Dienstag, 31. Januar 2017

Karnevalszug verschärft gesichert: Rosenmontag werden mehrere hundert Ordner und Sicherheitskräfte mitlaufen - Polizei setzt mehr Personal ein - 15 Fahrzeuge sollen Sperren bilden

Beim Rosenmontagszug, der am 27. Februar ab 14 Uhr mit rund 1000 aktiven Teilnehmern vor schätzungsweise 50?000 Schaulustigen durch die Mülheimer Innenstadt rollen wird, geht es nicht nur um Spaß an der Freude, sondern auch um Sicherheit.

„Nicht erst seit der Loveparade-Katastrophe von 2010 oder dem Terroranschlag von Berlin im Dezember 2016, haben sich die Mülheimer Karnevalisten in vorbildlicher Weise um die Sicherheit des Rosenmontagszuges gekümmert“, betont der Leiter des Ordnungsamtes, Bernd Otto.

„Die Karnevalsgesellschaften stellen 160 Ordner und finanzieren zusätzlich den Einsatz von 80 Sicherheitskräften der Vollmer-Gruppe“, erklärt der Geschäftsführer des Hauptausschusses Groß-Mülheimer Karneval, Hans Klingels. Jeder der gut 30 Rosenmontagswagen werde von acht Ordnern mit Absperrseilen begleitet. Hinzu kämen Absperrmaßnahmen durch das Technische Hilfswerk (THW) und Einsatzkräfte von Polizei und Ordnungsamt, so Hans Klingels.

Doch in Zeiten des Terrors – wie bei dem Lkw-Anschlag in Berlin – denkt man jetzt auch mit Blick auf den hiesigen Rosenmontagszug über Fahrzeuge nach, die als mobile Sicherheitssperren eingesetzt werden sollen. „Diese mobilen Sperren haben den Vorteil, dass sie beweglich sind und schnell zurückgenommen werden können, wenn im Ernstfall der Weg für Rettungsfahrzeuge von Feuerwehr und Rotem Kreuz freigemacht werden muss“, unterstreicht Otto.

Er ist froh darüber, dass ihm Vertreter der Mülheimer Entsorgungsgesellschaft (MEG), des THW, des Deutschen Roten Kreuzes und der Feuerwehr bei einer Lagebesprechung im Rathaus zugesagt haben, Fahrzeuge aus ihrem Bestand als bewegliche Sicherheits-Barrieren zur Verfügung zu stellen. „Eine Anfrage bei der MVG steht noch aus. Aber auch hier bin ich zuversichtlich“, sagt Otto. Hinzu kommt, dass der Vizepräsident des Hauptausschusses, Markus Uferkamp, eine Fahrzeugreserve aus dem Fuhrpark seiner eigenen Gerüstbaufirma bereitstellt.

Der Leiter des Ordnungsamtes schätzt, dass am Rosenmontag etwa 15 Fahrzeuge auf den Haupt- und Seitenstraßen der Zugroute zwischen Kaiserstraße und Schloßbrücke als bewegliche Sicherheitssperren zum Einsatz kommen.

Außerdem werden sämtliche Mitarbeiter des Zentralen Außendienstes des Ordnungsamtes am Rosenmontag auf der Straße sein. Hinzu kommen 50 Einsatzkräfte des THW. Wichtig ist Otto aber auch, „dass wir den Karneval feiern und den Rosenmontagszug mit unseren Sicherheitsmaßnahmen nicht ersticken.“ Mit dem Karnevalisten Hans Klingels, ist sich Otto einig, „dass es in einer freien Gesellschaft niemals eine hundertprozentige Sicherheit geben kann, dass wir uns aber auf keinen Fall verstecken wollen und dürfen“.

Ein Sprecher der Polizei Essen-Mülheim bestätigt auf Anfrage: „Wir haben derzeit nur eine allgemeine, aber keine konkrete Terrorgefahr. Wir beobachten die Sicherheitslage und werden sie mit Blick auf den Rosenmontagszug regelmäßig mit allen Beteiligten besprechen.“ Danach will die Polizei mit mehr uniformierten und zivilen Personal als in den Vorjahren beim Rosenmontagszug präsent sein. Die genaue Einsatzstärke soll allerdings aus einsatztaktischen Gründen nicht bekanntgegeben werden.

Wichtig ist für Hans Klingels, dass die zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen für den Rosenmontagszug „nicht mit zusätzlichen Kosten für die Karnevalsgesellschaften verbunden sein werden“.


Dieser Text erschien am 30. Januar 2017 in NRZ & WAZ

Montag, 30. Januar 2017

Der Engel von der Apotheke am Kirchplatz: Unterwegs mit Martina Henrich

Martina Henrich
Wenn man Martina Henrich hinter der Theke der Apotheke am Kirchplatz sieht, wie sie ein Medikament heraussucht und der älteren Kundin zuhört, die ihr vom Studium ihrer Enkelin erzählt, könnte man auf die Idee kommen, dass sie mehr steht, als geht. Doch der erste Eindruck täuscht. Eigentlich ist die 47-jährige Mitarbeiterin der Dümptener Apotheke am Kirchplatz fast immer in Bewegung, entweder innerhalb der Apotheke oder auch mal außerhalb.

Mittags und abends ist sie zusammen mit ihrem Mann Rolf im Lieferwagen der Apotheke unterwegs, um betagten und in ihrer Mobilität eingeschränkten Kunden die von ihnen telefonisch bestellten Medikamente ins Haus zu bringen. Nicht nur in der Apotheke, sondern auch bei solchen Hausbesuchen hört sie viele Lebens- und Krankengeschichten. Auch jüngere Patienten, die zum Beispiel an Krebs oder einer Muskelerkrankung leiden sind unter ihren Kunden. „Man sieht in diesem Beruf vieles, was man nicht so einfach wegstecken kann. Aber das gehört dazu. Und ich nehme mir auch die Zeit, um zuzuhören oder zu trösten und zu ermuntern. Denn der Kontakt zu den Menschen ist mir wichtig“, erzählt Henrich.

Der Austausch mit ihrem Mann Rolf, der in der ebenfalls vom Mülheimer Apotheker Patrick Marx betriebenen Barbara-Apotheke an der Aktienstraße arbeitet, ist ihr wichtig. Die Beiden verstehen sich offensichtlich gut. Das Ehepaar „lebt seinen Beruf“, wie Martina Henrich sagt. Und man glaubt der pharmazeutisch-kaufmännischen Angestellten, wenn sie mit einem charmanten Lächeln betont: „Ich arbeite einfach gerne!“

Wie es der Zufall will, fährt sie heute auch zu ihrem früheren Arbeitgeber, einem Medikamenten-Großhändler in der Nachbarstadt Duisburg. Dort muss eine Kiste mit Medikamenten abgeholt werden, die in der Apotheke an Kirchplatz dringend erwartet wird, aber vom Fahrer des Großhändlers auf seiner Tour vergessen worden ist. Martina Henrich betritt eine andere Welt. Die Lagerhalle ist etwa so groß, wie sechs Fußballfelder. In haushohen Regalwänden lagern insgesamt rund 100.000 Medikamente. „Die Medikamente sind hier alphabetisch sortiert. Für jeden Buchstaben gibt es ein eigenes Regal“, weiß Henrich aus ihrem beruflichen Intermezzo in der Warenausgangskontrolle des Medikamenten-Großhandels, das gerade mal ein halbes Jahr dauerte, ehe sie wieder zurück in die Apotheke ging. „Das war nicht mein Ding. Der Kontakt zu den Kunden hat mir gefehlt“, sagt Henrich.

Den hat die pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte, die ihren Beruf schon seit 28 Jahren ausübt, in der Apotheke am Kirchplatz reichlich. Dort hört sie natürlich nicht nur bedrückende Geschichten von Krankheit und Tod, sondern kann sich auch mit Kunden freuen, denen die Medikamente aus der Apotheke ihres Vertrauens geholfen haben, wieder gesund zu werden. Natürlich liefert hier auch der ganz normale Alltag mit Kind und Kegel viel Gesprächsstoff zwischen den Beratungs- und Verkaufsgesprächen rund um die etwa 8000 Medikamente, die die räumlich überschaubare Apotheke, zwischen dem Haus Dümpten und der Barbarakirche erstaunlicher Weise auf Lager hat.
Ein computergesteuertes Kommissionierungssystem, das dem Prinzip nach, wie eine gute alte Rohrpost funktioniert, macht es möglich. Martina Henrich nimmt das Rezept eines Kunden entgegen und scannt es ein. Sofort kann sie auf dem Bildschirm ihrer Computerkasse erkennen, ob das gewünschte Präparat vorrätig ist oder beim Großhändler bestellt werden muss, der fünfmal täglich seine Fahrer mit neuen Medikamenten vorbeischickt.

Ist das vom Kunden benötigte Medikament auf Lager, reicht ein Knopfdruck und ein computergesteuerter Arm setzt sich im Apotheken-Lager, gleich hinter der Verkaufstheke in Bewegung, und greift zielsicher das gewünschte Medikament aus dem entsprechenden Regalfach und schickt es per Rohrpost direkt in die schubladenähnliche Ablage neben Henrichs Kassen-Computer. Das geht sekundenschnell. „Bis 2005 mussten wir bei der Medikamentenlagerung und der Medikamentenbestellung noch mit Lochkarten, einem Telefonmodem und mikrofilmähnlichen Folien arbeiten. Das war alles um ein vielfaches zeitaufwendiger. Mit der Digitalisierung unserer Vorrats- und Bestellsystems haben wir Zeit gewonnen, Zeit, die wir für die Kunden übrig haben.
Diese Zeit und Zuwendung wird nicht nur von älteren Kunden geschätzt. Die alte Dame, die am Nachmittag einfach nur vorbeischaut und Henrich nach ihrem Wohlbefinden fragt und vom bevorstehenden Besuch ihrer Kinder erzählt, zeigt das die Apotheke im Dümptener Dorf nicht nur ein Gesundheitsdienstleister, sondern auch eine Kommunikationsbörse ist.

Dazu gehört auch der Sozialarbeiter eines Mülheimer Pflegedienstes, der vorbeischaut, um mit Apothekenkunden über das Thema häusliche Pflege und Patientenverfügung zu sprechen. „Der soziale Aspekt meines Berufs gefällt mir gut, weil hier jeder jeden kennt und das meist schon über mehrere Generationen. Das schafft Vertrauen und eine familiäre Atmosphäre“, sagt Henrich, als sie um 18.30 Uhr die Apotheke am Kirchplatz abschließt und mit Ehemann Rolf zur letzten Tour des Tages aufbricht, um noch einigen Kunden ihre bestellten Medikamente nach Hause zu bringen.

Die Henrichs selbst sind am Rande des Hexbachtals zu Hause und genießen auch in dieser Jahreszeit den Blick ins Grüne und ihren gemütlichen Feierabend auf der Couch.

Dieser Text erschien am 28. Januar 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 29. Januar 2017

Nur Bildung, Begegnung und Dialog können Frieden bringen: Der Mülheimer Lutz Gierig hat sich künstlerisch mit dem Krieg in Aleppo und mit dem Terror in Berlin auseinandergesetzt

Lutz Gierig vor seinen Bildern über den Krieg in Syrien und den
Zerroranschlag in Berlin
Als Psychiater am St. Marien-Hospital beschäftigt sich Lutz Gierig mit der menschlichen Seele. Als Künstler versucht er das, was er in seinem Alltag erlebt, ins Bild zu setzen und so zu verarbeiten und auch zu kommentieren.

