Freitag, 24. März 2017

Wenn Frauen komisch werden: Diesmal wollen Regisseur Michael Bohn und seine Schauspieler ihr Publikummit der turbulenten Komödie „Frauenzimmer“ zum Lachen bringen

Ulrike Kroker als französische Chansonette und Marie Zipp-Timmer
als amerikanische Countrysängerin (Szene-Foto: Walter Schernstein)
Wenn eine Chansonnette und eine Countrysängerin, die sich nicht ausstehen können und beide an übersteigertem Selbstbewusstsein leiden, in einem Hotel versehentlich in der selben Suite einquartiert werden, kann das heiter werden. Man wird es sehen, wenn das Backstein-Theater ab dem 25. März seine neue Produktion „Frauenzimmer“ auf die Bühne bringt.

„Die Zuschauer bekommen eine witzige, spritzige und turbulente Komödie mit jeder Menge Situationskomik zu sehen“, verspricht Regisseur Michael Bohn. Ein Jahr lang haben Bohn und sein Ensemble von der Großen Bühne des Backstein-Theaters das Stück des amerikanischen Autor Michael McKeever geprobt. „Wir haben bei den Proben viel gelacht und glauben deshalb, dass das Stück auch dem Publikum gefällt“, erzählt Bohn. Allerdings hat der Regisseur die Journalistin und Prosa-Text-Autorin Anna Blaswich an den Originaltext gesetzt und ihn für das Mülheimer Publikum etwas geschmeidiger machen lassen.

Blaswich, die auch als Souffleuse das Ensemble unterstützt, hat das Stück im besten Sinne zivilisiert. Aus der Benefiz-Gala für die GIs an den Fronten des Zweiten Weltkrieges hat sie eine Benefizveranstaltung für „verlorene Jungs“ gemacht, die hinter den Kulissen das Fünf-Sterne-Hotel im Berlin unserer Tage ganz schön aufmischen und damit dem vom Backstein-Altmeister Klaus Wehling gespielten Hotelmanager das Leben zusätzlich schwer machen.

Die schillernsten Rollen dürfen diesmal Neuzugang Ulrike Kroker (als französische Chansonnette) und das bereits mehrfach bewährte Multitalent Marie Zipp-Timmer (als amerikanische Countrysängerin) spielen. Routinier und Charmeur Wolfgang Bäcker sehen wir als Assistenten der französischen Diva wieder. Ein Wiedersehen gibt es auch mit Altmeisterin Ursula Bönte, die sich als Stiftungspräsidentin dem Wohl der verlorenen und oft auch ungezogenen Jungs verschrieben hat.

Mit ihnen bekommt auch Susanne Zambelly in ihrer Rolle als Klatschkolumnistin öfter zu tun, als ihr lieb sein kann. Nach über zehn Jahren Backstein-Theater-Pause wieder mit dabei ist Martin Lennertz als Hotelpage Tom, der freiwillig oder unfreiwillig während der 100-minütigen Aufführung reichlich küssen darf.

iInternet-Informationen rund um das neue Stück des Backstein-Theaters und dessen Aufführungstermine (bis Januar 2018) finden Theaterfreunde unter www.backsteintheater.de


Dieser Text erschien am 11. März 2017 in der NRZ und in der WAZ

Donnerstag, 23. März 2017

Ein gastliches Haus an der Kämpchenstraße im Wandel der Zeit

Ein Blickfang an der Ecke Kämpchenstraße/Paul-Essers-Straße
Heute springen wir zurück ins Jahr 1910 und landen vor dem Haus an der Kämpchenstraße 59. Ein Foto aus dem Privatarchiv des Mülheimers Burkhard Richter, das auch in dem von ihm herausgegebenen und im örtlichen Buchhandel erhältlichen Kalender „Mülheim in alten Ansichten“ zu finden ist, macht es möglich. 

Als die historische Aufnahme entstand, war das 1906 errichtete Gebäude ein Hotel und Restaurant mit dem schönen Namen Cecilienhof, benannt nach der damaligen Kronprinzessin des deutschen Kaiserreiches Cecilie Auguste Marie Herzogin zu Mecklenburg (1886-1954).

Dem Cecilienhof, folgte der Lippische Hof, in dem bis 1981 gegessen, getrunken, gefeiert und Billard gespielt wurde. Seit 1981 bewirtet in diesem schönen und alten Haus, Evangelos Papoutsoglou, die Gäste seines  Restaurant Amfipolis, werktags von 17 Uhr bis 22.30 Uhr sowie an Sonn- und Feiertagen von 12- bis 15 Uhr und von 17 Uhr bis 22.30 Uhr  mit den Köstichkeiten aus der traditionellen griechischen Küche. Wunderschöne Wandbilder zeigen Restaurantbesuchern die klassischen Seiten Griechenlands.  Im Sinne des barrierefreien Zugangs wurde das alte Gast-Haus inzwischen mit einem Seiteneingang und einer Auffahrrampe für Kinderwagen, Rollstuhl- und Rollatornutzer ausgestattet. Ihren Namen trägt die Kämpchenstraße seit dem Jahr 1900. Er erinnert nicht, wie man denken könnte, an den namensgleichen Bergmann und Dichter Heinrich Kämpchen (1847-1912), sondern leitet sich von dem Begriff Kamp ab, der seit dem Mittelalter neugewonnene Acker- und Weidenflächen bezeichnete.

Dieser Text erschien am 20. März in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 21. März 2017

„Meine Landsleute sind vernünftige Leute!“ - Wie sieht die aus Maastricht stammende Jessy Kirstein das Wahlergebnis in den Niederlanden?

Jessy und Bernd Kirstein in ihrem gemeinsamen Atelier

Frage: Hat Sie das Wahlergebnis in den Niederlanden überrascht?

Jessy Kirstein: Nein. Ich habe eigentlich mit einem solchen Ergebnis gerechnet. Und ich bin ausgesprochen froh, dass es so gekommen ist, wie es jetzt gekommen ist. Denn meine Landsleute sind vernünftige und bodenständige Leute.

Frage: Warum haben der Rechtspopulist Geert Wilders und seine Partei der Freiheit schwächer und der amtierende Ministerpräsident Mark Rutte und seine wirtschaftsliberale Partei der Freien Demokraten stärker abgeschnitten, als erwartet?

Jessy Kirstein: Dafür sehe ich vor allem zwei Gründe. Erstens haben das Auftreten des neuen rechtspopulistischen US-Präsidenten Donald Trump und die sich abzeichnenden Folgen des Brexits viele Niederländer nachdenklich gemacht und sie davon überzeugt, für einen liberalen und pro-europäischen Kurs ihres Landes zu stimmen. Außerdem hat Mark Rutte mit seinem konsequenten Vorgehen gegen Wahlkampfauftritte türkischer Regierungsmitglieder eine klare Kante gezeigt und damit zu Lasten Geert Wilders viele Sympathien gewonnen.

Frage: Im neuen niederländischen Parlament sind 13 Parteien vertreten. Werden die Koalitionsverhandlungen schwierig?

Jessy Kirstein: Das kann lange dauern, vielleicht sogar ein halbes Jahr. Eine schnelle Regierungsbildung würde mich überraschen. Aber das ist in den Niederlanden normal.


Dieser Text erschien am 17. März 2017 in der NRZ und in der WAZ

Montag, 20. März 2017

Augen auf oder Beutel auf

Augen auf oder Beutel auf. Das erfuhr ich jetzt bei der Mülheimer Verkehrsgesellschaft (MVG). Sieben Euro hat sie mir von meinem Konto als „Bearbeitungsgebühr“ abgezogen, weil ich meine Monatsfahrkarte zwar bezahlt, aber einmal zu Hause habe liegen lassen. Diese Tatsache zu überprüfen, kostet die MVG also sieben Euro. Eigentlich ist das ja preiswert, wenn man an die Vorstandsgehälter oder den städtischen Zuschuss zum Nahverkehrsbetrieb denkt. Was hätte ich nicht alles für sieben Euro kaufen können: Sieben Kugeln Eis, drei Tafeln Schokolade oder vielleicht auch drei Stücke Torte.

