Samstag, 12. August 2017

Hungern und sterben für Kaiser und Reich: Vor 100 Jahren gibt es Lebensmittel auch in Mülheim nur auf Karte. Die Mülheimer gehen zum Hamstern aufs Land oder essen Maisbrote, Brennsuppe und Steckrüben: Der Erste Weltkrieg fordert viele Opfer

Schlange stehen, nicht nur an der Leinewebrstraße
Foto: Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr
Wer heute am Sinn der Europäischen Union zweifelt, sollte 100 Jahre zurückschauen. Im Sommer 1917 wird auch in Mülheim gehungert. Denn das auf Lebensmittel- und Rohstoff-Importe angewiesene Deutschland steht im Krieg. Um das Kaiserreich in die Knie zu zwingen, hat der Kriegsgegner Großbritannien eine Seeblockade verhängt.

Lebensmittel und Rohstoffe werden knapp. Seit 1915 sind Lebensmittel rationiert. Bezugskarten werden zur neuen Währung beim Einkauf. Nicht nur vor dem Lebensmittelgeschäft Zorn an der Leineweberstraße kommt es immer wieder zu Menschenaufläufen. Ein halbes Pfund Butter kostet damals 15 Mark. Die von Oberbürgermeister Paul Lembke geführte Stadt richtet in ihrem Schlachthof eine Konservenfabrik und eine Gemüsedörranstalt ein, um Lebensmittelvorräte für den Winter anzulegen.

Es fehlt am nötigsten, auch am Mehl. So ist der Brotbezug auf 14-täglich zwei Brote und 20 Brötchen pro Person begrenzt. War die Kriegsbegeisterung im August 1914 noch groß und die Mülheimer Zeitung titelte zum Kriegsbeginn am 2. August 1914: „Mit Gott für Kaiser und Reich. Der Herr segne die deutschen Waffen“! Doch 1917 schlägt die Stimmung im dritten Kriegsjahr um. Es kommt zu Hunger-Streiks und Protesten.

Obwohl der damalige Papst Benedikt XV. zum Frieden aufruft und auch im Deutschen Reichstag eine Mehrheit der Abgeordneten für einen raschen Verständigungsfrieden eintritt, kommt es nicht dazu.
Denn damals haben nicht die Politiker, sondern Kaiser Wilhelm II. und seine obersten Generäle Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff das Sagen. Sie halten an  ihrer unrealistischen Vision eines deutschen Siegfriedens mit umfangreichen Gebietsgewinnen fest.

Obwohl auch die Mülheimer Bevölkerung unter den Kriegsfolgen leidet und immer öfter Maisbrot und Steckrüben aufgetischt bekommt, bleibt vor allem Paul von Hindenburg sehr beliebt. Nach dem General, der 1914 russische Truppen aus Ostpreußen vertrieben hat,  benennen die Mülheimer 1916 eine ihrer Hauptstraßen. 17 Jahre später werden sie den Reichspräsidenten von Hindenburg zusammen mit dem von ihm ernannten Reichskanzler Adolf Hitler sogar zum Ehrenbürger der Stadt machen. Aus dem Notweg wird die Hindenburgstraße und erst 1949 die Friedrich-Ebert-Straße.

Anders, als die Zivilbevölkerung müssen die Generäle im Ersten Weltkrieg nicht hungern. Hamsterfahrten aufs Land, wie sie viele Ruhrstädter in diesen Kriegszeiten unternehmen müssen, um das Überleben ihrer Familien zu sichern, kennen sie nur vom Hörensagen. Eine Mülheimer „Hamsterfahrerin“ schreibt damals in den Vaterstädtischen Blättern: „Die Fahrt war beschwerlich und viel zu unergiebig. Auf den Feldern arbeiteten französische Kriegsgefangene. Man freute sich doch auch über das Wenige, das man bekommen hatte.“ Um den Hunger zu lindern, gehen die Stadtpfarrer aufs Land, um dort mit „Kartoffelpredigten“ die Herzen der Landbevölkerung für die hungernden Städter  zu öffnen.

Mit den Folgen des Krieges werden die Mülheimer auch konfrontiert, wenn sie am Garnisonslazarett an der Dimbeck vorbeikommen. Hier werden vor 100 Jahren die verwundeten Kriegsheimkehrer versorgt. 3500 Mülheimer Soldaten werden ihre Heimat nicht mehr wiedersehen. Sie fallen zwischen 1914 und 1918 auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges für Kaiser und Reich. Das Kaiserreich wird nach der deutschen Niederlage im November 1918 zur Republik. Ab 1919 dürfen auch die Mülheimerinnen erstmals wählen und gewählt werden. Doch viele der Soldaten des Mülheimer Infanterieregiments 159, die am 13. Dezember 1918 nach Mülheim zurückgekehrt sind, können sich mit der Kriegsniederlage nicht abfinden und schließen sich deshalb dem rechtsextremen und republikfeindlichen Freicorps  von Siegfried Schulz an.

Das Geld ihrer Kriegsanleihen sehen die Mülheimer nicht wieder. Der Krieg hat die Wirtschaft ruiniert. Hinzu kommen die Reparationsverpflichtungen des Versailler Friedensvertrages. Die Folge ist eine Hyperinflation, in der auch die Mülheimer ihre Ersparnisse verlieren. Der Erste Weltkrieg war furchtbar und der Frieden ist hart. Und 21 Jahre nach dem Ende des ersten beginnt der Zweite Weltkrieg. Wieder wird in Mülheim gehungert und gestorben, diesmal nicht für Kaiser und Reich, sondern für Führer und Reich. 

Dieser Text erschien am 12. August 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

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