Der 59-Jährige, der mit seinen in den letzten zehn Jahren entstandenen Arbeiten, etwa durch Ausstellungen im Bismarkturm, in der Evangelischen Ladenkirche, in der Ruhr-Galerie oder in der Galerie Art 73 ein interessiertes Publikum angesprochen hat, hat jetzt mit zwei Acrylbildern seine Ohnmacht und sein Entsetzen über menschliche Tragödien der Kriegsgräuel im syrischen Aleppo und des Terroranschlages in Berlin ins Bild gesetzt. „Wäre ich ein Journalist, hätte ich vielleicht einen Artikel geschrieben oder einen Film gedreht. Wäre ich ein Politiker, würde ich vielleicht versuchen, eine Friedensinitiative zu ergreifen. Wäre ich ein Schriftsteller, würde ich vielleicht einen Roman darüber schreiben, was nicht nur mich, sondern uns alle bewegt. Da ich nun aber male, habe ich eben meine Empfindungen in Bildern ausgedrückt.“

Auf einem schwarzen Hintergrund sieht man einen hell erleuchteten Ausschnitt, in den ein Blutstrahl hineinfährt. Im Licht erahnt man menschliche Silhouetten. So sieht der Künstler den Terroranschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt. Das von weißen, Hoffnung verheißenden Tönen, durchstreifte Schwarz dominiert auch Gierigs Gemälde, das nach dem Fall von Aleppo entstanden ist. Lichtstrahlen, die nicht von ungefähr an die Scheinwerfer einer Flugabwehrkanone erinnern, beleuchten das dominierende Schwarz und das ebenfalls als Symbol für das vergossene Blut zu erkennende Rot.

Den Krieg in Syrien und die Terroranschläge in Frankreich und Deutschland sieht der Künstler als eine Zäsur und als „Angriff auf unsere durch die Freiheit und das Christentum geprägte Kultur.“ Als Psychiater und Psychologe sieht Gierig die tieferen Ursachen des Terrors „einen Schrei nach Anerkennung“ einer sozial deklassierten und ausgegrenzten Jugend, die die Religion instrumentalisiert und pervertiert, um die eigene Ohnmacht und Bedeutungslosigkeit durch terroristische Gewalt in eine scheinbare Allmacht zu verwandeln.“ Dagegen helfen nach Gierigs Ansicht nur Bildung, Begegnung und Dialog.


Dieser Text erschien am 30. Dezember 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 28. Januar 2017

So gesehen: Und ewig grüßt der Osterhase

Kaum zu glauben, aber wahr. Als ich durch die Innenstadt schlenderte, habe ich ihn gesehen, den Osterhasen. Er lächelte mich verträumt von Tassen und Servietten an, die vorausschauend auf Ostern in einem Schaufenster dekorativ ausgebreitet worden waren. Einen Moment lang fröstelte ich und das lag nicht an der winterlichen Kälte. Ehrlich gesagt.

Ich bin noch dabei, die letzten Spekulatiuskekse und Stollenstücke, die von Weihnachten übrig geblieben sind, zu verdrücken. Zu Risiken und Nebenwirkungen frage ich meine Waage erst gar nicht und ziehe mir einen schönen großen Pullover in Weihnachtsrot über meinen Bauchansatz. Da begegnet mir der Osterhase.

Darauf war ich zu dieser Zeit nicht gefasst. Ich hinke wohl meiner Zeit hoffnungslos hinterher. Das wurde mir spätestens klar, als ich beim Einkauf meiner Frühstückseier auch schon auf die ersten gefärbten Eier in der Auslage schaute. Ich weiß ja nicht, wie es dem Osterhasen geht. Aber ich bin als Mensch nun mal ein Gewohnheitstier, das für diese kalte Jahreszeit seine Zeit braucht.


Dieser Text erschien am 24. Januar 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung  

Freitag, 27. Januar 2017

Dunkle Wolken über der Einkaufslandschaft in der Stadtmitte: Ein Zeitsprung

Ein Blick auf das Schlosscenter und seine Ausläufer
an der Schloßstraße/Ecke Eppinghofer Straße
Wo heute ein Augenoptiker seine Dienstleistung anbietet, gingen die Mülheimer bis zum September 2007 einkaufen. „Mein Foto aus dem Januar 1996 zeigt den Schätzlein-Markt an seinem letzten Verkaufstag, ehe aus Schätzlein Extra wurde“, berichtet der 1936 geborene Mülheimer Walter Neuhoff. Der Extra-Markt bot auf einer Verkaufsfläche von rund 850 Quadratmetern Lebensmittel an und beschäftigte zuletzt 15 Mitarbeiter. Nur der damalige Filialleiter und sein Stellvertreter blieben nach der Schließung des Marktes an der Schnittstelle zwischen Schloß- und Eppinghofer Straße in den Diensten der Supermarkt-Kette. Ihre Kollegen bekamen zwar eine Abfindung, wurden aber im Oktober 2007 arbeitslos. Schon damals wurde in der Lokalpresse der zunehmende Mangel an Supermärkten in der Innenstadt beklagt. Denn kurz vor dem Extra-Markt waren auch die Plus-Filialen an der Leineweberstraße und am Löhberg geschlossen worden. Fünf Jahre später, im Sommer 2012 sollte auch der Tengelmann-Markt an der Leineweberstraße für immer seine Türen schließen. 2012, wie 2007 wurde die Schließung mit der zu geringen Verkaufsfläche begründet. Seitdem halten nur noch Aldi und Edeka mit ihren Märkten im Forum die Stellung. Extra und Schätzlein waren mit einem Teil der Verkaufsfläche Mieter im 1969 errichteten Schloss-Centers, in dem Geschäfte, Lokale, Arztpraxen Quartier nahmen. Nach der Schließung des Extra-Marktes wurden seine zusammengesetzten Verkaufsflächen wieder getrennt. Die ehemalige Extra-Fläche nutzt heute der Textil-Anbieter KIK.

Dieser Text erschien am 23. Januar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 25. Januar 2017

Das Alte Postamt an der Düsseldorfer Straße: Ein Zeitsprung

Das alte Postamt an der Düsseldorfer Straße 102
steht seit 1967 unter Denkmalschutz.
Dem Klinkerbau an der Düsseldorfer Straße 102 sieht man seinen dienstlichen Charakter noch an. Der Schriftzug Postamt und der Reichsadler im Mauer Relief lassen erahnen, dass hier einst die Post abging, wo es sich heute Kinder der Kindertagesstätte Kichererbsen und die Gäste des Cafè Menzen gut gehen lassen.

Das alte, 1928 errichtete Postamt im Saarner Dorf, war nicht das Erste im Stadtteil. Fast gegenüber, wurde 1894 an der Düsseldorfer Straße 101 das erste Saarner Postamt eingerichtet. In diesem Haus betreibt die Familie Kessler seit Mitte der 50er Jahre einen Tapetenmarkt und eine Malerwerkstatt.

Es war Mathias Krabb, der anno 1798 als erster Postverwalter dafür sorgte, dass auch in Mülheim die Post abging. Doch die Saarner weigerten sich 1830 sich ihre Post von irgend einem Landbriefträger ihre Post abnehmen und nach Mülheim bringen zu lassen. Sie beharrten noch über viele Jahre darauf, dass ihre aus Saarn stammende Bootenfrau eben diese Aufgabe übernehmen sollte. Apropos Saarner Post. Es war der Saarner Postsekretär und spätere Postdirektor Joseph Allekotte, der Mülheim während der 20er Jahre als Reichstagsabgeordneter der Zentrumspartei in Berlin vertrat.

Nach dem das Mülheimer Postamt zunächst an der heutigen Friedrich-Ebert-Straße ansässig war, wurde 1897 an damaligen Viktoriaplatz, dem heutigen Synagogenplatz, ein großes und vor allem repräsentatives Postamt errichtet. Seit 1994 wird dieses alte Postamt als städtisches Kunstmuseum genutzt, während die Post seit 1982 in einem damals neu errichteten Gebäudekomplex am Hauptbahnhof abgeht. 

Dieser Beitrag erschien am 16. Januar 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 23. Januar 2017

Ein Mann macht den Weg frei: Unterwegs mit Olaf Vier

MEG-Mitarbeiter Olaf Vier
Normalerweise kehrt Olaf Vier von der Mülheimer Entsorgungsgesellschaft (MEG) die Straßen und leert Abfallbehälter. Doch jetzt ist der 47-Jährige in Sachen Streudienst unterwegs. Wenn das Thermometer auf unter Null Grad sinkt und Glätte auf Straßen und Brücken droht, hat der Familienvater Bereitschaft. Dann beginnt sein Dienst morgens um 3 statt um 7 Uhr.

An eiskalten Wintertagen lässt er seinen Kehrwagen an der Pilgerstraße stehen und betankt einen Spezialcontainer an einem Silo auf dem MEG-Gelände mit Streusalz und Sole. Der Container, der etwa sechs Kubikmeter Streugut fasst, wird auf die Karosserie eines Müllladers montiert, der an weniger eisigen Tagen Großraumcontainer für den Hausmüll trägt.

Auch wenn Vier einräumt, dass die winterbedingte Frühschicht zwischen 3 und 11 Uhr seinem Bio-Rhythmus zusetzt, „weil ich einfach nicht einschlafen kann, wenn ich vor 22 Uhr ins Bett gehe“, reizt ihn die anspruchsvolle und lebensnotwendige Aufgabe des Winterdienstes. Ab 3 Uhr steuert Vier seinen, samt Streugut, 20 Tonnen schweren Koloss über die vereisten, manchmal auch schneebedeckten Hauptstraßen und Brücken der Rechts-Ruhr-Stadtteile Stadtmitte, Heißen, Heimaterde, Styrum, Dümpten und Winkhausen, damit der ab 6 Uhr einsetzende Berufsverkehr ins Rollen kommen kann.

„Das ist schon Abenteuer pur“, sagt Vier über seine nächtliche Fahrt über glattem Grund. Dabei muss er nicht nur beim Lenken, Gegenlenken und Kuppeln seine ganze Fahrkunst aufbieten, um den MEG-Laster in der Spur zu halten, sondern auch den am Fahrzeugkühler montierten, Schneeflug und den Verteilteller steuern, der am Heck, je nach Straßenzustand 5 bis 40 Gramm pro Quadratmeter Streugut auf die Fahrbahn wirft. „Manchmal wundere ich mich, wenn ich auf eisglatter Straßenfläche von nächtlichen Verkehrsteilnehmern mit 80 oder 90 km/h rechts überholt werde“, berichtet Vier.

Er fährt nie schneller als 60 km/h. Vor Jahren hatten er sich einmal bei einem Streueinsatz mit einer abschüssigen Kurve vertan und dabei ein am Straßenrand parkendes Auto beschädigt. Das war ihm eine Lehre. Vorsicht ist die Mutter des Winterdienstes. „Wenn ich abschüssige Straßen streuen muss, fahre ich sie heute rückwärts hoch und wenn es auf einer Straße eng wird, die an beiden Seiten beparkt wird, klingele ich im Zweifel den Fahrzeughalter aus dem Schlaf“, berichtet Vier.