Angesichts der Fastenzeit und meines aktuellen Hüftgoldes muss ich der MVG aber geradezu dankbar sein, dass sie mich vor dieser zusätzlichen Versuchung bewahrt hat.

Natürlich könnte ich selbst der MVG demnächst Wartegebühren, Standgebühren oder Fersengeld berechnen, wenn Bus und Bahn mal wieder zu spät kommen, überfüllt sind oder ihr Takt so ausgedünnt wird, dass ich wieder mehr zu Fuß gehen und meine Sohlen abwetzen muss. Doch auf dieses Geschäft wird sich die MVG wohl auch in der Fastenzeit nicht einlassen. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche und die nächste Verspätung von Bus und Bahn.

Dieser Text erschien am 13. März 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 19. März 2017

"Luther wollte mehr": Eugen Drewermann zu Gast in der Immanuelkirche

Eugen Drewermann bei seinem Vortrag in der Styrumer
Immanuelkirche.
Ein katholischer Ex-Priester, der seine Kirche inzwischen verlassen hat, spricht in einer evangelischen Kirche. Und die Kirche, in diesem Fall die Immanuelkirche an der Kaiser-Wilhelm-Straße, ist voll, wie an Weihnachten. 150 Menschen hören gebannt einem Mann zu, der 90 Minuten, ohne Manuskript spricht, ohne dabei auch nur einmal langatmig zu werden.

Der Ex-Katholik Drewermann würdigt die historischen Verdienste des protestantischen Urvaters Luther, ohne dabei der Versuchung zu erliegen, ein Heiligenbild des Reformators zu zeichnen. Seinen Antisemitismus und seine Rechthaberei spricht Drewermann ebenso an, wie Luthers Mut und Beharrlichkeit, gegen alle Widerstände, seinen Landsleuten die Bibel und damit den christlichen Glauben verständlich und damit nachvollziehbar zu machen.

„Luther wollte eigentlich keine  Kirchenspaltung, sondern eine offene Diskussion über die Grundlagen des Glauben. Er hat Jesus von Nazareth und sein Evangelium neu entdeckt, als sich die katholische Kirche schon in Siebenmeilen-Stiefel von der Bergpredigt entfernt hatte“, stellt Drewermann fest.
Bibelbelesen und auch psychoanalytisch fundiert wandert Drewermann durch das von Mut, Glaube und Wahrheitsliebe, aber auch von starken Zweifeln geprägte Leben Luthers und macht deutlich, wo wir heute an Luther anknüpfen können und sollen.

Er nennt an erster Stelle Luthers Freilegung und Bekenntnis zu der in Jesus Christus offenbarten unbedingten Gnade, Liebe und Vergebung Gottes, aus der der zwangsläufig fehlerhafte Mensch alleine leben, glauben und auf ein ewiges Leben bei Gott hoffen kann.

Aktuell ist für den Theologen und Psychoanalytiker Drewermann auch Luthers Erkenntnis, dass die Theologie des Neuen Testaments keine selbstgerechte und strafende, sondern nur eine verstehende und vergebende sein kann. Christliche Kirche müsse als seelsorgerischer und menschenfreundlicher Hirte, wie im biblischen Gleichnis Jesu auch den verlorenen Schafen nachgehen. Deren Schuld, so Drewermann, müssten Christen als „einen Schrei der Verzweiflung und einen Schrei nah Liebe und menschlicher Zuwendung begreifen.“ Daraus folgert er, „dass kein Mensch, wie schuldig er auch immer geworden sein mag, aus der allumfassenden Gnade und Liebe Gottes herausfallen kann.“

Für Drewermann steht fest, dass keine Strafe und keine Gewalt, sondern allein Liebe und Verständnis Menschen bessern können. „Wir müssen versuchen, Menschen und ihre biografische Prägung zu verstehen, statt über sie den Stab zu brechen“, sagt der 76-Jährige Gottesmann aus Paderborn.

Und dann beleuchtet er Luther  als einen Kapitalismuskritiker. Er beleuchtet dessen Kritik am Zinswucher, der mittellose Menschen weiter ins Elend stürzt, und ihre Kreditgeber reicher und unmenschlicher macht. Dies sieht Drewermann als einen auch heute aktuellen Denkanstoß.

Dieser Text erschien am 11. März 2017 im Neuen Ruhrwort

Donnerstag, 16. März 2017

Ruhrblick mit altem und neuem Wasserwerk: Ein Zeitsprung am Leinpfad

Ein Zeitsprung in die 1950er Jahre

Ruhrblick am Leinpfad in den frühen 1950er Jahren. Ein Foto des Mülheimers John Dieter Roehse macht es möglich. 

Mit einem Bötchen auf der Ruhr fahren, wie auf der historischen Fotografie zu sehen: Darüber hätten die alten Mölmschen nur gelacht. Denn der Leinpfad war früher ein Treidelpfad, auf dem starke Männer oder noch stärkere Pferde, die Kohlenkähne flussaufwärts zogen. Noch um 1860 wurden fast 900 000 Tonnen Kohle die Ruhr aufwärts geschippert. Doch dann kam ab 1862 die Eisenbahn. Damit begann der Niedergang der Güterschifffahrt auf der Ruhr, die 1889 eingestellt wurde. Der alte Hafen and er Ruhr wurde zugeschüttet. Mit dem Start der Weißen Flotte, im Juli 1927, wurde dann ein ganz neues Kapitel der Ruhrschifffahrt aufgeschlagen.

Auf der historischen Fotografie erkennen wir nicht nur das heute noch zwischen Leinpfad und Dohne stehende Fachwerkhaus, sondern auch noch das 1875 errichtete und 1970 abgerissene und durch einen Neubau ersetzte Wasserwerk an der Dohne.

Mit dem alten Wasserwerk begann einst für Mülheim eine neue Ära. Hatten die alten Mölmschen bis dahin ihr Wasser aus Brunnen und Bächen geholt, so konnten ab 1877 schrittweise immer mehr von ihnen zu Hause den Wasserhahn aufdrehen.

Seit 1912 versorgt die von August Thyssen mitgegründete Rheinisch Westfälische Wasserwerksgesellschaft nicht nur die Mülheimer Haushalte mit sauberem Trinkwasser und sorgt mit seinen modernen Klärverfahren dafür, dass das Wasser, das bei uns zu Hause aus dem Hahn kommt, den Namen Trinkwasser auch verdient.

Dieser Text erschien am 13. März 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Aufbruchstimmung in schwierigen Zeiten: Die Pfarreien St. Mariae Geburt und St. Mariä Himmelfahrt luden zu einer Zukunftswerkstatt

