

Eine Postkartenansich der neuen Jahn-Halle aus dem Jahr
1901 (Fotoquelle Stadtarchiv Mülheim)
Die Jahn-Halle an der Kaiserstraße, so wie wir sie hier auf einer Postkarte des Stadtarchivs sehen, gibt es heute nicht mehr. Die historische Aufnahme entstand kurz nach der Eröffnung der Jahn-Halle am 14. September 1901. Möglich gemacht hatte ihren Bau der damalige Vorsitzende des Mülheimer Turnvereins, Carl Pohl. Doch schon sieben Jahre später wurde die Turnhalle an der Kaiserstraße ein Opfer der Flammen und musste neu aufgebaut werden.

Auch im  2. Weltkrieg blieb die Sporthalle  nicht verschont. Ihr Wiederaufbau zog sich über mehrere Etappen bis in die 1960er Jahre. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Jahnhalle auch von der Britischen Militärregierung und als Kinosaal für das "Majestic" genutzt.

Auch wenn die Sporthallengebäude wechselten, so blieb doch Mülheims heute ältester Sportverein, der die Halle mit Leben erfüllt. Die Mülheimer Turngemeinde (so heißt sie seit einer Fusion mit anderen Mülheimer Turnvereinen im Jahr 1938)  wurde am 11. August 1856 als Mülheimer Turnverein von 36 Sportfreunden ins Leben gerufen. Den Gründungstag war der 78. Geburtstag des 1852 verstorbenen Turnvaters Friedrich Ludwig Jahn.

Jahn war es, der 1811 in Berlin den ersten Turnverein Deutschlands in Berlin gegründet und den Turnsport populär gemacht hatte. In Zeiten der napoleonischen Besatzung sah Jahn das Turnen nicht nur als gesundheits- und gemeinschaftsfördernd, sondern auch als einen Beitrag zur Wehrertüchtigung an.

Als Abgeordneter des Frankfurter Paulskirchen-Parlaments war Jahn in den Revolutionsjahren 1848 und 1849 ein Verfechter der nationalen Einheit eines freien Deutschlands. Deshalb war die Gründung eines Mülheimer Turnvereins im Jahr 1856 auch ein politisches Bekenntnis zu eben diesen politischen Zielen.


Dieser Text erschien am 31. Juli 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 1. August 2017

Heidewitzka, Herr Kapitän! Nimm uns mit auf die Zeitreise

Auch diese Fotografie aus dem Jahr 1928 ist in der Ausstellung
im Haus Ruhrnatur zu sehen. Die Paul Lembke war damals das größte Schiff
der noch jungen Weißen Flotte Mülheims
Fotoquelle: Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr
"Schiff Ahoi!" Unter diesem Titel präsentieren das Stadtarchiv, die Weiße Flotte, das Haus Ruhrnatur und der Wasserversorger RWW vom 1. Juli bis zum 19. Dezember eine Fotoausstellung zur 90-jährigen Geschichte der Weißen Flotte. Der Weg ins Haus Ruhrnatur auf der Schleuseninsel lohnt sich.
Der Leiter des Stadtarchivs, Dr. Kai Rawe, hat für die Geburtstagsausstellung 40 historische Fotos aus den 20er, 30er, 50er und 60er Jahren zusammengetragen und eine lesens- und sehenswerten Ausstellungsbroschüre geschrieben.

Schon bei den ersten beiden historischen Fotoausstellungen, die das Stadtarchiv zusammen mit RWW im Haus Ruhrnatur präsentiert, hat Stefanie Krohn vom Haus Ruhrnatur feststellen können, "dass unser Museum durch solche historischen Fotoausstellungen einige 1000 Besucher hinzu gewinnen kann." Nach ihren Angaben besuchen jährlich 30.000 Menschen das 1992 von der RWW eröffnete Haus Ruhrnatur.

Hunderttausende wollten früher Schiffchen fahren


Die Ausstellung über die 90 Jahre der Weißen Flotte ist für alle Mülheimer eine Augenweide. Ruhridylle trifft Freizeitspaß, auch schon zu Großvaters und Großmutters Zeiten. Man staunt, wenn man erfährt, dass elf Schiffe in den ersten Jahren der Weißen Flotte mehrere 100.000 Fahrgäste und Ausflügler beförderten. Heute fahren mit den drei Schiffen der Weißen Flotte pro Saison etwa 65.000 bis 70.000 Menschen. Kein Wunder. Denn in den 20er und 30er Jahren war ein Urlaub in der Ferne für die allermeisten Mülheimer unerschwinglich. Eine Fahrt mit der Weißen Flotte kostete dagegen anno 1927 nur 10 Pfennig. Da hieß es dann zur Sommerzeit: "Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah!"

Wer glaubt, dass jeder Mülheimer schon mehr als einmal mit der Weißen Flotte gefahren ist, den belehrt Helge Land vom Flotten-Team der städtischen Betriebe eines Besseren. "Erst kürzlich habe ich eine 75-jährige Mülheimerin, die ihr ganzes Leben in der Stadt verbracht hat, zu ihrer ersten Fahrt an Bord der Weißen Flotte begrüßen können", erzählt er.

Weitere Informationen zur historischen Fotoausstellung "Schiff Ahoi! - 90 Jahre Weiße Flotte in Mülheim" finden Interessierte auch im Internet unter: www.stadtarchiv-muelheim.de, www.rww.de und www.haus-ruhrnatur.de. Die Fotoausstellung ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr im Haus Ruhrnatur an der Schleuseninsel 1 geöffnet. Der Ausstellungsbesuch ist in den Eintrittspreisen des Hauses Ruhrnatur enthalten.

Dieser Text erschien am 27. Juni 2017 im Lokalkompass und in der Mülheimer Woche