Wenn es besonders eisig wird und zum Glatteis auch noch Schnee kommt, muss Vier auch schon mal zum MEG-Hauptquartier an der Pilgerstraße zurückkehren, um wieder neues Streugut aufzunehmen. Und an Tagen mit extremer Eis- und Schneelage, wie etwa Heiligabend 2010 können Vier und sein für die Linksruhr-Stadtteile zuständiger Kollege auch bis zu 14 Kollegen und sechs Fahrzeuge aus der Bereitschaftsreserve anfordern. Doch mit solchen Winterwetterlagen, bei denen das Streugut knapp werden kann, werden die Streudienstleute der MEG nur selten konfrontiert. „Nachdem wir 2010 eine solche Situation schon mal erleben mussten, haben wir unsere Lagerbestände jetzt verdreifacht, so dass wir drei Wochen mit Eis und Schnee durchhalten können, ohne bei unserem Lieferanten nachbestellen zu müssen“, erklärt Viers Vorgesetzter, Jörg Smet, die Streugutlage.

Da alle Streugutfahrzeuge mit GPS ausgestattet sind, kann Smet auch am PC in seinem Büro verfolgen, wie, wo und wer im Auftrag der MEG eisglatte Straßen befahrbar macht. „Das hat weniger mit der Kontrolle der Fahrer als damit zu tun, dass wir einen auch gerichtsverwertbaren Beweis haben, wenn uns Bürger belangen und Schadenersatz fordern, weil wir angeblich an einer bestimmten Stelle nicht gestreut haben sollen. Dann kann ich genau belegen, wann wir wo gestreut haben.“ Und natürlich hat der MEG-Disponent per Handy, SMS und E-Mail in diesen Wintertagen einen kurzen Draht zum Wetterdienst, der ihm stündliche Prognosen liefert und damit die Entscheidungsgrundlage liefert, ob Olaf Vier oder seine Kollegen auf die nächtliche Eispiste müssen.

Um dort fit und sicher unterwegs sein zu können, trainieren Vier und seine Kollegen aus dem Winterdienst regelmäßig am Nürburgring das Fahren auf eisglatten und verschneiten Flächen. Dabei stellen sie immer wieder fest: „Dass man beim Winterdienst an einem nicht sparen darf, an den Allwetterreifen.“ Auch an Ruhephasen spart Vier nach Dienstschluss, nicht. „Um die wichtige Arbeit, die wir für die Bürger auf Mülheims Straßen leisten, tun zu können, muss man immer wieder seine Akkus auftanken, um fit zu bleiben“, sagt Vier, der früher im Fitnessstudio und heute daheim auf der Couch mit einer guten Tasse Tee entspannt.


Dieser Text erschien am 21. Januar 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 22. Januar 2017

Frohe Botschaft trifft Frohsinn: Ein Gespräch mit Rolf Völker über Kirche und Karneval

Rolf Völker
Kirche und Karneval. Geht das? „Es geht sogar sehr gut“, sagt der Katholikenratsvorsitzende und bekennende Karnevalist Rolf Völker. Zusammen mit dem Pastor von St. Engelbert, Michael Clemens, und dem Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval organisiert der 65-Jährige die närrische Festmesse, die am kommenden Sonntag, 22. Januar, um 11 Uhr in St. Engelbert an der Engelbertus-straße in Eppinghofen gefeiert wird.

„Es gibt Leute, die daran Anstoß nehmen, dass bei dieser Messe Tanzmariechen im Altarraum agieren. Aber wem das nicht gefällt, kann ja auch eine andere Messe besuchen“, findet der ehemalige Gemeinderatsvorsitzende von St. Engelbert. Er freut sich darüber, dass die närrische Festmesse, neben den Ostern- und Weihnachtsgottesdiensten, der bestbesuchte Gottesdienst des Jahres ist.“ Und weil ihm die Ökumene besonders am Herzen liegt, freut sich Völker besonders darauf, dass diesmal auch der ebenfalls närrisch gesonnene evangelische Pfarrer Michael Manz aus Styrum an der Festmesse in St. Engelbert aktiv teilnehmen wird.


„Frohsinn und Frohe Botschaft. Das passt gut zusammen. Beides lehrt uns, uns des Lebens zu freuen und uns nicht zu ernst zu nehmen, sondern auch die Bereitschaft zu haben, uns selbst mal auf die Schüppe zu nehmen. Insofern können Kirche und Karneval Seelsorge leisten“, unterstreicht der karnevalistische und katholische Christ.

Völker organisiert nicht nur die närrische Festmesse, sondern auch den gemeinsamen Gemeindekarneval von St. Mariae Rosenkranz und St. Engelbert („Firlefanz im Engelkranz“) am Karnevalssamstag (25. Februar) im Union-Saal an der Neustadtstraße in Styrum.

Für Völker ist es kein Zufall, dass mit der KG Blau Weiß und der KG Knattsch Geck in den Nachkriegsjahren gleich zwei Mülheimer Karnevalsgesellschaften aus katholischen Kolpingfamilien hervorgegangen sind. „Frohsinn und Lebensfreude, auch im Angesicht schwieriger Lebensverhältnisse sind für mich zwei Seiten derselben Medaille, wenn es um den karnevalistischen Frohsinn und die frohe christliche Botschaft geht“, sagt Völker.

Er ist ausgesprochen froh darüber, dass die närrische Festmesse nach der bischöflichen Abberufung des karnevalistischen Vorzeige-Geistlichen Norbert Dudek mit seinem Amtsbruder Michael Clemens fortgesetzt werden konnte. „Dudek, der damals Pastor in St. Mariae Rosenkranz in Styrum war und heute als Pfarrer von St. Marien in Schwelm arbeitet, hat als gebürtiger Kölner den Karneval mit der Muttermilch aufgesogen. Aber auch Michael Clemens hat seine närrische Ader entdeckt, nachdem er als Bütten-Prediger seinen Platz eingenommen hat. Immerhin kommt sein Vater aus Köln und seine Mutter aus der Pfalz“, erzählt Völker.

Und noch bevor sich Clemens 2014 erstmals der Herausforderung einer gut gereimten humoristischen Predigt stellte, hatte er sich bereits als Büttenredner im Gemeindekarneval geübt.

Eine gute Predigt und eine gute Büttenrede können in Völkers Augen gleichermaßen: „eine frohe Botschaft verkünden und ein Denkanstoß für den Alltag sein und gleichzeitig im Sinne der Vergebung auch deutlich machen, dass man manchmal auch ungerade Dinge gerade sein lassen muss.“

Karneval feiern, egal was draußen in der Welt passiert. Nein. Das kann sich Rolf Völker nicht vorstellen. Das der Rosenmontagszug während des Golfkrieges 1991 abgesagt wurde, fand er richtig. Auch nach einem Terroranschlag könnte er sich keinen unbeschwerten Rosenmontag vorstellen. Aber er sieht den Karneval, der sich als Fastnacht vor der Fastenzeit ins Kirchenjahr einfügt, auch als Teil „der Freiheit eines Christenmenschen. Eines Menschen, der sich als von Gott Erlöster die Freiheit zu feiern und sein Leben zusammen mit anderen dankbar anzunehmen und auch in schwierigen Zeiten zu genießen nicht nehmen lässt.“


Dieser Text erschien am 18. Januar 2017 in NRZ/WAZ

Samstag, 21. Januar 2017

Margret Zerres geht in den Unruhestand

Margret Zerres (Foto Matthias Zerres)
Es war ihr Engagement in der katholischen Jugendarbeit, dass ihr klar machte: „Ich interessiere mich für Menschen!“ Das brachte die Bergmannstochter Margret Zerres dazu, nach ihrem Abitur Sozialarbeit zu studieren und bei der Caritas anzuheuern. Ihre erste Station war Gladbeck, bevor sie 1990 nach Mülheim wechselte.

Dort absolvierte die Mutter von zwei inzwischen erwachsenen Söhnen eine Studium in Sozialmangement und übernahm als Vorstandsmitglied und stellvertrende Geschäftsführung Verantwortung für jeweils rund 230 haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter.

Den katholischen Sozialverband, der 1920 vom legendären Ruhrpastor Konrad Jakobs ins Leben gerufen worden war, in der Stadtgesellschaft gut vernetzt- und die interkulturelle Kompetenz der Mitarbeiter gestärkt zu haben, sieht die 58-Jährige als einen Aktivposten, mit dem ihre Kolleginnen und Kollegen weiterarbeiten können, wenn sie sich Ende des Jahres in den „Unruhestand verabschiedet, um zusammen mit meinem Mann Burkhard Dinge zu tun, für die in den letzten Jahren zu wenig Zeit geblieben ist.“ Zerres denkt an gemeinsame Reisen, gemeinsame Gartenarbeit und gemeinsame Fahrradtouren, aber auch an das gemeinsame soziale Engagement für einen Kindergarten in Ruanda.

Familien- und Flüchtlingshilfe. Erziehungs- und Schwangerenberatung, Jugendhilfe und Arbeit mit und für psychisch- und suchtkranke Menschen. Als Mitglied der Geschäftsführung und und des Vorstands war und ist Zerres eine rührige und immer zukunftsorientierte Querschnittsarbeiterin und Botschafterin der katholischen Sozialarbeit. „Wir müssen die Familien stärken und die Eltern wieder mehr dazu bringen, ihrer eigenen Erziehungskompetenz zu vertrauen“, beschreibt Zerres eine zentrale Zukunftsaufgabe und wünscht sich: „für jede Familie einen Mittags- oder Abendbrottisch, um den sie sich versammeln und miteinander sprechen kann.“ Wenn Zerres nun geht, bleibt zumindest ihr Sohn Matthias. Denn er betreut die Internetseite der Mülheimer Caritas www.caritas-muelheim.de

Dieser Text erschien am 14. Januar 2017 im Neuen Ruhrwort

Freitag, 20. Januar 2017

Amerika, du hast es nicht besser: Ansichten zum Amstantritt des neuen US-Präsidenten Donald Trump




Ein Blick in die Druckausgabe der MW
Der Journalist und Historiker Dr. Thomas Emons arbeitet auch für die Mülheimer Woche und - was viele nicht wissen - er hat sich in seiner Doktorarbeit intensiv mit amerikanischen Präsidenten beschäftigt. Sie waren Thema seiner Doktorarbeit.
Anlässlich des Amtsantritts von Donald Trump am 20. Januar führte Harald Landgraf ein Interview mit ihm. 
Ein Mülheimer beschäftigte sich mit amerikanischen Präsidenten. Wie passt das zusammen? 

Das hat mit meinem leider viel zu früh verstorbenen Lehrer Axel Schulze zu tun, der mein Interesse für Geschichte und Politik entdeckt und gefördert hat. Ich war 12. Da habe ich 1980 in der Stadtbücherei ein Buch entdeckt, auf dessen Cover ein Mann zu sehen war, der fast genauso aussah, wie mein damaliger Lehrer. Der Mann hieß John F. Kennedy und war der 35. Präsident der USA. Das machte mich neugierig. Ich begann zu lesen und habe später unter anderem Geschichte und Politik studiert. Dabei hat mich das Thema der US-Präsidenten nie losgelassen und später eben auch zu einer Doktorarbeit über die Kommentierung der amerikanischen Präsidentschaftswahlkämpfe in Deutschland inspiriert.