Pastor Berthold Janberg in der Broicher Herz-Jesu-Kirche
beim Schlusssegen der dortigen Pfarreiversammlung von
St. Mariä-Himmelfahrt
Stellwände voller Zahlen, Daten und Fakten, vor denen Gemeindemitglieder miteinander diskutieren und einander zuhören. Dieses Bild bot sich am vergangenen Wochenende in St. Mariae Geburt und Herz Jesu. Die Rechtsruhr-Pfarrei St. Mariae Geburt und die Linksruhr-Pfarrei St. Mariä Himmelfahrt hatten zur Pfarreiversammlung geladen. 220 Katholiken fanden den Weg zur Zukunftswerkestatt in Mariae Geburt. Sogar 470 waren es in Herz Jesu. Außerdem glänzte die Linksruhr-Pfarrei mit einem hohen Anteil junger Teilnehmer.
Obwohl die Zahlen an den Stellwänden: Schwindende Gemeindemitgliederzahlen und Einnahmen, steigende Personal und Energiekosten und damit schwindende Finanzreserven nicht gerade zur Euphorie einluden, war dieser Pfarreientwicklungsschritt zwischen der Phase des Sehens und des Handelns geradezu von Aufbruchsstimmung geprägt.
„Hier sind Menschen ganz ernsthaft miteinander ins Gespräch gekommen, die sich bisher gar nicht kannten“, freute sich der Pfarrgemeinderatsvorsitzende von St. Mariä Himmelfahrt, Manuel Gatz. Und für den Pfarrer von St. Mariae Geburt, Michael Janßen, stand nach der dreistündigen Pfarreiversammlung fest: „Die Menschen haben erlebt und begriffen, dass uns Kirche alle angeht.“
Die unaufgeregten und sachlich geführten Diskussionen machten deutlich, dass die Gemeindebasis der jeweils 16.000 Mitglieder zählenden Stadtpfarreien keine Angst vor einer Zukunft hat, in der die katholische Kirche an der Ruhr kleiner wird und die Laien in den Gemeinden mehr Verantwortung übernehmen müssen, weil es weniger hauptamtliches Personal geben wird. Allein die Zahl der Priester wird sich in der 170.000 Einwohner zählenden Stadt im Süden des Ruhrgebietes bis 2030 von zwölf auf sechs halbieren. Positiv überrascht waren die Teilnehmer der Pfarreikonferenzen darüber, dass sich in den beiden Pfarreien insgesamt rund 6000 Menschen ehrenamtlich engagieren und mit ihren Festen und anderen Veranstaltungen mehrere 1000 Menschen in der Stadt erreichen.
Einige Stimmen aus den Diskussionen in Mariae Geburt und Herz Jesu zeigten, wo hin die Reise gehen könnte.
Klaus Drews (55) aus St. Mariae Geburt: „Wir brauchen einen Finanzausgleich zwischen den armen und reichen Bistümern in Deutschland.“
Meßdienerleiter Ole Werger (22) aus St. Mariä Himmelfahrt: „Kirche muss sich mehr in Schulen und Vereinen engagieren. Sie muss ein breiteres Gottesdienstangebot machen, das nicht nur Ältere, sondern auch Jugendliche anspricht.“
Thomas Macioszek (30) aus St. Mariae Geburt: „Wir brauchen charismatischere Predigten und müssen uns wieder mehr auf die Verkündigung des Evangeliums konzentrieren.“
Martin Linssen, Arzt aus St. Mariä Himmelfahrt: „Kirchen könnten auch als Begegnungsstätten und Gemeindezentren genutzt werden.“
Gabi (53) und Detlef Flecken (61) aus St. Mariae Geburt: „Gemeinde findet nicht nur in der Kirche statt. Wir müssen Kompromisse machen. Wir müssen nicht in allen Kirchen die gleichen Gottesdienste anbieten. Vielleicht wird die Kirche kleiner, aber die Gemeinde und ihre Aktiven freier und vielfältiger.“
Christian Kochius (29) aus St. Mariae Geburt: „Wir müssen raus aus der Kirche und im Alltag christliche Werte vorleben und vertreten. Wir sollten solche Pfarreiversammlungen öfter abhalten, um als Gemeinde gemeinsam unsere Entwicklungsziele definieren zu können.“
Alfred Beyer (73) aus St. Mariä Himmelfahrt: „Wir brauchen in Zukunft mehr ökumenische Zusammenarbeit mit den evangelischen Kirchengemeinden.“
Meßdienerleiter Fabian Behur (23) und Jugendbeauftragte Julia Bromma (19) aus St. Mariae Geburt: „Wir sollten auch Gospelgottesdienste und Jugendgottesdienste mit Popmusik anbieten. Außerdem täten der Liturgie mehr christlich inspirierte Alltagstexte gut, die auch von Jugendlichen verstanden werden können.“
Meßdiener Fabian Schlüter (15) aus St. Mariä Himmelfahrt: „Die Gemeindemitglieder müssen zusammenrücken. Gleichzeitig müssen Gemeinden mehr offene Veranstaltungen, wie zum Beispiel ein offenes Singen und Freizeitaktivitäten, anbieten.“
Ulrich und Gisela Jung aus St. Mariae Geburt: „Unsere Gruppen müssen mehr Außenwirkung entfalten. Gemeinden müssen auch mit Veranstaltungen zu sozialen, theologischen und ethischen Themen an die Öffentlichkeit gehen.“
Rolf Hohage (72) aus St. Mariä Himmelfahrt: „Wir dürfen uns nicht aus der Fläche zurückziehen, sondern müssen als Gemeinde nah bei den Menschen sein und erreichbar bleiben.“
Christel Post (60) aus St. Mariae Geburt: „Wir sollten mehr kleine Gottesdienste anbieten, bei denen Menschen als Gruppe Gemeinschaft erfahren und miteinander ins Gespräch kommen können.“
Christian Pöhlmann und Sabine Langhals aus St. Mariae Geburt: „Die Leute sollen sich in der Kirche wohl- und willkommen fühlen. Raus mit den Kirchenbänken und Stühle rund um den Altar aufstellen. Das ist kommunikativer und gemütlicher.“
Herbert Teiglake (78) aus St. Mariae Geburt: „Wir brauchen eine bessere religiöse Erziehung und Bildung. Und wir müssen unsere wenigen Priester von Verwaltungsaufgaben entlasten, damit sie mehr Zeit für Verkündigung und Seelsorge haben.“
Christoph Ducree (46) aus St. Mariae Geburt: „Wir brauchen als Gemeinde offene Treffpunkte und müssen in den Stadtteilen erreichbar sein. Ehrenamtlich sind gut und wichtig. Sie können aber auch nicht alles leisten. Viele Menschen sind heute beruflich eingespannt und haben keine Zeit fürs Ehrenamt.“
Edith und Werner Gerbener aus St. Mariae Geburt: „Wir haben weniger Jugendliche, als ich gedacht hätte. Deshalb müssen wir uns als Gemeinde umso intensiver um die wenigen Jugendlichen kümmern, die da sind.“
Magdalena und Dieter Gatz aus St. Mariä Himmelfahrt: „Solche Veranstaltung, wie die heutige, sollten wir bei Zeiten wiederholen.“
Ilona Zolonkowski (61) aus St. Mariae Geburt: „Die Priester müssen ihre Predigt umstellen und das Evangelium verständlicher verkünden.“
Christel Essers (52) aus St. Mariä Himmelfahrt: „Auch Laienpredigten sind denkbar und wünschenswert, um einen stärkeren Alltagsbezug in der Verkündigung herzustellen.“

Dieser Text erschien am 18. Februar im Neuen Ruhrwort

Mittwoch, 15. März 2017

Startrampe für den September: Welche Bedeutung hat die Landtagswahl in NRW für die Bundestagswahl 2017?

Auf dem Podium im Kardinal-Hengsbach-Saal der katholischen Akademie: (v.l.) Politikwissenschaftler Prof. Dr. Andreas Blätte von der Universität Duisburg-Essen, Journalist Dr. Richard Kiessler und Akademiedozent Tobias Henrix.
In Nordrhein-Westfalen haben wir in diesem Jahr gleich zweimal die Wahl. Am 14. Mai wählen wir den Landtag und am 24. September den Bundestag. Hat die Wahl im Land auch eine Signalwirkung für die Entscheidung auf der Bundesebene?
Darüber diskutierten jetzt der Journalist Richard Kiessler und der Politikwissenschaftler Andreas Blätte in der Katholischen Akademie mit rund 100 interessierten Bürgerinnen und Bürgern. Akademiedonzent und Moderator Tobias Henrix erinnerte an das Doppelwahljahr 2005, als die SPD-Niederlage im bevölkerungsreichsten Bundesland NRW das Ende der Kanzlerschaft des Sozialdemokraten Gerhard Schröder einleitete. Integration, Schuldenbremse und Strukturwandel seien nicht nur in NRW ein Thema.

„Ist unsere Demokratie noch stabil?“ „Kann ich überhaupt wissen, was und wen ich am Ende wähle, wenn ich meine Stimme abgebe?“ „Warum schaffen es die steuerfinanzierten Parteien nicht, ihre Politik besser zu erklären?“ „Womit werden wir in Zukunft unseren wirtschaftlichen Wohlstand erwirtschaften?“ Das waren Fragen aus dem Publikum, mit denen sich der langjährige Spiegel-Korrespondent und NRZ-Chefredakteur und der Politikwissenschaftler von der Universität Duisburg-Essen konfrontiert sahen.