In einem Satz: Was war das Ergebnis Ihrer Arbeit? 

Die politische Kultur Deutschland wurde nach 1945 - und das bis heute - viel stärker von den USA und ihren Präsidenten beeinflusst, als wir uns das selbst eingestehen wollen. 

Sie kennen sich also aus mit US-Präsidenten. Wieso fällt Donald Trump vor dem Hintergrund der Geschichte aus der Reihe?

Er ist ein zweifelhafter Geschäftsmann ohne politische Erfahrung. Auch bei der Wahl des vormaligen Schauspielers Ronald Reagan, zum 40. Präsidenten der USA, 1980 gab es in Deutschland extrem starke Vorbehalte gegen seine Person. Aber Reagan brachte als ehemaliger Präsident der amerikanischen Schauspieler-Gewerkschaft und als ehemaliger Gouverneur von Kalifornien doch einige politische Erfahrung mit ins Amt.

Gab es noch andere Paradiesvögel?

Ja, die gab es. Und sie kamen meistens aus den Südstaaten der USA. Ich denke da an die Demokraten Strom Thurmond und George Wallace, die 1948 und 1968 gegen die offiziellen Präsidentschaftskandidaten ihrer Partei antraten, weil sie an der damals in den Südstaaten noch praktizierten Rassentrennug in Schulen, Hochschulen und Bussen festhalten wollten und deshalb die Bürgerrechtspolitik ihrer eigenen Partei scharf bekämpften. Auch der republikanische Präsidentschaftskandidat Barry M. Goldwater war 1964 nicht nur für viele Amerikaner ein politisches Schreckgespenst, weil er den damaligen Vietnam-Krieg auch mit Atomwaffen gewinnen wollte und als Senator von Arizona auch gegen das 1964 vom Kongress verabschiedete Bürgerrechtsgesetz stimmte, weil er es als eine ungerechtfertigte Einmischung in die Angelegenheiten der US-Bundesstaaten empfand. Aber all diese extremen Kandidaten wurden, ebenso wie der als unabhängiger Anti-Establishment Kandidat auftretende Computer-Milliardär Ross Perot, der 1992 und 1996 Präsident werden wollte, am Ende, anders als Trump, eben nicht gewählt.

In wieweit hat die Wahl Trumps Einfluss auf die Medienwelt, insbesondere auch auf die Medien in Deutschland?

Im US-Präsidentschaftswahlkampf 1960 gab es zum ersten Mal eine Fernsehdebatte zwischen den damaligen Kandidaten John F. Kennedy und Richard M. Nixon, die nicht nur in den USA als stilbildendes Vorbild wirkte. Der Demokrat Kennedy gewann auch deshalb die Wahl, weil er im TV-Duell die bessere Figur als der Republikaner Nixon machte. Trump gewann auch deshalb die Wahl, weil er mit seinen extremen und alle Tabus brechenden Aussagen von den Medien mehr Aufmerksamkeit bekam, als gut war. Einerseits ließen sich die Medien von Trump als Präsentationsfläche missbrauchen. Andererseits versucht er, zum Teil nicht ungeschickt, mit seinen Twitter-Kurznachrichten, die herkömmlichen Massenmedien zu umgehen und direkt mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren. Auch die deutschen Medien sind vor der Gefahr nicht gefeit, um der Schlagzeilen, der Einschaltquoten und der vermeintlichen Sensation, politischen Schreihälsen zu viel Raum zu geben und ihnen damit einen viel zu große Bedeutung beizumessen. Man kann nur hoffen, dass das Modell Trump in Deutschland keine Schule macht. Aber es gibt natürlich auch hier populistische Schreihälse, die im Namen des Volkes auftreten.

Wieso war Ihrer Meinung nach der amerikanische Präsident für uns immer von solch hoher Bedeutung? 

In der Zeit der Ost-West-Konfrontation und der deutschen Teilung war der amerikanische Präsident, denken Sie an John F. Kennedys 1963 in Berlin gesprochenen Satz; "Ich bin ein Berliner!" immer so etwas, wie der oberste Schutzheilige der vom Osten her bedrohten Demokratie Westdeutschlands. Im Kalten Krieg war die Bundesrepublik unmittelbar abhängig von den Entscheidungen, die der jeweilige US-Präsident im Weißen Haus traf. Hinzu kommt, dass die Deutschen in der Bundesrepublik, die Westbindung und damit die politische Orientierung an der westlichen Supermacht USA nach 1945 eine neue positive Identität fanden, nachdem die deutschen Großmacht-Phantasien unter Hitler zu einer bis dahin unvorstellbaren moralischen und materiellen Katastrophe geführt hatten.

Wird Trump uns noch viel beschäftigen?

Ganz bestimmt. Denn er ist als US-Präsident nun einmal Staatsoberhaupt, Regierungschef und militärischer Oberbefehlshaber einer wirtschaftlichen, politischen und militärischen Supermacht, mit der wir auf die eine oder andere Weise mehr oder weniger kooperieren müssen. Man kann nur hoffen, dass auch für den extrem auftretenden Wahlkämpfer Trump als Präsidenten gelten wird: "Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand." Doch darauf können wir uns, wie wir aus unserer eigenen Geschichte wissen, leider nicht verlassen. Aber vielleicht sind die Erwartungen an Trump ja so gering, dass er es schafft, uns als Präsident positiv zu überraschen.
Dieser Text erschien am 18. Januar 2017 in der Mülheimer Woche

Donnerstag, 19. Januar 2017

So gesehen Frühlingsgefühle im Winter

Es gibt Leute, die sagen: Man bekäme heute in der Innenstadt nichts mehr geboten und könne eigentlich nur noch schwarz sehen.

Als männliches Mülheimer Wesen, dem das Wort Shoppen eher fremd vorkommt, wird mir auch an kalten Tagen warm ums Herz, wenn ich an einem alt eingesessenen Fachgeschäft vorbeikomme, das die Dame und den Herrn mit feinster Wäsche anzieht.
Was meine Blicke anzieht, wenn ich an dem Fachgeschäft vorbeikomme ist ein mitten auf der Straße platziertes Werbeschild, auf dem auch an kalten Wintertagen unbeschreiblich weibliche und leicht bekleidete Damen verführerisch anschauen.

Das weckt im Männerherz auch an kältesten Tagen die wärmsten Frühlingsgefühle. Manchmal möchte man den plakativen Schönheiten seinen Wintermantel anbieten.
Doch dessen bedürfen die Werbeträgerinnen, die so anziehend angezogen sind, natürlich nicht. Denn sie sind, dass liegt in der Natur der Sache wetterfest, leider aber auch unbewegt und schweigsam.


Das macht eben den Unterschied zwischen der plakativen und der lebendigen Weiblichkeit aus. Denn was nützte uns Männern die schönste und verführerischste Frau, wenn sie uns nichts zu sagen hätte. Eben das machte Frauen aus dem wirklichen Leben so wertvoll und unbezahlbar.

Dieser Text erschien am 19. Januar 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung  

Mittwoch, 18. Januar 2017

Mann feiert, Frau auch: Warum die Prinzengarde mit ihrer Herren- und ihrer Mädchensitzung eine närrische Erfolgsgeschichte schreibt

„Im Karneval wird doch gesoffen und herumgehurt!“ Solche Attacken auf den Karneval kennen Angelika Rudoba und Johannes Terkatz, die sich zusammen mit dem Präsidenten Heino Passmann um die Organisation der Herren- und der Mädchensitzung kümmern. Sie können über solche Vorurteile nur lachen und laden alle Karnevalskritiker ein, einfach mal mitzufeiern oder noch besser mitzuarbeiten, wenn die Roten Funken ihre Herrensitzung und ihre Mädchensitzung auf die Beine stellen.

Auch wenn das leicht bekleidete Nummerngirl natürlich der Höhepunkt der Herrensitzung ist und die Jungs im Saal schon auf Heino Passmanns Ansage: „Der Präsident hat Durst“ warten, weil dann das wirklich sehenswerte Nummerngirl auf die Bühne tanzt und dem Präsidenten ein alkoholfreies Bier serviert.

Denn während die Jungs im Saal ein alkoholhaltiges Bierchen nach dem anderen, nebst Mettwurstbrötchen und Frikadelle genießen, muss der Präsident nüchtern bleiben, um den roten Faden in der Herrensitzung der Roten Funken zu behalten.

Das gilt auch für seine Vereinskolleginnen Nadine Kamps und Melina Strzechowski, die sich als Präsidentinnen der Mädchensitzungen ihr alkoholfreies Bühnengetränk von einem knackigen Nummernboy kredenzen lassen, während ihre närrischen Schwestern im Saal eher zum Sekt mit Bockwürstchen und Frikadelle neigen.

Wie kommt man eigentlich an ein Nummerngirl oder einen Nummernboy, der den Damen oder die den Herren im Saal fast alles zeigt? „Wir arbeiten mit einer Künstler- und Eventagentur zusammen und schauen uns vorab die Fotos der potenziellen Kandidatinnen und Kandidaten an“, berichten Rudoba und Johannes Terkatz. Neben den Profis stehen auch so manche Hausfrau oder so mancher Student in der Kartei der Agentur, die sich ihr Einkommen aufbessern wollen.

Sie geben zu, „dass wir damit auch schon mal einen Reinfall erlebt haben.“ Denn Bilder sagen manchmal doch nicht mehr als 1000 Worte, wenn sie nicht mehr ganz aktuell sind oder die Traumboys und Girls einfach einen schlechten Tag erwischt haben.

„Ein gutes Nummerngirl oder ein guter Nummernboy sollen das Publikum anheizen und animieren, gleichzeitig aber auch ein gewisses ästhetisches Niveau bewahren“, sagt Rudoba. Erstaunt stellt sie immer wieder fest, „dass die Mädchen oft enthemmter und besitzergreifender feiern und mitgehen, als sich die Jungs das überhaupt trauen würden.“

Die Herrensitzung, die die Funken und ihre jecken Männer am morgigen Sonntag bereits zum neunten Mal im Dümptener Autohaus Extra feiern, ist ein absoluter Publikumsmagnet. „Wenn die Herrensitzung zu Ende ist, kaufen die Jungs schon die Karte fürs nächste Jahr. Deshalb ist unsere Herrensitzung mit 350 Gästen auch schon ausverkauft“, erzählt Angelika Rudoba.

Die Mädchensitzung, die ebenfalls im Dümptener Autohaus Extra an der Fritz-Thyssen-Straße 6 gefeiert wird, geht am kommenden Samstag, 21. Januar, um 19 Uhr, erst zum zweiten Mal über die Bühne. „Im letzten Jahr hatten wir 180 Mädchen im Saal. Jetzt sind immerhin schon 200 von 350 Eintrittskarten verkauft“, berichtet Funken-Frau Angelika Rudoba.

„Wir haben einfach festgestellt, dass das Format der Herren- und Mädchensitzung heute gefragter ist, als unsere frühere Altweibersitzung. Männer und Frauen wollen einfach mal ungezwungen unter sich feiern und dabei über ein- und zweideutige Witze lachen, bei denen das andere Geschlecht sein Fett weg bekommt“, erklärt der 2. Vorsitzende der Prinzengarde Rote Funken, Johannes Terkatz, der als SPD-Stadtverordneter auch politisch ein Roter Funke ist.

Und so lästert Manni, der Rocker bei der Herrensitzung über „meine Olle“ und Putz-Frau Schalupke bei der Mädchensitzung über „meinen Ollen.“ Dabei nehmen die Jungs das Wort Herrensitzung wörtlicher als die Mädchen, die bei der Mädchensitzung auch gerne mal zur Polonaise aufbrechen und eindeutig kostümierungsbereiter sind als die närrischen Herrn der Schöpfung. „Dafür haben die Jungs deutlich mehr Sitzfleisch und gönnen sich auch nach der Sitzung noch das eine oder andere Bier und klönen miteinander“, weiß Angelika Rudoba. Und dann gibt es da natürlich auch noch einen anderen, kleinen, aber entscheidenden Unterschied:

Bei der Herrensitzung bedienen die Funken-Frauen und bei der Mädchensitzung die Funken-Männer.


Dieser Text erschien am 14. Januar 2017 in NRZ/WAZ

Dienstag, 17. Januar 2017

So gesehen: Wie Merkel in Mülheim

Kannst du dir nicht auch mal einen Job für jährlich 250.000 Euro besorgen? Das fragte mich meine Mutter gestern beim Frühstück. Da hatte sie schon den Bericht über die offensichtlich nicht nur gut gelaunten, sondern auch gut verdienenden Vorständen unserer neuen kommunalen Nahverkehrsgesellschaft gelesen.

Nachdem ich ihn gelesen hatte, musste ich ihr kleinlaut zugeben, dass ich mich mit meinem Einkommen in einer anderen Galaxie als die Chefs der neuen Nahverkehrsgesellschaft bewege. Sie stehen immerhin am Steuer eines großen Verkehrsunternehmens, während ich mit meinen Artikeln bestenfalls ein wenig die öffentliche Meinung steuern könnte, wobei ich mir im digitalen Smartphone-Zeitalter keinen Illusionen über die Reichweite des noch so gut formulierte und gedruckten Wortes mache.

Und was soll erst die Bundeskanzlerin sagen! Sie steuert ein ganzes Land und verdient trotzdem einen Tick weniger als unsere neuen Steuermänner.

Liebe Frau Merkel! Wenn Sie mal keine Lust mehr auf den Dienstverkehr mit Trump & Co.. Kommen Sie doch einfach mal nach Mülheim und setzen sie unseren Nahverkehr auf die richtige Schiene. Und wenn Sie nicht wissen, was Sie mit ihrem Gehaltszuschlag machen sollen, spenden Sie ihn einfach ihrem neuen Arbeitgeber und senken damit die Fahrpreise und verdichten die Taktzeiten. Dann werden Sie hier, wie Gott in Frankreich oder besser, wie Merkel in Mülheim leben und von den dankbaren Fahrgästen auf Händen getragen. Und wer soll dann Bundeskanzler werden? Wir da zwei Steuermänner, die auch mal etwas weniger verdienen dürften.


Dieser Text erschien am 14. Januar 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 16. Januar 2017

Eckhard Schwarz: Der Handwerker Gottes

„Eigentlich bräuchten wir heute mal wieder eine Reformation“, sagt der Eckhard Schwarz, Küster der Speldorfer Lutherkirche. Luthers Kampf gegen den Ablasshandel der katholischen Kirche anno 1517 ist für den Vater von zwei erwachsenen Töchtern auch heute noch aktuell. „Denn Luther hat damals klar gemacht, dass der Wert eines Menschen nicht von seinem Geldbeutel abhängig ist.“

Doch ganz ohne Geld geht es in diesem irdischen Leben eben auch nicht. So musste vor einigen Jahren der gelernte Elektroinstallateur nach einem neuen Arbeitsplatz suchen, nachdem er feststellen musste, dass er den Wechselschichtdienst in einem Werk, in dem er an der Herstellung von Elektroplatinen beteiligt war, gesundheitlich nicht mehr verkraftete. Einer Zeitungsanzeige sei Dank, fand er eine neue Stelle als Küster der Lutherkirche. Das war 2004. „Ich war Mitglied der evangelischen Kirche und habe mit meinen Töchtern alle christlichen Feste gefeiert. Aber ich war kein besonders frommer Kirchgänger“, erzählt Schwarz.

Doch durch seinen neuen Arbeitsplatz ist er schon von berufs wegen zum Kirchgänger geworden. Was mache ich Heiligabend und Silvester? Und wo gehe ich sonntags hin? Für Schwarz ist das keine Frage, natürlich in die Lutherkirche.

„Wenn man am Wochenende nicht bis in die Puppen feiern kann, kostet das auch schon mal die eine oder andere Freundschaft“, erzählt der Küster. Doch Schwarz hat durch seinen ganz handfesten und bodenständigen Job im Dienste des Herrn auch neue Freunde gewonnen. Zu seinen Aufgaben zählen Kirchenbänke, Tische und Stühle leimen, Kerzen besorgen und austauschen, defekte Heizungsventile reparieren, Bierzelt-Garnituren fürs Gemeindefest aufstellen, das Gemeindehaus aufschließen, fürs Kirchencafé und den Frühstückstreff einkaufen und eindecken oder dafür sorgen, dass die Mikrofonanlage und der Videobeamer bei der nächsten Veranstaltung im Gemeindehaus funktionieren.

Gerne stellt er zum Beispiel vor Weihnachten mit einigen Presbytern den sieben Meter hohen Christbaum in der Lutherkirche auf. „Das ist immer auch eine gesellige Angelegenheit, bei der wir auch das eine oder andere Glas Glühwein trinken“, erzählt Eckhard Schwarz.

„Mein heutiger Beruf hat mich offener und sensibeler gemacht“, sagt der 54-Jährige. Wenn er in der offenen Kirche an der Duisburger Straße zu tun hat, neue Kerzen aufstellt, die Licht- und Tontechnik wartet, Gesangbücher auslegt oder den Altar- und Kanzel-Schmuck erneuert, kommen auch schon mal Menschen in das 135 Jahre alte Gotteshaus, um mit ihm über ihr Leben zu sprechen und das, was sie beschwert. Natürlich verweist er dann auch immer an die Pfarrer der Gemeinde. „Ach, Sie sind doch der Küster“, hört er dann und hört erstmal zu. Das gilt natürlich auch für Menschen, die in die Kirche kommen, weil sie dort heiraten oder einen Trauergottesdienst abhalten möchten.

In Gesprächen mit Menschen außerhalb der Kirche merkt er immer wieder: „Für viele Leute ist die Religion heute bestenfalls zur Nebensache geworden.“ Wenn etwa in Kneipengesprächen schon mal die Sprache auf seinen Beruf kommt, hört er auch Sätze, wie: „Was? Du arbeitest für die Himmelskomiker?“

Er selbst hat die Kirche durch seinen Beruf anders und eben von innen kennen gelernt. Als er seinen Dienst antrat, setzte er sich auch intensiv mit der Bibel und der kirchlichen Liturgie auseinander. „Manchmal weiß ich auch nicht, was unsere Pfarrer noch tun sollen. Sie sind schon sehr modern, kümmern sich auch persönlich um Menschen und gehen zum Beispiel auch in unterschiedlichen Themengottesdienste auf ihre Anliegen und Lebenslagen ein“, sagt Schwarz.

Ob Seniorenmittagstisch, Adventsfeier, Spielenachmittag oder Kinoabend - wenn Schwarz mit Menschen ins Gespräch kommt, die ins Gemeindehaus an der Duisburger Straße kommen, das er vom Keller bis zum Dach in Schuss halten muss, merkt er immer wieder, dass Kirche für sie eine Oase der Gemeinschaft und der Sinnerfahrung ist.

Wenn der Küster nicht gerade in der Kirche oder im Gemeindehaus zu tun hat, gibt es für ihn vielleicht etwas im Gemeindekindergarten oder im Jugendhaus der Gemeinde zu reparieren oder er holt beim Kirchenamt im Altenhof die Gemeindepost ab und vergisst nicht die letzte Sonntagskollekte ordnungsgemäß bei der Bank einzuzahlen.

„Meine Arbeit ist sehr vielseitig. Ich kann relativ selbstständig arbeiten. Und ich komme mit vielen Menschen zusammen“, sagt der Küster während er die Grünflächen an der Lutherkirche auf Vordermann - und anschließen einen losen Pflasterstein auf dem Vorplatz der Kirche in Reih und Glied bringt. Und wenn man den Küster mal länger nicht im Umfeld der Lutherkirche sieht, dann ist er vielleicht mit seiner Partnerin in Urlaub, etwa auf Lanzarote oder zuletzt in St. Petersburg.


Dieser Text erschien am 14. Januar 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 15. Januar 2017

Die Katholische Stadtkirche zeichnet Hans-Theo Horn mit der Nikolaus-Groß-Medaille aus

Rolf Völker (von links) Bernhard Groß, Franz Grave, Ulrich Scholten
Hans-Theo Horn und Michael Janßen
Die katholische Stadtkirche hat den ehemaligen Kulturdezernenten der Stadt, Hans-Theo Horn, mit der Nikolaus-Groß-Medaille ausgezeichnet. Damit würdigt die 51.000 Mitglieder starke und in drei Pfarrgemeinden organisierte Stadtkirche das kirchliche Engagement des 75-Jährigen.

Der dreifache Familienvater war 19 Jahre lang Pfarrgemeinderat von St. Mariae Himmelfahrt und gehört bis heute dem Vorstand der Caritas an. Im Kulturhauptstadtjahr 2010 war Horn Mitglied in der Lenkungsgruppe für das Kulturprogramm des Bistums. Er hat eine Stiftung zur Unterstützung des katholischen Sozialverbandes und zum Erhalt des Klosters Saarn ins Leben gerufen. Sein Name verbindet sich mit der Restaurierung der Saarner Klosteranlage, die heute unter anderem als Bürgerbegegnungsstätte genutzt wird. Auch die über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Konzertreihe "Musik im Kloster Saarn" wurde von Horn, Mitte der 80er Jahre, ebenso mit initiiert, wie das 2008 eröffnete Klostermuseum.

Mülheims Alt-Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld bescheinigte Horn in ihrer Laudatio, sein von der heiligen Katharina von Siena stammendes Lebensmotto: "Nicht das Beginnen, sondern das Durchhalten wird belohnt" beherzigt und in die Tat umgesetzt zu haben.

Der Geehrte stellte fest: "Ich habe vor allem meiner Frau Christa und meiner Familie zu danken, die mein Engagement mitgetragen und mir den Rücken gestärkt haben. Ohne sie und viele andere Wegbegleiter, die mir vertraut und an mich geglaubt haben, hätte ich nicht leisten können, was ich geleistet habe."

Besonders viel Beifall bekam der emeritierte Weihbischof Franz Grave von den 140 Gästen des Neujahrsempfanges für eine starke und frei gehaltene Rede. "Wir müssen als Christen welttüchtig und nicht weltflüchtig sein", appellierte Grave und warnte die Christen an der Ruhr angesichts schwieriger Rahmenbedingungen von Rückzug in Lethargie und Depression. Am Beginn des Reformationsjahres forderte der als Seelsorger in St. Mariae Geburt engagierte Grave mutige Fortschritte in der Ökumene. "Es darf nicht beim gemeinsamen Feiern eines Jubiläums bleiben", betonte er.