Politik-Professor Blätte sieht Union und SPD bei jeweils 30 und die Grünen und die AFD bei 10 bis 11 Prozent sowie Linke und FDP bei 5 bis 6 Prozent. Vor diesem Hintergrund rechnet er eher mit einer Dreier-Koalition oder einer Minderheitsregierung als mit der Fortsetzung der Großen Koalition. „Es besteht natürlich immer die Möglichkeit einer Großen Koalition. Aber man kann ein Bündnis aus SPD und Union nicht lieben, weil es die politischen Ränder stärkt“, betonte Blätte. Angesichts der Erfahrungen in Skandinavien und im NRW  der Jahre 2010 bis 2012 sieht der Politikwissenschaftler die Option einer Minderheitsregierung nicht als Schreckgespenst. Er weist darauf hin, dass sie an Rhein- und Ruhr den Schulkonsens und den Stärkungspakt für die Kommunalfinanzen zustande gebracht hat.

„Unsere Demokratie ist stabil, auch wenn wir heute mehr um sie kämpfen müssen, als früher“, gab Richard Kiessler zu bedenken. Mit Blick auf die Wirtschaft machte er klar: „NRW hat nur als Industrieland mit einer starken digitalen Infrastruktur eine gute Zukunft. Und der Energieversorger RWE muss jetzt ein neues Geschäftsmodell entwickeln.“ Für die FDP wird die Landtagswahl aus Kiesslers Sicht „zur Startrampe für die Bundestagswahl, auf der sich entscheidet, ob sie den Wiedereinzug in den Bundestag schafft oder politisch erledigt ist.“ Blätte sieht für die Liberalen vor allem in den Themen Digitalisierung und Förderung von Start-Up-Unternehmen gute Profilierungschancen.

Während der Journalist Kiessler unterstrich, „dass die wirtschaftliche Lage in NRW und in Deutschland besser seien, als die Stimmung“, formulierte ein Duisburger Arzt seinen Eindruck, „dass halb Thyssen die AFD wählt, weil sich die Menschen dort abgehängt fühlen.“ Kiessler sieht hier, angesichts einer „latenten Merkel-Müdigkeit“ eine Chance für den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz und seine Kampagne für mehr soziale Gerechtigkeit. Der Kommentar eines Zuhörers fiel da ernüchternd aus; „Die Sozialdemokraten kündigen mehr an, als politisch einhalten.“

Einig waren sich der Politikwissenschaftler und der politische Journalist darin, dass der CDU-Oppositionsführer Armin Laschet „als integrationsfreundlicher Mann der katholischen Soziallehre“ und NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft als „vorsorgende Sozialpolitikerin“ politisch nicht weit voneinander entfernt seien. Doch eben diese Nähe sieht Kiessler auch als Problem, „weil Laschet im Ungefähren bleibt und Kraft mit ihrer langfristig wirkenden Sozial- und Bildungspolitik keine kurzfristigen Erfolgsgeschichten vorweisen kann.“ In diesem Zusammenhang wurde unter anderem die noch offene Baustelle der Schulinklusion genannt.

Kiessler räumte ein, „dass Merkel international eine gute Figur abgegeben hat“ und Innenminister Ralf Jäger und mit ihn die SPD in NRW durch den Fall des Berliner Attentäters Amri belastet werde. Andererseits hielt der Journalist Jäger zugute, „dass er die Polizei in NRW personell deutlich aufgestockt hat.“

Dieser Text erschien am 18. februar 2017 im Neuen Ruhrwort



Sonntag, 12. März 2017

Superintendent Helmut Hitzbleck verabschiedet sich in den Ruhestand

Helmut Hitzbleck vor einem Kandinsky-Gemälde in seinem
Büro im Altenhof
In der Evangelischen Kirche geht eine Ära zu Ende. Nach 36 Jahren als Pfarrer in der heutigen Vereinten Evangelischen Kirchengemeinde und nach 12 Jahren als Superintendent an der Spitze des 48.000 Gemeindemitglieder zählenden Kirchenkreises An der Ruhr, verabschiedet sich Helmut Hitzbleck am 31. März in den Ruhestand.
Für die Nachfolge des 64-jährigen Theologen bewerben sich die Pfarrerin Dagmar Tietsch-Lipski aus dem Gemeindebezirk Johanniskirche und Pfarrer Gerald Hilledbrand aus der Gemeinde Broich Saarn. Tietsch-Lipski wird als Stellvertreterin Hitzblecks auch geschäftsführend dessen Amt übernehmen, ehe die Kreissynode am 19. und 20. Mai einen Nachfolgerin oder einen Nachfolger wählt.

"Wir müssen verstärkt den Kontakt zu den 30- und 40-Jährigen halten und suchen, damit es wieder selbstverständlicher wird, seine Kinder taufen zu lassen. Und wir müssen vor allem dann für die Menschen parat stehen, wenn sie uns brauchen", formuliert der scheidende Superintendent die zentrale Aufgabe der evangelischen Kirche und ihrer 29 Pfarrer.

Gleichzeitig macht er sich vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Alterung keinen Illusionen darüber, dass sich die evangelische Kirche, trotz aktuell guter Steuereinnahmen, langfristig mehr auf ehrenamtliche Mitarbeiter wird stützen müssen. "Wir gehen in eine Zeit, in der wir unsere Aufgaben nicht nur mit hauptamtlichen Mitarbeitern bewältigen können", betont Hitzbleck.

Doch auch, wenn sich die Zahl der evangelischen Christen in Mülheim im Laufe der letzten 40 Jahre halbiert hat, schaut er nicht pessimistisch in die Zukunft. "Es kommt nicht auf die Quantität, sondern auf die Intensität des Gemeindelebens an", betont Hitzbleck. "Die Menschen, die sich heute zur Kirche bekennen, sind in der Regel auch engagiert", freut sich der scheidende Superintendent. Das sieht in der Flüchtlingshilfe ebenso, wie beim Besuchsdienst oder bei den 15 evangelischen Laien, die sich in einer zweijährigen theologischen Qualifikation zu Predikanten haben ausbilden lassen oder auch an den vielen Helfern, die bei der Durchführung des gemeindeübergreifenden Pfingstfestes "Begeistert" mit anfassen.

Positiv stimmt ihn, die in den vergangenen Jahren spürbar gestiegen Bereitschaft, auch über Gemeindegrenzen hinweg zusammen zu arbeiten und, unterstützt durch eine gute Öffentlichkeitsarbeit, für die gemeinsamen Angebote in allen Lebenslagen zu werben. Glücklich ist Hitzbleck darüber, dass es dem Kirchenkreis gelungen ist, mit Bernd Walter, einen neuen Jugendreferenten zu gewinnen, der am 1. April sein Amt antreten wird. Auch im Bereich der Ökumene sieht Hitzbleck, etwa mit Blick auf gemeinsame Gottesdienste, ein gemeinsames Kirchenhügelfest oder das ökumenische Friedensgebet gute und ausbaufähige Ansätze.

Zur Person


Helmut Hitzbleck wurde 1952 in Saarn geboren und durch den dortigen Pfarrer Ewald Luhr inspiriert, selbst Theologie zu studieren. Nach seinem Studium in Wuppertal, Marburg und Bonn, dem sich ein zweijähriges Vikariat anschloss, trat er 1980 in Duisburg-Walsum seine erste Pfarrstelle an. Von dort aus wechselte er 1981 als Nachfolger von Herbert Münker in die damalige Altstadtgemeinde nach Mülheim, wo er 2004 als Nachfolger von Frank Kastrup zum Superintendenten gewählt wurde. Helmut Hitzbleck ist verheiratet und hat zwei Kinder. Im Ruhestand möchte er sich seiner Familie und dem Wandern, aber auch dem Studium der Kunstgeschichte und der Archäologie widmen.


Dieser Text erschien am 16. Februar 2017 in der Mülheimer Woche

Samstag, 11. März 2017

Freie Fahrt für freie Bürger: Ein Zeitsprung an der Leineweberstraße

Die Leineweberstraße anno 1955 znd anno 2017

Heute zeigt und Alfons Oberdiek ein Foto vom 8. Dezember 1955. Wir sehen den damaligen Oberbürgermeister Heinrich Thöne, den damaligen Stadtdirektor Bernhard Witthaus und den damaligen Baudezernenten Paul Essers bei der Freigabe der neuen Leineweberstraße.

Die Leineweberstraße, deren Name bereits im Urkataster von 1821 verzeichnet ist, gehörte während des Zweiten Weltkrieges zu den Mülheimer Straßen mit den meisten Bombentreffern. Paul Essers, nach dem heute eine Straße benannt ist, und seine Mitstreiter im Wiederaufbau der Innenstadt machten aus der Not eine Tugend.

Bereits 1949 hatte der Rat Essers Generalplan zur Neuordnung der Innenstadt beschlossen. Im Zuge seiner Realisierung bekam die Leineweberstraße als 28 Meter lange und vierspurige Ost-West-Achse einen völlig neuen Verlauf. Die neue Leineweberstraße, die zu beiden Seiten mit einem 4,25 Meter breiten Bürgersteig begrenzt wurde und in deren Mitte ein doppeltes Straßenbahngleis verlief, entlastete die parallel verlaufende Schloßstraße vom Durchgangsverkehr der damaligen Bundesstraße 60.

Dort, wo Heinrich Thöne vor 62 Jahren den Straßenverkehr freigab schauen wir heute, links auf das Quartier der Schülerhilfe, in der Mitte auf die Ausläufer der Schloßbrücke und rechts auf das Tengelmann-Haus, in dem heute eine E-Commerce-Gesellschaft ihre Büros hat sowie auf Teile des neuen Ruhrquartiers. Dort wo in den letzten zehn Jahren exklusive Wohnungen mit Ruhrblick entstanden sind, gingen die Mülheimer zwischen 1912 und 1998 im mit Thyssen-Geldern gebauten Stadtbad schwimmen.

Dieser Text erschien am 6. März 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung.

Freitag, 10. März 2017

Tage, wie Kamillentee

Ein schöner Tag. Komm, Welt lass dich umarmen. Mit dieser Liedzeile und einer attraktiven Frau, die mindestens so geschmackvoll aussieht wie das Bier, das sie in der Hand hält, wirbt ein großer Bierhersteller für seinen Gerstensaft.

Der Appell an das Unterbewusstsein ist eindeutig. Nach einem gelungenen Tag belohnt man sich mit einem leckeren Bier, und wenn man Glück hat, kann man es vielleicht auch mit einer Frau genießen. Was mich beim Betrachten dieser Werbung stutzig macht, ist die Tatsache, dass die junge Frau, die den Gerstensaft in vollen Zügen genießt, auch nicht den leichtesten Ansatz eines Bierbauches hat. Wahrscheinlich geht es der Frau wie mir. Tage, an denen man die Welt umarmen und darauf ein Bier trinken möchte, haben eher Seltenheitswert.

Tage, an denen man sich von der Welt in den Hintern getreten fühlt, weil man sich die Hacken abläuft und trotzdem immer die rote Laterne in der Hand hat, weil einem der Bus vor der Nase wegfährt und man zu spät zu einem Termin kommt oder ein Termin platzt oder der Fahrkartenkontrolleur der Mülheimer Verkehrsgesellschaft ausgerechnet kommt, wenn man seine Monatsfahrkarte zu Hause vergessen hat, kommen leider öfter vor als einem lieb sein kann. Da hilft dann wohl nur: Tee trinken und abwarten, bis wieder ein neuer Tag und mit ihm eine Chance auf einen Glücksmoment kommt, auf den man dann, mit welchem Getränk auch immer, anstoßen kann. 


Dieser Text erschien am 10. März 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 9. März 2017

Eine sichere Bank für alle Bürger: Vor 175 Jahren eröffneten Bürgermeister Christian Weuste und Armensekretär Bernhard Dupindie Stadtsparkasse, die sich seitdem um das kleine und große Geld der Mülheimer kümmert

Sparkasse und Synagoge als Nachbarn am Viktoriaplatz
Dieses Bild bot sich den Mülheimer von 1909 bis 1938
(Archivfoto der Sparkasse Mülheim)

Würde der erste Vorsteher der Sparkasse, Bernhard Dupin, heute die Sparkasse am Berliner Platz besuchen, wäre er sicher verwirrt ob der prachtvollen Kundenhalle. Auch mit den Geldautomaten und Selbstbedienungsterminals wüsste der gute Mann nichts anzufangen. Sicher wäre einer der aktuell gut 500 Sparkassen-Mitarbeiter schnell zu Stelle, um ihm zu helfen. Dupin, seiner Zeit auch Armensekretär der Stadt, war vor 175 Jahren der erste und zunächst auch einzige Mitarbeiter der Stadtsparkasse. Als Geschäftsstelle diente ihm seine eigene Wohnung am Hingberg und ab 1858 an der Eppinghofer Straße.

Dass der damalige Bürgermeister Christian Weuste als Vorsteher der im Februar 1842 eröffneten Stadtsparkasse ausgerechnet seinen Armensekretär mit den Bankgeschäften der Stadtsparkasse beauftragte, hatte seinen Grund. Weuste wollte vor allem Mülheimer mit kleinem Geldbeutel dazu anregen, ihr Erspartes bei der Stadtsparkasse auf die hohe Kante zu legen, um sich damit einen Notgroschen zu schaffen.

Doch von Beginn an war die Stadtsparkasse, die bis 1958 als städtisches Amt geführt werden sollte, nicht nur die Bank des kleinen Mannes. Arbeiter und Handwerker gehörten ebenso zu den ersten Kunden der Bank wie der Unternehmer und Kreditnehmer Matthias Stinnes, der sich finanziell unter anderem am Bau der Kettenbrücke (1844) beteiligte. Das Prinzip Bürger-Bank zieht sich wie ein roter Faden durch die wechselvolle Geschichte der 175 Sparkassenjahre. Das Kundenspektrum reicht vom Arbeitslosengeld-II-Bezieher bis zum Unternehmer. Überschüsse der Sparkasse, die seit 1995 auf den Namenszusatz Stadt verzichtet, fließen ins Stadtsäckel oder ins Stammkapital der 1999 gegründeten Sparkassenstiftung, die seitdem mehr als 70?kommunale Projekte mit insgesamt fast einer Million Euro unterstützt hat. Die Bandbreite reicht vom Schülerwettbewerb über Umwelt- und Sportprojekte bis hin zur Wohnumfeldverbesserung.

Wer heute die stadtweit zwölf Filialen der Sparkasse besucht, mag kaum glauben, dass es bis ins Jahr 1898 dauerte, ehe die Stadtsparkasse im vormaligen Postamt an der heutigen Friedrich-Ebert-Straße ihre erste Geschäftsstelle bekam. Dass Mülheim anno 1908 zur Großstadt mit über 100.000 Einwohnern wurde, die wirtschaftlich florierte, zeigte sich auch 1909 mit dem Sparkassen-Neubau am damaligen Viktoriaplatz. Über dem Portal der damals neuen Sparkasse wurde eine Skulptur installiert, die wir heute vor der Filiale an der unteren Aktienstraße stehen sehen, Kinder, die mit einem Geldbeutel auf einem Sparschwein reiten. Wo seit 2009 im Medienhaus am heutigen Synagogenplatz gelesen, gesehen und gehört wird, gingen, bis zum Neubau der heutigen Hauptgeschäftsstelle (1989) Sparer, Anleger und Kreditnehmer ein und aus.