Mit Blick auf das Jahr der Landtags- und der Bundestagswahl forderte Grave die christlichen Kirchen auf, "ihr politisches Gewicht gemeinsam in die Waagschale zu werfen." Gleichzeitig forderte er die Bürger dazu auf, ihr Wahlrecht verantwortungsvoll wahrzunehmen. Mit Blick auf die AFD stellte der Weihbischof fest: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Christ, der das Evangelium ernst nimmt, diese Partei wählen und die Flüchtlinge links liegen lassen kann."


Der Vorsitzende des Katholikenrates, Rolf Völker, nutzte den Neujahrsempfang im Altenhof, um auf die existenziellen Sorgen der katholischen Ladenkirche am Kohlenkamp hinzuweisen. Das Mitarbeiterteam der Ladenkirche, so Völker, sei dringend auf neue ehrenamtliche Helfer angewiesen. Außerdem sei die Miete nur noch bis zum September 2017 gesichert. Jetzt will man Fördermittel aus dem Innovationsfonds des Bistums beantragen.

Dieser Text erschien am 7. Januar 2017 im Neuen Ruhrwort

Freitag, 13. Januar 2017

Ein Zeitsprung am Löhberg

Der Löhberg 2017 und 1855: Das historische Foto stammt
aus dem Meduenzentrum der Stadt Mülheim.

Heute führt uns ein Foto aus dem Medienzentrum der Stadt in den Löhberg des Jahres 1955. Wir sehen Abrissarbeiten und schauen auf ein großes Gebäude, das auf der Fahrbahn der heutigen Leineweberstraße steht. Außerdem erkennt man den Turm der 1929 eingeweihten Kirche St. Mariae Geburt.

„Das große Gebäude auf der Leineweberstraße war das Lebensmittelgeschäft Künzel. Und weiter vorne auf der rechten Seite sieht man die Gaststätte Pils Lumma“, erinnert sich der Mülheimer Walter Neuhoff. Er war damals 19 Jahre jung und erlebte den stürmischen Wiederaufbau der vom Krieg gezeichneten Stadt.

Wie man auf dem Foto erkennt, war der untere Löhberg schon damals eine Straße voller kleiner Geschäfte. Auch heute findet man hier unter anderem drei Gaststätten, eine Buchhandlung, einen Augenoptiker und einen Juwelier sowie einen Massagesalon und ein Geschäft für Computerspiele und Handys. Mitte der 50er-Jahre war der Löhberg noch keine Fußgängerzone, zu der sie erst am Ende der 70er werden sollte. Mitte der 50er-Jahre erhielt die Leineweberstraße einen ganz neuen Verlauf und wurde, auch mit Blick auf den zunehmenden Autoverkehr, zur Ost-West-Achse ausgebaut.

Auch zehn Jahre nach Kriegsende musste die Innenstadt noch um- und wieder aufgebaut werden. Denn der große Luftangriff der Royal Air Force vom 22. und 23. Juni 1943 hatte 77 Prozent der innerstädtischen Gebäude entweder zerstört oder zumindest beschädigt. 44 Prozent aller innerstädtischen Wohnungen waren bei Kriegsende am 11. April 1945 zerstört.

Dieser Text erschien am 9. Januar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 12. Januar 2017

So gesehen: Dünner Takt und dicker Hals

Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige. Gut, dass ich keiner bin. Den gestern kam ich unpünktlich zu einem wichtigen beruflichen Termin.

Denn auch meine Straßenbahn mit der ich rechtzeitig ans Ziel kommen wollte, war nicht nur nicht pünktlich. Sie kam einfach nicht.

Keine Anzeige, keine Durchsage. Selbst der Service-Mann vor Ort wusste von nichts und konnte nur auf die nächste Bahn verweisen, die dann immerhin pünktlich kam, so dass sich meine Verspätung noch in erträglichen Grenzen hielt. Dafür wurde ich dann auch gleich von zwei freundlichen Herrn kontrolliert und nach meinem Fahrausweis gefragt.

Da fragte ich mich als Fahrgast und König Kunde, wer eigentlich die Pünktlichkeit und das Preis-Leistungs-Verhältnis der Mülheimer Busse und Bahnen kontrolliert, deren Fahreise regelmäßig nach oben und deren Takt regelmäßig nach unten angepasst wird. Doch darauf konnten mir die freundlichen Kontrolleure der Mülheimer Verkehrsgesellschaft auch keine Antwort geben. In dem der Takt von Bussen und Bahnen ausgedünnt wird, wird der Hals der Fahrgäste dicker. Wer kann, steigt um, aufs Auto. Doch damit wird auch die Luft in unserer Stadt wieder dicker, einschließlich der Hälse der Autofahrer, die im Stau stehen. Operation gelungen. Patient tot.

Dieser Text erschien am 12. Januar 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 11. Januar 2017

Wolfgang Hausmann. Der Botschafter des guten Buches

Wolfgang Hausmann
In seinem Berufsleben war er Versicherungskaufmann.Doch seine Leidenschaft gehörte stets der Literatur. "Eugen Roth, Joachim Ringelnatz, Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Eva Strittmatter oder Sarah Kirsch haben uns auch heute noch viel zu sagen, selbst wenn sie schon lange nicht mehr unter den Lebenden weilen", findet Wolfgang Hausmann. Warum? "Sie haben es verstanden, elementare Dinge des Lebens in ganz wendigen Sätzen auf den Punkt zu bringen", sagt der Mülheimer Rezitator, der auch in diesem Jahr, etwa im Heißener Kulturzentrum Fünte, aber auch im Bismarckturm oder im Krug zur Heimaterde die alten und doch modernen Meister der pointierten Literatur an den Mann und die Frau bringen wird.

Wer seine Lesungen miterlebt, begreift sofort wie aktuell die modernen Klassiker aus seinem Bücherschrank sind, zu denen er auch Wilhelm Busch zählt, der eben weit mehr zu zeichnen und zu erzählen wusste, als Max und Moritz.


Die hohe Kunst des guten und musikalisch begleiteten Vorlesens, das im Kopf des Zuhörers ein Kino in gang setzt, hat Hausmann bereits in den 70er Jahren beim Altmeister Lutz Görner und später bei dessen "Zauberlehrling" Oliver Steller kennen, schätzen und beherrschen gelernt. Dem Engagement Wolfgang Hausmanns, etwa als dem langjährigen Spiritus Rector des Freundeskreises der Kultur und Musik in der Heimaterde, haben die Mülheimer Literaturfreunde viele anregende Abende mit Görner und Steller zu  verdanken.

Jetzt startete Hausmann seine eigenen Literaturabende 2017 mit dem Münchener Lokaljournalisten und Schriftsteller Eugen Roth ("Ein Mensch"), der von 1895 bis 1976 gelebt und geschrieben hat.


Aha- und Wiederkennungseffekte sind auch für heutige und Zuhörer unvermeidlich. Zu Risiken, Nebenwirkungen und geistigem Mehrwert fragen sie Wolfgang Hausmann oder schauen Sie auf seine Internetseite www.wolfgang.hausmann-ruhr.de




Dienstag, 10. Januar 2017

Jüngster im Rat mischt politisch mit: Viel Arbeit, wenig Freizeit und einige neue Erfahrungen: So bilanziert Jan Vogelsang (20) sein erstes Jahr im Mülheimer Stadtrat

Jan Vogelsang
Jan Vogelsang sitzt fast jeden Tag vor seinem Computer und schaut ins Internet. Das ist für einen 20-Jährigen keine Seltenheit. Seltenheitswert hat es aber dann, wenn er im städtischen Archiv die Ratsvorlagen studiert. Dass dieser nicht immer leicht verdauliche Lesestoff sein tägliches Brot ist, hat damit zu tun, dass der Jurastudent Mülheims jüngster Stadtverordnete ist.

Als junger Sozialdemokrat rückte er im September 2015 für seinen Parteifreund und damals neu gewählten Oberbürgermeister Ulrich Scholten ins Stadtparlament nach. Wie hat sich sein Leben im ersten Ratsjahr 2016 verändert? „Ich habe wenig Freizeit und versuche mit maximal sieben Stunden Schlaf auszukommen“, sagt Vogelsang. Sein Leben zwischen Universität, Stadtrat, Parteigremien und einem der Studienfinanzierung geschuldeten Gelderwerb im Getränkemarkt, fordern ihren Zehn- bis Zwölf-Stunden-Tag.

Dennoch macht Vogelsang keinen gestressten, sondern einen in sich ruhenden Eindruck. „Ich bereue meinen Einzug in den Rat nicht, auch wenn er mich viel Zeit und Arbeit kostet, weil ich durch meine kommunalpolitische Mitarbeit sehr viele interessante Menschen und Institutionen meiner Stadt kennen lerne“, betont er.

Fraktionssitzungen, Ausschusssitzungen, Teilnahme an parteiinternen Themenforen, Präsenz an öffentlichen Infoständen sowie Teilnahme an Ortsvereins- und Unterbezirkssitzungen und nicht zu vergessen die regelmäßige Rückkopplung mit dem SPD-Nachwuchs der Jusos, bei denen Vogelsang schon vor seinem Einzug in den Rat aktiv war, zeigen dem parlamentarischen Novizen, „dass Kommunalpolitik viel Zeit und Ausdauer braucht“.

Doch das oft schwerfällige und langwierige Prozedere der Demokratie nervt den angehenden Juristen nicht so sehr, „wie die Tatsache, dass sich, wie zuletzt bei der Verabschiedung des Haushaltes, bestimmte Fraktionen, sich wider besseren Wissens nicht an die Absprachen halten, auf die man sich vorher nach langen Beratungen und auf einer gemeinsam festgestellten Faktenlage geeinigt hat.“

Doch Vogelsang schaut auch auf Erfolgserlebnisse in seinem ersten Ratsjahr zurück. Als solche sieht er, „dass ich mit entsprechender Überzeugungsarbeit daran mitarbeiten konnte, dass der Jugendstadtrat nun in allen Ratausschüssen beratend mit dabei ist und dass die Stadt die für das in seiner Existenz bedrohte und aus allen Nähten platzende Frauenhaus notwendigen Geldmittel bereitgestellt hat. Um dessen Arbeit zu unterstützen, trat er in den Förderverein ein.

Weil sich der Student schon als Schüler für Politik, Wirtschaft und Finanzen interessierte, lag es nahe, sich für eine Mitarbeit in den Ausschüssen für Finanzen, Wirtschaft, Bildung und Sport zu entscheiden.

Eine wichtige Erfahrung sei es, „von der Lebenserfahrung älterer Kollegen profitieren zu können und gleichzeitig als junger Kopf mit frischen Ideen ernst genommen und wertgeschätzt zu werden.“

Als derzeit wichtigste politische Aufgabe, sieht es Vogelsang „die finanzpolitische Fähigkeit der Stadt auch mit Hilfe des NRW-Stärkungspaktes zu sichern und langfristig durch konsequente Haushaltskonsolidierung wieder auszubauen.“ Daran müssten vor allem die jungen Mülheimer mehr interessiert sein als etwa am Nachtleben, „weil sie noch etliche Jahrzehnte in dieser Stadt leben und arbeiten müssen.

Wenn sich der Holthausener SPD-Stadtverordnete etwas für das neue Jahr wünschen dürfte, dann vor allem „eine bessere Verkehrsführung an der Oppspring-Kreuzung, dass die Stadt ihr wirtschaftliches Potenzial für neue Arbeitsplätze ausschöpft und „dass wir als Ratsmitglieder den Bürgern die Kommunalpolitik besser erklären können“.


Dieser Text erschien am 9. Januar 2017 in NRZ/WAZ

Montag, 9. Januar 2017

Der Dienstleister: Früher verkaufte Edwin Eder Autos. Heute fährt er den Lieferwagen von Shop & Go. Seine Dienstleistung wird immer gefragter, nicht nur bei alten Menschen und er freut sich auf jeden Arbeitstag

„Ich habe mich schon als Junge für Autos und Technik interessiert“, erzählt Edwin Eder, während er einen Lieferwagen des Servicedienstes Shop & Go durch die Straßen der Stadt steuert. In seinem ersten Berufsleben hat der heute 62-Jährige Autos verkauft. Doch dann warf ihn ein schwerer Herzinfarkt aus der Bahn. Nach drei Jahrzehnten erfolgreicher und gut bezahlter Berufstätigkeit, musste er plötzlich drei Gänge zurückschalten und in letzter Konsequenz seinen lange geliebten Beruf hinter sich lassen. „Heute zählen nur noch die Verkaufszahlen. Viele Kunden schauen sich im Internet um und kommen dann mit der Frage ins Haus: Können Sie mir das Auto auch zu diesem Preis verkaufen oder nicht? Dass man in einem guten Autohaus nicht nur Autos, sondern auch Beratung und Service einkauft, sehen heute viele Kunden nicht mehr“, beschreibt Eder den Wandel in seiner Ex-Branche.

Doch dem Auto und der Mobilität ist der Sohn eines Landbriefträgers treu geblieben. Heute fährt er im Auftrag der PIA-Stadtdienste (Pia steht für Paritätische Initiative für Arbeit) Lebensmittel, Akten, Formulare und Medikamente zu den Kunden des Pia-Dienstes.

„Vormittags fahre ich meistens Medikamente oder Akten und Formulare für die Stadtverwaltung. In der zweiten Tageshälfte bilden die klassischen Einkaufsfahrten den Schwerpunkt der Aufträge“, berichtet Eder. Wenn man ihm zuschaut, wie viele Kisten und Kästen mit Akten und Formularvordrucken Eder bei der Stadtdruckerei an der Löhstraße abholt, um sie dann beim Sozialamt an der Ruhrstraße und bei der Sozialagentur an der Eppinghofer Straße abzuliefern, bekommt man eine Ahnung davon, welche Papierberge in den Mülheimer Amtsstube bewegt und bewältigt werden müssen.

An diesem Vormittag holt Eder für eine alte Dame Medikamente aus der Apotheke und bringt ihr diese nach Hause. „Ich werde immer älter“, begrüßt ihn die alte Dame an der Wohnungstür. „Na, Gott sei Dank“, muntert er sie auf. Nicht nur bei dieser betagten Kundin nimmt er sich Zeit für ein kurzes Zuhören und eine kleine Ermutigung. „95 Prozent unserer Kunden sind alte Menschen, die auf unsere Hilfe angewiesen sind, um ihre Einkäufe oder Medikamente nach Hause zu bekommen“, weiß Eder, der sich zusammen mit seiner Frau um seine 82-jährige Schwiegermutter kümmert.

„Es gibt mir Kraft und Freude, wenn ich sehe, wie dankbar gerade ältere Menschen für unseren Lieferdienst sind und wie gerne sie einen kurzen Plausch halten“, erzählt Eder. Der selbst kinderlose PIA-Kurier weiß, „dass viele Menschen im Alter allein sind und kaum noch soziale Kontakte haben, weil Freunde und Ehepartner gestorben und Kinder berufsbedingt verzogen sind“.

Anders, als in seinem früheren Beruf hat Edwin Eder heute „jeden Tag das Gefühl, auf dankbare Menschen zu treffen, die meine Arbeit zu schätzen wissen und die mir das Gefühl geben etwas Sinnvolles zu tun“.

Doch anders als in seinem früheren Beruf, gehört Eder, der seit acht Jahren für die Pia arbeitet, nicht mehr zu den Gutverdienern. „Heute bekomme ich den Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde. Das ist ein Lohn, für den ich früher nicht aufgestanden wäre, für den ich heute aber sehr dankbar bin“, erklärt Eder seine Situation.

Seine Zeit als Arbeitslosengeld-2-Bezieher hat ihn bescheiden gemacht. „Ich freue mich heute auf meinen Arbeitstag. Das war im Autoverkauf nicht immer so, weil es sofort Stress und Druck gab, wenn die Verkaufszahlen nicht stimmten“, sagt Eder. Sein Arbeitstag, an dem er immer unterwegs ist und mit vielen Menschen in Kontakt kommt, beginnt in einer Woche um 8 Uhr und endet um 16 Uhr. Und in der anderen Wochen muss er zwischen 13 Uhr und 21Uhr ran. Eder, der noch heute von seinem ersten Mofa und von seinem ersten VW-Käfer schwärmt, die er selbst immer wieder auf Touren brachte, arbeitet nicht nur als Fahrer hinter dem Lenkrad. Auch anpacken muss er regelmäßig.

Nicht selten kommt er mit einem Kasten Sprudel und einem Bananenkarton voller Lebensmittel zu einem Kunden oder zu einer Kundin, die im fünften oder sechsten Stock eines aufzuglosen Hauses wohnen. Das treibt ihm dann doch schon mal die Schweißperlen auf die Stirn.

Manche Kunden beauftragen Eder und seine Kollegen vom Lieferservice Shop & Go nicht nur mit der Lieferung von Lebensmitteln, sondern auch mit dem Einkauf selbst. Das geht nicht ohne detaillierte Absprache mit den Kunden, damit am Ende auf keinen Fall das Falsche in der Liefertüte oder im Bananenkarton landet. Der Einkauf selbst nebst Schlange stehen an der Kasse kostet natürlich ebenfalls zusätzliche Zeit und Geld.

„Wir beliefern derzeit täglich 40 bis 45 Kunden und ich sehe, dass unsere Dienstleistung immer wichtiger wird, weil die Zahl der Menschen zunimmt, die alt und alleinstehend oder auch zu beschäftigt sind, um regelmäßig selbst einzukaufen“, zieht Eder am Nachmittag Bilanz, ehe er sich in den Feierabend verabschiedet, an dem er zusammen mit seinen Vereinskameraden von der Behindertensportgemeinschaft Volleyball spielt. Und in der helleren Jahreszeit gönnen sich Edwin Eder und seine Frau auch schon mal einen Kurzurlaub in ihrem Camping-Wohnwagen am Datteln-Ems-Kanal. Als besonders angenehm empfindet es Eder, dass sein Weg zur Arbeit oder in den Feierabend nicht mehr weit ist, seit er für Shop & Go fährt. Denn er wohnt in einem Haus an der Zunftmeisterstraße und sein Lieferwagen ist bei Pia am Hauptbahnhof stationiert.


Dieser Text erschien am 7. Januar 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 8. Januar 2017

Einmal Prinz und Prinzessin sein: Auch wenn Julia und Markus Steck auf den Rosenmontagszug verzichten mussten, sehen sieihre Session als Stadtprinzenpaar für sich persönlich als eine Erfolgsgeschichte an

Julia und Markus Steck
Als Markus Steck und seine Frau Julia jetzt zusammen mit Maik Frehmann und Susan Pink Silvester feierten, wurden sie von deren kleiner Tochter Melody mit dem Satz begrüßt: „Da kommt ja das Prinzenpaar!“ Als die Mutter ihre Tochter berichtigte: „Die Beiden sind doch gar kein Prinzenpaar mehr!“, antwortete Melody: „Das ist mir egal. Für mich bleiben sie es!“ Solche Momente, daran lassen die beiden Ex-Tollitäten keinen Zweifel, „lassen uns innerlich um zwei bis drei Zentimeter wachsen.“ Inzwischen sind Markus und Julia Steck wieder in den Blaumann geschlüpft. Denn beide betreiben eine Firma, die dafür sorgt, dass Menschen mit dem Aufzug sicher aufwärts- und abwärts fahren können.

In der Karnevalssession 2015/2016 brachten sie als Stadtprinzenpaar die mölmschen Jecken auf Hochtouren. Für Markus, der den Rosenmontagszug aus der Perspektive eines ehrenamtlichen Rot-Kreuz-Mitarbeiters kannte, war es „ein Herzenswunsch, einmal Prinz zu sein“. Für seine Frau war es eine Frage der ehelichen Solidarität: „Ich hätte das nicht gebraucht, aber ich habe mitgezogen.“ Heute sagt sie: „Ich habe es gebraucht!“ Die vielen menschlichen Begegnungen und Kontakte, die sie als Stadtprinzessin geschenkt bekam, will sie nicht missen. Den bewegendsten und tollsten Auftritt als Prinzessin erlebte sie bei der Karnevalsparty im Rathaus des Fliednerdorfes. „Ich hatte anfangs Bedenken, da ich bis dahin noch keinen Kontakt zu geistig behinderten Menschen gehabt hatte. Aber als wir dann dort waren, war ich nur noch begeistert. Denn ich hatte noch niemals so fröhliche, unbeschwerte und dankbare Menschen erlebt, die einfach toll mitfeierten und mit uns zusammen auf der Bühne tanzten“, erinnert sich Julia Steck.

Ihr Mann Markus erinnert sich besonders gerne an die Weiberfastnacht, als das Prinzenpaar im Lack- und Leder-Look zusammen mit den tanzenden Polizistinnen vom Mülheimer Carnevals Club die Säle rockte. Heute ist Steck als Ehrensenator unterstützendes Mitglied des MCCs.

Für ihn war die Session als Stadtprinz auch persönlich ein Gewinn. „Ich bin viel lockerer geworden und habe keine Probleme mehr, auf Menschen zuzugehen, mit ihnen zu reden und auch vor mehreren Menschen zu sprechen.“

Auch wenn das närrische Regentenamt für die selbstständigen Unternehmer mit Zeitdruck und wenig Schlaf verbunden war, empfanden sie ihre Auftritte während der Session, wie ein „seelisches Aufputschmittel“! Markus Steck erinnert sich: „Auch wenn sich meine Frau vorher über etwas geärgert hatte oder gerade betrieblich unter Druck gestanden hatte, war sie ein ganz neuer und ausgelassener Mensch, wenn sie in ihrem Prinzessinnenkleid aus dem Schlafzimmer kam und wir von unserem Hofmarschall Hermann-Josef Hüßelbeck zu unseren Auftritten abgeholt wurden.“

Dass die Session für die beiden Tollitäten, trotz des wetterbedingt ausgefallenen Rosenmontagszuges ein voller Erfolg war, führt Julia Steck darauf zurück, !"dass wir mit Hermann-Josef Hüßelbeck einen brillanten Organisator an unserer Seite hatten, auf den wir uns 100-prozentig verlassen konnten.

Auch nach der sturmbedingten Absage des Rosenmontagszuges machten sie zusammen mit ihren Paginnen Nicole und Melissa aus der Not eine Tugend und tourten in ihrem Prinzenmobil von einer spontanen Karnevalsparty zur anderen, überall mit einem großen Hallo und Helau begrüßt. „So ist der Rosenmontag 2016 für uns doch noch zu einem unvergesslich schönen Tag geworden“, betont das Ex-Prinzenpaar, das sich Heiligabend noch einmal seine 2000 Sessionsfotos angeschaut hat.