In den 175 Sparkassenjahren spiegeln sich auch 175 Jahre Stadtgeschichte. Auch in Mülheim mussten die Sparer während der Hyperinflation Mitte der 1920er Jahre die Entwertung ihres Ersparten miterleben. Heute erleiden sie durch eine Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank die schleichende Entwertung ihrer Guthaben. Im Oktober 1938 war es die Stadtparkasse, die im Namen der Stadt die benachbarte Synagoge zu einem Spottpreis erwarb. Einen Monat später ging das 1907 errichtete Jüdische Gotteshaus am damaligen Viktoriaplatz in den Flammen der von den Nazis entfachten Reichspogromnacht auf. Doch auch die Stadtsparkasse am Viktoriaplatz blieb vom Krieg nicht verschont und musste aufgrund von Bombenschäden in den ersten Nachkriegsjahren bei der Stadtkasse im Rathaus und bei der Deutschen Bank an der Wallstraße Unterschlupf finden.

Mit der D-Mark kam am 20. Juni 1948 auch in Mülheim die Währungsreform und mit ihr langsam, aber sicher auch der Wohlstand zurück. Ihr Geld investierte die Sparkasse in den 50er, 60er und 70er Jahren unter anderem in den Auf- und Ausbau ihrer Stadtteilfilialen, die eine neue Nähe zu den jetzt wieder zahlungskräftigen Kunden schuf.

In den 60er und 70er Jahren zogen auch in der Sparkasse die Kollegen Computer ein. Kaum zu glauben, dass das erste Rechenzentrum der Sparkasse weniger Speicherplatz als ein heute handelsüblicher Computer hatte, von Geldautomaten, SB-Terminals und Online-Banking ganz zu schweigen.


Dieser Text erschien am 18. Februar 2017 in der NRZ und in der WAZ





Mittwoch, 8. März 2017

Treppenhaus statt Fitnessstudio

Drei Damen im Aufzug. „Oh, wie schön“, dachte ich und stieg ein. Doch kaum stand ich mit beiden Beinen in der Aufzugkabine und den Damen gegenüber, gab mir eine Leuchtanzeige an der Steuertafel des Liftes zu verstehen: „Die Traglast des Aufzugs ist überschritten!“ Schreck, lass nach. Ich war vielleicht doch schon zu lange nicht mehr auf meiner Waage.

Ob das Übergewicht im Aufzug nun an den drei Damen oder an mir lag? Das wollte und konnte ich in der Kürze der Zeit nicht ausdiskutieren. Wie dem auch war. Ladies first. Der Gentleman trat zurück und nahm die Treppe.

Auch die längste Reise (zum Idealgewicht) beginnt mit dem ersten Schritt. Treppauf. Treppab. Das macht jedes Fitnessstudio überflüssig.

Und auch die Schokoladen-Osterhasen, die mich an der nächsten Straßenecke aus einem Schaufenster anstrahlten, müssen warten, bis ich die letzten Christstollen und Dominosteine abgestrampelt habe und mir, nicht nur in der Chocolaterie, die süßen Momente des Lebens wieder gönnen und mich irgendwann auch mit der Badehose und oben ohne im Schwimmbad wieder sehen lassen kann.


Dieser Text erschien am 6. März 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 5. März 2017

Der Computerflüsterer: Wenn an der Styrumer Fachhochschule für öffentliche Verwaltung Computerbildschirme schwarz bleiben oder Notebooks und Videobeamer nicht anspringen, ist das ein Fall für den Medienwart Martin Buchholz

Martin Buchholz an seinem Arbeitsplatz in der
Fachhochschule für öffentliche Verwaltung 
Martin Buchholz ist ein ruhiger und freundlicher Mensch. Ruhe und Gelassenheit braucht er auch in seinem Beruf. Denn wenn bei ihm das Telefon klingelt oder jemand im Büro steht, ist Alarmstimmung angesagt. Denn der 36-jährige Medienwart der in Styrum ansässigen Fachhochschule für öffentliche Verwaltung ist für die Lehrenden, Studierenden und Verwaltungsmitarbeiter der im August 2016 eröffneten Hochschule so etwas wie ein Feuerwehrmann für die elektronische Datenverarbeitung und die Alarmanlage. Die Styrumer Fachhochschule, an der rund 850 angehende Polizeibeamte studieren, ist eine Außenstelle der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung (FHÖV), deren Zentrale in Gelsenkirchen sitzt und die daneben landesweit Standorte in Mülheim, Duisburg, Köln, Dortmund, Bielefeld, Hagen und Münster hat. Landesweit studieren an der Fachhochschule insgesamt 8700 Anwärter für die Kommunal- und Landesverwaltung, die Polizei und die Rentenversicherung.

Warum lässt sich ein Computer oder ein Notebook nicht hochfahren? Warum funktioniert ein Videobeamer nicht so, wie er sollte? Ein Fall für IT-System-Elektroniker. Was EDV-Laien zur Verzweiflung bringt, ist für ihn oft eine Sache von zwei oder drei gezielten Handgriffen. Nicht selten steckt hinter dem elektronischen Blackout in einem der 29 Kursräume und drei Hörsäle ein simpler Wackelkontakt. Manchmal muss aber auch ein Kabel, ein Netzteil oder eine Computer-Komponente ausgetauscht oder repariert werden.

Wenn die Lehrenden und Studierenden die Seminarräume verlassen haben, kommt Buchholz mit seinem edv-technisch beladenen Rollwagen vorbei, um Kabel zu verlegen oder die endlich eingetroffnen Lautsprecherkabel für die Videobeamer zu installieren. Alle Kursräume der Hochschule sind mit Notebocks, Videobeamern und Dokumentenkameras ausgestattet, die wiederum in Kabelkanälen stolperfrei miteinander verkabelt sind. Was für den Laien wie Kabelsalat aussieht, hat für Buchholz System.

Ohne Elektronik geht heute an der Hochschule nichts mehr. Darüber wundert sich der ausgebildete Assistent für Betriebsinformatik und IT-Systemelektroniker selbst. „Wenn heute Computer ausfallen, geht nichts mehr und Panik bricht aus. Als Jugendlicher habe ich noch eine Gesamtschule besucht, in der es für die gesamte Oberstufe nur einen Computer gab“, erzählt Buchholz und muss schmunzeln. Auch als der kleine Martin zusammen mit seinem Vater, einem Handwerker, daheim die Modelleisenbahn oder die Waschmaschine reparierte, war von Notebooks und Internet noch keine Rede.
Immerhin ist Buchholz als Medienwart auch im digitalen Zeitalter nicht nur für Computer, Notebooks und Videobeamer, sondern auch für so klassische Medien, wie Clipchart- und Kopierpapier oder White-Board-Marker und ihre Beschaffung zuständig.
Und auch wenn auf seinem Schreibtisch neben einem PC zwei Notebooks stehen, verschafft sich der IT-Systemfachmann auch mit Hilfe eines großen weißen Wandbrettes, vollgespickt mit Beschaffungs,- Inventar,- und Standortlisten, einen Überblick darüber, was edv-technisch auf dem Styrumer Campus wo steht und was wo gebraucht wird.

Neben seiner täglichen Feuerwehrarbeit als Doktor honoris Computerensis „Können Sie mir helfen? Mein Bildschirm ist schwarz!“ kümmert er sich zusammen mit dem Verwaltungsleiter der Hochschule, Joachim Schwering, auch um die Pflege der Internetseite und die regelmäßige Aktualisierung, der auf dem Campus hängenden Infobildschirme. „Welche Veranstaltungen stehen auf dem Programm? Wann hat die Bibliothek geöffnet? Und was gibt es in der Mensa zu essen?“
Lehrende wissen vor allem dann seinen Rat zu schätzen, wenn sie Lehrinhalte auf die E-Learning-Plattform der Fachhochschule stellen wollen.