Dieser Text erschien am 7. Januar 2017 in NRZ/WAZ

Freitag, 6. Januar 2017

So gesehen: Der Kunde wundert sich

Ich traue kaum meinen Augen, wenn ich durch die Stadt gehe. Überall sehe ich Schilder, die mir einen rapiden Preisverfall anzeigen.

Vor allem Geschenkpapier kostet jetzt nur noch ein Drittel dessen, was es vor dem Weihnachtsfest gekostet hat. Da möchte man sich schon jetzt einen Vorrat für den 24. Dezember 2017 anlegen oder über Nacht vom katholischen zum russisch-orthodoxen Christen werden. Denn die feiern erst am 6. Januar Weihnachten, wenn wir bereits der Heiligen Drei Könige gedenken. Aber auch, wer nicht bis drei zählen kann, wird sich denken können, dass auch eine solche Terminverschiebung eine entsprechende Preisanhebung des Handels nach sich ziehen würde. Da bleibe ich lieber gleich katholisch und halte es mit dem Klingelbeutelprinzip. Nur Bares ist Wahres und Geben ist seliger als Nehmen.

Das finden auch meine Nichte und mein Neffe, die sich nicht nur zu Weihnachten auf ein mölmsches Flachgebinde im herkömmlichen Briefumschlag freuen. Denn sie wissen: Auf den Inhalt kommt es an.

Dieser Text erschien in der Neuen Ruhr Zetung vom 4. Januar 2017  

Donnerstag, 5. Januar 2017

Ein Zeitsprung zwischen Rathausmarkt und Ruhrpromnade

Die Straßenbahn am Rathausmarkt 1980 und 2017

Von barrierearmen Niederflurbahnen war noch keine Rede, als Walter Neuhoff am Rathausmarkt diesen Straßenbahnwagen der Linie 104 fotografierte. Anfang der 1980er Jahre war das. Damals machte der Rathausmarkt (links) seinem Namen noch alle Ehre. Und vom Ruhrquartier und der Ruhrpromenade (rechts) war noch keine Rede.

Stattdessen wurde der Bereich des Rathausmarktes zur Ruhr hin durch den in den 1960er Jahren gebauten „Dezernentenflügel“ des Rathauses begrenzt. Und gleich gegenüber dem Rathausanbau auf dem späteren Platz der Deutschen Einheit wurde 1969 die Zentralbücherei der Stadtbibliothek eröffnet. Heute findet man sie im Medienhaus am Synagogenplatz, der damals noch den Namen Viktoriaplatz trug.

Die Haltestelle Rathausmarkt, die später im Zuge der Ruhrbania-Bauarbeiten aufgelöst beziehungsweise in Richtung Aktienstraße verlegt wurde, war übrigens Mülheims erste Straßenbahnhaltestelle.

Hier startete am 9. Juli 1897 der erste von damals insgesamt sieben elektrischen Straßenbahnwagen. Die Mülheimer Zeitung sprach von einem „Markstein der Mülheimer Geschichte.“ Anno 1897, damals regierte im Rathaus Bürgermeister Karl von Bock und Polach, besaßen die städtischen Verkehrsbetriebe sieben Straßenbahnwagen, die vom Rathausmarkt aus zum Beispiel die Friedrichstraße, die Dohne, den Kahlenberg, die Körnerstraße, den Hingberg, aber auch Styrum und Oberhausen ansteuerten. Die Fahrt mit der Tram kostete, je nach Entfernung und Haltestelle, 10 oder 20 Pfennig.

Dieser Text erschien am 3. Januar 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 4. Januar 2017

So gesehen: Von einem Fest zum nächsten

Efrohes Fest!“ Das wünschte ein Besucher der Stadtbibliothek gestern den beiden Mitarbeiterinnen an der Infotheke.

Die Damen von der Infotheke, die von berufs wegen immer gut informiert sind, schauten sich einen Moment lang staunend an, als seien sie nicht richtig informiert.

Nach einer Schrecksekunde, in der das gesprochene Wort begriffen wurde und der Groschen bei dem besagten Herrn und den beiden Damen gefallen war, mussten alle drei spontan lachen. Kein Wunder. Bei so vielen Festen rund um den Jahreswechsel kann man schon mal die Orientierung verlieren.

Schon meine Großmutter spottete: „Zu den größten Plagen gehört eine ganze Reihe von Festtagen!“

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Waage oder ihr Nervenkostüm. Nach vielen schönen, aber auch stressigen Festtagen mit vielen Gästen, unter Umständen aus der eigenen Familie, mag so mancher festtagsgeschädigter Gastgeber verstehen, was der rheinische Volkssänger Ludwig Seebus meint, wenn er in einem seiner Schlager singt. „Verwandte sind auch Menschen. Das muss man doch verstehen. Man freut sich, wenn sie kommen und ist glücklich, wenn sie wieder gehen.“ In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen guten Jahresübergang.


Dieser Text erschien am 31. Dezember 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Dienstag, 3. Januar 2017

Sternsinger ziehen auch in Mülheim von Haus zu Haus: Kinder bringen Segenswünsche für 2017 und sammeln Spenden für ihre Altersgenossen in Kenia: Auch der OB wird besucht

Sternsinger aus St. Barbara in Mülheim-Dümpten (Archivfoto)
Mit dem neuen Jahr kommen die Sternsinger. Sie segnen in dieser Woche die Häuser und ihre Bewohner und bitten dabei um eine gute Gabe für ihr Altersgenossen in Kenia. Die Spenden, die sie diesmal sammeln, fließen in Bildungs- und Sozialprojekte, aber auch speziell in den Brunnenbau.

In den drei Mülheimer Pfarrgemeinden St. Mariae Geburt, St. Mariä Himmelfahrt und St. Barbara machen sich insgesamt 170 Sternsinger auf den Weg. Sie besuchen nicht nur über 500 private Haushalte, sondern auch Altenheime, Krankenhäuser, Kinder-Tagesstätten und am kommenden Freitag Oberbürgermeister Ulrich Scholten.

Neujahrsempfang im Altenhof
Auch an der Gestaltung des Neujahrsempfangs, zu dem die katholische Stadtkirche am Donnerstagabend in den Altenhof einlädt, werden einige Sternsinger beteiligt sein.

Im vergangenen Jahr konnten allein die Sternsinger aus den drei örtlichen Pfarrgemeinden, die insgesamt rund 51?000 Mitglieder zählen, zusammengenommen 23?213 Euro sammeln. Das Geld floss damals in Bildungs- und Sozialprojekte für Kinder in Bolivien.

Seit ihrer Gründung im Jahr 1959 unterstützt die Sternsingeraktion der katholischen Christen in Deutschland und Österreich über 1600 Kinderhilfsprojekte in Afrika, Lateinamerika, Asien, Ozeanien und Osteuropa. Getragen wird die Sternsingeraktion vom Kindermissionswerk und vom Bund der katholischen Jugend (BDKJ.)

Weitere interessante Hintergrundinformationen zur aktuellen Sternsingeraktion „Gemeinsam für Gottes Schöpfung – in Kenia und weltweit“ sind online im Internet auf der Homepage www.sternsinger.de zu finden.


Dieser Text erschien am 2. Januar 2017 in der NRZ/WAZ

Sonntag, 1. Januar 2017

Auch mit 60 Jahren noch jung: Das Jugendzentrum Stadtmitte

Richard Grohsmann (rechts), hier mit seinem Kollegen
Andre Passmann vom Jugendzentrum Norstraße leitet
das Jugendzentrum Stadtmitte, in dem er seit 1982 tätig ist.
Hier stimmt die Stimmung. Das merkte sofort, wer am 16. Dezember beim Geburtstagsfest im Jugendzentrum Stadtmitte vorbeischaute. Jugendliche mit unterschiedlichen kulturellen Wurzeln setzten sich und ihren Treffpunkt an der Georgstraße 24 gekonnt in Szene, mal mit einem kleinen interaktiven Theaterspiel, mal mit einer Hip-Hop und mal mit einer Break-Dance-Performance.
Da zeigten sich die Jugendlichen als ein gut eingespieltes Team, deren gemeinsamer Spaß an der Sache aufs Publikum übersprang.
"Mit 60 ist man auf dem Weg zum Greis und doch noch 60 Jahre davon entfernt", zitierte der Geschäftsführer des Trägervereins für soziale Kinder- und Jugendarbeit. Claus Schindler den Schauspieler Curt Jürgens. Mit dem Hinweis darauf, dass rund 70 Prozent der Jugendlichen, die regelmäßig den Weg ins Jugendzentrum an der Georgstraße finden, aus Zuwandererfamilien stammen, unterstrich Oberbürgermeister Ulrich Scholten, in seiner Funktion als Vorsitzender des Trägervereins, die soziale Bedeutung der Jugend- und Sozialarbeit, die in dem 1956 eröffneten Jugenhaus heute vom Einrichtungsleiter Richard Grohsmann und seinen Kolleginnen Jutta Hofmann, Isabelle Wojcicki und Vahide Tig geleistet wird.

Die beste Gegenwehr


Für den Jugenddezernenten Ulrich Ernst steht fest, dass die "persönlichkeits- und integrationsfördernde Arbeit, die hier auch generationsübergreifend geleistet wird, die beste Gegenwehr gegen postfaktische Rattenfänger ist, die es geben kann."
"Das Jugendzentrum ist gerade an dieser Schnittstelle zwischen Stadtmitte und Eppinghofen heute wichtiger denn je", ist Richard Grohsmann überzeugt. Er leistet bereits seit 1982 Sozial- und Jugendarbeit an der Georgstraße. "Gewalt ist heute weitaus weniger ein Thema, als noch in den 80er Jahren", erinnert sich Grohsmann. Er ist froh, dass das Jugendzentrum inzwischen wieder gestärkt worden ist, nachdem es in den Jahren 2002 bis 2008 nur noch an drei Tagen der Woche geöffnet war.

Mehr, als nur Freizeitgestaltung


Inzwischen finden Kinder und Jugendliche hier wieder montags bis freitags zwischen 13 und 20 Uhr eine wichtige Anlaufstelle, die ihnen nicht nur hilft, ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten, sondern sie auch dabei unterstützt, durch Begegnungen und gemeinsame Aktionen mit Menschen aus allen Generationen und Nationen ihren persönlichen Horizont zu erweitern und auch den Übergang vom Schul- ins Berufsleben zu meistern. Mit diesem Ziel vor Augen ist das pädagogische Mitarbeiterteam an der Georgstraße und das von ihm betreute Jugendzentrum zum Knotenpunkt eines Netzwerkes geworden, zu dem zum Beispiel Grund- und weiterführende Schulen, Kindertagesstätten und die nahe gelegene Senioren-Tagesstätte der Arbeiterwohlfahrt gehören.


Zum Geburtstag des Jugendzentrums wünscht sich sein Leiter, Richard Grohsmann, vor allem, dass die Zuschüsse von Stadt und Land weiter fließen und die dringend sanierungsbedürftigen Toiletten des Hauses möglichst bald auf den neuesten Stand gebracht werden können. Weitere Informationen bietet die Internetseite: www.jz-stadtmitte.de


Dieser Text erschien am 28. Dezember 2016 in der Mülheimer Woche