Die Arbeit an der Hochschule macht Buchholz Freude, „weil man es hier mit Menschen zu tun hat, die aufgeschlossen, zielstrebig und ehrgeizig sind“. Eigentlich fühlt sich Buchholz heute als der richtige Mann an der richtigen Arbeitsstelle, „weil hier im Kollegenkreis die menschliche Chemie stimmt und ich in meinem Zuständigkeitsbereich selbstständig arbeiten kann“. Auf der anderen Seite bringt die zeitliche Befristung seiner Stelle, die er im August letzten Jahres angetreten hat, für den Vater einer vierjährigen Tochter und eines achtjährigen Sohnes Zukunftsängste mit sich, die angesichts einer Befristung auf zunächst maximal 24 Monate nicht vom Tisch zu wischen sind.

Für Buchholz, der in seinem ersten Berufsleben, viereinhalb Jahre als Filialleiter für eine An- und Verkaufs-Kette gearbeitet hat, ist der mit einer Befristung verbundene Existenzdruck nicht neu. Auch nach seiner erfolgreichen IT-Ausbildung an der Universität Duisburg-Essen bekam er im dortigen PC-Service nur eine befristete Stelle, von der er dann im vergangenen August an den neuen Hochschulstandort in Mülheim wechseln konnte, wo er, wie in Duisburg und Essen, das gute Gefühl hat, dass seine fachlich qualifizierte Arbeit gebraucht und geschätzt wird.
Gebraucht und geschätzt und gefragt ist der IT-Fachmann aber auch, wenn er nach 16 Uhr den Campus zwischen der Neustadt- und der Dümptener Straße verlässt, um daheim mit seinen Kindern Jonas und Maite zu spielen. Dann wird aus dem IT-System-Elektroniker der Vater, der Spielplätze und Zoos besucht, puzzelt oder mit Legosteinen baut und mit seiner Lebenspartnerin, die als Krankenschwester in der Nachtschicht eines Krankenhauses arbeitet, das gemeinsame Abendbrot vorbereitet, um das System Familie bei Kräften zu halten.

Dieser Text erschien am 4. März 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 4. März 2017

Der Bewahrer der Stadtgeschichte: Seit über zehn Jahren setzt sich Kai Rawe mit Mülheimer Stadtgeschichte auseinander. Der Archivleiter hat aber auch eine interessante eigene Lebensgeschichte zu erzählen

Der Historiker Dr. Kai Rawe vor einer Mülheim-Collage des
Künstlers Klaus D. Schiemann
Als Leiter des Stadtarchivs ist Kai Rawe von Berufs wegen in der Geschichte unterwegs. Wenn der 46-jährige Historiker in den Magazinen des Stadtarchivs arbeitet, die in Regalen und Rollschränken zwei Kilometer Zeitungsbände, Akten, Urkunden, persönliche Nachlässe, Fotografien, Ansichtskarten, Baupläne, Bücher, wissenschaftliche Arbeiten und vieles mehr beherbergen, geht er durch 800 Jahre Mülheimer Geschichte.

Doch Rawe bewegt sich nicht nur auf den vier Etagen des Hauses der Stadtgeschichte, an dessen Konzept er bereits ab 2006 als befristeter Projektmitarbeiter der Stadt mitgewirkt hat. Mal muss er in Ratsausschüssen Auskunft zu historischen Fakten abgeben, etwa, wenn es um denkmalgeschützte Bauwerke geht. Mal trifft er sich mit Schülern, die im Rahmen einer Projektarbeit von ihm etwas über Archivrecherche und die Quellen erfahren möchten, die sie dort finden können.
Auch in der städtischen Bauverwaltung ist seine Expertise gefragt, wenn es etwa um den Bestand und den Umgang mit alten Katasterkarten und Bauplänen geht. Natürlich ist er auch vor Ort, wenn  eine Jubiläumsausstellung konzipiert wird, wie zuletzt bei der Sparkasse, oder  ein historischer Festvortrag gehalten werden muss.

Auch wenn der Oberbürgermeister für eine Rede historische Zahlen, Daten und Fakten braucht, klingelt bei Rawe im Stadtarchiv das Telefon. Wissenschaftler, interessierte Bürger und Journalisten, die sich mit der Stadtgeschichte beschäftigen, kennen ebenfalls seine Telefonnummer und wissen seinen fachlichen Rat zu schätzen.

Unterwegs ist der Mülheimer Chefarchivar aber auch in der Region, etwa an Hochschulen, um dort zum Beispiel Referenten für die Vortragsreihe des Stadtarchivs zu gewinnen oder bei Archivartagungen mit seinen Kollegen über die Zukunftsperspektiven der digitaler Archivierungsmethoden zu beraten.

Unterwegs war der Historiker, der seine Doktorarbeit über die Zwangsarbeit im Ruhrbergbau des Ersten Weltkriegs geschrieben hat, auch schon während seiner Studienjahre. Dass Reisen tatsächlich bildet und den eigenen Horizont erweitert, erlebte Rawe als Stipendiat in Glasgow. „Ich habe dort Menschen kennengelernt, die ähnlich wie die Menschen im Ruhrgebiet sehr robust sind und das Herz am rechten Fleck haben, auch wenn es ihnen wirtschaftlich nicht gut geht, weil sie unter den sozialen Folgen eines dramatischen Strukturwandels leiden“, erinnert sich Rawe an sein Studienjahr in der größten schottischen Stadt. Neben Freundschaften hat er aus diesem Jahr die Einsicht mitgenommen, „nichts als selbstverständlich zu nehmen und immer wieder den Mut zu haben, sich auf neue Herausforderungen einzulassen.“ Im Vereinigten Königreich, dessen Landschaft und Geschichte ihn begeistern, lernte er, dass ein weitgehend kostenfreies Studium, wie er es aus Deutschland kannte, ebenso wenig selbstverständlich ist wie die freie Arztwahl in einem Land, das über ein staatlich gelenktes und steuerfinanziertes Gesundheitswesen verfügt: den National Health Service.

Angesichts seiner eigenen Lebensreise, die 1970 als Sohn einer Hausfrau und eines Schlossers im sauerländischen Altena begann und über den Umweg einer Verwaltungslehre und eines berufsbegleitenden Abiturs an der Abendschule zum Geschichtsstudium an der Ruhruniversität Bochum führte, empfand er die Möglichkeit, seine Lieblingsfächer Geschichte und Germanistik zu studieren und wissenschaftlich bearbeiten zu können, stets als ein Privileg. „Da ich bereits vor meinem Studium das Arbeitsleben kennengelernt hatte, bereitete es mir, anders als manchen meiner Kommilitonen,  kein Problem, meine Freizeit auch mal zurückzuschrauben, wenn es in den Semesterferien darum ging, drei oder vier Seminararbeiten zu schreiben“, erinnert er sich.

Damals lernte er wichtige Tugenden: Durchhalten, dran bleiben und keine Angst vor neuen Aufgaben  haben. So rüstete er sich auch für die Jahre nach seinem Examen, „als ich als freier Historiker tätig sein musste“. Damals arbeitete er sich von einer wissenschaftlichen Projektstelle zu nächsten und von einem Vortrag zum anderen. „Ich habe auch Museumsführungen für Schüler gemacht oder Kindergeburtstage in historischen Museen organisiert“, erinnert sich der heute fest angestellte Leiter des Stadtarchivs an sein hartes Brot der frühen Jahre.

Und dass es eine weitere Projektstelle im Vorfeld des Stadtjubiläums von 2008 war, die ihn 2006 nach Mülheim und am 2. Januar 2008 als Nachfolger des pensionierten Stadtarchivars Kurt Ortmanns in die hauptamtliche Leitung des Stadtarchivs geführt hat, empfindet Kai Rawe noch heute „wie einen Sechser im Lotto“.

Dieser Text erschien am 1..März 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 3. März 2017

Vom Herrenausstatter zur Bank: Ein Zeitsprung an der Friedrich-Ebert-Straße

Anno 1950
Das historische Foto aus dem Fundus von Alfons Oberdiek führt uns zurück in die frühen 50er-Jahre. Wie man sieht, fuhr schon damals die Straßenbahn über die Friedrich-Ebert-Straße. Die Friedrich-Ebert-Straße hatte noch wenige Jahre zuvor Hindenburgstraße geheißen, benannt nach dem Nachfolger Eberts, Paul von Hindenburg.

„Dort, wo Anfang der 80er-Jahre die Nationalbank einzog, verkaufte Overbeck und Weller seiner Zeit Herrenmode“, erinnert sich der 1936 geborene Mülheimer Walter Neuhoff. „Bis zum Ende der 60er-Jahre hatten meine Eltern ihren Zeitungskiosk noch in einem Teil des Overbeck-und-Weller-Hauses. Doch als Overbeck und Weller Anfang der 70er-Jahre durch den Herrenausstatter Müller-Wipperfürth abgelöst wurde, wollte man meine Eltern und ihr Geschäft an diesem Standort nicht mehr haben“, erzählt Dorothea Schaaf. Als sie Mitte der 70er-Jahre in das Geschäft ihrer Eltern einstieg, das sie bis heute fortführt, hatte der Zeitungskiosk Scholl bereits seinen Standort an der unteren Schloßstraße.

Anders als heute, war die Schloßstraße in den frühen 50er-Jahren noch keine Fußgängerzone mit einer Tiefgarage, sondern eine stark befahrene Einkaufsstraße, die von vielen Mülheimern als „Rennstrecke“ bezeichnet wurde.

In einem kleinen Ladenlokal, das zum heute leer stehenden Woolworth-Gebäude gehört, war, wie sich Dorothea Schaaf erinnern kann, über viele Jahre der Tabakhändler Lange ansässig. Später verkauften in dem heute ebenfalls leer stehenden Ladenlokal an der Ecke Friedrich-Ebert-Straße/Schloßstraße ein Blumen,- und dann ein Obsthändler ihre Waren.

Anno 2017


Dieser Text erschien am 27. Februar 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 2. März 2017

Karnevalsvereine sollen enger kooperieren: Geschäftsführer Hans Klingels und Präsident Heiner Jansen ziehen als Chef-Karnevalisten eine Bilanzder abgelaufenen Session. Sie schauen optimistisch in die Zukunft des organisierten Frohsinns

Hans Klingels (links) und Heiner Jansen mit den Statthaltern der
mömschen Tollitäten Kerstin Schatke und Klaus Groth am
Rosenmontagstombola-Pavillon im Forum
Am Aschermittwoch ist alles vorbei und doch geht der Karneval weiter, spätestens am 11.11.2017. Im Mai werden die Karnevalisten einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin für den scheidenden Hauptausschuss-Präsidenten Heiner Jansen wählen. Im Gespräch mit der Lokalredaktion ziehen Jansen und sein Geschäftsführer Hans Klingels Bilanz und schauen nach vorn.

Frage: Wie fällt Ihre Bilanz der abgelaufenen Session aus?

Antwort: Heiner Jansen: Die 1500 aktiven Karnevalisten aus unseren 13 Gesellschaften haben ein positives Bild abgegeben. Besonders freue ich mich darüber, dass über 30.000 Mülheimer zum Rosenmontagszug gekommen sind und nichts passiert ist. Das war für mich ein schöner Abschluss.

Frage: Kümmert sich der Karneval auch um die vielen Kinder mit Zuwanderungshintergrund, die man an der Zugstrecke gesehen hat?

Antwort: Hans Klingels: Fast jede Gesellschaft hat inzwischen auch Kinder mit Zuwanderungshintergrund in ihren Reihen. Auch beim Närrischen Biwak am Karnevalssamstag standen viele Kinder aus Zuwandererfamilien vor der Bühne auf dem Kurt-Schumacher-Platz und haben gleich mitgetanzt. Einige haben sogar Interesse daran gezeigt, in einer Tanzgarde mitzumachen. Ich weiß aber auch, dass es Zuwandererfamilien gibt, die sich aus religiösen Gründen mit dem Karneval schwer tun.

Frage: Lässt sich denn die Zahl von rund 1500?aktiven Karnevalisten, die es zurzeit in Mülheim gibt, langfristig halten?

Antwort: Heiner Jansen: Ich bin optimistisch, dass das gelingen kann, wenn die Gesellschaften und ihre Mitglieder immer wieder auf Familien zugehen und mit den Kindern auch die Geschwister, Eltern und Großeltern für den Karneval gewinnen. Einige Gesellschaften machen das schon heute sehr erfolgreich. Andere Karnevalsgesellschaften tun sich allerdings schwerer damit.

Frage: 13 Karnevalsgesellschaften mit einer zwischen 50 und 250 schwankenden Mitgliederzahl. Hat das Zukunft?

Antwort: Hans Klingels: Die Größe einer Gesellschaft ist nicht entscheidend. Es geht darum, wie aktiv ihre Mitglieder sind. Jede Gesellschaft wird durch eigene Traditionen und menschliche Verbindungen getragen. Ich sehe deshalb keine Fusionswelle, aber die verstärkte und bereits praktizierte Einsicht in eine verstärkte Zusammenarbeit, wenn es darum geht, gute Veranstaltungen auf die Bühne und gute Rosenmontagswagen auf die Straße zu bringen.

Frage: Karneval in Mülheim! Wer soll das bezahlen?

Antwort: Heiner Jansen: Wenn meine Nachfolgerin oder mein Nachfolger im Vorsitz des Hauptausschusses sich so intensiv um unsere vorhandenen Sponsoren kümmert, wie ich das getan habe, sehe ich da keine Probleme. Schauen Sie in unseren Förderkreis. Die Ehrensenatorinnen und Ehrensenatoren kommen aus allen Bereichen der Bürgerschaft. Und Alt-Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld hat nicht von ungefähr festgestellt, dass der Karneval in unserer Stadt das beste Netzwerk hat. So kann und soll es auch in den kommenden Jahren bleiben.

Frage: Die Saalveranstaltungen waren sehr unterschiedlich besucht. 170 Jecken feierten mit den Houltköpp in der Stadthalle. 370 kamen zu den Roten Funken in den Altenhof.

Antwort: Hans Klingels: Die Stadthalle ist für die Karnevalisten schwierig zu bespielen, weil sie vergleichsweise teuer ist. Grundsätzlich können mehr Kooperation und vor allem eine bessere Terminabstimmung helfen, mehr Gäste in die Säle zu holen. Es war ein sehr unglücklicher Umstand, dass die Roten Funken, die Mölmschen Houltköpp und der Mülheimer Carnevalsclub am 18.Februar zeitgleich gefeiert haben. Das hätte nicht sein müssen.


Dieser Text erschien am 1. März 2017 in NRZ/WAZ

So gesehen: Die Narretei ist noch nicht vorbei

Der Karneval ist offensichtlich auch an der Politik nicht spurlos vorbeigegangen.

Am Karnevalsfreitag meldeten die Grünen einen Zuwachs von 11 Mitgliedern. Und am Karnevalssamstag konnten Sie in dieser Zeitung lesen, dass sich die Mülheimer Allianz für Fortschritt und Aufbruch (Alfa) in „Mülheim 5 vor 12“ umbenennen möchte.

Ob letztere Idee ein Karnevalsscherz oder wirklich eine gute Idee ist, muss die Zukunft weisen. Alfa. Das hörte sich zumindest irgendwie flott und sportlich an. Konnte man doch im Hinterkopf die gleichnamige Automarke haben und hoffen das die Ratsgruppe politisch Gas geben und die Stadt mit voranbringen würde.

Doch die Hoffnung war wohl ein frommer Narrenwunsch. Mal schauen, was die Grünen mit ihren elf neuen Mitgliedern machen. Mit ihnen könnten sie einen Elferrat bilden, der alle Vorschläge der Partei auf ihre Sinnhaftigkeit und Praktikabilität hin überprüft. „Wollen wir sie rein lassen, die Vorschläge, in den Stadtrat oder ins Parteiprogramm?“ Auch wenn am heutigen Aschermittwoch karnevalistisch erst mal alles vorbei ist, wird uns wohl bis zum 11.11. 2017 noch so mancher politischer Narrenstreich gespielt werden. 


Dieser Text erschien am 1. März 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung